29.6.2007 | Von:
Günter Herkel

Die Pressefreiheit und das Radio

Der Radio- und Printjournalist Günter Herkel über Selbstreflexion der Medien, "störrische" Pressesprecher und aufweichende Grenzen zwischen Redaktion und Werbung

Der Radio- und Printjournalist Günter Herkel über die Selbstreflexion der Medien, "störrische" Pressesprecher und aufweichende Grenzen zwischen Redaktion und Werbung. Das Interview führte Andreas Braun anlässlich des Hambacher Kongresses zur Pressefreiheit.

bpb: Herr Herkel, Sie haben für verschiedene Radiostationen über den Kongress "Pressefreiheit und Demokratie" berichtet. Wann hatten Sie persönlich zuletzt mit Beschränkungen der Pressefreiheit zu kämpfen?

Herkel: Da ich nicht im investigativen Bereich arbeite, habe ich diesbezüglich kaum Probleme. Als journalistischer Einzelkämpfer, der in seinem kleinen Privatbüro arbeitet, sind mir Durchsuchungsaktionen wie bei Cicero noch nicht passiert. Aber im Kleinen kenne ich das auch: Etwa wenn störrische Pressesprecher trotz des Informationsfreiheitsgesetzes bestimmte Fakten nur zögerlich oder gar nicht der Presse mitteilen. Oder als es meinem früheren Haussender, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), nicht passte, dass ich in anderen Medien kritisch über den Sender berichtete. Das wurde mir als Nestbeschmutzung ausgelegt. Die Konsequenz: Seit drei Jahren darf ich nicht mehr für den rbb arbeiten.


bpb: Auf dem Kongress wurde immer wieder angesprochen, dass Journalisten die Pressefreiheit nicht als bloßes Privileg verstehen sollten. Vielmehr sei es wichtig, diese Rechte verantwortungsvoll zu nutzen. Sehen Sie diesbezüglich Unterschiede zwischen Hörfunk und Print-Bereich?

Der Hambacher Appell fordert alle  Medienschaffenden auf, sich gegen Einschraenkungen der Pressefreiheit zur Wehr zu setzen.Der Hambacher Appell fordert alle Medienschaffenden auf, sich gegen Einschraenkungen der Pressefreiheit zur Wehr zu setzen.
Herkel: Der Schutzraum im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist größer als beispielsweise bei privaten Medien. Trotz vereinzelter Fälle von Schleichwerbung und Product Placement in den vergangenen Jahren wird im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr darauf geachtet, dass die Trennung von Redaktion und Werbung erhalten bleibt. Bei den Printmedien stelle ich fest, dass diese Grenzen immer mehr aufweichen. Dort sehe ich eine viel größere Gefährdung als für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

bpb: Trifft diese Einschätzung auch auf private Radiostationen zu? Dort sprechen die Moderatoren häufig nur noch über die Gewinnspiele des eigenen Senders...

Herkel: Vor allem vor der Media-Analyse überbieten sich die privaten Sender mit den merkwürdigsten Aktionen: In Berlin verloste ein Sender vor Jahren Schönheitsoperationen, ein anderer rief die Hörer auf, das Badezimmer einzuschlagen. Dabei war die Aussicht auf ein im Gegenzug versprochenes neues Badezimmer sehr vage. Natürlich ist auch klar, dass die privaten Anbieter einen anderen Programmauftrag haben als die Öffentlich-Rechtlichen. Private Radiostationen müssen in erster Linie Geld verdienen - und das hört man dem Programm eben an. Einige Versuche, anspruchsvolles Privatradio in Deutschland zu etablieren - etwa das Businessradio der FAZ - sind bereits im Ansatz gescheitert. Offensichtlich lassen sich anspruchsvolle Formate auf privater Ebene - also ausschließlich finanziert durch Werbung - nicht durchsetzen.

bpb: Ist es nicht problematischer, wenn sich gebührenfinanzierte Sender kaum noch von ihrer privaten Konkurrenz unterscheiden?

Herkel: Es gibt diese Tendenzen bei einzelnen Programmen, die unbedingt bei der jugendlichen Zielgruppe punkten wollen. Aber ich finde es heikel, aus diesen Einzelbeispielen eine allgemeine These abzuleiten, wonach der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich immer mehr den Privaten annähert.

bpb: Journalisten sollten verantwortungsbewusst mit den ihnen per Verfassung zugebilligten Sonderrechten umgehen. Welche Rolle spielt dabei die kritische Berichterstattung über das eigene Tun?

Herkel: Selbstreflexion spielt eine große Rolle, könnte aber noch wichtiger genommen werden. Bis auf das NDR-Magazin "Zapp" gibt es im Fernsehen nichts in dieser Richtung. Im Radio sieht es da ein wenig besser aus: Saarländischer Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk, Bayrischer Rundfunk, Deutschlandfunk und der Rundfunk Berlin-Brandenburg leisten sich noch wöchentliche Medienmagazine, die sich kritisch mit dem eigenen Berufsstand auseinander setzen. Diese Redaktionen haben auch bei heikleren Themen keine Berührungsängste.

bpb: Kann Radio in punkto Medienberichterstattung etwas leisten, was beispielsweise im Fernsehen nicht möglich ist?

Herkel: Fernsehen ist technisch aufwendiger und kostspieliger. Das Radio gilt eher als ein flüchtiges Medium. Deswegen erfordert es vielleicht weniger Mut, sich im Hörfunk an bestimmte Themen zu wagen. Gedruckte Informationen und TV-Bilder werden von den Betroffenen offenbar noch immer ernster und wichtiger genommen.

bpb: Gibt es dennoch einen Radio-Beitrag, auf den Sie überraschend viele Rückmeldungen bekommen haben?

Herkel: Für den Bayrischen Rundfunk habe ich kürzlich ein halbstündiges Feature über Bürgerjournalismus gemacht. Darauf gab es mehr Reaktionen als üblich.

Interview: Andreas Braun