19.10.2005 | Von:
Biografie

Plädoyer für einen Radiokodex

Wer in einer Redaktion arbeitet, trifft täglich Entscheidungen, die ethische Fragen berühren. Ob nun bewusst oder nicht. Auch im Radio: Darf das vorab aufgezeichnete Interview präsentiert werden als sei es live? Nach welchem Prinzip sollen bei einem Call-in die Hörer-Anrufe ausgewählt werden? Wie ist in einer Live-Situation auf verbale Ausfälle eines Gesprächsteilnehmers zu reagieren?

Wer in einer Redaktion arbeitet, trifft täglich Entscheidungen, die ethische Fragen berühren. Ob nun bewusst oder nicht. Auch im Radio: Darf das vorab aufgezeichnete Interview präsentiert werden als sei es live? Nach welchem Prinzip sollen bei einem Call-in die Hörer-Anrufe ausgewählt werden? Wie ist in einer Live-Situation auf verbale Ausfälle eines Gesprächsteilnehmers zu reagieren?




Für viele dieser Situationen gibt es professionelle handwerkliche Standards. Sie sind in Journalismus-Lehrbüchern nachzulesen und werden in der Ausbildung - ob universitär oder betrieblich - vermittelt. Häufig allerdings eher beiläufig als systematisch. Gleichwohl begegnen einem in der Radio-Praxis häufig ethische Zweifelsfälle, die nicht schon durch das Anwenden handwerklicher Regeln geklärt werden können. Was ist richtig? Was falsch? Was ist noch zu verantworten, was nicht mehr? Was soll sein, was muss, was darf auf keinen Fall?

Die meisten dieser Fragen tauchen "in der Hitze des Gefechts" auf. Meist müssen sie in höchster Not und unter Zeitdruck beantwortet werden. Aus dem Stand, fallbezogen, ohne systematische Klärung.

Viele Radiostationen haben Konventionen, wie mit ethischen Zweifelsfällen umzugehen ist. Sie sind aber überwiegend nicht schriftlich fixiert, sondern "Oral History".

Anders beispielsweise die BBC, deren gut zweihundert Seiten starke "Editorial Guidelines" nicht nur minutiös regeln, wie ethische Zweifelsfälle zu handhaben sind, sondern wo alle neuen Mitarbeiter bei Vertragsabschluss diese Guidelines persönlich ausgehändigt bekommen.

Gebraucht wird eine Radio-Ethik, die Zweifelsfälle journalistischen Alltags-Handelns frühzeitig, systematisch und praxisnah klärt.

Radioethik

Warum eine spezielle Radio-Ethik? Reicht nicht eine allgemeine Medien-Ethik aus, um Zweifelsfälle ethischen Handelns befriedigend zu klären? Oder genügt es, sich einfach am Pressekodex des Deutschen Presserates zu orientieren?

Die Notwendigkeit einer speziellen Radio-Ethik ergibt sich aus den spezifischen Produktionsbedingungen des Mediums. Charakteristische Eigenschaften des Mediums Radio sind unter anderem:
  • Aktualitätsdruck: Um seinen Wettbewerbsvorteil auszuspielen, setzt Radio in hohem Maße auf den Faktor Aktualität. Sendungen entstehen häufig "on-the-fly". Anders gesagt: Der Redaktionsschluss liegt in der Sendung;
  • Live-Produktion: Radio versteht sich als genuines "Live-Medium". Live-Schaltungen zu laufenden Ereignissen, Live-Interviews mit Akteuren, Live-Call-Ins mit Hörern rangieren auf der Attraktivitäts-Skala radiojournalistischer Formen ganz oben.
Beide Faktoren verschärfen offensichtlich Situationen, in denen Zeit nötig wäre, ethisch verantwortete Entscheidungen reiflich zu überlegen. Da diese Zeit nicht vorhanden ist, muss Entscheidungssicherheit schon im Vorfeld akuter Zweifelsfälle geschaffen werden.Daneben ist Radio mehr als "nur" Journalismus. Auch Moderation, Musik, On-Air-Positionierung und On-Air-Design sowie Aktionen mit Hörerbeteiligung (z.B. Gewinnspiele) bergen ethische Zweifelsfälle, für die die Mitarbeiter frühzeitig zu sensibilisieren sind.Auch die privatwirtschaftliche Konstruktion eines großen Teils der deutschen Radiolandschaft kann Interessenskonflikte in Redaktionen mit sich bringen - im Zusammenspiel mit einer zuweilen unbefriedigenden Ausbildungssituation junger Mitarbeiter in etatschwachen Stationen und einer nicht so stark wie beispielsweise bei der Tagespresse ausgebildeten Trennung kommerzieller von publizistischen Interessen. Eine spezielle Radio-Ethik muss eine Alltags-Radio-Ethik sein. Das heißt, sie darf nicht einzig fokussieren auf spektakuläre Einzel-Ereignisse wie z.B. das Gladbecker Geiseldrama von 1988 - wenngleich es eine breite Debatte über journalistische Ethik auslöste und in die Formulierung von "Verhaltensgrundsätzen für Presse/Rundfunk und Polizei zur Vermeidung von Behinderungen bei der Durchführung polizeilicher Aufgaben und der freien Ausübung der Berichterstattung" mündete.

Vielmehr muss eine Radio-Ethik das Bewusstsein schärfen für vermeintlich "kleine", aber umso zahlreichere Entscheidungen des redaktionellen Tagesgeschäfts.