17.1.2006 | Von:
Norbert Linke

Presse- und Radiokodex

Pressekodex

Die meistzitierte Quelle medienethischer Standards in Deutschland ist der Pressekodex, der vom Deutschen Presserat herausgegeben wird, einer von Verlegerverbänden und Journalistengewerkschaften getragenen Einrichtung der journalistischen Selbstkontrolle.

In 16 "Ziffern" und einer Vielzahl daraus abgeleiteter "Richtlinien" unternimmt es der Pressekodex, ein Regelwerk für ethisches verantwortetes journalistisches Handeln zu entwickeln. Tenor: "Nicht alles, was von Rechts wegen zulässig wäre, ist auch ethisch vertretbar." Behandelt werden u.a. journalistische Sorgfaltspflicht, Informantenschutz sowie Trennung wirtschaftlicher und publizistischer Interessen. 1973 wurde der Pressekodex erstmals verabschiedet. Seither wurde er mehrfach überarbeitet.

Der Natur seiner Entstehungsgeschichte nach und seinem Namen entsprechend ist der Pressekodex ein Verhaltenskodex ausdrücklich für Journalisten in Redaktionen von Printerzeugnissen. Daran hat sich in den vergangenen gut 30 Jahren nichts geändert.

Dagegen versteht sich beispielsweise der Schweizer Presserat breiter als "Selbstkontrollorgan der Medienbranche". Sein Kodex ("Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten") spricht eine medien-unspezifische Sprache.

Die Sicht der Branche auf den Presserat und mit ihm auf den Pressekodex ist gespalten. Einesteils wird der Presserat als "zahnloser Tiger" gescholten, als "PR-Agentur der Verleger" (Klaus Kocks), und der Pressekodex als "semimoralisierende Verbotsliste" (Michael Haller). Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Beck kritisiert, die Normen des Pressekodex würden "immer erst ex post" gewonnen, also "nachdem Probleme aufgetaucht sind" - und nicht "von obersten ethischen Normen systematisch entwickelt".

Meist wird der (deutsche) Pressekodex aber als ethische Grundlage journalistischen Handelns in jeglichen Medien angesehen. Entsprechend gibt es Vorschläge, den Pressekodex auszuweiten zu einem "Medien- oder Journalismuskodex", der für alle Medien gültig ist (beispielsweise vom Netzwerk Recherche).

Der Presserat selbst sagt, es sei "wünschenswert", wenn sich andere Medien "einen eigenen Kodex geben und auch eine wirksame Selbstkontrolle schaffen würden".

Fürs Radio heißt das: Ein spezifischer "Radiokodex" sollte erarbeitet werden.

Radiokodex

Der Bedarf in den Redaktionen an Unterstützung in ethischen Zweifelsfällen ist offensichtlich immer dann am größten, wenn die Zeit am knappsten ist, wenn "Not am Mann" ist, wenn eine Entscheidung in Eile zu treffen ist. Umgekehrt sinkt die Neigung, sich mit ethischen Standards auseinanderzusetzen, je weniger dringlich die aktuelle Situation ist.

Dieses Dilemma könnte ein ausformulierter Radiokodex lösen, der die Berufsethik aller Programm-Mitarbeiter (also u.a. Redakteure, Reporter, Moderatoren, Producer) in einem Regelwerk zusammenfasst. Ein Radiokodex sollte auch das Radio-Management einbinden, damit eine etwaige redaktionelle Selbstverpflichtung auf einen solchen Kodex nicht leer liefe, sondern eine realistische Chance bekäme, zu einem tatsächlichen Leitbild zu werden.

Anstelle einer Verbotsliste sollte der Kodex ein positiv formulierter Katalog von Handlungsanweisungen sein. Das Regelwerk sollte so konkret wie möglich gefasst sein und sich strikt an Situationen und Problemfällen des täglichen Programmbetriebs orientieren.

Ein solchermaßen formulierter Radiokodex hätte mehrfache Funktionen:
  • Dem Programm-Mitarbeiter wäre er ein Leitbild ethisch verantworteten Handelns. In Situationen, in denen schwierige Entscheidungen zu treffen sind, könnte er helfen, rasch und verlässlich zu einer begründeten und praktikablen Lösung zu kommen. Er beschleunigte damit redaktionelles Handeln. Zudem gäbe er den Mitarbeitern Entscheidungssicherheit;
  • Für das (Radio-)Unternehmen wäre ein Radiokodex hilfreich, indem er die Mitarbeiter schwierige Entscheidungen stets in stimmiger Weise treffen liesse. Die verbesserte Konsistenz redaktioneller Entscheidungen würde die Kompetenz des Programms nach außen hin unterstreichen und seinen Auftritt als "Marke" unterstützen;
  • Dem Publikum könnte der Radiokodex helfen, die Standards journalistischen Handelns besser zu verstehen.