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3.6.2009 | Von:
Jörg Schönenborn

"Politik und Gesellschaft zu beobachten, das ist mein Job"

Jörg Schönenborn ist Chefredakteur des WDR Fernsehens und moderiert die Wahlsendungen bei der ARD. Im Interview verrät er, wie er sich am besten auf die Sendungen vorbereitet: "Mein Job ist, Politik und Gesellschaft zu beobachten, und Vermutungen darüber anzustellen, was Menschen motiviert, bestimmte Wahlentscheidungen zu treffen. Die wichtigste Arbeit ist die Formulierung der Fragen. Weil man nur auf Fragen, die man formuliert hat, auch Antworten bekommt."

Robert Reick interviewte für hoerfunker.de Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR Fernsehens und ARD-Wahlmoderator

Herr Schönenborn, seit zehn Jahren sind Sie "der Mann mit den Zahlen" im ARD-Wahlstudio. Wie hat sich in dieser Zeit die Wahlberichterstattung entwickelt?

Schönenborn:

Ich glaube, diese zehn Jahre haben zwei Seiten. Zum einen: Ich habe eine Menge gelernt über das, was ich da tue, und glaube, ich habe mir über die Jahre erst Stück für Stück erschlossen, was für ein Potenzial die Wahlforschung überhaupt hat. Und gleichzeitig haben die Parteien das gleiche getan. Denn die haben in den zehn Jahren ganz konsequent versucht, den Wahlabend in ihre Deutungshoheit zu bringen. Der Einschnitt kam 1999 mit dem Umzug von Bonn nach Berlin. Früher war es ja nicht üblich, dass bei Landtagswahlen um 18.10 Uhr, 18.15 Uhr sich die Generalsekretäre in den Parteizentralen in Bonn meldeten und ihre Deutung vorgaben. Heute ist es Standard. Es ist sogar so, dass Sie am Wahlabend aus den Statements der Parteien heraushören können, welche Formulierungen telefonisch verabredet worden sind zwischen den verschiedenen Ebenen Bund und Land. Und mein Sport besteht eigentlich darin, möglichst früh, möglichst klar die eigene Deutung des Wahlergebnisses dagegen zu setzen. Der besondere Reiz ist, das zu widerlegen, was andere, die an dem Abend für Parteien auftreten, behaupten - und fast immer kann man das widerlegen.


Wie bereiten Sie sich auf so einen Einsatz vor?

Schönenborn:

Die wichtigste Arbeit ist die Formulierung der Fragen. Weil man auf Fragen, die man nicht formuliert hat, auch keine Antworten bekommt. Und ich habe im Lauf der Jahre gemerkt, dass es eigentlich eine rein journalistische und gar nicht so wissenschaftliche Arbeit ist. Mein Job ist, Politik und Gesellschaft zu beobachten, und Vermutungen darüber anzustellen, was Menschen motiviert, bestimmte Wahlentscheidungen zu treffen. Und wenn die Thesen, die Vermutungen stimmen und richtig in Frageformulierungen gekleidet worden sind, dann bekommt man Ergebnisse, mit denen man hervorragend erklären kann, warum die Wahlen so ausgegangen sind, wie das passiert ist. Das ist die entscheidende Vorbereitung.

Längst mischen auch im deutschen Wahlkampf 'Kampagneros' und die Sloganfabriken der Werbewirtschaft mit. Wie sollten Journalisten Kampagnen während des Wahlkampfs hinterfragen?

Schönenborn:

Ich glaube, dass das gar nicht so im Mittelpunkt der journalistischen Arbeit steht, weil wir ja das beobachten, was Politik tatsächlich tut und kommuniziert - also: Konferenzen, Plenarsitzungen, Pressekonferenzen, Aufführungen wie der Opelgipfel. Das ist Gegenstand unserer Berichterstattung. Und ich glaube, dass die Wirkung von X Millionen Exemplaren Bildzeitung, von 10 Millionen Tagesschau-Zuschauern jeden Abend, von vielen hunderttausend Lesern guter Zeitungen, dass das sehr viel stärker die Wahrnehmung der Wähler prägt als Plakataktionen.

In Print, Radio, Fernsehen und Internet werden Beiträge zunehmend knapper, kompakter, anschaulicher. Dem Kommentator vor Ort bleiben in der Tagesschau oft nur noch zwei Sätze. Wie viel Politik lässt sich da noch vermitteln?


Jörg Schönenborn, Chefredakteur Fernsehen beim WDR, nahm als Referent beim Hörfunkseminar der bpb in Köln teil. Foto: Robert Reick/bpbJörg Schönenborn, Chefredakteur Fernsehen beim WDR, nahm als Referent beim Hörfunkseminar der bpb in Köln teil. Foto: Robert Reick/bpb

Schönenborn:

Ich sehe diesen Trend nicht. Ich sehe, dass im ARD-Programm und auch in unserem dritten Programm der Umfang politischer Berichterstattung über die letzten Jahre kontinuierlich zugenommen hat. Die Tagesschau ist heute noch 15 Minuten, das war sie vor 50 Jahren schon. Wir haben mit "Anne Will" und "Hart aber fair" jetzt im Hauptabend zwei politische Gesprächssendungen. Also das Volumen der politischen Berichterstattung ist nicht das Problem.

Aber wie ist es mit der Länge der einzelnen Beiträge?

Schönenborn:

Auch da behaupte ich, Sie finden heute mehr und bessere politische Dokumentationen - vielleicht nicht um 21 Uhr, aber um 22:30 Uhr - als vor zehn, 15 Jahren. Die entscheidende Veränderung ist, dass große Teile der Gesellschaft sich nicht mehr verpflichtet fühlen, sich über Politik informiert zu halten. Und dass wir deswegen eine Teilung haben, von sehr gut Informierten, die alles mitnehmen und zum Tagesschaubericht am nächsten Tag auch in der FAZ den entsprechenden Artikel lesen, und solchen, die auf Durchzug stellen, wenn politische Nasen im Fernsehen auftauchen - oder schlimmer noch: ein anderes Programm suchen.

Junge Frauen und Männer unserer Gesellschaft gelten gegenüber politischen Themen oft als desinteressiert. Gibt es heute mediale Konzepte, mit denen Jugendliche leichter als früher erreicht werden? Welche sind das?

Schönenborn:

Auch diese These teile ich nicht. Sie ist richtig, wenn man behauptet: 'Junge Leute interessieren sich heute weniger für politische Parteien.' Was politische Themen betrifft, gilt das überhaupt nicht. Ich glaube, dass die Generation der heute 20-, 25-Jährigen wieder sehr stark politisiert ist, stärker politisiert als die Vorgängergeneration, dass es da ein Interesse für andere politische Themen gibt. Da interessieren Dinge wie Entwicklungspolitik, wie Klimapolitik wieder - während vor zehn Jahren pekuniäre Fragen im Mittelpunkt standen. Ich werde oft angesprochen, weil ich mich nun ja im Fernsehen mit Politik beschäftige - und ich wundere mich, wie gut informierte 25-Jährige es gibt! Die haben eine starke Abneigung gegen Parteien, weil sie ihr gesellschaftliches Engagement anders sehen, die glauben, die Ochsentour durch Parteien, da ist großer Aufwand und geringe Wirkung. Aber sie machen ein soziales Jahr oder Hospitanzen in Projekten - also in größerem Umfang unmittelbar gesellschaftliche Arbeit, als das früher der Fall war. Zur Frage, was das mediale Gegenstück dazu ist: Ich kann Ihnen sagen, dass ich mich wundere, wie viele junge Leute bei uns wirklich anspruchsvolle Dokumentationen gucken, gerade Auslandsdokumentationen. Das sind eigentlich total konservative, traditionelle, erzählende Formate und bei denen haben wir mehr junges Publikum als bei Magazinsendungen oder bei vielen Unterhaltungssendungen, die wir machen. Und das andere Extrem sind Internetblogs und Internetseiten, wo junge Leute das Gefühl haben, da kann ich schneller, gezielter, effektiver die Informationen finden. Ich glaube, weil das Interesse für bestimmte Themen so groß ist, ist dieses Segment der jungen Leute auch sehr anspruchsvoll. Die erwarten optimale Umsetzung, die schalten weg, wenn es schlecht erzählt ist, wenn die Bilder schlecht sind; die sind sehr sensibel und empfindlich für Dogmatisches. Was sie überhaupt nicht mögen, ist, wenn sie das Gefühl haben, da soll ihnen etwas eingetrichtert werden. Also wenn es einen Trend gibt, dann ist es einfach der, dass die jungen Leute, die sich mit Politik beschäftigen, höhere Qualität erwarten.

Auf dem Blog von tagesschau.de schreiben Sie wenigstens einmal pro Monat, in einer einzigen Wahlnacht aber auch schon mal zehn Einträge. Unterscheidet sich für Sie das Bloggen von Ihrer sonstigen journalistischen Arbeit?

Schönenborn:

Nein. Ich habe im Wahlstudio ein Diktiergerät. Und ich habe da ja viel Zeit, ich bin ja, wenn Politiker oder Kollegen reden, nicht dran, also sozusagen in Teilzeitarbeit. Und die Zeit dazwischen nutze ich, um entweder das, was ich gerade im Fernsehen gesagt habe, oder das was ich sagen würde, wenn ich dran wäre, einfach auf Band zu sprechen, und eine Kollegin schreibt das dann ab. Und dann bekomme ich Rückmeldungen, die fragen: 'Waren Sie das wirklich? Das kann doch nicht sein, wir haben Sie gerade im Fernsehen gesehen.' Also das ist das Prinzip und es sind die gleichen Gedanken, die ich auch im Fernsehen erzähle.

Verfolgen Sie auch Kommentare auf Ihre Einträge?

Schönenborn:

Ja, so gut das möglich ist. Ich schaue mir schon an, was die Blogger da schreiben. Aber ich habe mir abgewöhnt, auf alles zu antworten und jedes Argument zu kontern. Sondern mein Gefühl ist: Es wird erwartet, dass man da einen Stein ins Wasser wirft, und die Kreise ziehen sich dann von selbst.

Köln, 28. Mai 2009