16.2.2006 | Von:
Florian Schwinn

Dada macht Radio

Interview: Nathalie Singer



Der älteste Teil am neuen Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur ist auch sein kuriosester: die Wurfsendung. Nathalie Singer über ihr Minihörspiel-Projekt.

Schwinn: Deutschlandradio sendet seit September 2004 Wurfsendungen. Seit dem Neustart als Deutschlandradio Kultur mit den neuen Magazinstrecken sind die Minihörspiele im Radiofeuilleton platziert. Das ist das Neueste vom neuen Programm und damit unter verschärfter Beobachtung. Wie sind die Reaktionen?



Singer: Vor dem Start waren die Bedenken hier im Haus schon deutlich. Man hatte schon etwas Angst, dass das nicht angenommen würde. Aber die Hörerreaktionen waren schon am Anfang überwiegend positiv: zwei Drittel positive Hörerpost. Das hatten wir eigentlich selbst nicht erwartet. Inzwischen hat sich das noch einmal verschoben: wir bekommen fast nur noch zustimmende Briefe und Mails.

Schwinn: Und die Medienkritiker?



Singer: Sind zumeist ebenso zustimmend. Wir haben sehr gute Kritiken bekommen. Bei den Besprechungen des neuen Programms von Deutschlandradio Kultur hat die Wurfsendung sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Gelobt wurde dabei vor allem der etwas dadaistische Charakter, der plötzliche, unvermittelte akustische Angriff, die Absurdität. Mir ist auch wichtig, dass die Wurfsendungen nicht ins Journalistische übergehen, sondern als Kontrast zum Tagesprogramm stehen. Deshalb muss es Hörspiel sein - das bringt gerade im neuen Programm eben genau den Kontrast. Und so sehen das die Kollegen, die das Radiofeuilleton machen, inzwischen auch.

Schwinn: Was sagten die kritischen Hörer?



Singer: Dass sich das Kulturradio jetzt auch den kleinen Formaten öffnet oder werbeähnliche Formate benutzt. Und dann gab es auch einfach ratlose Hörer, die sagten: Ich verstehe nicht, was das soll. Auf der anderen Seite gibt es inzwischen ganze Fangemeinden, die das mitschneiden und sammeln, die ihre Lieblingsserien haben und nach CDs fragen.

Schwinn: Sind das immer Serien?

Singer: Es lohnt sich sonst nicht, ins Studio zu gehen. Wir produzieren immer mit einem Regisseur mindestens eine Serie. Und für die Autoren ist es auch besser, wenn sie Serien schreiben können. Da können sie Figuren entwickeln.

Schwinn: Sind die Figuren in den Sendeblöcken trotz Kürze wiedererkennbar?

Singer: Die Fans warten regelrecht darauf, dass ihre Lieblingsfiguren wieder kommen. Wir setzen das auch so, dass wir eine neue Serie mit einer kleinen Reihe von Sendungen starten, so dass sie eingeführt sind.

Schwinn: Die Wurfsendungen sind kleinste Hörspielstücke von zehn bis 45 Sekunden Länge, die plötzlich alleine oder im Paket ohne Anmoderation im neuen Programm von Deutschlandradio Kultur auftauchen. Wie kommen die Minihörspiele da hinein?

Singer: Die Wurfsendungen kommen immer zwischen 09:00 und 12:00 Uhr und zwischen 14:00 und 17:00 Uhr im neuen Radiofeuilleton jeweils einmal pro Stunde. Und die Wurfsendung selber besteht, wie bei der Werbung, die es bei uns nicht gibt, aus einem Block von Einzelteilen. Manchmal kommt auch ein "Solitär", aber normalerweise kommen sie im Dreier- oder Zweierpaket mit Jingle und Trennern. Da die Wurfsendungen nicht an- und abgesagt werden, müssen die ganzen Informationen über Texte, Autoren und Mitwirkende ins Internet. Um nun aber für jeden Sendetag aus hunderten von Einzelteilen die Sendungen zusammen und die Infos ins Netz zu stellen, brauchten wir eine Software: den Wurfgenerator. Den haben wir programmieren lassen. Er stellt uns die Wurfsendungen zusammen und die Daten ins Internet.

Schwinn: Vollautomatisch?

Singer: Wir hören uns das, was der Wurfgenerator zusammen gestellt hat, natürlich an und greifen da auch ein, wenn wir denken, dass etwas nicht zusammen passt.

Schwinn: Eine Art Musikrotationssoftware für Wortbeiträge?

Singer: Ja. Die Prinzipien haben wir anhand der Musikplanungssoftware Repertoire entwickelt. Aber die Musikplanung stellt uns die Daten ja nicht selbstständig ins Internet - also haben wir das Programm selbst entwickelt.

Schwinn: Nehmen Sie mit den Wurfsendungen auf die Tagesaktualität Rücksicht - also bei wichtigen Todesfällen keine allzu fröhlichen Stücke?

Singer: Wir versuchen, die Sendungen so zu gestalten, dass sie sich genau nicht auf politische Ereignisse beziehen. Aber es kann natürlich dennoch geschehen, dass wir eine Sendung austauschen müssen.

Schwinn: Die einzelnen Teile der Wurfsendungen sind unterschiedlich lang und unterschiedlich eigenständig. Manche sind nur winzige akustische Eindrücke. Manche stehen auch alleine. Gibt es da verschiedene Kategorien?

Singer: Es gibt drei Formate: Mikro, Midi, Mini. Mikro sind die ganz kurzen Stückchen bis zu 19 Sekunden. Die stehen selten für sich alleine, weil die meistens am Anfang der Blöcke wie ein Opener fungieren. Die, die alleine stehen, erzählen meist schon eine richtige kleine Geschichte. Das sind meist mindestens Midis bis 35 Sekunden. Was darüber ist, heißt dann Mini und soll nicht länger als 45 Sekunden sein. Ist es aber manchmal natürlich doch.

Schwinn: Sind alle Wurfsendungen extra neu geschrieben und produziert?

Singer: Fast. Wir haben im letzten Jahr auch Ausschnitte aus bestehenden Hörspielen in kleine Folgen umgebaut. Zum Beispiel von Ror Wolf ...

Schwinn: Und Daniil Charms?



Singer: Das haben wir neu produziert - als Literaturadaption. Ich will jetzt in einer neuen Staffel auch Satie-Texte bringen. Das sind sehr witzige, kleine Texte, die Eric Satie über Musik geschrieben hat.



Schwinn: Und andere Autoren arbeiten mit O-Ton.

Singer: Es gibt im Grunde zwei Produktionsformen. Ein Teil der Autoren kommt eher vom Schriftstellerischen her. Das sind geschriebene Stücke, die ein Regisseur besetzt und produziert. Und dann gibt es Auftragsproduktionen. Die werden komplett angeliefert von Kollegen, die zu Hause ihre Studios haben. Da gibt es erst Exposés mit akustischen Entwürfen, dann arbeiten wir das aus, die Autoren produzieren. Und am Ende mastern wir das noch einmal, damit die klangliche Anmutung und die Lautstärke in den Sendepaketen zueinander passt.

Schwinn: Reine Atmo-Soundscapes gibt es aber nicht?



Singer: Wir wollen jetzt schon noch ein bisschen mehr experimentieren. Aber Soundscapes sind in den Sendeblöcken schwer unterzubringen. Wenn das Ohr einmal Wort gehört hat, ist es darauf konditioniert. Wenn dann plötzlich nur Geräusch kommt, versteht man erst mal nicht, dass es sich um eine rein akustische Geschichte handelt - und dann ist sie schon wieder vorbei. Bislang waren die reinen Soundscapes, die ich gehört habe, noch nicht völlig überzeugend. Aber inzwischen ist die Wurfsendung eingeführt, da kann man dann noch ein bisschen mehr experimentieren.

Dieses Interview wurde mit freundlicher Genehmigung dem Medienmagazin "CUT" entnommen. Florian Schwinn ist Chefredakteur von "CUT" und Mitglied des Projektteams Hörfunk der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.