Belgien: Statue "Europa" der belgischen Künstlerin May Claerhout vor dem Europäischen Parlament in Brüssel

23.3.2012 | Von:
Peter Knauer

Geld anders einrichten

Grundfunktionen von Geld

Liquides Geld hat einen dreifachen Nutzen (monetary service stream). Erstens kann es als Wertmaßstab dienen; zweitens ist es Tauschmittler, und drittens ist es eine Art Zeit überbrückender Speicher für Anwartschaft auf Werte. Aber alle drei Funktionen des Geldes bringen auch Probleme mit sich.

Wertmaßstäbe sollten sich gleich bleiben. Doch Geld ist wohl der einzige Maßstab, der gewöhnlich schrumpft (normal sind rund zwei Prozent Inflation im Jahr). Geld ist hilfreicher Tauschmittler. Dies bedeutet, dass es durch seine Liquidität (Austauschbarkeit gegen alle Waren und Leistungen auf dem Markt) über seinen Nennwert hinaus noch einen Mehrwert hat. Es ist gegenüber Waren und Leistungen nicht neutral, sondern privilegiert, jedenfalls dann, wenn man es übrig hat, das heißt, wenn die existentiellen Lebensbedürfnisse bereits erfüllt sind. Denn dann kann man kaufen, wann und was man will. Der Mehrwert des Geldes besteht in diesem Mehr an Freiheit. Das Problem bei der Wertspeicherfunktion des Geldes lässt sich wie folgt fassen: Wer Geld in seiner Kasse behält, entzieht es für diese Zeit seiner Tauschmittelfunktion und unterbricht für andere eine ganze Kette von Austauschen. Speicher- und Tauschmittelfunktion des Geldes können nur alternativ und nicht gleichzeitig ausgeübt werden.

Nennwert und Mehrwert

Der Nennwert des Geldes steht auf den Münzen und Banknoten. Darüber hinaus hat Geld jedoch aufgrund seiner Liquidität (Austauschbarkeit gegenüber allen Waren und Leistungen auf dem Markt) noch einen Mehrwert, der entsteht, wenn man sein Geld nicht mehr unmittelbar zur Erfüllung existentieller Bedürfnisse braucht, sondern es erübrigen kann. Wer mit Waren und Leistungen auf den Markt kommt, hat gewöhnlich hinzukommende Transport-, Frischhalte- und Reklamekosten. Und er muss dann immer noch auf Kunden warten. Wer dagegen mit Geld auf den Markt geht, dem liegt der ganze Markt zu Füßen. Sobald seine existentiellen Bedürfnisse erfüllt sind und er Geld übrig hat, hat er die doppelte Freiheit, zu bestimmen, was und wann er kauft. Durch seinen Liquiditätsvorteil ist Geld der Joker auf dem Markt, der alle anderen Karten "sticht".

Diesen Mehrwert des Geldes kann man wiederum mit Geld messen. Während aber der Nennwert einfach wie Kilometer (km) als eine Bestandsgröße gemessen wird, ist der Mehrwert in demselben Maß, aber pro Zeiteinheit anzugeben, also wie km pro Stunde (km/h). Hier geht es um eine Flussgröße, den Gegenwert zum monetary service stream. Dieses Zugleich von Nennwert und Mehrwert, Bestandsgröße und Flussgröße, macht unser Geld kompliziert und eher schwierig zu verstehen.

Wer Geld übrig hat, kann den Mehrwert des Geldes zu Spekulationen nutzen. Nach einer Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung ist heute das Volumen der globalen Finanztransaktionen 73,5-mal höher als das Welt-Bruttoinlandsprodukt und damit als die realen Transaktionen zum Austausch von Waren; 1990 belief es sich erst auf das 15,3-Fache.[3]

Fußnoten

3.
Vgl. www.wifo.ac.at/wwa/downloadController/
displayDbDoc.htm?item=WP_2009_352$.pdf (14.1.2012), S. 6.