Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++
1 | 2 Pfeil rechts

Anmerkungen zur Aktualität der Ungleichheit - Essay


16.4.2012
Es werden die Entwicklung des Gleichheitsgedankens sowie “Geburtsstunden” des Rassismus skizziert. Während Prinzipien der Gleichheitsidee heute Ergänzungen bedürfen, ist Rassismus mit Thesen der “Nichtverwertbarkeit” verflochten.

Einleitung



Nach den Anfängen des modernen Rassismus befragt, verweist die Rassismusforschung auf zwei "Geburtsstunden": Auf der einen Seite stehen die Vertreterinnen und Vertreter der Theorie, dass sich Rassismus mit der Herausbildung von Nationalstaaten entwickelt habe.[1] Sie verweisen auf das symbolträchtige Jahr 1492, das nicht nur für die Eroberung Lateinamerikas durch die spanische Krone, sondern vor allem für die Entstehung des spanischen Nationalstaates steht. Auf der anderen Seite stehen die Vertreterinnen und Vertreter der Theorie, dass sich Rassismus mit der Emanzipation der Wissenschaften von christlichen Schöpfungsmythen im 18. Jahrhundert entwickelt habe, Rassismus also mit Wissenschaft einhergehe.[2] Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Sowohl die Herausbildung von Nationalstaaten als auch die Emanzipation der Wissenschaften, vor allem von Biologie und Medizin, haben ihren Beitrag zur Entstehung von kulturellem und biologistischem Rassismus geleistet.

Bereits während des Nationalsozialismus wurde von den Vertretern der "Frankfurter Schule" auch das kapitalistische Wirtschaftssystem ins Zentrum der rassismuskritischen Analyse gerückt. Allerdings sind Nationalstaatenbildung, Wissenschaft und Wirtschaftssystem nicht historisch abtrennbare oder aufeinander aufbauende Phänomene, die nacheinander rassistische Einstellungen, Strukturen und Gewaltverhältnisse legitimiert haben und weiterhin legitimieren. Vielmehr sind sie bis heute miteinander verwoben, und ihnen kommt zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Entfaltungs- und Wirkmächtigkeit zu.

Nationalstaatenbildung



Durch die Heirat von Isabella la Catolica von Kastilien und Fernando von Aragon bildete sich Ende des 15. Jahrhunderts aus verschiedenen Königreichen und Fürstentümern der spanische Nationalstaat. Dieser wurde nicht nur als eine territoriale Einheit gesehen, sondern beruhte auch auf der Vorstellung der sprachlichen und religiösen Einheit, die im Staatskirchentum und in der Herausgabe der ersten kastilischen Grammatik ihren Niederschlag fand. Die religiöse Einheit vertrug sich nach Auffassung der Krone nicht mit der Präsenz von Juden und Muslimen im Land, deswegen wurden die Juden zur Konversion getrieben oder des Landes verwiesen und die Muslime nach Jahrhunderten der friedlichen Koexistenz in den maurischen Gebieten (Al Andaluz) durch die "Reconquista", die Rückeroberung der maurischen Gebiete, erst besiegt, dann vertrieben.[3]

Nach und nach entwickelte sich Ende des 15. Jahrhunderts aus einem christlichen Antijudaismus ein rassistischer Antisemitismus. Jüdinnen und Juden sowie (gezwungenermaßen) zum Christentum Konvertierte überflügelten den ländlichen und verarmenden Adel und die sich entwickelnde städtisch-bürgerliche Bevölkerung in Bezug auf Bildung und wirtschaftliche Prosperität. Die zunächst christlich begründete Intoleranz wurde durch den aufkommenden Sozialneid um biologistische Erklärungen erweitert, denn Bildung und wirtschaftliche Prosperität ließen sich nicht mit der religiös-kulturellen Andersartigkeit erklären, schon gar nicht bei zum Christentum Konvertierten. Das "Argument", das nun gefunden wurde, gibt den Blick frei auf die rassistische Konnotation des Antisemitismus: Es liege im "jüdischen Blut", dass sie so habgierig seien, und ihr Aufstreben richte sich gegen die, die "reinen Blutes" seien. Die Ideologie der "limpieza de sangre", der "Blutsreinheit", ist die erste rassistisch argumentierende Ideologie - wenn auch (noch) nicht wissenschaftlich "fundiert".

Die nationalstaatliche Einigung ging mit der Vertreibung von "Nicht-Dazugehörigen", "fremden" Menschen einher. Damit wurde zum ersten Mal in der europäischen Geschichte das zentrale Phänomen des modernen Rassismus sichtbar: die Konstruktion und Definition des Eigenen und des Fremden sowie die mit dieser Unterscheidung einhergehende Herabwürdigung des Anderen und die Definition einer angeblichen Überlegenheit des Eigenen. Diese Dichotomisierung der Gesellschaft in das Eigene und das Fremde, das "Wir" und das "Sie", und die damit einhergehende positive beziehungsweise negative Bewertung führten zu einer gesellschaftlichen und strukturellen Legitimation von Diskriminierung, Ausbeutung und Ausrottung der Anderen. Das ist Rassismus.

Die gewaltvolle Nationalstaatenbildung Spaniens ist ein besonders drastisches Beispiel der mit diesem Prozess einhergehenden Inklusion des Eigenen und der Exklusion des Fremden, die sich nicht zwangsläufig derartig brutal gestalten muss. Prozesse der Nationalstaatenbildung verlaufen sehr unterschiedlich, aber ein gemeinsames Moment liegt in der beschriebenen Dichotomisierung. Diese Dichotomisierung strukturiert die Gesellschaft und schafft Sicherheit: "Die Engländer sind nicht deshalb rassistisch, weil sie die Schwarzen hassen, sondern weil sie ohne die Schwarzen nicht wissen, wer sie sind."[4] Rassismus hat viel mit Wir-Imaginationen zu tun. Rassismus antwortet auf die Frage, wer "wir" und wer "die Anderen" sind. Rassismus ist wichtig, damit eine Mehrheit weiß, wer sie ist.[5]


Fußnoten

1.
Vgl. Karin Priester, Rassismus, Leipzig 2003; Mark Terkessidis, Psychologie des Rassismus, Opladen-Wiesbaden 1998.
2.
Vgl. George M. Fredrickson, Rassismus, Hamburg 2004; George L. Mosse, Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt/M. 1995.
3.
Zur Erinnerung: Die Mauren hatten im achten und neunten Jahrhundert weite Teile des heutigen Spaniens erobert. Eine 500-jährige kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit kennzeichnet diese Epoche des Al Andaluz. Ab dem elften Jahrhundert wurden die Mauren immer mehr zurückgedrängt und schließlich 1492 mit der Rückeroberung Granadas endgültig besiegt. Ihre Religion und ihre Sprache wurden nach und nach verboten und arabischsprachige Werke fielen der ersten Bücherverbrennung der beginnenden Neuzeit zum Opfer.
4.
Stuart Hall, Ein Gefüge von Einschränkungen, in: Jan Engelmann (Hrsg.), Die kleinen Unterschiede, Frankfurt/M.-New York 1999, S. 93.
5.
Vgl. Paul Mecheril, Die Normalität des Rassismus, in: IDA-NRW (Hrsg.), Überblick, Nr. 2, 2007, S. 4.