Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Anatol Stefanowitsch

Sprache und Ungleichheit

Zum Umgang mit diskriminierender Sprache

Werfen wir zum Abschluss einen kurzen Blick auf mögliche Veränderungen des sprachlichen Status quo. Im Falle eines einzelnen diskriminierenden Wortes scheint eine Veränderung zunächst täuschend einfach: Es wird einfach durch ein anderes, neutraleres Wort ersetzt. Die Sprachgeschichte zeigt jedoch, dass jedes neu eingeführte Wort schnell die negativen Bedeutungsaspekte des ersetzten Wortes übernimmt (man spricht hier manchmal von einer "Euphemismentretmühle").[7] Das oben erwähnte Beispiel von Bezeichnungen für Menschen mit dunkler Hautfarbe zeigt das sehr gut.

Ein Grund dafür ist, dass die Mitglieder der Sprachgemeinschaft durch den fortgesetzten Versuch, die jeweils aktuelle Bezeichnung durch eine noch wertneutralere zu ersetzen, die aktuelle Bezeichnung unfreiwillig abwerten:[8] Solange die kodierte Unterscheidung selbst nicht hinterfragt wird, ist es schwer, die mit ihr verknüpften negativen Stereotype loszuwerden. Es scheint hier aber zu helfen, die Unterscheidung wenigstens explizit zu benennen: Wie oben angedeutet, lassen sich explizite Benennungen wie hellhaarige Frau oder dunkelhäutige Person nicht ganz so leicht mit zusätzlichen Stereotypen verknüpfen wie implizite Benennungen wie Blondine oder Schwarze. Formulierungen wie "dunkelhäutige Menschen" oder "Mitbürger mit Migrationshintergrund" mögen umständlich wirken, aber da sie dazu anhalten, die betreffenden Merkmale nur dann zu versprachlichen, wenn sie wirklich relevant sind, sind sie ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg zu einem möglichst wenig diskriminierenden Sprachgebrauch.

Im Falle von Unterscheidungen, welche die gesamte Sprache durchziehen, ist eine Veränderung des Sprachgebrauchs von vornherein schwieriger. Auch hier kann man grundsätzlich versuchen, neutrale Wörter zu finden - Wörter, welche die Unterscheidung gar nicht erst treffen. Wie bereits erwähnt, gibt es ja beispielsweise im Bereich der Personenbezeichnungen häufig Alternativen, die geschlechtsneutral sind (Lehrkraft, Amtsperson, Elternteil, Familienmitglied) oder die wenigstens eine geschlechtsneutrale Pluralform haben (Studierende, Vorsitzende).

Manchmal werden diese Formen als umständlich oder übertrieben sensibel kritisiert, aber in vielen Fällen sind sie so gut etabliert, dass sie kaum noch auffallen. Die dahinterstehenden sprachlichen Strategien ließen sich nun problemlos verwenden, um auch dort solche Formen zu schaffen, wo sie bisher nicht oder nur randständig existieren (wie Backkraft statt Bäcker/Bäckerin, Gesellschaftsmitglied statt Bürger/Bürgerin, Regierungsteil statt Minister/Ministerin oder Leitungsperson statt Chef/Chefin). Wenn diese Formen merkwürdig oder umständlich klingen, so liegt das vor allem daran, dass sie ungewohnt sind - ein Effekt, der sich schnell abnutzen würde.

Wenn keine geschlechtsneutrale Bezeichnung zur Verfügung steht und die Schaffung neuer Wörter zu radikal erscheint, muss man sich in der gesprochenen Sprache mit Doppelformen wie Studentinnen und Studenten aushelfen. In der Schriftsprache gibt es verschiedene Möglichkeiten, diese orthografisch zu verkürzen, etwa durch Schrägstriche (Student/innen), das Binnen-I (StudentInnen) oder der "Gender-Gap" (Student_innen). Hier handelt es sich aber aus sprachlicher Sicht um orthografische Kosmetik, denn aussprechbar sind die Formen nicht. Aus der Perspektive einer Bewusstseinsbildung für diskriminierende Sprache können sie trotzdem sinnvoll sein - der "Gender-Gap" etwa soll durch die Verwendung eines Unterstrichs eine gedankliche Lücke schaffen, in der auch die Geschlechter, die sich nicht in die Unterscheidung "männlich/weiblich" einordnen lassen, ihren Platz finden.

Überhaupt ist die Bewusstseinsbildung in Bezug auf diskriminierende Sprache wahrscheinlich der wichtigste und dringendste Handlungsbereich. Es sind eben nicht (nur) diskriminierende Gedanken, die zu einer diskriminierenden Sprache führen, es ist die Struktur menschlicher Sprachen selbst. Eine wirklich diskriminierungsfreie Sprache wird es deshalb nie geben. Wenn wir aber lernen, die Unterscheidungen zu hinterfragen, welche die Sprache uns vorgibt, verlieren sie auch dort einen Teil ihrer Macht zur Diskriminierung, wo wir die Sprache nicht verändern können.

In manchen Zusammenhängen ist es gar nicht wünschenswert, sprachliche Unterscheidungen ganz abzuschaffen, denn das würde es erschweren, über die jahrhundertelange Diskriminierung zu sprechen, die bestimmte Gruppen über sich ergehen lassen mussten und müssen. Menschen mit einer Hautfarbe, die nicht der der (tatsächlichen oder gefühlten) Mehrheit entspricht, werden tagtäglich wegen dieser Hautfarbe einer imaginären "Rasse" zugeordnet und für diese "Rassenzugehörigkeit" diskriminiert, verletzt und getötet. An dieser Stelle brauchen sie - und wir alle - Wörter, um diese Kategorie von Menschen zu benennen und die (tatsächliche oder gefühlte) Mehrheit auf die fortgesetzte Diskriminierung aufmerksam zu machen.

Diese Bezeichnungen können nur von den betroffenen Gruppen selbst kommen, und auch sie werden nie unumstritten sein. Aber das ist in diesem Fall auch wünschenswert.

Fußnoten

7.
Vgl. Steven Pinker, Das unbeschriebene Blatt, Berlin 2003.
8.
Vgl. Rudi Keller, Sprachwandel, Tübingen 1990.