Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Götz Nordbruch

Ethnozentrische Gemeinschaftsvorstellungen bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Präventive Ansätze

Der Wunsch nach Anerkennung von Religiosität und Migrationserfahrungen spiegelt sich in jugendkulturellen Ausdruckformen junger Migranten und Muslime. In den Islam- und Integrationsdebatten der vergangenen Jahre wurden die Vorbehalte deutlich, mit denen große Teile der Mehrheitsgesellschaft einer solchen Anerkennung gegenüberstehen. Am Beispiel dieser Debatte lässt sich die Wechselbeziehung von Selbst- und Fremdwahrnehmungen dokumentieren, wie in einer jüngst vom Bundesministerium des Innern veröffentlichten Studie deutlich wird.[12] Umso wichtiger sind Ansätze, wie sie im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei sichtbar wurden: Die öffentliche Thematisierung der Aufbauleistungen, wie sie von "Gastarbeitern" seit den 1950er Jahren geleistet wurden, ist eine Geste, die sich als Würdigung der Biografien von türkeistämmigen und anderen Arbeitsmigranten deuten lässt.

Entsprechende Gesten sind auch für Jugendliche und deren Selbstverortungen von Bedeutung. Im Schulunterricht, aber auch in der Jugendarbeit im weiteren Sinne, bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, unterschiedliche Aspekte von Migrationsbiografien aufzugreifen und mit deutscher Geschichte und Gesellschaft in Bezug zu setzen. So ließen sich am Beispiel der Deutschen Einheit die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen herausarbeiten, mit denen die Schülerinnen und Schüler ein wichtiges Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte in Verbindung bringen. Dabei geht es keineswegs darum, eine vermeintliche Fremdheit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund herauszustellen. In der Diskussion um die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Vereinigungsprozesses lassen sich allgemein unterschiedliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Veränderungen aufzeigen, wie sie durchaus auch von herkunftsdeutschen Jugendlichen gemacht werden.

Der selbstverständliche Umgang mit Pluralität und Diversität ist in dieser Hinsicht eine Möglichkeit, um auch Jugendliche mit Migrationshintergrund als "normalen" Teil der deutschen Gesellschaft anzusprechen. Schließlich ist das Versprechen von "Normalität" und "Selbstverständlichkeit" ein Faktor, der ethnozentrische Gemeinschaftsvorstellungen attraktiv macht.

Fußnoten

12.
Vgl. Wolfgang Frindte et al., Lebenswelten junger Muslime in Deutschland, Berlin 2011, S. 574-592.