Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

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16.4.2012 | Von:
Nana Adusei-Poku

Intersektionalität: "E.T. nach Hause telefonieren"?

Der erste Beitrag beschreibt, was Intersektionalität ist, und mit welchen Problemen dieser Ansatz verbunden ist. Der zweite Beitrag untersucht das Zusammenspiel von Kultur, Ethnizität und Geschlecht im antimuslimischen Rassismus.

Einleitung

Intersektionalität ist seit den 1990er Jahren Teil einer regen Debatte in den Gender Studies. Sie hat mittlerweile auch die breitere Rechtswissenschaft erreicht, da Intersektionalität einen Ansatz repräsentiert, der individuelle Mehrfachidentität beschreibt und daraus resultierende sozioökonomische Dynamiken analysierbar macht. Es handelt sich bei der Intersektionalitätstheorie um den Versuch, auf mehrdimensionale Diskriminierungserfahrungen aufmerksam zu machen und eine argumentative Grundlage zu erstellen, um gegen die auf unterschiedlichen Ebenen wirkenden Einflüsse anzugehen. Doch was haben E.T. und Intersektionalität miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts; auf den zweiten Blick lässt sich die Theorie mit dem in den 1980er Jahren populär gewordenen Außerirdischen aus dem gleichnamigen Film von Steven Spielberg vergleichen: Die afroamerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw nahm diesen Vergleich im Dezember 2009 bei ihrem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung des Graduiertenkollegs "Geschlecht als Wissenskategorie" an der Humboldt Universität vor. Auf die Frage, wie sie die "Erfolgsgeschichte" ihres Konzepts beurteilt, antwortete sie, dass sie, wenn sie sehe, in welchen Bereichen Intersektionalität heute angewandt wird, häufig das Gefühl habe, die Theorie sei wie E.T., der "nach Hause telefonieren" möchte.

Diese amüsant anmutende Assoziation beinhaltet eine scharfe Kritik, denn E.T. (beziehungsweise die Intersektionalitätstheorie) ist offensichtlich aus einer "fremden" Galaxie und versucht verzweifelt, auf seinen Heimatplaneten zurückzukehren, die Theorie (E.T.) scheint verloren gegangen zu sein. Diese Beobachtung trifft besonders auf empirische Studien und theoretische Anwendungen zu: Sie versuchen zwar, den Fokus auf Intersektionalität zu legen, fallen dabei aber zu Ungunsten der Menschen aus, die mehrdimensionaler Diskriminierung ausgesetzt sind. Dies ist dann der Fall, wenn Intersektionalität eingesetzt wird, um normative Herrschaftsideen zu reproduzieren.

Was bedeutet Intersektionalität?

Durch Schwarze Feministinnen wie Sojourner Truth und ihre in der Frauen- und Critical-Race-Forschung kanonischen Beanstandung "Ain't I a woman?" ("Bin ich denn keine Frau?") wurden unterschiedliche miteinander wirkende Kategorien der Ausgrenzung thematisiert. Das Zitat der ehemaligen versklavten Afrikanerin, das Truth im Jahre 1851 an die Ohio Women's Convention richtete, brachte zum Ausdruck, dass sie als Schwarze Frau aus dem emanzipatorischen Kampf um Gleichstellung ausgeschlossen wurde. Diese Kritik Schwarzer Feministinnen an der ab den 1970er Jahren propagierten "Global Sisterhood" - der weltweiten Schwesternschaft - stellt den Versuch dar, auf die Unterschiede der sozialen Position und Klasse aufmerksam zu machen, denen Menschen, die nicht nur nicht männlich, sondern auch nicht weiß sind, ausgeliefert sind. Auch in Deutschland gibt es solche Stimmen, beispielsweise im 1986 erschienenen Buch "Farbe bekennen".[1]

Es handelte sich also um das existenzielle Begehren, auch die Sprache und das Bewusstsein im feministischen Diskurs für diese Differenzen zu sensibilisieren.[2] Denn nicht nur im weißen feministischen Diskurs hatten Schwarze Frauen keinen Raum, auch aus dem Schwarzen Befreiungskampf wurden sie systematisch herausgeschrieben und in Abgrenzung zu Schwarzen Männern gesehen.[3] Das Beispiel der Schwarzen Feministinnen lässt erkennen, dass die tragenden Kategorien dieser Kritik die Ausschlüsse durch das biologische Geschlecht und race beziehungsweise die ethnische Herkunft sind. Im weiteren Diskurs wurde auch die Kategorie "Klasse" hinzugefügt und bildete in dieser Trias die dominierende Race-Class-Gender-Debatte.[4] Spätestens seit den 1990er Jahren ist der Begriff der Intersektionalität auch Teil der Geschlechtertheorie.

Zur Veranschaulichung ihrer Theorie der Intersektionalität benutzt Crenshaw das Bild einer Verkehrskreuzung: Jede Fahrbahn stehe für eine andere soziale Kategorie, mal strömen also mehr Fahrzeuge einer bestimmten Kategorie über die Kreuzung, wohingegen zu einem anderen Zeitpunkt Fahrzeuge einer anderen Kategorie über die Kreuzung fahren, und manchmal passieren alle Fahrzeuge gleichzeitig. Auf dieser "Kreuzung der Kategorien" komme es auch zu Unfällen, wobei immer mehr als nur eine Kategorie involviert sei. Übertragen auf die Praxis bedeute dies, dass beispielsweise die Ablehnung einer Schwarzen Frau für eine höhere Position infolge einer sexistischen oder aber auch infolge einer rassistischen Diskriminierung erfolgen könnte.[5] Beide Kategorien wirken also gleichzeitig, denn sonst wäre es auf der Kreuzung nicht zu einem Unfall gekommen.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Theorie das Ergebnis von Diskursen über marginalisierte Positionen ist (wie etwa die gesellschaftliche Stellung von Schwarzen Frauen in den USA im 19. Jahrhundert). Von Bedeutung ist ferner, dass Crenshaw Rechtswissenschaftlerin und ihr Ansatz Teil der Überlegungen ist, mehrdimensionale Diskriminierung fassbar zu machen, um entsprechend juristisch intervenieren zu können. In der Rechtswissenschaft wird überwiegend von Mehrfachdiskriminierung gesprochen; doch der Ausdruck "mehrdimensionale Diskriminierung" versucht, die unterschiedlichen Dimensionen von Diskriminierung und die Interdependenz von Kategorien begrifflich zu fassen.[6] Letzteres meint die Abhängigkeiten zwischen und das Zusammenspiel von unterschiedlichen Diskriminierungskategorien.

Dadurch erklärt sich auch, warum der Begriff der Intersektionalität auf zwei unterschiedlichen Ebenen operiert: "Während intersectionality im politiknahen Bereich einen analytischen Fokus bezeichnet, der auf Formen multipler Diskriminierung und Benachteiligung zielt, steht der Begriff im wissenschaftlichen Kontext für eine weitergehende Programmatik. In diesem Horizont geht es darum, die Erforschung großrahmiger gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse, historische und kontextspezifische Machtstrukturen, institutionelle Arrangements und Formen der governance auf einer Meso-Ebene zu verbinden mit der Analyse von Interaktionen zwischen Individuen und Gruppen sowie individuellen Erfahrungen, einschließlich die damit verbundenen symbolischen Prozesse der Repräsentation, Legitimation und Sinngebung."[7] Um diese beiden Ebenen - die Ebene des analytischen Fokus wie etwa in der Rechtswissenschaft sowie einen eher programmatisch-theoretischen Zugang wie in der Geschlechterforschung - soll es im Folgenden gehen. Denn wie in Crenshaws eingangs zitierter Kritik wird die Mehrdimensionalität des Begriffes "Intersektionalität" häufig nicht benannt, weshalb auch der Ursprung dieses Begriffs nicht in seiner politischen Dimension und Konsequenz begriffen wird. Es gilt auch zu zeigen, dass ein Zusammenwirken beider Ebenen nachhaltige Veränderungen verspricht, welche denen, die mehrfach diskriminiert werden, zugute kommen können.

Fußnoten

1.
Vgl. Katharina Oguntoye/May Opitz/Dagmar Schultz (Hrsg.), Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin 1986.
2.
Vgl. Bell Hooks, Ain't I a Woman, London 1982; dies., Talking Back, Boston 1989; Patricia Hill Collins, Black Feminist Thought, Boston 1990; Combahee River Collective, The Combahee River Collective Statement, New York 1986; Chandra Talpade Mohanty, Under Western Eyes, in: Feminist Review, 30 (1988), S. 61-88; Heidi Safia Mirza, Black British Feminism, London 1997.
3.
Vgl. Michelle M. Wright, Becoming Black, Durham 2004, S. 132.
4.
Vgl. Ester Ngan-Ling Chow/Doris Wilkinson/Maxine Baca Zinn (eds.), Race, Class & Gender, Thousand Oaks u.a. 1996; Angela Yvonne Davis, Women, race & class, New York 1983; Gail Lewis, From deepest Kilburn, in: Liz Heron (ed.), Truth, Dare or Promise, London 1985; Avtra Brah/Anne Phoenix, Ain't I A Woman?, in: Journal of International Women's Studies, 5 (2004) 3.
5.
Vgl. Kimberlé Crenshaw, Demarginalizing the Intersection of Race and Sex, in: Feminist Theory and Antiracist Politics, University of Chicago Legal Forum, 1989, S. 149.
6.
Vgl. Susanne Baer/Melanie Bittner/Anna Lena Gottsche, Mehrdimensionale Diskriminierung, Berlin 2010.
7.
Gundula-Axeli Knapp, "Intersectionality", in: Feministische Studien, 1 (2005), S. 71.