Polizeifahrzeuge stehen am Mittwoch (09.11.2011) vor einem durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau. Die Explosion soll im Zusammenhang mit weiteren Verbrechen stehen. In dem Haus in Zwickau lebten zwei mutmaßliche Bankräuber und eine 36 Jahre alte Frau, die derzeit von Ermittlern befragt wird. Die beiden Männer hatten sich nach Angaben der Polizei am vergangenen Freitag selbst getötet. Sie werden verdächtigt, etwas mit dem Mord an der Polizistin Michele K. zu tun gehabt zu haben. Sie war 2007 in Heilbronn erschossen worden, ihr Kollege wurde schwer verletzt. Foto: Jan Woitas dpa/lsn
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Im Untergrund, aber nicht allein

30.4.2012

Unbehelligt in den Untergrund



Als Beamte des Landeskriminalamtes in Thüringen Ende Januar 1998 die Wohnungen von Beate Zschäpe und Uwe Mundlos aufbrachen sowie von Uwe Böhnhardts Mutter in das Zimmer ihres Sohnes vorgelassen wurden, offenbarte sich ihnen eine Welt neonazistischer Fanatiker. Eine Reihe von Bombenattrappen in der Region um Jena hatte sie zur Sprengstoffwerkstatt und dem braunen Innenleben des Trios geführt. Schnell war klar: Das waren keine harmlosen Mitläufer. Diese drei waren ideologisch gefestigt und gefährlich kreativ. In Beate Zschäpes Wohnung, im sechsten Stock eines Hochhauses, wunderten sich die Polizisten nicht nur über das Wanddekor über der Wohnzimmercouch (Armbrust, Pistole, Wurfstern, Macheten und ein Gewehr) - neben Bildern, die das "Dritte Reich" verherrlichen, fanden sie auch ein handgefertigtes Brettspiel mit der Bezeichnung: "Pogromly", eine Art antisemitisches Monopoly.

Mit dem Anrücken der Polizei verschwanden die Verdächtigen. Erst zwei Tage später, am 28. Januar 1998, wurden Haftbefehle erlassen. Zeit genug zum Abtauchen für Neonazis, die sich längst mit solch einem Szenario beschäftigt hatten. Sie schienen es geradezu darauf angelegt zu haben. Immerhin waren sie Teil einer Neonazi-Szene, die in den 1990er Jahren hochexplosiv war. Die drei hatten sich vor ihrem Verschwinden aus Jena nicht einmal Mühe gegeben, Spuren zu verwischen. So hätten die Beamten bereits 1998 Anzeichen für ein bundesweit gut vernetztes, ideologisch geschultes, überaus radikales Tätertrio erkennen können. Den damals noch sehr jungen Neonazis war es nicht nur gelungen, genug TNT für mehrere Bomben zu besorgen, sie verfügten auch über Kontakte in ein militantes Unterstützerspektrum. Auch die Wahl der Fluchtorte in den folgenden Jahren, Chemnitz und Zwickau, schien kein Zufall zu sein. Sie bezogen Waffen über den wohl bekanntesten thüringischen Neonazi, Ralf Wohlleben, den bekannten Jenaer Szene-Laden "Madley" und Connections in Sachsen. Immer wieder wurden sie nach ihrer Flucht auch in Thüringen gesehen. Im Mai 1999 erhielt die Polizeiinspektion Eisenberg beispielsweise einen Hinweis, dass Uwe Böhnhardt sich mehrfach bei privaten Partys in Rudolstadt-Schwarza aufhalten sollte. Mehrmals traf er sich in den ersten Jahren mit seinen Eltern. Zudem scheinen viele frühe, wertvolle Hinweise in den Asservatenkammern der Polizei verstaubt zu sein. Allein eine damals beschlagnahmte Telefonliste, die Uwe Mundlos zugeordnet wird, liest sich wie ein Who-is-who der Fluchtunterstützer.

Und doch konnte es Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gelingen, unterzutauchen und in nur hundert Kilometer Entfernung die radikale Ideologie zu einer beispiellosen Mord- und Anschlagsserie auszubauen. Dabei hätten Alarmsignale wahrgenommen werden können. Nicht nur, dass neben den thüringischen Geheimdienstinformanten auch ein V-Mann aus Brandenburg behördenintern vor dem Fluchtziel "Raum Chemnitz" warnte, sondern tatsächlich sozialisierten bzw. radikalisierten sich die drei Neonazis mitten unter "Kameraden" und "Kameradinnen" in einer Zeit, die von zahlreichen Anschlägen auf "Ausländer" und "Fremde" geprägt war. Die 1990er Jahre waren gekennzeichnet von einer Aufrüstung der Szene: Sprengstoff- und Waffenfunde gab es bei diversen Gruppen. Auch im Jahr 2000 hatten sich die Funde von Waffen, Munition und Sprengstoff im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Mindestens 15 Homepages mit Bombenbauanleitungen wurden entdeckt, und zwischen 1999 und 2002 gab es 178 Funde von hochexplosivem Material und Brandvorrichtungen bei Neonazis. Und doch schien die wachsende Militanz von den beobachtenden Geheimdiensten nicht allzu ernst genommen zu werden. Immer wieder wurden bewaffnete Neonazis auch von der Polizei als subkulturell geprägte Einzeltäter abgetan. In einem 2004 gefertigten geheimen Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz "Gefahr eines bewaffneten Kampfes deutscher Rechtextremisten" wurde nur vor einem möglichen "Feierabendterrorismus" gewarnt.

Gleich nach der Flucht erhielten die "Bombenbastler" Hilfe von der B&H-Sektion Sachsen, obwohl ausgerechnet diese wegen illegaler Musikproduktionen und zunehmender Militanz seit 1998 bis zum Verbot der Blut-und-Ehre-Strukturen unter besonderer Beobachtung stand. Dennoch gelang es, das Trio bei "Kameraden" unterzubringen. Sogar Waffen sollten besorgt werden. Wie von unsichtbaren ideologischen Fäden dirigiert, handelte der NSU ab 1999 nach der Szene-Parole "Taten statt Worte". Indizien weisen heute darauf hin, dass auch die eigene politische Szene verstärkt mobilisiert werden sollte. So heißt es zum Beispiel im Asservat "NSU Brief.cdr" vom März 2002, das auf einem Computer in den Resten des Zwickauer Hauses sichergestellt werden konnte: "Jeder Kamerad ist gefragt! Auch du!! Gib dein bestes - Worte sind genug gewechselt, nur mit Taten kann ihnen Nachdruck verliehen werden." Weiter wird darin betont, dass der NSU "keine abstrakte Sache" sei, denn "jeder Kamerad gehört dazu, sofern er den Mut findet zu handeln und seinen Beitrag zu leisten". Schließlich wird noch darauf hingewiesen, dass der "Erfolg" in Zukunft "auch von deinem Verhalten" abhänge, eine Verbreitung des Schreibens sei erwünscht.

Das frühe, intensive Studium konspirativer Schriften spricht für die These, dass der NSU nicht autark handelte. Ob über das Netzwerk des "Thüringischen Heimatschutzes", das von "Blood & Honour" oder über die internationalen Strukturen der elitären "Hammerskins" - es ist durchaus denkbar, dass sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bemühten, langfristig die größtmöglichste Anerkennung innerhalb eines konspirativen Milieus zu sichern. Immerhin hieß es schon in einem der B&H-Papiere wohlweislich: "Diese einsamen weißen Wölfe müssen respektiert und allein gelassen werden, um die schlimmsten Feinde unserer Rasse zu verfolgen. Sie erwarten keine Unterstützung und Hilfe, aber sie verdienen Anerkennung und Verständnis".

Beate Zschäpe, Untersuchungsgefangene 4876/11/3 in Köln-Ossendorf, schweigt zu den Vorwürfen gegen sie. Doch bei Haftvorführungen erzählt sie schon mal davon, dass echte Freundschaften im Untergrund nicht möglich gewesen seien und dass sie zuletzt gar nicht mehr auf ihren richtigen Namen gehört habe. Berechnend klingt dagegen die Ankündigung, sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen.