A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Rainer Herrn

Ver-körperungen des anderen Geschlechts - Transvestitismus und Transsexualität historisch betrachtet

Aushandlungen

Im Kontext der um die Jahrhundertwende zunehmenden Verwissenschaftlichung, Popularisierung und Politisierung der Homosexualität begann auch der Selbstdiskurs der Cross-Dresser und Geschlechtswechsler. Mit der Etablierung einer Homosexuellenbewegung in Gestalt des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (1897) wurde der Homosexuelle in der Öffentlichkeit ein geläufiger Sozialcharakter. Infolge seiner Funktion als Mitbegründer und Sprachrohr der Vereinigung avancierte Magnus Hirschfeld zur Schlüsselfigur dieser Emanzipationsbewegung und für deren Klientel zum wichtigsten Ansprechpartner in wissenschaftlichen, rechtlichen, aber auch ganz alltäglichen sozialen Fragen. Ausgehend von seinen Forschungen über sexuelle Zwischenstufen entwickelte er im Rückgriff auf Ulrichs die Auffassung, dass jeder Mensch eine Mischung aus männlichen und weiblichen, körperlichen und seelischen Eigenschaften sei. Ab 1903 setzte sich für diesen Ansatz der Begriff "Zwischenstufentheorie" durch, wobei Homosexuelle und Hermaphroditen die prominentesten Vertreter darstellten.

Cross-Dresser bildeten bei Hirschfeld zunächst keine eigenständige Kategorie, auch er begriff ihre Passion als Anzeichen von Homosexualität. Dies lässt sich in vielen Texten sowie anhand der ersten und einzigen Abbildung eines "Homosexuellen" aus seinem programmatischen Aufsatz im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen von 1899 erkennen (s. Abbildung 4 der PDF-Version). Das Jahrbuch war darauf angelegt, über die ganze Fülle mischgeschlechtlicher Formen zu berichten. Dort erschienen wichtige Arbeiten zum Hermaphroditismus wie auch die erste zum Cross-Dressing überhaupt. Diese stammt nicht von einem ärztlichen Experten, sondern aus der Feder eines Cross-Dressers (s. Abbildung 5 der PDF-Version). Dieser beschreibt sich zunächst in Anlehnung an Vordiskussionen als Urning, "welcher zu der Gruppe der ausgeprägtesten Effeminierten gehört".[15] Obwohl seine Passion auf die Neigung, Frauenkleider zu tragen, begrenzt war und er von einer "Liebesbeziehung" zu einer Frau berichtet, schreibt er weiter: "Es kann nicht mehr festgestellt werden, ob sich in frühester Jugend schon Erscheinungen von Homosexualität bemerkbar machten."[16] Als Hirschfeld diesen Mann knapp zehn Jahre später in der Kasuistik seiner Monografie "Die Transvestiten" beschrieb, kommentierte er dessen damalige Selbsteinordnung mit der Bemerkung: "Er bezeichnet sich dort irrtümlicherweise als Urning, während er selbst ausdrücklich angibt, sein Geschlechtstrieb sei stets auf das Weib gerichtet gewesen." [17] 1910 gibt jener Cross-Dresser nun auch an: "Homosexuell bin ich nicht, im Gegenteil, ich kann sagen, ich bin ein echter Don Juan gewesen."[18] Der Wandel in dieser Selbst- und Fremdzuordnung setzte erst ein, als ein alternatives, passenderes Konzept vorlag, das die Differenz zwischen sexuellem Begehren und Kleidervorliebe betonte. Während sich einige Cross-Dresser an der sexualpathologisch hergestellten "Verwandtschaft" mit den Homosexuellen nicht störten, fühlten sich andere missverstanden und versuchten, sich dezidiert abzugrenzen.

Auch in der allgemeinen Öffentlichkeit war die Zuordnung der Cross-Dresser zu den Urningen verbreitet. Ein vom Sexualwissenschaftler Iwan Bloch beschriebener Mann berichtete, dass er vergeblich versuchte, bei seiner Frau Verständnis für seine Neigung zu wecken. Sie forschte nach, indem sie andere Frauen befragte: "Diese wußten ihr über Männer, die so veranlagt wären wie ich, nur Schlechtes und Gemeines zu berichten, ich sollte unbedingt ein Urning sein (...)."[19] Das Image des Urnings oder Homosexuellen war negativ besetzt, sodass die Bezeichnungen auch als Schimpfwort gebraucht wurden. Dies gab Anlass zur Distanzierung. So beschreibt ein von Hirschfeld als Transvestit porträtierter Mann sich wie folgt: "Von sonstiger Homosexualität aber ist keine Spur vorhanden. Urninge und effeminierte Männer verachte ich tief." [20] Die ablehnende Haltung der Cross-Dresser gegenüber den Homosexuellen veranlasste sie dazu, Hirschfeld anzuregen, sich ihrer anzunehmen: "Ich kann es nicht begreifen, dass sich die Wissenschaft nicht mit den Effeminierten abgibt, wo es doch etwas Alltägliches und Natürliches ist; und leider werden wir fälschlich auch noch oft für Päderasten gehalten."[21] Damit initiierten die Cross-Dresser einen Dialog, im Zuge dessen Hirschfelds Entwurf des Transvestitismus entstand.

Andererseits gab es auch bei homosexuellen Männern das Bedürfnis, sich von der sichtbaren Effeminierung der Cross-Dresser zu distanzieren; ihnen war der Abstand mindestens ebenso wichtig wie umgekehrt. Die in Hirschfelds "Zwischenstufentheorie" vorgenommene Verknüpfung von männlicher Homosexualität mit Weiblichkeit provozierte beim viril orientierten Flügel der Homosexuellenbewegung Protest, wie ihm durchaus bewusst war: "Der großen Mehrzahl der Homosexuellen, nicht nur der virileren, ist die Verkleidung direkt unsympathisch."[22]

Die als Zerrbild wahrgenommene Darstellung Hirschfelds führte 1907 innerhalb des Wissenschaftlich-humanitären Komitees zur Sezession. Nach Auffassung der tendenziell misogynen Sezessionisten machte Hirschfeld die Homosexuellen zu "Halbweibern" und "einer Art psychischer Mißgeburt", wie ihr Wortführer Benedikt Friedländer es nannte. Das Ziel der Homosexuellenbewegung, die Abschaffung des Paragrafen 175 Reichsstrafgesetzbuchs (RStGB), erforderte aber gerade eine Bündelung der Kräfte, was ein konsensfähiges Bild vom Homosexuellen voraussetzte. Die Herstellung eines Konsenses zwischen den Lagern dürfte daher ein weiteres Motiv für die Trennung der Effeminierten von den Homosexuellen gewesen sein; die Einführung der neuen Kategorie "Transvestiten" kann somit als Konzession an Hirschfelds Opponenten in der Homosexuellenbewegung gelesen werden.

Schwierigkeiten der Transvestiten ergaben sich jedoch nicht nur aus den stigmatisierenden Fremdzuschreibungen ihrer Eigenart, sondern vor allem aus juristischen Konsequenzen. Obwohl das deutsche Strafrecht der Kaiser- wie der Weimarer Zeit das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts nicht ausdrücklich sanktionierte, waren Personen, die polizeilich als Transvestiten erkannt wurden, wegen der "Erregung öffentlichen Ärgernisses" und somit "Störung der öffentlichen Ordnung" mit empfindlichen Strafen bedroht. Bei vielen Transvestiten beiderlei Geschlechts blieben aufgrund ihres Körperbaus, Haarwuchses, Gesichtsschnittes, ihrer Bewegungen oder der Stimmlage trotz noch so perfekter Aufmachung Spuren des Herkunftsgeschlechts wahrnehmbar. Abbildung 6 soll die Irritationen in der öffentlichen Geschlechter-Performanz illustrieren. Einige Transvestiten wurden deshalb von der Polizei festgenommen und mussten als "Wiederholungstäter" Haftstrafen verbüßen. (s. Abbildung 6 der PDF-Version)

Für diesen Personenkreis handelte Hirschfeld gemeinsam mit seinem Kollegen Iwan Bloch um 1910 mit der Polizeibehörde eine Übereinkunft aus, nach der von einer Festnahme abgesehen wurde, wenn die Betreffenden eine polizeilich bestätigte Bescheinigung vorlegen konnten, die sie als ärztlich beglaubigte Transvestiten auswies. Der "Transvestitenschein" wurde in der Folge häufig ausgestellt (s. Abbildung 7 und 8 der PDF-Version). Zu dieser Zeit hatte sich besonders in Berlin eine vielfältige Transvestitenkultur mit eigenen Lokalen, Treffpunkten, Organisationen und Zeitschriften entfaltet.

Dank einer mündlichen Übereinkunft mit dem Preußischen Justizminister war es ab 1921 in einem gutachterlichen Verfahren möglich, eindeutig auf das Geschlecht verweisende Vornamen durch einen neutralen, etwa Alex oder Toni, zu ersetzen; in einem Fall gelang sogar die Umschreibung des Personenstandes. Vornamensänderungen gaben die Behörden in Verwaltungszeitungen bekannt, was einem amtlichen Outing gleichkam: Die Anzeigen enthielten die Klarnamen, persönlichen Daten und Wohnadressen der Betreffenden. Beide Praxen bedeuteten ein doppeltes Abhängigkeitsverhältnis der Transvestiten, nämlich vom Wohlwollen der Gutachter und der Überzeugungskraft ihrer ärztlichen Expertise - schließlich war die Anerkennung von Hirschfelds durchaus nicht unumstrittenem Transvestitismus-Konzept die Voraussetzung. Abhängig waren sie aber auch vom Verständnis der Polizei und Justiz, auf deren Genehmigung sie angewiesen und deren Kontrollwillkür sie ausgeliefert waren. Insofern hatten die Transvestiten trotz dieser Liberalisierungen also auch weiterhin einen prekären Status inne.

Fußnoten

15.
J.G.F. Lehrer, Ein Fall von Effemination mit Fetischismus, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 2 (1900), S. 325.
16.
Ebd.
17.
Magnus Hirschfeld, Die Transvestiten, Berlin 1910, S. 74.
18.
Ebd., S. 76.
19.
Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, Berlin 1907, S. 595f.
20.
M. Hirschfeld (Anm. 17), S. 73.
21.
Ebd., S. 115.
22.
Ebd., S. 189.