A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Susanne Schröter

Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive

Hijras und khusras

Zu den bekanntesten Formen des dritten Geschlechts gehören die indischen hijras, die in vielen lokalen Diskursen als Intersexuelle bezeichnet und mit einer vergangenen göttlichen Ordnung in Verbindung gebracht werden, von der man annimmt, dass sie ungleich besser war als die Gegenwart, weil sich die Gegensätze der Welt noch nicht herausgebildet hatten. Hijras gelten als mit übernatürlichen Kräfte begabt, die sie zum Guten oder zum Bösen einsetzen können. Eine ihrer vornehmsten Aufgaben besteht darin, Neugeborene zu segnen und die Kontinuität menschlicher Fruchtbarkeit zu sichern. Zu diesem Zweck besuchen sie Familien, in denen gerade ein Kind geboren wurde, tanzen, singen und führen Imitationen der Geburtsszene auf. Religiöse Handlung und Entertainment gehen dabei Hand in Hand. Für ihre Dienste erhalten sie Naturalien und Geld. Wie sehr diese Entlohnung im Vordergrund der Aktivitäten der hijras steht, wird daran ersichtlich, dass es auf solchen Festen häufig zu Streitigkeiten über die Höhe der Bezahlung kommt und dass hijras nicht nur auf Einladung einer Familie erscheinen. Sie ziehen eigenständige Erkundungen über zu erwartende Entbindungen ein und kommen, wenn eine Einladung ausbleibt, auf eigene Initiative. Diejenigen, die den bezahlten Segen verweigern, bedrohen sie mit einem Fluch. Säuglinge mit unbestimmtem Geschlecht sollen, so sagt man, von den hijras als ihresgleichen mitgenommen und in ihren Gemeinschaften aufgezogen werden.

Entgegen dieser idealisierten Konzeption spirituell begnadeter Intersexueller werden die meisten hijras allerdings nicht mit uneindeutigem, sondern mit eindeutig männlichem Geschlecht geboren. Sie sind Homosexuelle oder Transsexuelle, die hijras werden, da die indische Gesellschaft sexuelle männliche Devianz nur in dieser Form akzeptiert. Einige von ihnen lassen sich kastrieren.[1] Die Ethnologin Serena Nanda vergleicht die kastrierten hijras mit dem Gott Shiva, der sich selbst kastrierte und seinen zur Erde geschleuderten Phallus zu einem reinen Symbol der Fruchtbarkeit transformierte.[2] Ob entmannt oder intersexuell, hijras haftet in jeder der beiden Formen ein Aspekt des Göttlichen an: Sind sie Intersexuelle, so gelten sie von Natur aus mit dem Heiligen gezeichnet und stehen der Göttin nahe; sind sie Männer, so bringen sie sich selbst zum Opfer und symbolisieren die vollkommene Hingabe.

Aller Heiligkeit zum Trotz ist der Alltag der hijras durch ein Leben am Rand der Gesellschaft gekennzeichnet. In der Vergangenheit dienten sie als Haremswächter, Ratgeber und Narren an den Höfen der Mogule, und es war ihnen erlaubt, obszöne und beleidigende Reden zu führen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.[3] Auch heute noch ist ihr gesamtes Auftreten burlesk, provokativ und strotzt vor sexuellen Anspielungen. Da mit Segnungen allein der Lebensunterhalt nicht bestritten werden kann, arbeiten hijras primär als aggressive Bettler und Prostituierte und drohen damit, ihr unverhülltes kastriertes Genital zu entblößen, wenn man ihnen die geforderten Almosen verweigert. Ihre Gemeinschaften, stets unter Führung eines Gurus, gleichen organisierten Bordellbetrieben, in denen Ausbeutungsstrukturen vorherrschen und die Führerinnen sich auf Kosten der anderen Mitglieder bereichern.

Obwohl der religiöse Hintergrund des Phänomens gern in den Vordergrund gestellt wird, ist die Motivation, hijra zu werden, nur selten religiös begründet. In einem eindrucksvollen Dokumentarfilm hat Michael Yorke einige hijras über einen längeren Zeitraum beobachtet und herausgearbeitet, dass sich in dieser Institution ein gesellschaftlich akzeptiertes Lebensmodell für männliche Homosexualität verbirgt, für das in der konservativen indischen Gesellschaft kein Platz ist.[4] Dies gilt allerdings nur für Homosexuelle, die einen weiblichen Part für sich beanspruchen, Personen, die wir in unserem Kategoriensystem als Mann-zu-Frau-Transsexuelle bezeichnen. Für sie stellt die Gemeinschaft der hijras einen Schutzraum oder sogar eine neue Familie dar, die einen Ersatz für das Zuhause bietet, dass sie verlassen mussten. Hier können sie ihre Vorliebe für weibliche Kleidung und Make-up ausleben, eine neue Identität und einen angemessenen Rahmen für ihre erotischen Passionen finden. Häufig definieren sie ihre Entmannung auch als Beweis ihrer Hingabe an ihren männlichen Geliebten - für den sie ganz Frau sein wollen - und erwarten im Gegenzug für ihr Opfer seine Treue. Das angestrebte Ideal orientiert sich an der heterosexuellen Beziehung, und manche hijras adoptieren sogar Kinder, für die sie die Rolle einer Mutter übernehmen.

Obgleich das Phänomen der hijras im hinduistischen Kontext angesiedelt ist, hat die Religion keine konstituierende Funktion. Es gibt nämlich ein pakistanisch-muslimisches Äquivalent, das khusra genannt wird. Wie von hijras erzählt man sich von khusras, sie wären eigentlich Intersexuelle und würden intersexuelle Babys von deren Eltern fordern und in ihre Gemeinschaften integrieren. Die Anthropologin Hanya Rais bestreitet den Wahrheitsgehalt solcher Erzählungen und reduziert das Phänomen auf eine homosexuelle Subkultur. Khushras seien "individuals in whose male bodies a female spirit is trapped".[5] Die Idealisierung der Intersexualität produziert eine eigene Hierarchie innerhalb der khusra-Subkultur, an deren Spitze, nach Rais, diejenigen stehen, die sich dem Kastrationsritual unterzogen haben, während khusras, die noch nicht kastriert sind, oder temporäre Homosexuelle (zenanas) als weniger rein gelten. Wie hijras begründen khusras das Besondere ihrer Existenz mit religiösen Erklärungen, denen zufolge das intermediäre Geschlecht, das weder Mann noch Frau sei, vor Gott privilegiert würde. Khusras behaupten, ihre Vorfahren hätten das Grab des Propheten Mohammed gepflegt; sie sind häufig Anhänger lokaler Heiligenkulte und praktizieren eine mystisch ausgerichtete Form des Islam. Wegen ihrer Frömmigkeit - viele wohlhabende khusras haben eine Pilgerreise nach Mekka unternommen - und ihrer guten Werke werden sie von der Bevölkerung, mit der sie leben, geachtet.

Die positive Konnotation des Intersexualismus, des Weder-Mann-noch-Frau-Seins, geht sowohl bei hijras als auch bei khusras auf spezifische religiöse Vorstellungen zurück, die entweder auf lokale Kulte beschränkt sind oder, wie im Hinduismus, Anschluss an verschriftlichte Ideen über das göttliche Pantheon gefunden haben. Dabei steht entweder die natürliche geschlechtliche Uneindeutigkeit mit der Konnotation des Zeichens als Auserwählte oder das Opfer im Vordergrund. In beiden Fällen fungiert das religiös legitimierte Muster als Vorlage für geduldete erotische Passionen, seien sie primär homosexuell oder transvestitisch, die in der jeweiligen Gesellschaft unterdrückt werden. Die Institution der hijras und khusras ist somit kein Zeichen von Liberalismus oder gar der Nicht-Existenz einer rigiden Geschlechterordnung, sondern ein Ventil für diejenigen, die aufgrund ihrer Biologie oder ihres devianten Begehrens aus dem vorgegebenen starren Rahmen herausfallen.

Fußnoten

1.
Einige hijras sind weder kastriert noch intersexuell. Nach dem Soziologen A. M. Shah werden sie jedoch als Fälschungen (fake) eingestuft. Vgl. A.M. Shah, A note on the hijras of Gujarat, in: American Anthropologist (AA), 63 (1961), S. 1325-1330.
2.
Vgl. Serena Nanda, Gender diversity. Crosscultural variations, Prospects Heights 2000, S. 31.
3.
Vgl. Kira Hall, "Go and suck your husband's sugarcane!" Hijras and the use of sexual insults, in: Anna Livia/Kira Hall (eds.), Queerly phrased. Language, gender, and sexuality, Oxford 1997, S. 432ff.; Naqvi Nauman/Hasan Mutjaba, Two Baluchi buggas, a Sindhi zenana, and the status of hijras in contemporary Pakistan, in: Stephen O. Murray/Will Roscoe (eds.), Islamic homosexualities. Culture, history, and literature, New York 1997, S. 265.
4.
Vgl. Michael Yorke, Eunuchs - India's third gender. Video, BBC, London 1991. Vgl. auch George M. Carstairs, Hijras and Jiryan. Two derivatives of Hindu to sexuality, in: British Journal of Medical Psychology, 29 (1959), S. 128-138.
5.
Hanya Rais, The socio-economic organization of the khusra community of Rawalpindi, unveröff. Diss., Quaid-e-Azam Universität, Islamabad 1993, S. 28.