A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Susanne Schröter

Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive

Geschworene Jungfrauen

Die überwiegende Anzahl aller Phänomene des dritten Geschlechts betreffen Personen, die als Mann-zu-Frau-Wechsler bezeichnet werden kann. Nur in Ausnahmefällen übernehmen Frauen männliche Identitäten und Rollen. Daher ist das Beispiel der "geschworenen Jungfrauen" des südlichen Balkans ein ganz besonderes. Es handelt sich um Personen weiblichen Geschlechts, die einen männlichen Habitus pflegen und in ihrer männlichen Rolle von der Gesellschaft anerkannt werden. Geschworene Jungfrauen besitzen einen männlichen Namen, tragen männliche Kleidung, einen männlichen Haarschnitt, rauchen und trinken. Sie gehen ausschließlich "männlichen" Tätigkeiten wie pflügen, Holz hacken oder Heu machen nach, tragen Waffen und nehmen an Jagden und kriegerischen Handlungen teil. Ihre Verhaltensweisen entsprechen dem albanischen Männlichkeitsstereotyp, und man findet sogar ausgesprochene Mysogynisten.[15]

Häufig haben sich die "geschworenen Jungfrauen" ihr Schicksal als Mann nicht selbst ausgesucht, sondern sind, nach dem Tod des Vaters oder Bruders oder schlicht weil sie die einzigen Erben eines Hauses waren, in diese Rolle hineingedrängt worden. Der Hintergrund eines solchen sozialen Geschlechtswechsels ist die patriarchale albanische Gesellschaftsordnung, die auf einer strengen geschlechtlichen Arbeitsteilung und der Vorrangstellung des Mannes basiert. Da die Aufgaben im Haus und auf dem Feld geschlechtsspezifisch definiert werden, ist es für Frauen wie für Männer unmöglich, alleine zu leben. Wenn eine Frau fehlt, hilft jemand aus der Verwandtschaft aus, doch ein Mann lässt sich nicht so leicht ersetzen. Er muss die Familie nach außen vertreten, muss in Konflikten Stärke demonstrieren, die Ehre der weiblichen Mitglieder des Hauses verteidigen und Angriffe gegebenenfalls mit der Waffe in der Hand zurückschlagen. Interessanterweise verbindet man die maskulinen Qualitten Stärke, Aggression, Mut und die Bereitschaft, im Kampf zu sterben, nicht mit einem spezifisch männlichen oder weiblichen Körper. So lange genügend Männer zur Verfügung stehen, ist es keine Frage, wer diese Aufgaben übernimmt, doch im Bedarfsfall traut man einer biologischen Frau durchaus zu, als vollwertiger Mann zu agieren.

Dennoch muss man jedwede Idealisierung eines problemlosen Geschlechts(rollen)wechsels infrage stellen. "Geschworene Jungfrauen" sind keine wirklichen Männer, sondern eben Jungfrauen, eine besondere Gattung der Zwischen-den-Geschlechtern-Stehenden. Die Begriffe muskobanja, "männliche Frau", zena covjec, "Frau-Mann", oder momak djevojka, "Mädchen-Junge", verdeutlichen dies. Meist nennt man sie jedoch tobelija, "die einen Schwur abgelegt haben", den Schwur nämlich, niemals zu heiraten oder eine sexuelle Beziehung einzugehen. Tobelija verharren in einem intermediären Status zwischen den Geschlechtern. Eine männliche Funktion bleibt ihnen immer versagt: die physische Reproduktion der Familie und eine eigene Sexualität. Offizielle Verlautbarungen betonen, dass diesbezügliche Vergehen mit dem Tod geahndet werden, doch nach dem Anthropologen René Grémaux soll es in der Praxis vorgekommen sein, dass "geschworene Jungfrauen" sich von ihrem Status verabschiedet und geheiratet haben.[16] Ungeklärt ist, ob lesbische Beziehungen möglich sind und der Jungfrauenstand eventuell eine Nische für weibliche Homosexualität darstellt. Kommentierungen weiblicher Attraktivität sind den Jungfrauen im Rahmen ihres männlichen Habitus erlaubt, und Grémaux vermutet, dass die Institution der "Blutsschwesternschaft" ein weiteres Indiz dafür sein könnte.[17] Eine soziale Alternative für eine traditionelle weibliche Lebensweise scheint die Jungfrauenschaft auf jeden Fall zu sein, denn entgegen der üblichen Rechtfertigungsnarrative sind nicht alle tobelija das Produkt eines familiären Männermangels. Einige haben sich für die Rolle der Jungfrau entschieden, um einer unliebsamen Heirat zu entgehen, andere, weil sie die weibliche Rolle ablehnen.[18] Die Institution der tobelija macht solche Subversionen möglich, ist aber, darüber besteht in der Forschung kein Zweifel, keine institutionalisierte Nische für weibliche Rebellinnen. Der vornehmliche Zweck ist vielmehr die Aufrechterhaltung der patriarchalen heterosexuellen Ordnung in Zeiten des Männermangels.

Fußnoten

15.
Vgl. René Grémaux, Woman becomes man in the Balkans, in: Gilbert H. Herdt (ed.), Third sex, third gender. Beyond sexual dimorphism in culture and history, New York 1994, S. 271.
16.
Vgl. ebd., S. 270.
17.
Vgl. ebd., S. 271.
18.
Vgl. Antonia Young, Women who become men. Albanian sworn virgins, Oxford 2000, S. 72.