Inhaltliche Daten
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Sprachförderung in Kindertagesstätte 'Drimbornstraße' in Troisdorf. Auf spielerische Art werden von den Erzieherinnen die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder auch schon in sehr frühem Alter gefördert und unterstützt. (model released) Troisdorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 13.06.2006
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Schlagworte
Familie , Menschen , reading , Spiele , Reader , blond , Spiel , Kind , lesendes , Kita , Bildung , Bücher , Sprache , Kultur , Lesen , Pädagogik , EDU , Kleinkind , UPBRINGING , FAMILY , Buch , Kindertagesstätte , Kitas , Mädel , Kindergartenplatz , Vorschule , Kindergärten , Kinder , Förderung , Bilderbuch , Soziales , Mädchen , Spielen , GAMES , Gesellschaft , vorschulisch , Begabung , Kindergarten , Mensch , Intelligenz , Personen , vorschulische , Bilderbücher , Bildungswesen , LANGUAGE , Erziehung , lesend , Alter 2-4 , CULTURE (GENERAL) , Kindertagesstätten , Kleinkinder , Lesender , Lernen , PRESCHOOLING , Familien , Lesende , Person , frühkindliche Erziehung
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Überschrift 
Sprachförderung in de...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Deutschland  
Provinz
Nordrhein-Westfalen
Ort
Troisdorf
Aufnahmedatum
20060613
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Rechtliche Daten
Bildrechte
 Verwendung weltweit
Besondere Hinweise
2598 x 1738
Rechtevermerk
picture alliance / JOKER
Notiz zur Verwendung
picture alliance/JOKER
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21.5.2012 | Von:
Sabina Pauen

Wie lernen Kleinkinder? Entwicklungspsychologische Erkenntnisse und ihre Bedeutung für Politik und Gesellschaft

Frühkindliche Hirnentwicklung

Wenn wir von prägenden Erfahrungen in der frühen Kindheit sprechen, dann liegt auf der Hand, dass solche Prägungen mit Veränderungen der Hirnstruktur einhergehen. Wie kann das geschehen? Menschenkinder werden weitgehend unreif geboren. So weist das Gehirn eines im siebten Monat frühgeborenen Kindes noch nicht einmal jene Furchung der Oberfläche auf, die für Neugeborene charakteristisch ist. Aber auch das termingerecht geborene Kind verfügt noch über ein unreifes Gehirn; sein Hirnvolumen wird sich innerhalb der ersten Lebensjahre verdreifachen. Diese Volumenzunahme ist nicht etwa auf einen Anstieg der Neurone zurückzuführen - ihre Anzahl bleibt nach der Geburt weitgehend konstant. Aber die Nervenzellen müssen zunächst noch wachsen, sich vernetzen und mit einer isolierenden Myelinschicht versehen werden, um voll einsatzbereit zu sein. Diese Prozesse der postnatalen Reifung sind nur teilweise genetisch festgelegt.

Der Reifungsprozess beim Menschen weist dabei eine wichtige Besonderheit auf: Sobald die Neurone ihren endgültigen Platz gefunden haben, beginnen sie, Kontakt mit anderen Neuronen aufzunehmen. Dafür bilden sie Schaltstellen, die sogenannten Synapsen. Im Unterschied zu den meisten anderen Tieren wird beim Menschen zunächst ein Überschuss an Synapsen gebildet. Dieser Überschuss baut sich dann innerhalb eines für jede Hirnregion charakteristischen Zeitraumes wieder ab. Für den visuellen Kortex spielt sich das vor allem im ersten Lebensjahr ab. Für den Frontalkortex, der mit höheren geistigen Leistungen in Verbindung gebracht wird, erfolgt der Anstieg und Abbau von Synapsen deutlich langsamer und ist erst nach der Pubertät abgeschlossen.[2]

In der Neuropsychologie wird heute diskutiert, ob der Anstieg und Abfall der Synapsendichte in bestimmten Hirnarealen zusammenfällt mit "sensiblen Perioden" der Entwicklung, in denen Erfahrungen prägende Wirkung haben. Auch wenn die Forschung, die Prägungsprozesse beim Kind systematisch mit Hirnreifungsprozessen zusammenbringt, bislang noch in den Kinderschuhen steckt, birgt die Beobachtung zeitlicher Parallelen doch eine bestechende Logik in sich. Man darf gespannt sein, welche Erkenntnisse die noch junge Disziplin der Entwicklungsneuropsychologie hier noch zutage fördern wird.

Was bedeuten die Erkenntnisse für Politik und Gesellschaft?

Bis hierhin sollte deutlich geworden sein, dass das Lernen schon vor der Geburt beginnt. Kaum haben Kinder das Licht der Welt erblickt, fühlen sie sich zu ganz bestimmten Reizen hingezogen, die biologisch für sie besonders bedeutsam sind. Rasch lernen sie, Personen und Gegenstände wiederzuerkennen, Kategorien zu bilden und kausal zu denken. Dabei helfen ihnen bereichsspezifische Wissenserwerbsmechanismen und möglicherweise auch angeborenes Kernwissen. Um sich der Umwelt offen und neugierig zuwenden zu können, braucht das Baby den Rückhalt von Menschen, zu denen es Vertrauen aufbauen konnte, weil sie seine Signale sensibel wahrnehmen und angemessen darauf eingehen. Konstanz bei den Betreuungspersonen, eine hohe Beziehungsqualität und regelhafte Abläufe im Alltag helfen dem Kind, rasch einen stabilen biologischen Rhythmus zu finden und der Welt mit Zutrauen zu begegnen. Damit sind wichtige Vorkehrungen dafür getroffen, Lernangebote unterschiedlichster Art aufzugreifen und sowohl unter Anleitung als auch selbständig Neues zu erfahren.

Weil sich das Gehirn von Säuglingen und Kleinkindern noch in der Entwicklung befindet, ist es sehr wahrscheinlich, dass frühe Erfahrungen in vielfacher Hinsicht prägende Wirkung haben. Gehirnreifung findet in ständigem Austausch und in Anpassung an die Umwelt statt und schließt sowohl Auf- als auch Abbauprozesse ein. Beide Arten von Veränderungen ermöglichen Fortschritte. Allerdings sollte man junge Kinder nicht aus der Angst heraus, neuronale Verbindungen würden wieder abgebaut, mit einem Überangebot an Anregungen konfrontieren. Vielmehr muss es darum gehen, möglichst gut zu erfassen, wann welche Art von Lernprozess bei einem Kind abläuft und wie man diese Prozesse am besten unterstützen kann.

Kinder sind unsere Zukunft - dieser Satz wird durch die moderne Entwicklungspsychologie, durch Studien von Wirtschaftswissenschaftlern und Hirnforschern klar untermauert. In keiner Phase des Lebens ist der Mensch mehr auf andere Menschen angewiesen als in der frühen Kindheit. Weil frühe Erfahrungen nachhaltige Effekte auf die Gestaltung des weiteren Lebenswegs haben, liegt eine große Verantwortung in unseren Händen. Folglich muss die Politik sich um günstige Rahmenbedingungen für die Gestaltung der ersten Lebensjahre kümmern. Nutzt sie diesen Einfluss in positiver Weise, so kann sie höchst effizient für mehr Chancengleichheit, Produktivität, Gesundheit und sozialen Frieden in der Gesellschaft sorgen.

Nicht umsonst wird derzeit so heiß um das Betreuungsgeld und den Ausbau der Krippenplätze diskutiert. Die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie zeigen, dass es nicht unbedingt darauf ankommt, von wem das Kind wo betreut wird. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Stabilität, emotionale Sicherheit sowie geistige und soziale Anregung am jeweiligen Ort von den Bezugspersonen geboten werden. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis müssen wir einerseits klären, ob eine häusliche Betreuung diesen Ansprüchen gerecht werden kann - gerade mit Blick auch auf jene Gruppen der Gesellschaft, deren Kinder normalerweise schlechtere Chancen haben, einen guten Platz in der Gesellschaft zu finden. Wir müssen uns aber unbedingt auch fragen, wie Krippen auszustatten sind. Sich Gedanken über die Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte zu machen, scheint dabei von außerordentlicher Wichtigkeit zu sein. Es gilt, vor allem über die Ausbildungswege und -inhalte für Krippenerzieher, über Qualitätssicherung und wissenschaftliche Begleitforschung zu diskutieren.

Hinterfragt werden sollte aber auch, ob es Sinn ergibt, einem allgemeinen Förderwahn zu verfallen und bereits Krippenkinder mit musikalischer Früherziehung, Sprachunterricht und weiteren Bildungsmaßnahmen zu strapazieren. Auch wenn es sicher wichtig ist, ein anregendes Lernumfeld zu schaffen, braucht es dafür nicht unbedingt Spezialkurse, besondere Spielmaterialien und schon gar kein Elitetraining. Viel wichtiger scheint die Art des Umgangs von Erwachsenen mit dem Kind. Eltern und Krippenerzieher sollten möglichst gut über frühkindliche Entwicklung Bescheid wissen, erkennen können, welche Entwicklungsschritte beim Kind gerade "dran" sind und das Kind fördern, wenn es dazu bereit ist.

Wir befinden uns momentan an einem Wendepunkt in der deutschen Familienpolitik. Krippenplätze werden flächendeckend ausgebaut, und das bisher in Westdeutschland vorherrschende Betreuungskonzept, nach dem Kinder bis zum dritten Lebensjahr ausschließlich in der Familie (von der Mutter) versorgt werden, steht zur Diskussion. Das bedeutet, dass wir in den nächsten Jahren einen bunten Mix an Betreuungskonzepten erleben werden. Mütter, Tagesmütter, Väter und Krippenpersonal werden sich um Säuglinge und Kleinkinder kümmern. Zahlreiche Förderprogramme sind auf dem Markt und bieten Babykurse aller Art. Krippen probieren unterschiedliche Bildungsprogramme aus. Diese Vielfalt an Lebenswelten bietet optimale Voraussetzungen dafür, durch eine anspruchsvolle Begleitforschung zu klären, worin tatsächlich die besten Rahmenbedingungen (oder Gefahren) für die weitere Entwicklung der Kinder bestehen. Im Sinne der nächsten Generation(en) sollten wir diese Chance unbedingt nutzen.

Fußnoten

2.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Gerald Hüther in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).