Inhaltliche Daten
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Sprachförderung in Kindertagesstätte 'Drimbornstraße' in Troisdorf. Auf spielerische Art werden von den Erzieherinnen die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder auch schon in sehr frühem Alter gefördert und unterstützt. (model released) Troisdorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 13.06.2006
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Schlagworte
Familie , Menschen , reading , Spiele , Reader , blond , Spiel , Kind , lesendes , Kita , Bildung , Bücher , Sprache , Kultur , Lesen , Pädagogik , EDU , Kleinkind , UPBRINGING , FAMILY , Buch , Kindertagesstätte , Kitas , Mädel , Kindergartenplatz , Vorschule , Kindergärten , Kinder , Förderung , Bilderbuch , Soziales , Mädchen , Spielen , GAMES , Gesellschaft , vorschulisch , Begabung , Kindergarten , Mensch , Intelligenz , Personen , vorschulische , Bilderbücher , Bildungswesen , LANGUAGE , Erziehung , lesend , Alter 2-4 , CULTURE (GENERAL) , Kindertagesstätten , Kleinkinder , Lesender , Lernen , PRESCHOOLING , Familien , Lesende , Person , frühkindliche Erziehung
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Überschrift 
Sprachförderung in de...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Deutschland  
Provinz
Nordrhein-Westfalen
Ort
Troisdorf
Aufnahmedatum
20060613
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Rechtliche Daten
Bildrechte
 Verwendung weltweit
Besondere Hinweise
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Rechtevermerk
picture alliance / JOKER
Notiz zur Verwendung
picture alliance/JOKER
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21.5.2012 | Von:
Stefan Danner

Partizipation von Kindern in Kindergärten: Hintergründe, Möglichkeiten und Wirkungen

Ergebnisse empirischer Untersuchungen

Zu der Frage, ob und welche Effekte Partizipation von Kindern in Kindergärten hat, liegen unter anderem die Ergebnisse zweier aufwendiger empirischer Studien vor. Die erste untersuchte von Oktober 2001 bis September 2003 sieben Kindertageseinrichtungen, die sich im Rahmen eines Modellprojektes des Landes Schleswig-Holstein dazu bereiterklärten, ihr pädagogisches Konzept stark zu verändern und Kindern die intensive Mitbestimmung im oben beschrieben Sinne zu ermöglichen. Die Daten wurden zu Beginn und am Ende der Modellprojektphase durch schriftliche und mündliche Befragungen der Fachkräfte in den sieben Kindertageseinrichtungen erhoben.[17] Gefragt wurde unter anderem: "Was haben die Kinder durch die verstärkte Partizipation gelernt?" Die Antworten darauf sind vielfältig: "Selbstständigkeit", "Selbstbewusstsein", "dass ihnen zugehört wird", "dass ihre Meinung zählt", "anderen zuzuhören", "Probleme anzusprechen", "andere Meinungen zu akzeptieren", "mit anderen zusammen Lösungen zu finden", "Entscheidungen zu treffen", "gemeinsam aufgestellte Regeln einzuhalten", "dass es Regeln gibt und dass trotzdem nicht immer alles klappt", "dass man sich einigen muss", "sich zur Wahl zu stellen", "für ein Amt zu kandidieren", "nicht genug Stimmen zu bekommen", "jemanden zu wählen", "eine Sitzung zu eröffnen", "hilfsbereit zu sein gegenüber Kleineren und Schwächeren", "dass sie etwas verändern können", "gemeinsam etwas zu planen und zu organisieren".[18] Insgesamt erhärten die Befragungsergebnisse die Vermutung, dass das Wirkungsspektrum der Konzeptumstellung hin zu mehr Partizipation in den untersuchten Modelleinrichtungen beträchtlich war. Wie es scheint, haben sich die Kinder nicht nur in ihrem Sozialverhalten positiv entwickelt, sondern auch ihr Wissen in vielerlei Hinsicht erweitert.

Eine andere Studie basiert auf einer Evaluation in zwei Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen (2009/2012). Diese war insofern aufwendiger und präziser, als nicht nur die Fachkräfte, sondern auch die Kinder und die Eltern befragt wurden; überdies wurden die Kinderkonferenzen von den Forscherinnen und Forschern beobachtet.[19] In den beiden untersuchten Einrichtungen gibt es eine Kita-Verfassung; in ihr sind die Kinderrechte und die Beteiligungsverfahren fixiert. Zu den festgeschriebenen Beteiligungsverfahren gehören die Kinder- und Gruppenkonferenzen sowie das Kinderparlament. In beiden Einrichtungen wird klar unterschieden zwischen Angelegenheiten, (1) bei denen die Kinder selbst entscheiden dürfen (zum Beispiel "Was sie im Kita-Alltag wo und mit wem machen, welche Person sie wickeln darf, wie sie sich im Innen- und Außenbereich der Kita kleiden, was und wie viel sie essen und trinken"), (2) bei denen die Kinder in bestimmten Grenzen mitentscheiden dürfen (zum Beispiel "die Gestaltung des Tagesablaufs, die Regeln des Zusammenlebens in der Kita, die Gestaltung der Innen- und Außenräume") und (3) über welche die Kinder nicht mitentscheiden dürfen (zum Beispiel "über Maßnahmen zur Gesundheitsfürsorge, über die Tischkultur, über Personalfragen (nur Anhörungsrecht)).[20]

Die Meinungen der zum Partizipationsprojekt befragten Eltern variierten; es gab sowohl Befürworter als auch Skeptiker. Letztere äußerten unter anderem folgende Bedenken: Das Thema Partizipation werde im Vergleich zu anderen Themen überbewertet und nehme zu viel Zeit in Anspruch; die Kinder könnten die Gefahren bestimmter Dinge nicht einschätzen und sollten daher auch nicht selbst oder mitentscheiden; man vernachlässige die Erziehung der Kinder; die Partizipation vergrößere die Bürokratie im pädagogischen Alltag.[21] Dennoch kam das Forschungsteam nach Auswertung aller Befragungs- und Beobachtungsdaten zu einem positiven Gesamtergebnis: "Die Evaluation konnte zeigen, dass durch die Einführung der Kita-Verfassung bei den Kindern sowohl Demokratiebildung als auch allgemeine komplexe Bildungsprozesse angestoßen wurden."[22] Die Autorinnen und Autoren der Studie sahen damit einen Nachweis dafür erbracht, "dass sich die Kinder durch die demokratische Verfasstheit der Kindertageseinrichtung zahlreiche demokratische Kompetenzen aneignen". Gemeint sei damit unter anderem, dass die Kinder lernen, Meinungen zu äußern und sich zu entscheiden, gemeinsam Ideen zu entwickeln und umzusetzen, Regeln einzuhalten, demokratische Verfahren "funktional zu praktizieren" sowie demokratisches Wissen auf Bereiche außerhalb der Kita zu übertragen; gemeint sei ferner, dass die Kinder ihre Frustrationstoleranz und Konzentrationsfähigkeit trainieren.[23]

Wie lassen sich die hier knapp referierten Untersuchungen einordnen? Beide Untersuchungen liefern Belege für die Behauptung, dass Partizipation von Kindern in Kindertageseinrichtungen realisierbar ist und dass konsequent und kompetent eingesetzte Beteiligungsverfahren nicht nur politisch bildend, sondern auch allgemein bildend wirken. Allerdings: Aufs Ganze gesehen ergeben die Daten der zwei Untersuchungen immer noch eine recht schmale empirische Basis. Anders gesagt: In Anbetracht des Gewichtes, welches das Thema mittlerweile erlangt hat, und angesichts der Fülle von Aspekten, die bei diesem Thema zu berücksichtigen sind, erscheint es ratsam, die Forschung zu intensivieren. Dabei müsste die Zahl der einbezogenen Kindertageseinrichtungen vergrößert, die Untersuchungsdauer verlängert und noch konsequenter mit Beobachtungsverfahren gearbeitet werden; überdies sollten auch Vergleiche mit Kontrollgruppen, in denen es keine Kita-Verfassungen gibt, bemüht werden.

Schluss

Eine Episode aus der Kindergartenpraxis veranschaulicht noch einmal die Mühen eines demokratisierten Alltags und das mit ihm verknüpfte Prinzip von Versuch-und-Irrtum:

"Die Fahrzeuge (Bobby-Cars, Dreiräder etc.) sind beliebte Spielzeuge im Außengelände. Da es sie aber nur in begrenzter Anzahl gibt, kommt es immer wieder zu Streit, wer welches Fahrzeug wie lange benutzen darf. Die Kinder beschweren sich bei den Kinderbesprechungen in den Gruppen, dass sie diese Situation doof finden. Einige stehen immer als Erste vor der Tür des Schuppens, in dem die Fahrzeuge aufbewahrt werden, andere geben die Fahrzeuge dann nur unter ihren Freunden weiter. Die Kinder beschließen: 'Das soll anders sein.' Die Fachkräfte unterstützen die Kinder dabei, eine Lösung zu finden, indem sie in den einzelnen Gruppen mit den Kindern Ideen sammeln, wie man diese Situation ändern könnte. Die Ideen werden im Kinderrat vorgestellt und diskutiert. Zuerst entscheiden sich die Kinder für die Lösung 'Abklatschen': Wenn einer ein Fahrzeug haben will, kann er abklatschen, und derjenige, der gerade auf dem Fahrzeug sitzt, muss es ihm geben. In der Probephase stellen die Kinder bereits nach einem Tag fest, dass diese Lösung unpraktikabel ist, weil ständig abgeklatscht wird und nun kein Kind mehr in Ruhe mit den Fahrzeugen spielen kann. Nach einer erneuten Diskussion findet der Kinderrat eine zweite Lösung: Jedes Kind darf 10 Minuten mit einem Fahrzeug fahren. Die Idee: Die Kinder steigen alle zur gleichen Zeit auf die Fahrzeuge und nach 10 Minuten zeigt die Erzieherin mit einer Trillerpfeife an, dass die Zeit um ist und nun andere Kinder fahren dürfen. Diese Variante wird eine Woche lang ausprobiert. So richtig zufrieden sind die Kinder auch mit dieser Entscheidung nicht. Auch die Fachkräfte sind nicht wirklich glücklich damit: 'Das geht jetzt zu wie auf dem Kasernenhof', bemerkt eine Erzieherin. Schließlich kommen einige Kinder auf die Idee, eine Haltestelle zu bauen: Wenn ein Kind mit Fahren fertig ist, stellt es das Fahrzeug auf einem Platz ab. Dort gibt es (wie bei einem Bus) eine Haltestelle, an der die Kinder, die fahren wollen, sich hinsetzen. Und das Kind, das vorne sitzt, ist als Nächstes dran."[24]

Fußnoten

17.
Vgl. R. Hansen et al. (Anm. 11), S. 8, S. 97.
18.
Ebd., S. 54.
19.
Vgl. Elisabeth Richter et al., Partizipation lohnt sich. Auswirkungen demokratischer Beteiligung von Kindern in Kindertageseinrichtungen, in: R. Hansen et al. (Anm. 9), S. 337.
20.
Ebd., S. 338.
21.
Vgl. ebd., S. 343f.
22.
Ebd., S. 343.
23.
Ebd., S. 341f.
24.
Raingard Knauer/Benedikt Sturzenhecker/Rüdiger Hansen, Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita. Gesellschaftliches Engagement von Kindern fördern, Gütersloh 2011, S. 124f.