Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Dieter Rucht

Massen mobilisieren

Bedingungen für Massenmobilisierung

1. Eine erste unabdingbare Voraussetzung für Proteste jeglicher Art ist das Vorhandensein eines Rohstoffs von negativen Gefühlen oder Wahrnehmungen: Unzufriedenheit, Ärger, Empörung, Ungerechtigkeit, Benachteiligung, Verlustängste usw. Das sind zunächst subjektive Eindrücke, die bei aller möglichen Übersteigerung und Verzerrung eine gewisse objektive Grundlage in gesellschaftlichen Verhältnissen, strukturellen Spannungen und Belastungen haben.

2. Eine zweite Voraussetzung ist der Eindruck, mit seinem Problem beziehungsweise Leid nicht allein zu stehen. Zuweilen, etwa im Falle von hungernden Slumbewohnern, ist dieser Eindruck kollektiver negativer Betroffenheit evident und bedarf keiner weiteren Vergewisserung. Zuweilen aber erfolgt die Wahrnehmung kollektiver Betroffenheit durchaus überraschend. Dies gilt zum Beispiel für viele Missbrauchsopfer in kirchlichen und säkularen Erziehungseinrichtungen, die zunächst ihr Schicksal als Einzelfall wähnten und erst aufgrund der öffentlichen Berichterstattung und Skandalisierung mit anderen Opfern Kontakt aufnahmen.

Besonders günstig für eine kollektive Mobilisierung ist es, wenn nicht nur die gleiche Art von Betroffenheit vorliegt, sondern die Betroffenen zudem einem ohnehin bestehenden sozialen Netz (Dorfgemeinschaft, Gewerkschaft, ethnische oder religiöse Gruppe usw.) angehören. Dann können ohnehin bestehende Kontakte und Affinitäten genutzt werden, um sich über die gemeinsame negative Betroffenheit auszutauschen und für Proteste zu mobilisieren. Der Soziologe Charles Tilly hat in diesem Zusammenhang die begünstigende Verbindung von kategorialer Betroffenheit und sozialem Netz hervorgehoben und in der Formel vom catnet (category and network) verdichtet.[4] Andere Autoren betonten den Vorteil der kompakten Mobilisierung von bereits bestehenden Gruppen und Organisationseinheiten (bloc recruitment) gegenüber einer Mobilisierung, die sich jeweils an Einzelpersonen richtet. Die Wahrnehmung gemeinsamer Betroffenheit muss freilich mit dem Eindruck verbunden sein, dass die eigene Lage – oder im Falle eines advokatorischen Engagements: die Lage der Bezugsgruppe – nicht einem wie immer gearteten Schicksal (etwa einer Naturkatastrophe) zuzurechnen ist, sondern dass dafür (andere) Menschen als Verursacher und Verantwortliche, somit auch als Adressaten von Protest, benennbar sind.

Problemdeutung und Schuldzuweisung können sich gleichsam naturwüchsig im Kreise der Betroffenen entwickeln. Sie können aber auch auf ausgefeilten Deutungsstrategien (Framing) beruhen, die auf Protestmobilisierung gerichtet sind. In der einschlägigen Literatur zum Framing ist ein ausufernder konzeptioneller Apparat bereitgestellt worden, dessen Kern aus drei Hauptkomponenten besteht: dem diagnostic framing (Benennung von Problemursachen), dem motivational framing (Generierung von Handlungsmotiven) und dem prognostic framing (Aufzeigen von Auswegen aus dem jeweiligen Missstand). Auf einen konkreten Missstand zielende Frames können zudem in übergeordnete generalisierte Deutungsmuster, sogenannte master frames, eingebettet werden (etwa die Armut in Slums als Ergebnis kolonialer oder imperialistischer Ausbeutung und Vertreibung). Konkrete Betroffenheiten können durch ein sogenanntes frame bridging als strukturell ähnlich zueinander in Beziehung gesetzt werden und somit auch zunächst weitgehend separierte catnets gedanklich und dann auch handlungspraktisch miteinander verknüpfen.

3. Zum Dritten müssen Massenproteste initiiert und organisiert werden. Es ist nicht nur erforderlich, Ort, Zeit, Forderungen und Aktionsform gegenüber den Behörden zu benennen, sondern vor allem gegenüber den zu Mobilisierenden mittels Anzeigen, Plakaten, Flugblättern, Webseiten und/oder E-Mail-Botschaften bekannt zu machen. Zudem bedarf es zumeist einer weit darüber hinausreichenden organisatorischen Vorbereitung und Begleitung. Dazu gehört die Suche nach organisatorischen Trägern und Unterstützern, die Formulierung von Slogans, Forderungen und Resolutionen, die Auswahl von Rednern und Künstlern, die Anmietung von Wagen, Bühnen- und Sound-Technik, die Einweisung von Helfern und Ordnern, die Einladung und eventuell auch Betreuung von Journalisten, die Formulierung von Presseerklärungen, nicht zuletzt die Finanzierung der Kosten. Bei der Organisation von Massenkundgebungen kann von der Faustregel ausgegangen werden, dass eine Veranstaltung mit einigen Zehntausend Teilnehmenden auch einige Zehntausend Euro kosten wird.

Teilweise werden diese Aufgaben in eher chaotischen Bahnen, unter hohem Zeitdruck, mit vagen Absprachen und unzureichenden personellen und finanziellen Mitteln erfüllt beziehungsweise zu erfüllen versucht. Es ist aber auch auf Massenproteste oder größere, aus diversen Einzelaktionen zusammengesetzte Protestkampagnen hinzuweisen, die auf einer langfristigen Vorbereitung und quasi-professionellen Abwicklung beruhen. In einigen wenigen Fällen wurden sogar eigene Organisationsbüros zur Planung und Koordinierung der diversen Maßnahmen eingerichtet. Teilweise wird ein Großteil der Organisationsarbeit von Stäben oder Büros bestehender Organisationen, etwa der Parteien, Gewerkschaften und großen Umweltverbände, übernommen. Kleinere und informelle Gruppen sehen sich dabei immer wieder von großen und ressourcenstarken Organisationen an den Rand gedrängt. Auch kommt es zu freiwilligen oder unfreiwilligen Ausgrenzungen bestimmter Akteure, weil einzelne Forderungen als zu radikal oder zu banal empfunden werden oder die eine bestimmte Aktionsform nicht gutgeheißen wird.

Umfang und Zusammensetzung der Beteiligten an Massenprotesten werden nicht allein durch die Art des Anliegens, sondern ganz wesentlich auch durch das Bild bestimmt, welches sich potenzielle Teilnehmende von den Trägern des Protests, dem erwarteten Ablauf und letztlich auch der Resonanz des Protests machen. Ein drängendes Anliegen, zündende Redner, prominente Unterstützer, beflügelnde Erfahrungen mit ähnlichen Protesten in der Vergangenheit, die Aussicht, einem großen oder gar historischen Ereignis beizuwohnen und vieles andere kann dem Protest Zulauf bescheren. Paradoxerweise bildet gerade die Erwartung großer Massenproteste einen zusätzlichen Anreiz zur Protestbeteiligung, obgleich der eigene Beitrag eigentlich bedeutungslos, weil zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallend, erscheinen müsste.

Im Allgemeinen setzen sich die Teilnehmenden an Massenprotesten aus zwei Hauptgruppen zusammen: diejenigen, die als Aktivisten, Mitglieder oder gelegentliche Unterstützer bereits einer bestehenden Protestgruppe oder Bewegungsorganisation verbunden sind, sowie diejenigen, die ohne eine solche organisatorische Bindung allein oder im kleinen Kreis – mit Partner, Freunden, Familie – am Protest teilnehmen. Abgerundet wird das Gesamtbild durch die meist kleine Gruppe derer, die nicht qua Überzeugung, sondern eher aus Neugier oder aus beruflichen Gründen – als Journalisten, Sanitäter, Techniker usw. – zugegen sind und optisch der Menge zugehören. Die beiden Hauptgruppen werden in ihrer Mehrheit jeweils über unterschiedliche Wege rekrutiert: Für die erste Gruppe spielen gruppen- und organisationsspezifische Kanäle wie Rundbriefe, Mitgliederzeitschriften und eigene E-Mail-Listen eine vorrangige Rolle. Bei organisatorisch ungebundenen Protestteilnehmenden sind eher die Massenmedien sowie persönliche, nicht dem Protestthema verpflichtete Netzwerke ausschlaggebend.

4. Ein vierter Faktor, der Zustandekommen und Umfang von Massenprotesten positiv beeinflusst, ist die Wahrnehmung, dass für die anstehende Aktion günstige Rahmenbedingungen vorliegen. Im angloamerikanischen Sprachgebrauch hat sich dafür der Ausdruck window of opportunity, in der Forschung das Konzept der opportunity structures etabliert, wobei meist politische Gelegenheiten im Vordergrund stehen. Eine günstige politische Gelegenheit kann beispielsweise eine anstehende oder gerade getroffene wichtige politische Entscheidung sein, eine sich offenbarende Kluft innerhalb der politischen Eliten oder die Möglichkeit, neue und wichtige Bündnispartner in der anstehenden Streitfrage zu gewinnen. Eine günstige diskursive Gelegenheit kann darin bestehen, dass relevante Teile der Massenmedien bereits im Sinne der Protestierenden Stellung bezogen haben. Eine günstige kulturelle Gelegenheit läge vor, wenn die Protestierenden mit ihren Forderungen an gesellschaftlich fest verankerten Werten anknüpfen können und damit kulturelle Resonanz erzielen. Hierbei können sich, wie beim Abtreibungskonflikt, auch zwei resonanzfähige Wertbezüge diametral gegenüberstehen, wenn die eine Seite die Entscheidungsautonomie des Individuums, die andere Seite dagegen einen primär religiös begründeten Lebensschutz geltend macht.

Eine wenig thematisierte Dimension von Gelegenheiten sind diffuse gesellschaftliche Stimmungslagen, die sich eher positiv oder eher negativ auf Protestbeteiligung auswirken. So überwiegt in manchen historischen Phasen eine optimistische, für Veränderungen oder gar Utopien offene Grundstimmung, die viele Menschen, und vor allem jüngere Generationen, mitreißt und zu offensiven Protesten motiviert. In anderen Phasen dagegen herrscht eine resignative Grundstimmung vor. Dann wird die Wirksamkeit von Protesten eher skeptisch beurteilt und viele Individuen ziehen sich eher auf ihre privaten Belange zurück. Diese längeren Wellen von shifting involvements (Albert Hirschman) werden zudem von kurzfristig schwankenden, aktuell geprägten Wahrnehmungen überlagert, etwa dem Gefühl, dass sich gerade eine mächtige Protestwelle Bahn bricht, der man zugehören möchte, oder dem gegenteiligen Eindruck, dass eine Protestwelle versandet und auch noch so dramatisierende Appelle das Blatt nicht mehr wenden können.

5. Eine fünfte Bedingung bilden schließlich die subjektiven Erfolgserwartungen, die mit dem Protest verbunden werden. Die meisten Menschen finden sich letztlich erst dann zum Protestengagement bereit, wenn sie glauben, damit den erklärten Zielen des Protests näher zu kommen. Allerdings sind die Ziele manchmal abstrakt, liegen in weiter Ferne oder sind in sich vielschichtig, sodass die Frage des Erfolgs interpretationsfähig ist. Erfolge oder Teilerfolge lassen sich auch unter dem Hinweis reklamieren, ohne den Protest würde alles noch schlimmer kommen oder wäre schlimmer ausgefallen. Zudem kann bereits die schiere Größenordnung eines Protests, der Aufsehen erregt und für Kontroversen sorgt, insofern als ein Erfolg verbucht werden, als ein Thema dadurch überhaupt auf die öffentliche Agenda gelangt, die Breite der Unzufriedenheit sichtbar wird und möglicherweise die kollektive Identität der Protestierenden bestärkt. Umfragen unter Protestierenden haben gezeigt, dass ein kleiner Teil der Befragten nicht glaubt, dass ihr Protest zur Erreichung des erklärten Ziels beitragen wird. Dennoch protestieren auch diese Menschen, weil es ihnen das eigene Gewissen gebietet.

Fußnoten

4.
Vgl. Charles Tilly, From Mobilization to Revolution, Reading 1978, S. 63.