Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Dieter Rucht

Massen mobilisieren

Wenn Menschenmassen zusammenkommen, rückt dieser Vorgang unweigerlich in den Blickpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Massen lassen sich schwerlich übersehen. Sie beeindrucken durch ihre schiere Präsenz – unabhängig davon, ob sie als bedrohlich oder willkommen gelten. Massen versammeln sich zu kirchlichen Feiern und nationalen Gedenktagen, zur freiwilligen oder kommandierten Huldigung von politischen Führern, zu friedlichen Demonstrationen und gewaltsamen Aufständen. Dass viele Menschen spontan zusammenkommen und gleichsam als Masse sich selbst erzeugen, ist ein seltener Fall. In der Regel werden Massen mobilisiert. Es bedarf eines Agenten, der kraft seiner Initiative und dank besonderer Mittel und Umstände die Massen produziert, der Menschen aufruft, motiviert und überzeugt, sich auf einen gemeinsamen Auftritt beziehungsweise ein gemeinsames Handeln einzulassen. Insbesondere die Massenpsychologie am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert unterstellte diese Konstellation einer von innen beziehungsweise von außen aktivierbaren und zudem formbaren Masse. Diese Vorstellung entspricht der etymologischen Wurzel des Ausdrucks Masse, der sich aus dem altgriechischen Begriff maza ableitet und so viel wie Teig bedeutet. Später wird das französische Wort masse buchstabengetreu in das Deutsche übernommen. Es bezeichnet einen ungestalteten Stoff, einen Klumpen beziehungsweise Haufen oder auch schlicht eine große Menge von Dingen oder Menschen.

Mit Blick auf soziale Phänomene ist diese doppelte Bedeutung bis heute erhalten geblieben. Masse meint einerseits, und zumeist mit abschätziger Konnotation, einen Haufen von Menschen, der sich durch Strukturlosigkeit oder gar Abwesenheit von individuellem Denken und Handeln auszeichnet. Als Masse gilt dann das gemeine Volk, der Pöbel oder Mob, von dem sich die politischen und kulturellen Eliten abgrenzen. Andererseits kann Masse aber auch eine neutrale oder gar anerkennend gemeinte Bezeichnung für eine große Zahl von Menschen sein, denen, zumal in demokratischen Systemen, eine legitimierende Kraft zugesprochen wird.

Das ebenfalls aus dem Französischen entlehnte Verb mobilisieren ist abgeleitet vom lateinischen movere. Es bedeutet, etwas in Bewegung versetzen beziehungsweise zum Handeln anregen. Wenn also von Massenmobilisierung gesprochen wird, so geht es nicht um ein statistisches Aggregat unverbundener Elemente, sondern um eine große Zahl von Menschen, die dazu bewegt wurden, sich für oder gegen etwas einzusetzen, wie es insbesondere im Rahmen von Protestkampagnen und sozialen Bewegungen der Fall ist. Davon soll im Weiteren die Rede sein.

Charakteristika von Protestmobilisierung

Protestgruppen und soziale Bewegungen wollen auf gesellschaftliche Verhältnisse und/oder politische Entscheidungen Einfluss nehmen. Allerdings verfügen sie in der Regel weder über institutionalisierte Macht noch über formelle oder informelle Einflusskanäle, um ihre Positionen unmittelbar zur Geltung zu bringen. Ihr „Kapital“ sind vielmehr Menschen, die von einer Sache überzeugt sind und dafür gemeinschaftlich eintreten, dies teilweise über lange Zeit und unter persönlichen Opfern. Ein wichtiges Mittel dieses Einsatzes ist der kollektive Protest, mit dem die Akteure um öffentliche Aufmerksamkeit und möglichst auch Zustimmung ringen. Erst über den Umweg öffentlicher Anteilnahme können die Protestierenden hoffen, auf das politische Entscheidungszentrum Druck auszuüben und ihre Sache voranzubringen. Demgegenüber spielen andere Formen der Einflussnahme (wie etwa Lobbying, Parteispenden, Bestechung, Mitarbeit in Beiräten und Erstellung von Fachgutachten) eine randständige oder gar keine Rolle.

Als Faustregel kann gelten, dass eine Protestkampagne oder soziale Bewegung umso höhere Sichtbarkeit erlangt und umso mehr Druck zu entfalten vermag, je größer und einsatzfreudiger die Zahl ihrer Anhänger und Aktivisten ist. Dies bedeutet zumeist eine Konzentration auf quantitative Mobilisierung in Form von Massenauftritten und Massenaktionen. Es geht also um Power in Numbers.[1] Allerdings lässt sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine Vielzahl von Menschen nur kurzzeitig und zudem nur für wenig aufwändige beziehungsweise wenig riskante Formen des Protests mobilisieren, wie es für sogenannte political change movements typisch ist. Derartige Massenproteste, etwa eine Unterschriftensammlung oder eine Kundgebung, signalisieren vor allem die Breite manifester Unterstützung. Aber sie sagen nichts über die Intensität und Nachhaltigkeit des Engagements aus. Folglich können Massenproteste auch als Ausdruck von sich womöglich rasch verändernden Stimmungslagen begriffen und ad acta gelegt werden.

Aus diesem Grund setzen andere Protestgruppen und insbesondere solche, die eher den personal change movements zugerechnet werden können, auf qualitative Mobilisierung.[2] Hier steht das intensive, riskante und/oder opferbereite Engagement im Vordergrund. Es signalisiert starke Betroffenheit und große Ernsthaftigkeit. Damit vermag es beim Publikum einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Beispiele für ein solches Tun reichen vom tagelangen Ausharren von Platzbesetzern bei Wind und Kälte über den kollektiven Hungerstreik bis zur Opferung des eigenen Lebens. Es liegt auf der Hand, dass sich dazu meist nur wenige Menschen in ganz besonderen Situationen bereitfinden.

Weder eine enorme quantitative Mobilisierung noch ein auf andere Weise eindrucksvolles qualitatives Engagement garantieren jedoch, dass das letztlich angestrebte Ziel erreicht wird. Massenmobilisierungen finden zwar große mediale Beachtung, können aber zuweilen von politischen Entscheidungsträgern ungerührt ausgesessen werden. Man erinnere sich an die Massenproteste in den Jahren 1983/84 gegen die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen, die der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl mit demonstrativer Gelassenheit hinnahm. Ebenso kann die handlungspraktisch bewiesene Opferbereitschaft kleiner Gruppen mit Blick auf das angestrebte Hauptziel folgenlos bleiben, wie es das Beispiel der Kali-Kumpel von Bischofferode zeigte, die erfolglos versuchten, mit einem 81-tägigen Hungerstreik im Jahre 1993 die Schließung ihres Schachts zu verhindern.

Nicht Erfolg oder Scheitern von Massenprotest, sondern vielmehr die Bedingungen, unter denen er zustande kommt, stehen im Zentrum des vorliegenden Beitrags. Es wäre jedoch naiv, eine allgemein gültige Rezeptur für gelingende Massenmobilisierung vorlegen zu wollen – eine Rezeptur, die sich ungeachtet der jeweiligen thematischen Besonderheiten, der sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen sowie möglicherweise hinzutretender zufälliger Konstellationen und Ereignisse anwenden ließe. Vielmehr ist auch hier die Komplexität sozialer Phänomene in Rechnung zu stellen, die sich aus dem Zusammenspiel vielschichtiger Faktoren und Prozesse ergibt. Entsprechend können selbst erfahrene Protestorganisatoren immer wieder überrascht werden. Mal kommt trotz intensiver Vorbereitung und eines beachtlichen logistischen Aufwands die erhoffte Massenmobilisierung nicht zustande; ein anderes Mal sind die Organisatoren von der großen Resonanz auf selbst kleine Stimuli geradezu überwältigt. Aus diesen schwer zu kalkulierenden Effekten von Mobilisierungsanstrengungen ergibt sich ein gewisses Drohpotenzial von Protestbewegungen, die nicht nur Einfluss auf die öffentliche Meinung und das Wahlverhalten gewinnen, sondern ein ganzes Regime zu Fall bringen können.

Konkurrierende Erklärungsversuche

Die diversen Erklärungen für unterschiedliche Massenphänomene, angefangen von der Panik über Modeströmungen bis hin zu revolutionären Erhebungen, lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen.

Auf der einen Seite wird die Masse als ein diffuser und amorpher Haufen angesehen, der in seinen Stimmungen und Gefühlen sowie daraus resultierenden Handlungen hochgradig manipulierbar ist. Von dieser Auffassung ist die bereits erwähnte „klassische“ Massenpsychologie geleitet, die vor allem von Gustave LeBon und Gabriel Tarde geprägt wurde. Als Substrat der Masse gelten ungebildete, affektgeleitete und von externen Reizen hochgradig abhängige Menschen, die durch Agitatoren gelenkt und gleichgeschaltet werden. Dabei soll es zu einer gleichsam seuchenartigen Ausbreitung von Ideen und Verhaltensmustern kommen. Nicht zufällig florierte diese Sichtweise in dem von revolutionären Erhebungen geprägten Frankreich: Der Aufstand der Pariser Kommune von 1871 bildete den unmittelbaren Erfahrungshintergrund der Vertreter einer sich wissenschaftlich gebärdenden, aber faktisch vorurteilsbeladenen „Psychologie der Massen“, so der Titel eines der Hauptwerke der damaligen Zeit. Diese Denktradition, wenngleich zumeist in abgeschwächter Form und später als contagion approach bezeichnet, reicht bis in die Gegenwart. Bestätigen nicht die euphorisierten, den „totalen Krieg“ bejubelnden Massen im Nationalsozialismus, bestätigt nicht das geballte Auftreten der heutigen „Wutbürger“ die These von der Gedankenlosigkeit, Verführbarkeit und der Reizbarkeit der Masse?

Auf der anderen Seite wird betont, dass das Auftreten und Verhalten von Massen nur selten durch spontane Gefühlswallungen oder gar manipulative Verführungskünste zustande kommt. Vielmehr ist es Resultat eines vorangegangenen Prozesses der organisierten Mobilisierung. Diese Sichtweise wird insbesondere im Ansatz der Ressourcenmobilisierung vertreten, der seit den 1970er Jahren vor allem in den USA und nachfolgend auch in anderen Ländern Bedeutung erlangt hat. Mobilisierung umfasst dingliche Aspekte, etwa Geld und infrastrukturelle Mittel, aber auch immaterielle Vorgänge der Motivierung, Problemdeutung und Überzeugungsarbeit, in denen affektive, kognitive und evaluative Momente zusammenwirken. Diesen letztgenannten Aspekten hat sich vor allem der Forschungsansatz des Framing zugewandt.

Was bei flüchtigem Anblick als gesichts- und strukturlose Masse erscheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein strukturiertes Kompositum, das durch das Wirken und die zumindest partielle Präsenz von Gruppen, Organisationen und Netzwerken, teilweise auch vermittelt über Hinweise und Ankündigungen der Massenmedien, vorübergehend zustande kommt. Den Kern derer, die sich an einem Massenprotest beteiligen, bilden organisatorisch eingebundene Mitglieder beziehungsweise Aktivisten. Ihnen kann sich eine mehr oder weniger große Zahl organisatorisch ungebundener Einzelpersonen beigesellen. Aber auch diese haben sich in aller Regel erst aufgrund von vorangehenden Informationen, Aufrufen und Gesprächen zur Beteiligung entschieden. Auf einer ersten Stufe haben alle Protestierenden einen Prozess der Konsensmobilisierung, also einer gelungenen Sensibilisierung für eine bestimmte Problemlage und Problemsicht, durchlaufen. Darüber hinaus bedarf es einer Aktionsmobilisierung, also wirksamer Motivationshilfen zum konkreten Engagement. Voraussetzung dafür ist die Überwindung bestimmter Beteiligungsbarrieren,[3] etwa Aufwand an Zeit, finanzielle Kosten, Skepsis gegenüber Organisatoren, Zweifel am Erfolg sowie attraktive sonstige Angebote, seine Zeit zu verbringen.

Die beiden genannten grundlegenden Erklärungen von Massenmobilisierung unterscheiden sich markant hinsichtlich ihrer Komplexität, empirischen Evidenz und systematischen Untermauerung. Die schlichte, auf einem simplen Reiz-Reaktions-Schema beruhende massenpsychologische Deutung mag durchaus auf Grenzfälle kollektiven Verhaltens zutreffen. Menschenmengen können relativ spontan zusammenkommen. Und sie mögen unter bestimmten Voraussetzungen in eine Art kollektiven Rausch verfallen, sich in ihren Affekten wechselseitig bestärken und weitgehend enthemmt auf bestimmte Reize reagieren. Aber auch in noch so turbulenten, von Wut und Enthemmung geprägten Situationen dürften Kosten-Nutzen-Kalküle eine Rolle spielen, beispielsweise die Überlegung, dass im Falle von Rechtsverletzungen, die aus der Anonymität der Masse heraus begangen werden, das Risiko der Strafverfolgung gegen Null tendiert. Im Übrigen entspricht die weitaus überwiegende Zahl von Massenprotesten nicht dem Bild von fanatisierten Horden. Vielmehr verlaufen diese Proteste geordnet und friedlich.

Zudem beruhen fast alle Massenproteste auf mehr oder weniger aufwändigen Mobilisierungsprozessen. Bei der in München im Dezember 1992 durchgeführten Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit genügte ein Vorlauf von wenigen Tagen, um eine Massenkundgebung mit rund 400.000 Menschen zustande zu bringen. Dem ging allerdings eine lebhafte öffentliche Debatte über die sich häufenden Gewaltakte gegen Migrantinnen und Migranten voraus. Hinzu kam, dass diese Aktion von Journalisten initiiert wurde, die ihre Zeitung als Werbemittel einsetzen konnten. Andere Massenaktionen wie die Demonstrationen gegen die Berliner Tagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im September 1988 oder gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 beruhten auf einer jeweils rund zweijährigen Vorbereitung und Mobilisierungsarbeit. Eine andere Massenaktion zog sich über Jahre hin, wie der Krefelder Appell der Friedensbewegung, zu dem sich zwischen 1980 und 1983 über fünf Millionen Menschen per Unterschrift bekannten.

Proteste unter freiem Himmel (Amtsdeutsch: Versammlungen und Aufzüge) bedürfen einer vorherigen Anmeldung bei lokalen Polizeibehörden beziehungsweise Ordnungsämtern. Davon ausgenommen sind lediglich Spontandemonstrationen, die sich auf ein unmittelbar davorliegendes Ereignis beziehen. Neben der generellen Meldepflicht, aus der sich auch Auflagen bezüglich Zeit, Ort und organisatorischem Rahmen der Veranstaltung ergeben können, setzen insbesondere größere Protestaktionen aufwändige organisatorische und logistische Vorleistungen voraus. Zu Massendemonstrationen aber werden sie erst, sofern zusätzlich günstige Rahmenbedingungen vorliegen. Dazu gehören allgemeine strukturelle Voraussetzungen, die durch konkrete und stärker situationsgebundene Faktoren in ihrer Wirkung verstärkt, aber auch konterkariert werden können. Beispielsweise kann ein Teil der Protestwilligen dadurch abgeschreckt werden, dass im Vorfeld von Massenprotesten Vermutungen geäußert werden, es könne zu schweren Ausschreitungen kommen. Auch restriktive behördliche oder gerichtliche Auflagen, die Diskreditierung von Protestinitiatoren oder auch extreme Wetterbedingungen können die Beteiligung an Protesten erschweren. Doch abgesehen von solchen Unwägbarkeiten: Welches sind die zentralen Bedingungen, die einen Massenprotest wahrscheinlich machen?

Bedingungen für Massenmobilisierung

1. Eine erste unabdingbare Voraussetzung für Proteste jeglicher Art ist das Vorhandensein eines Rohstoffs von negativen Gefühlen oder Wahrnehmungen: Unzufriedenheit, Ärger, Empörung, Ungerechtigkeit, Benachteiligung, Verlustängste usw. Das sind zunächst subjektive Eindrücke, die bei aller möglichen Übersteigerung und Verzerrung eine gewisse objektive Grundlage in gesellschaftlichen Verhältnissen, strukturellen Spannungen und Belastungen haben.

2. Eine zweite Voraussetzung ist der Eindruck, mit seinem Problem beziehungsweise Leid nicht allein zu stehen. Zuweilen, etwa im Falle von hungernden Slumbewohnern, ist dieser Eindruck kollektiver negativer Betroffenheit evident und bedarf keiner weiteren Vergewisserung. Zuweilen aber erfolgt die Wahrnehmung kollektiver Betroffenheit durchaus überraschend. Dies gilt zum Beispiel für viele Missbrauchsopfer in kirchlichen und säkularen Erziehungseinrichtungen, die zunächst ihr Schicksal als Einzelfall wähnten und erst aufgrund der öffentlichen Berichterstattung und Skandalisierung mit anderen Opfern Kontakt aufnahmen.

Besonders günstig für eine kollektive Mobilisierung ist es, wenn nicht nur die gleiche Art von Betroffenheit vorliegt, sondern die Betroffenen zudem einem ohnehin bestehenden sozialen Netz (Dorfgemeinschaft, Gewerkschaft, ethnische oder religiöse Gruppe usw.) angehören. Dann können ohnehin bestehende Kontakte und Affinitäten genutzt werden, um sich über die gemeinsame negative Betroffenheit auszutauschen und für Proteste zu mobilisieren. Der Soziologe Charles Tilly hat in diesem Zusammenhang die begünstigende Verbindung von kategorialer Betroffenheit und sozialem Netz hervorgehoben und in der Formel vom catnet (category and network) verdichtet.[4] Andere Autoren betonten den Vorteil der kompakten Mobilisierung von bereits bestehenden Gruppen und Organisationseinheiten (bloc recruitment) gegenüber einer Mobilisierung, die sich jeweils an Einzelpersonen richtet. Die Wahrnehmung gemeinsamer Betroffenheit muss freilich mit dem Eindruck verbunden sein, dass die eigene Lage – oder im Falle eines advokatorischen Engagements: die Lage der Bezugsgruppe – nicht einem wie immer gearteten Schicksal (etwa einer Naturkatastrophe) zuzurechnen ist, sondern dass dafür (andere) Menschen als Verursacher und Verantwortliche, somit auch als Adressaten von Protest, benennbar sind.

Problemdeutung und Schuldzuweisung können sich gleichsam naturwüchsig im Kreise der Betroffenen entwickeln. Sie können aber auch auf ausgefeilten Deutungsstrategien (Framing) beruhen, die auf Protestmobilisierung gerichtet sind. In der einschlägigen Literatur zum Framing ist ein ausufernder konzeptioneller Apparat bereitgestellt worden, dessen Kern aus drei Hauptkomponenten besteht: dem diagnostic framing (Benennung von Problemursachen), dem motivational framing (Generierung von Handlungsmotiven) und dem prognostic framing (Aufzeigen von Auswegen aus dem jeweiligen Missstand). Auf einen konkreten Missstand zielende Frames können zudem in übergeordnete generalisierte Deutungsmuster, sogenannte master frames, eingebettet werden (etwa die Armut in Slums als Ergebnis kolonialer oder imperialistischer Ausbeutung und Vertreibung). Konkrete Betroffenheiten können durch ein sogenanntes frame bridging als strukturell ähnlich zueinander in Beziehung gesetzt werden und somit auch zunächst weitgehend separierte catnets gedanklich und dann auch handlungspraktisch miteinander verknüpfen.

3. Zum Dritten müssen Massenproteste initiiert und organisiert werden. Es ist nicht nur erforderlich, Ort, Zeit, Forderungen und Aktionsform gegenüber den Behörden zu benennen, sondern vor allem gegenüber den zu Mobilisierenden mittels Anzeigen, Plakaten, Flugblättern, Webseiten und/oder E-Mail-Botschaften bekannt zu machen. Zudem bedarf es zumeist einer weit darüber hinausreichenden organisatorischen Vorbereitung und Begleitung. Dazu gehört die Suche nach organisatorischen Trägern und Unterstützern, die Formulierung von Slogans, Forderungen und Resolutionen, die Auswahl von Rednern und Künstlern, die Anmietung von Wagen, Bühnen- und Sound-Technik, die Einweisung von Helfern und Ordnern, die Einladung und eventuell auch Betreuung von Journalisten, die Formulierung von Presseerklärungen, nicht zuletzt die Finanzierung der Kosten. Bei der Organisation von Massenkundgebungen kann von der Faustregel ausgegangen werden, dass eine Veranstaltung mit einigen Zehntausend Teilnehmenden auch einige Zehntausend Euro kosten wird.

Teilweise werden diese Aufgaben in eher chaotischen Bahnen, unter hohem Zeitdruck, mit vagen Absprachen und unzureichenden personellen und finanziellen Mitteln erfüllt beziehungsweise zu erfüllen versucht. Es ist aber auch auf Massenproteste oder größere, aus diversen Einzelaktionen zusammengesetzte Protestkampagnen hinzuweisen, die auf einer langfristigen Vorbereitung und quasi-professionellen Abwicklung beruhen. In einigen wenigen Fällen wurden sogar eigene Organisationsbüros zur Planung und Koordinierung der diversen Maßnahmen eingerichtet. Teilweise wird ein Großteil der Organisationsarbeit von Stäben oder Büros bestehender Organisationen, etwa der Parteien, Gewerkschaften und großen Umweltverbände, übernommen. Kleinere und informelle Gruppen sehen sich dabei immer wieder von großen und ressourcenstarken Organisationen an den Rand gedrängt. Auch kommt es zu freiwilligen oder unfreiwilligen Ausgrenzungen bestimmter Akteure, weil einzelne Forderungen als zu radikal oder zu banal empfunden werden oder die eine bestimmte Aktionsform nicht gutgeheißen wird.

Umfang und Zusammensetzung der Beteiligten an Massenprotesten werden nicht allein durch die Art des Anliegens, sondern ganz wesentlich auch durch das Bild bestimmt, welches sich potenzielle Teilnehmende von den Trägern des Protests, dem erwarteten Ablauf und letztlich auch der Resonanz des Protests machen. Ein drängendes Anliegen, zündende Redner, prominente Unterstützer, beflügelnde Erfahrungen mit ähnlichen Protesten in der Vergangenheit, die Aussicht, einem großen oder gar historischen Ereignis beizuwohnen und vieles andere kann dem Protest Zulauf bescheren. Paradoxerweise bildet gerade die Erwartung großer Massenproteste einen zusätzlichen Anreiz zur Protestbeteiligung, obgleich der eigene Beitrag eigentlich bedeutungslos, weil zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallend, erscheinen müsste.

Im Allgemeinen setzen sich die Teilnehmenden an Massenprotesten aus zwei Hauptgruppen zusammen: diejenigen, die als Aktivisten, Mitglieder oder gelegentliche Unterstützer bereits einer bestehenden Protestgruppe oder Bewegungsorganisation verbunden sind, sowie diejenigen, die ohne eine solche organisatorische Bindung allein oder im kleinen Kreis – mit Partner, Freunden, Familie – am Protest teilnehmen. Abgerundet wird das Gesamtbild durch die meist kleine Gruppe derer, die nicht qua Überzeugung, sondern eher aus Neugier oder aus beruflichen Gründen – als Journalisten, Sanitäter, Techniker usw. – zugegen sind und optisch der Menge zugehören. Die beiden Hauptgruppen werden in ihrer Mehrheit jeweils über unterschiedliche Wege rekrutiert: Für die erste Gruppe spielen gruppen- und organisationsspezifische Kanäle wie Rundbriefe, Mitgliederzeitschriften und eigene E-Mail-Listen eine vorrangige Rolle. Bei organisatorisch ungebundenen Protestteilnehmenden sind eher die Massenmedien sowie persönliche, nicht dem Protestthema verpflichtete Netzwerke ausschlaggebend.

4. Ein vierter Faktor, der Zustandekommen und Umfang von Massenprotesten positiv beeinflusst, ist die Wahrnehmung, dass für die anstehende Aktion günstige Rahmenbedingungen vorliegen. Im angloamerikanischen Sprachgebrauch hat sich dafür der Ausdruck window of opportunity, in der Forschung das Konzept der opportunity structures etabliert, wobei meist politische Gelegenheiten im Vordergrund stehen. Eine günstige politische Gelegenheit kann beispielsweise eine anstehende oder gerade getroffene wichtige politische Entscheidung sein, eine sich offenbarende Kluft innerhalb der politischen Eliten oder die Möglichkeit, neue und wichtige Bündnispartner in der anstehenden Streitfrage zu gewinnen. Eine günstige diskursive Gelegenheit kann darin bestehen, dass relevante Teile der Massenmedien bereits im Sinne der Protestierenden Stellung bezogen haben. Eine günstige kulturelle Gelegenheit läge vor, wenn die Protestierenden mit ihren Forderungen an gesellschaftlich fest verankerten Werten anknüpfen können und damit kulturelle Resonanz erzielen. Hierbei können sich, wie beim Abtreibungskonflikt, auch zwei resonanzfähige Wertbezüge diametral gegenüberstehen, wenn die eine Seite die Entscheidungsautonomie des Individuums, die andere Seite dagegen einen primär religiös begründeten Lebensschutz geltend macht.

Eine wenig thematisierte Dimension von Gelegenheiten sind diffuse gesellschaftliche Stimmungslagen, die sich eher positiv oder eher negativ auf Protestbeteiligung auswirken. So überwiegt in manchen historischen Phasen eine optimistische, für Veränderungen oder gar Utopien offene Grundstimmung, die viele Menschen, und vor allem jüngere Generationen, mitreißt und zu offensiven Protesten motiviert. In anderen Phasen dagegen herrscht eine resignative Grundstimmung vor. Dann wird die Wirksamkeit von Protesten eher skeptisch beurteilt und viele Individuen ziehen sich eher auf ihre privaten Belange zurück. Diese längeren Wellen von shifting involvements (Albert Hirschman) werden zudem von kurzfristig schwankenden, aktuell geprägten Wahrnehmungen überlagert, etwa dem Gefühl, dass sich gerade eine mächtige Protestwelle Bahn bricht, der man zugehören möchte, oder dem gegenteiligen Eindruck, dass eine Protestwelle versandet und auch noch so dramatisierende Appelle das Blatt nicht mehr wenden können.

5. Eine fünfte Bedingung bilden schließlich die subjektiven Erfolgserwartungen, die mit dem Protest verbunden werden. Die meisten Menschen finden sich letztlich erst dann zum Protestengagement bereit, wenn sie glauben, damit den erklärten Zielen des Protests näher zu kommen. Allerdings sind die Ziele manchmal abstrakt, liegen in weiter Ferne oder sind in sich vielschichtig, sodass die Frage des Erfolgs interpretationsfähig ist. Erfolge oder Teilerfolge lassen sich auch unter dem Hinweis reklamieren, ohne den Protest würde alles noch schlimmer kommen oder wäre schlimmer ausgefallen. Zudem kann bereits die schiere Größenordnung eines Protests, der Aufsehen erregt und für Kontroversen sorgt, insofern als ein Erfolg verbucht werden, als ein Thema dadurch überhaupt auf die öffentliche Agenda gelangt, die Breite der Unzufriedenheit sichtbar wird und möglicherweise die kollektive Identität der Protestierenden bestärkt. Umfragen unter Protestierenden haben gezeigt, dass ein kleiner Teil der Befragten nicht glaubt, dass ihr Protest zur Erreichung des erklärten Ziels beitragen wird. Dennoch protestieren auch diese Menschen, weil es ihnen das eigene Gewissen gebietet.

Ausblick

Massenproteste sind voraussetzungsvoll. Bloßer Unmut, und sei er auch weit verbreitet, reicht nicht hin. Massenproteste kommen erst zustande, wenn ein ganzes Bündel weiterer Bedingungsfaktoren vorliegt. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hat sich diese Bedingungskonstellation insgesamt kaum zu Lasten von Massenprotesten verschlechtert. Zwar rücken einerseits themenübergreifende Proteste zu ideologischen Grundsatzfragen – etwa Sozialismus, Liberalismus, Nationalismus – immer stärker in den Hintergrund. Die Protestthemen werden kleinteiliger, die Betroffenheiten gruppenspezifischer. Das Protestgeschehen wird damit insgesamt vielfältiger, bunter, schwerer überschaubar. Die Zahl der Proteste in der Bundesrepublik nimmt zu, während die durchschnittliche Beteiligung längst nicht mehr an die der 1950er Jahre heranreicht. Andererseits sind mit der Möglichkeit loser Verkoppelungen unterschiedlicher Themen, sozialer Milieus und Kommunikationsnetzwerken günstige Bedingungen entstanden, um in relativ kurzer Frist auch breite Allianzen für einzelne Kampagnen zu bilden, in deren Rahmen dann auch immer wieder Massenproteste möglich werden.

Die neuen Medien verbilligen und beschleunigen Mobilisierungsprozesse, insbesondere im Falle von Unterschriftensammlungen. Heute flankieren sie nahezu alle Arten von Offline-Protesten. Damit wird das Zustandekommen, die Größe und konkrete Form des Protests immer weniger berechenbar. Das zeigt sich insbesondere an Flashmobs und Smartmobs, die auf den Überraschungseffekt setzen und die Flüchtigkeit ihrer Aktion zum Programm erheben. Neben diesen medial überschätzten Protestformen haben jedoch die klassischen Straßenproteste keineswegs ausgedient. Die Platzbesetzungen von Kairo, Madrid und Manhattan sowie die in einigen Ländern anhaltenden Wellen von Massenprotesten haben gezeigt, dass die physische Präsenz im öffentlichen Raum nicht durch massenhafte, aber eben auch bequem zu beschaffende Mausklicks zu ersetzen ist.
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Fußnoten

1.
Vgl. James DeNardo, Power in Numbers, Princeton 2005.
2.
Vgl. zur Unterscheidung von qualitativer und quantitativer Mobilisierung: Dieter Rucht, Themes, logics and arenas of social movements: A structural approach, in: Bert Klandermans/Hanspeter Kriesi/Sidney Tarrow (eds.), From Structure to Action: Comparing Social Movement Participation Across Cultures, Greenwich 1988, S. 305–328.
3.
Vgl. Bert Klandermans/Dirk Oegema, Potentials, Networks, Motivations, and Barriers: Steps Towards Participation in Social Movements, in: American Sociological Review, 52 (1987), S. 519–531.
4.
Vgl. Charles Tilly, From Mobilization to Revolution, Reading 1978, S. 63.