Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Thomas Kern
Sang-hui Nam

Werte, kollektive Identität und Protest: Die Mobilisierung der Occupy-Bewegung in den USA

Am 17. September 2011 besetzte eine Gruppe von etwa tausend Aktivistinnen und Aktivisten den Zuccotti Park an der Wall Street im Zentrum New Yorks. Ihr Slogan lautete: „We are the 99 percent!“ Mit ihrer Besetzungsaktion knüpften die Aktivisten an ähnliche Protestaktionen in Spanien, Großbritannien und Ägypten an. Ihr Unmut richtete sich vor allem gegen die zunehmende soziale und ökonomische Ungleichheit und den großen Einfluss von Konzernen und Lobbyisten auf die US-Regierung. Sie forderten eine Politik, die sich an den Interessen der breiten Bevölkerung ausrichtet, die unter der Wirtschafts- und Finanzkrise leidet. In wenigen Wochen schlossen sich Zehntausende Demonstranten in Hunderten von Städten in den USA und darüber hinaus den Protesten an. Die Besetzung öffentlicher Plätze und Straßen wurde schnell zum Markenzeichen der Aktivisten. Die sogenannte Occupy-Bewegung hat sich damit zu einem zentralen Impulsgeber für die öffentliche Diskussion über die Weltfinanzkrise entwickelt.

Wie lässt sich die starke öffentliche Resonanz der Occupy-Bewegung erklären? Viele Beobachter führen den Erfolg dieser Kampagne auf wachsende ökonomische und politische Unzufriedenheit vor allem in den USA zurück. Im Gegensatz dazu hat sich die US-amerikanische Protestforschung schon in den 1970er Jahren von theoretischen Erklärungen abgewendet, die Proteste auf extreme soziale Unzufriedenheit zurückführen. Die Kritik an diesen Ansätzen lautete, dass es in jeder Gesellschaft genug Unzufriedenheit für Proteste gebe.[1] Die Bedeutung von Spannungen und Konflikten solle daher nicht überbewertet werden. Die erfolgreiche Mobilisierung von Protesten hänge weniger von konkreten Spannungen ab, als von politischen Gelegenheitsstrukturen und verfügbaren organisatorischen Ressourcen.[2]

Obgleich diese Faktoren auch bei der Mobilisierung der Occupy-Bewegung mit Sicherheit eine wichtige Rolle gespielt haben, lässt dieser Erklärungsansatz offen, warum so viele Menschen die Proteste unterstützen. Auch der Verweis auf spezifische kollektive Interessen hilft nicht weiter, weil den Handelnden oft unklar ist, wo ihre Interessen genau liegen. Dies gilt besonders für ungewohnte oder neue Problemsituationen – wie es bei der Finanzkrise der Fall ist. Unter diesen Bedingungen müssen die Akteure ihrer Situation erst eine Bedeutung verleihen, bevor sie ihre kollektiven Handlungsziele definieren. Erst im Verlauf dieses Klärungsprozesses bilden sich Kategorien von Akteuren mit gemeinsamen Werten und Interessen als soziale Basis für kollektive Protesthandlungen heraus. Typische Beispiele sind Migrantinnen und Migranten, Arbeiterinnen und Arbeiter, Frauen, religiöse Minderheiten oder Opfer von Umweltverschmutzung. Voraussetzung für kollektive Handlungen ist mit anderen Worten ein minimales „Wir-Gefühl“ zwischen den Beteiligten.

Unter dem Stichwort „kollektive Identität“ hat sich in der Protestforschung ein eigenständiger Strang entwickelt, der die kognitiven und evaluativen Konstruktionsprozesse untersucht, die an der Entstehung eines Wir-Gefühls mitwirken:[3] Die kognitive Dimension kollektiver Identitäten bezieht sich auf die Lokalisierung, Wahrnehmung und Identifikation der Ursachen und Wirkungen bestimmter Ereignisse. Im Rahmen des sogenannten Framing-Ansatzes[4] wurden in der Protestforschung zahlreiche Studien vorgelegt und Konzepte entwickelt, die sich mit dieser Problematik beschäftigen. Der evaluativen Dimension – also der positiv oder negativ bewerteten Beziehung zwischen Akteuren und Objekten[5] – wurde dagegen weniger systematisch Aufmerksamkeit geschenkt.

Werte, Diskurse und kollektive Identität

Werte sind Vorstellungen über das Wünschenswerte. Ihre Bedeutung besteht darin, dass sie dem Handeln eine Richtung geben, wenn es um die Abwägung von Alternativen geht. Werte sollten aber nicht mit Präferenzen verwechselt werden: „Werte sind nicht langfristige Präferenzen oder Präferenzen höherer Ordnung, sondern reflexive Standards zur Bewertung unserer Präferenzen, emotional besetzte Vorstellungen über das Wünschenswerte und nicht Wünsche.“[6] Soziale Bewegungen grenzen sich demnach von ihrer Umwelt durch bestimmte Ideen und Wertbindungen ab, auf deren Grundlage die Beteiligten ihre gemeinsamen Interessen und Ziele definieren.[7] Der Begriff der Wertbindung ist dabei zentral: Werte bilden sich bei der Verarbeitung von Erfahrungen im Sozialisationsprozess oder in außeralltäglichen Situationen.[8] Sie haben daher eine starke emotionale Qualität. Gerade in pluralistischen Gesellschaften – in denen Gruppen mit unterschiedlichen Wertmustern zusammenleben – kommt es regelmäßig zu Konflikten, weil sich einzelne Gruppen in ihren substanziellen Bindungen von anderen bedroht fühlen.[9] Werte legitimieren Handlungen und sind ein wesentlicher Baustein der sozialen Ordnung. Trotzdem ist das Verhältnis zwischen dem kulturellen Wertmuster einer Gesellschaft und ihren Institutionen gespannt, weil auf der Grundlage von allgemeinen Werten stets unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe denkbar sind.[10] Es kann somit keine soziale Ordnung geben, die alle möglichen Beziehungen zwischen Werten und Normen realisiert. Die Legitimität einer gegebenen Ordnung lässt sich daher nicht zwingend aus bestimmten Werten ableiten. Sie ist vielmehr das Ergebnis von Aushandlungsprozessen im öffentlichen Raum.

Die meisten sozialwissenschaftlichen Theorien verbinden den Öffentlichkeitsbegriff[11] mit positiven Werten wie Demokratie, Vertrauen, Inklusion, Anerkennung und Konsens. Wie der Soziologe Jeffrey Alexander[12] deutlich macht, beinhaltet das Wünschbare jedoch stets Vorstellungen über das nicht Wünschbare. Jedem positiven Wert kann ein negativer Gegenwert zugeordnet werden. Die positive Seite bezeichnet wünschenswerte Eigenschaften, die für das Kollektiv und seine Mitglieder in Anspruch genommen werden. Typische Kategorien etwa des Wertekanons westlicher Demokratien sind Rationalität, Vernunft, Selbstkontrolle, Offenheit, Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit, Demokratie, Gleichheit und Freiheit. Die negative Seite bezieht sich auf unerwünschte Eigenschaften und definiert damit Ausschlusskriterien: Irrationalität, Unvernunft, Zwang, Intransparenz, Vertrauensunwürdigkeit, Unehrlichkeit, Autokratie, Ungleichheit und Unfreiheit.

Für den Verlauf öffentlicher Diskurse[13] ist es konstitutiv, dass in jeder Gesellschaft beide Seiten nicht nur nebeneinander bestehen, sondern dass keine Seite ohne die andere auskommt. Die Objekte auf der negativen Seite werden als Quelle der Verunreinigung und als Bedrohung für die Gesellschaft angesehen.[14] Wer dieser Quelle zu nahe kommt, dem wird der Anspruch auf volle Mitgliedschaft und Solidarität in der Gesellschaft zumeist abgesprochen. Werte stiften somit nicht nur gemeinschaftliche Bindungen, sie ziehen auch teilweise scharfe Grenzen nach innen und außen. Kollektive Identitäten formen sich somit auf der Grundlage moralischer Wertungen „im Wechselspiel von Selbst- und Fremdbildern, die sich im Verlauf anhaltender Interaktionen (…) stabilisieren“.[15] Der Schlüssel dazu sind öffentliche Diskurse: Während die Akteure sich selbst und ihre Verbündeten zumeist mit positiven Bewertungen besetzen, etikettieren sie ihre Gegner, von denen sie annehmen, dass sie der Verwirklichung ihrer Werte im Weg stehen, mit den entsprechenden Gegenwerten. Im Verlauf der Konfrontation versuchen beide Lager, die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen. Die Auseinandersetzungen sind oft von starken Skandalisierungen und einprägsamen Dramatisierungen geprägt, mit denen die Beteiligten ihre spezifischen moralischen Bindungen zum Ausdruck bringen.

An dieser Stelle kommen soziale Bewegungen ins Spiel.[16] Ihre Bedeutung besteht darin, dass sie Bevölkerungsgruppen mobilisieren, „die sich öffentlich nicht hinreichend vertreten fühlen, und ihre Proteste dienen als Geräuschverstärker für die Themen und Beiträge, für die sie öffentliche Aufmerksamkeit und Zustimmung anstreben“.[17] Das Spektrum kollektiv geteilter Fremd- und Selbstzuschreibungen reicht dabei von bloßer Verträglichkeit über Ähnlichkeiten, Parallelen und Überschneidungen bis zur Übereinstimmung von Relevanzen und Interessen.[18] Soweit die kollektive Identität vom einen zum anderen Ende dieses Kontinuums an Konturen gewinnt, hängt die Handlungsfähigkeit sozialer Bewegungen entscheidend davon ab, inwiefern es ihnen gelingt, im Verlauf öffentlicher Diskurse ein relativ konsistentes Wir-Gefühl zu erzeugen. Erst auf dieser Grundlage wird das Kollektiv in die Lage versetzt, konkrete Sachverhalte in der sozialen Umwelt als ungerecht oder unmoralisch hervorzuheben sowie Ursachen und Verantwortliche zu identifizieren. Zwischen der kollektiven Identität sozialer Bewegungen und der Definition von Interessen im Mobilisierungsprozess besteht somit ein enger Zusammenhang.

Fußnoten

1.
Vgl. Mayer N. Zald/John D. McCarthy, Resource Mobilization and Social Movements, in: The American Journal of Sociology, 82 (1977) 6, S. 1212–1241.
2.
Vgl. Thomas Kern, Soziale Bewegungen, Wiesbaden 2008.
3.
Vgl. Dieter Rucht, Kollektive Identität, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 8 (1995) 1, S. 9–23; Alberto Melucci, Challenging Codes, Cambridge, MA 1996; Francesca Polletta/James M. Jasper, Collective Identity And Social Movements, in: Annual Review of Sociology, 27 (2001), S. 283–305; Cristina Flesher Fominaya, Collective Identity in Social Movements, in: Sociology Compass, 4 (2010) 6, S. 393–404.
4.
Vgl. David A. Snow/Robert D. Benford, Framing Processes and Social Movements, in: Annual Review of Sociology, 26 (2000), S. 611–639.
5.
Vgl. Talcott Parsons, On the Concept of Value-Commitments, in: Sociological Inquiry, 38 (1968) 2, S. 136.
6.
Hans Joas, Werte und Religion, in: Liz Mohn (Hrsg.), Werte, Gütersloh 2006, S. 44.
7.
Soziale Bewegungen lassen sich als mobilisierte Netzwerke von Gruppen und Organisationen definieren, die über eine gewisse Dauer hinweg versuchen, „sozialen Wandel durch Protest herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen“. Friedhelm Neidhardt/Dieter Rucht, Auf dem Weg in die Bewegungsgesellschaft?, in: Soziale Welt, 44 (1993), S. 307.
8.
Vgl. Hans Joas/Wolfgang Knöbl, Sozialtheorie, Frankfurt/M. 2004, S. 721.
9.
Diese Konflikte halten sich jedoch in Grenzen, weil die pluralistische Gesellschaft durch Wertegeneralisierung einen Modus gefunden hat, der es ermöglicht, unterschiedliche Wertmuster zu integrieren. Vgl. Hans Joas, Die Sakralität der Person, Berlin 2011.
10.
Vgl. Jeffrey C. Alexander, Collective Action, Culture and Civil Society, in: Mario Diani/Jon Clarke (eds.), Alain Touraine, London 1996, S. 218.
11.
Jürgen Habermas definiert die Öffentlichkeit „als ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen“. Dabei werden „die Kommunikationsflüsse so gefiltert und synthetisiert, dass sie sich zu themenspezifisch gebündelten öffentlichen Meinungen verdichten“. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung, Frankfurt/M. 1992, S. 436.
12.
Vgl. Jeffrey C. Alexander, Towards a Sociology of Evil, in: Maria Pia Lara (ed.), Rethinking Evil, Los Angeles 2001, S. 169.
13.
Der Begriff des Diskurses bezieht sich im weiten Sinn auf gesellschaftliche „Praktiken und Prozesse der kommunikativen Konstruktion, Stabilisierung und Transformation symbolischer Ordnungen sowie deren Folgen“. Reiner Keller, Diskursforschung, Wiesbaden 2011, S. 59.
14.
Vgl. J.C. Alexander (Anm. 12), S. 169.
15.
D. Rucht (Anm. 3), S. 13.
16.
Vgl. Alain Touraine, The Voice and the Eye, Cambridge, MA 1981; ders., An Introduction to the Study of Social Movements, in: Social Research, 52 (1985), S. 749–787.
17.
Friedhelm Neidhardt, Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, in: Jürgen Friedrichs et al. (Hrsg.), Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, Opladen 1994, S. 32.
18.
Vgl. Wolfgang Sofsky/Rainer Paris, Figurationen sozialer Macht, Frankfurt/M. 1994, S. 305.