Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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Zur Identität transnationaler Bewegungen


11.6.2012
Occupy geht um die Welt. Was verbindet die Protestierenden in den Zeltlagern im New Yorker Zuchotti-Park mit jenen auf der Grünfläche vor der europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main? Haben wir es mit einer transnationalen Bewegung zu tun? Wenn ja, was hält sie zusammen? Dieser Beitrag befasst sich mit der kollektiven Identität transnationaler Bewegungen. Betrachtet wird die wohl heterogenste und langlebigste transnationale Bewegung: die globalisierungskritische Bewegung. In Forderungen, Organisations- und Protestformen stellt sie einen wichtigen Vorläufer der Occupy-Proteste dar.

Soziale Bewegungen sind dichte Netzwerke von Gruppen und Organisationen, die auf Grundlage einer gemeinsamen Identität sozialen Wandel herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen – meist mithilfe von Protest, der sich an klar definierte Gegner richtet.[1] Als transnational werden soziale Bewegungen dann bezeichnet, wenn die eng vernetzten Gruppen und Organisationen aus verschiedenen Ländern stammen.[2] Dabei sind die Adressaten der Proteste häufig – aber nicht immer – Regierungen verschiedener Länder, internationale Institutionen oder transnationale Unternehmen.

Transnationale Bewegungen zeichnen sich nicht nur durch ihre geografische, sondern auch ihre soziokulturelle Diversität aus.[3] Beides zusammen erschwert die Herausbildung einer zentralen Grundlage des Zusammenhalts: der gemeinsamen Identität. Die Bewegungsforschung hebt hervor, dass kollektive Identität eine entscheidende Rolle für die Entstehung, das Fortbestehen und die taktischen Entscheidungen sozialer Bewegungen spielt.[4] Das gilt auch für transnationale Bewegungen.

Kollektive Identität ist keine feststehende Eigenschaft, sondern bedarf der kontinuierlichen Neuausrichtung und Stabilisierung.[5] Auch bezeichnet kollektive Identität keine individuelle Eigenschaft oder soziale Rolle, sondern die Selbst- und Fremddefinition eines Kollektivs als Gruppe.[6] Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen oder kulturellen Kategorie sowie ein gemeinsamer Ort sind wichtige Voraussetzungen kollektiver Identitätskonstruktion.[7] Diese Voraussetzungen fehlen größtenteils in transnationalen Bewegungen: Per Definition befinden sie sich nicht an einem Ort, und sie schließen Akteure unterschiedlicher nationaler Herkunft ein. Wie entsteht in transnationalen Bewegungen nichtsdestotrotz eine gemeinsame Identität?

Dieser Frage wird im Folgenden mit Blick auf die globalisierungskritische Bewegung nachgegangen. Sie ist in vielerlei Hinsicht eine besonders heterogene transnationale Bewegung und damit ein interessanter Fall für die Frage des Zusammenhalts. Drei zentrale Aspekte der Identitätskonstruktion in sozialen Bewegungen werden unterschieden: gemeinsame Deutungsmuster, kollektives Handeln und aktive Netzwerke.[8] Zunächst werden die theoretischen Grundlagen des jeweiligen Aspekts erläutert. Anschließend wird auf seine Bedeutung für soziale Bewegungen im Allgemeinen und die globalisierungskritische Bewegung im Besonderen eingegangen. Letzteres bezieht sich neben der bestehenden Literatur auf eine kürzlich durchgeführte Befragung globalisierungskritischer Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland.[9]

Die globalisierungskritische Bewegung



Die globalisierungskritische Bewegung, aufgrund ihrer Diversität auch oft im Plural genannt, bezeichnet ein Netzwerk meist linksorientierter Gruppen und Bewegungen, das sich gegen neoliberale Globalisierungsstrategien (wie etwa Freihandel, Deregulierung und Privatisierung) wendet und soziale, wirtschaftliche, politische und ökologische Gerechtigkeit fordert.[10] Verschiedene Formen kollektiven Handelns werden dabei eingesetzt. Besonders prominent sind die Gipfelproteste, zum Beispiel gegen die Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle im Jahre 1999 oder den Gipfel der „Gruppe der Acht“ (G8) in Genua im Jahre 2001.

Die Zusammensetzung der Bewegung ist sehr heterogen. Dies betrifft zum einen die soziale Basis – im Gegensatz beispielsweise zur Arbeiterbewegung. Befragungen bei europäischen Protestaktionen haben gezeigt, dass die Teilnehmenden aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen stammen (allerdings mit einem hohen Studierendenanteil).[11] Auch sind verschiedene Generationen vertreten: etwa die Hälfte ist unter 45 Jahren alt.[12] Zum anderen variieren Organisationsstrukturen und ideologische Ausrichtung stark: Die Bewegung kennzeichnet ihr breites Bündnis verschiedener Akteure von institutionalisierten Organisationen wie Gewerkschaften, Parteien, kirchlichen Verbänden und Nichtregierungsorganisationen bis hin zu Bürgerinitiativen und Basisbewegungen.


Fußnoten

1.
Vgl. Dieter Rucht, Kollektive Identität, in: Forschungsjournal, 8 (1995) 1, S. 9–23; Donatela della Porta/Mario Diani, Social movements, Oxford 2006.
2.
Vgl. Sidney Tarrow, Transnational Politics, in: Annual Review of Political Science, 4 (2001) 1, S. 1–20; Dieter Rucht, Transnational Social Movements in the Era of Globalization, in: Mark Herkenrath et al. (eds.), The Future of World Society, Zürich 2005.
3.
Vgl. Massimiliano Andretta et al., No Global – New Global, Frankfurt/M.–New York 2003.
4.
Vgl. Scott A. Hunt/Robert D. Benford, Collective Identity, Solidarity, and Commitment, in: David A. Snow et al. (eds.), The Blackwell Companion to Social Movements, Malden u.a. 2008.
5.
Vgl. Alberto Melucci, Challenging Codes: Collective Action in the Information Age, New York 1996; Priska Daphi, Soziale Bewegungen und Kollektive Identität, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen (FJSB), 24 (2011) 4, S. 13–26.
6.
Entgegen sozialer Identität ist kollektive Identität damit konstitutiv für Gruppen. Vgl. Dieter Rucht, Lassen sich personale, soziale und kollektive Identität sinnvoll voneinander abgrenzen?, in: FJSB, 24 (2011) 4, S. 26–30.
7.
Vgl. William H. Sewell, Space in Contentious Politics, in: Ronald Aminzade (ed.), Silence and voice in the study of contentious politics, Cambridge, MA–New York 2001.
8.
Diese Dreiteilung greift auf Alberto Meluccis (Anm. 5) einflussreiche Erklärung der Entstehung kollektiver Identität zurück. Sein prozessualer Identitätsbegriff unterscheidet drei Elemente kollektiver Identität: 1) kognitive Definitionen von Zielen, Mitteln und Aktionskontexten, 2) ein Netzwerk aktiver Akteursbeziehungen, 3) emotionale Einbindung im Rahmen kollektiven Handelns.
9.
Die Angaben basieren auf 28 Interviews mit Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland, welche die Autorin im Rahmen ihrer Doktorarbeit in den Jahren 2011/2012 führte. Die Befragten gehören verschiedenen Gruppen der Bewegung an und sind seit mindestens zehn Jahren aktiv.
10.
Vgl. Donatella della Porta, The Global Justice Movement, in: Donatella della Porta (ed.), The Global Justice Movement, London 2007.
11.
Vgl. M. Andretta et al. (Anm. 3).
12.
Vgl. Dieter Rucht/Roland Roth, Globalisierungskritische Netzwerke, Kampagnen und Bewegungen, in: dies. (Hrsg.), Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945, Frankfurt/M.–New York 2008; M. Andretta et al. (Anm. 3).