Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Till van Treeck

"Wohlstand ohne Wachstum“ braucht gleichmäßige Einkommensverteilung

Ungleiche Einkommensverteilung als Hindernis

Die Ungleichheit hat sich in den meisten reichen Ländern in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dramatisch verschärft, Löhne und Einkommen vieler Haushalte sind trotz Wachstum kaum gestiegen.[10] Im Folgenden werden nur beispielhaft einige Entwicklungen in den USA und in Deutschland beschrieben.[11]

In den USA entfielen Ende der 1970er Jahre auf das reichste Zehntel der Bevölkerung etwa ein Drittel der Vorsteuereinkommen der Privathaushalte; heute ist es etwa die Hälfte. Auf das oberste 1% entfielen Ende der 1970er Jahre weniger als ein Zehntel der gesamten Einkommen; heute ist es etwa ein Fünftel. Der Reallohn des typischen Arbeitnehmenden war Mitte der 2000er Jahre trotz drei Jahrzehnten Wirtschaftswachstums niedriger als Mitte der 1970er Jahre. Da die Einkommensmobilität nicht gestiegen ist, hat nur eine kleine Oberschicht vom ökonomischen Wachstum der vergangenen drei Jahrzehnte profitiert.

In Deutschland waren die Einkommen traditionell gleichmäßiger verteilt als im Durchschnitt der Industrieländer. In den vergangenen zehn Jahren ist es aber zu einem Anstieg der Ungleichheit gekommen. Die OECD stellte auf Basis von Zahlen bis 2005 sogar fest: "Seit dem Jahr 2000 haben in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD Land." Die Einkommensarmut ist zwischen 1998 und 2008 um etwa 40% gestiegen. Etwa 11,5 Millionen Menschen lebten nach Zahlen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) im Jahre 2008 unter der Armutsrisikoschwelle – dies entspricht rund 14% der Gesamtbevölkerung. Bis zum Jahr 2010 hatten Personen im unteren Zehntel der Einkommensverteilung preisbereinigt mehr als 10% weniger Einkommen zur Verfügung als im Jahre 2000, während das oberste Zehntel reale Einkommenszuwächse von mehr als 15% verzeichnen konnte. Hingegen musste selbst die Mittelschicht reale Einkommensrückgänge hinnehmen. Auch in Deutschland profitierten im vergangenen Jahrzehnt nur "die Reichen" vom Wirtschaftswachstum.

Diese Entwicklungen sind unmittelbar relevant für unsere Fragestellung, weil in ungleichen Gesellschaften in der Regel mehr gearbeitet und weniger Freizeit genossen wird als in egalitäreren Gesellschaften. So zeigt etwa eine Panelstudie[12] für zehn europäische und nordamerikanische Staaten für den Zeitraum von 1963 bis 1998, dass ein Anstieg der Einkommensungleichheit mit deutlich längeren jährlichen Arbeitszeiten einhergeht, selbst wenn andere Einflussfaktoren für das Arbeitsangebot (Reallohn, reales BIP pro Kopf, gewerkschaftlicher Organisationsgrad, Anteil der Frauen an der Beschäftigung) kontrolliert werden.[13]

Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Bei fallenden realen Stundenlöhnen am unteren Ende und in der Mitte der Lohnverteilung kann – wenn nicht durch politische Maßnahmen gegengesteuert wird – der Verlust an (relativem und absolutem) individuellem Einkommen nur durch längeres Arbeiten verhindert werden. Gleichzeitig geben stark steigende Stundenlöhne am oberen Ende der Lohnverteilung Anreize zu vermehrten karrierefördernden Überstunden. So spricht Richard Freeman in Bezug auf die USA von einem "wettkampfähnlichen Wirtschaftssystem, das einer Person, die eine zusätzliche Stunde Arbeit investiert, einen potenziell hohen Ertrag zukommen lässt".[14]

Die Frage ist nun, wie in einer ungleichen Gesellschaft der individuelle "Wunsch" nach langen Arbeitszeiten und höheren Einkommen möglichst ohne allzu große soziale Verwerfungen überwunden werden kann. Im Folgenden wird argumentiert, dass ein hohes Wirtschaftswachstum zwar kurzfristig hilfreich sein kann, um Fehlentwicklung in der Einkommensverteilung zu korrigieren. Längerfristig besteht aber bei dauerhaft hoher beziehungsweise steigender Ungleichheit die Gefahr, dass sich die Wachstumsorientierung kulturell immer mehr verankert.

Wachstum als kurzfristige Lösung für Verteilungskonflikte

Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen sind zwei gut dokumentierte Ergebnisse der psychologischen und ökonomischen Verhaltensforschung: Menschen neigen zu Vergleichen, die stark über Raum und Zeit begrenzt sind, und orientieren sich dabei eher an statushöheren Personen beziehungsweise Zuständen als an statusniederen.[15] In kapitalistischen Gesellschaften spielt das Einkommen bei Statusvergleichen eine besondere Rolle: Eine Steigerung des eigenen Einkommens gegenüber der jüngsten Vergangenheit signalisiert ebenso einen gewissen individuellen Erfolg wie ein relativ hohes Einkommen gegenüber anderen Personen im persönlichen Umfeld. Hingegen wird ein Rückgang des (relativen) Einkommens in der Regel als schmerzhafter empfunden, als ein Anstieg des Einkommens als positiv verbucht wird.[16]

Somit ist nicht von der Hand zu weisen, dass Wirtschaftswachstum zumindest kurzfristig Verteilungskonflikte entschärfen kann: Während zu einem gegebenen Zeitpunkt Statusgewinne und -verluste im Bereich des Einkommens notwendigerweise ein Nullsummenspiel darstellen (eine Person kann ihr relatives Einkommen nur dadurch erhöhen, dass mindestens eine andere Person relativ verliert), ermöglicht Wirtschaftswachstum potenziell allen Personen ein höheres Einkommen gegenüber der Vergangenheit. Wirtschaftswachstum kann somit nicht nur dazu beitragen, eine gegebene Verteilungssituation für die statusniederen Personen erträglicher zu machen, sondern es erleichtert in der Regel auch die Umverteilung von Einkommen. Denn nur durch Wachstum können die Personengruppen, die einen Rückgang ihrer relativen Einkommen hinzunehmen haben, durch höhere absolute Einkommen kompensiert werden. Da Wachstum außerdem den Staatshaushalt entlastet, erleichtert es die Umverteilung über entsprechende sozial- und steuerpolitische Reformen, die in Zeiten niedrigen Wachstums und staatlicher Haushaltsdefizite politisch viel schwerer durchsetzbar sind.

In Anbetracht der in der jüngeren Vergangenheit massiv gestiegenen Einkommensungleichheit in vielen Ländern erscheint es daher legitim, in den nächsten Jahren zunächst noch ein hohes Wirtschaftswachstum anzustreben. Denn ohne Wachstum wird es unter Wahrung des sozialen Friedens kaum möglich sein, die Ungleichheit in der Einkommensverteilung zu reduzieren. Dies ist aber, wie im nächsten Abschnitt illustriert wird, unbedingt notwendig, um dauerhaften Wohlstand ohne überzogenen Wachstumszwang zu ermöglichen.

Fußnoten

10.
Vgl. OECD, Divided We Stand, Paris 2011.
11.
Vgl. T. v. Treeck/S. Sturn (Anm. 1).
12.
Vgl. Samuel Bowles/Yongjin Park, Emulation, inequality and work hours, in: The Economic Journal, 115 (2005), S. F397–F412.
13.
Vgl. für weitere empirische Evidenz: Robert H. Frank, Falling Behind, Berkeley u.a. 2007; Richard B. Freeman, Why do we work more than Keynes expected?, in: Lorenzo Pecchi/Gustavo Piga (eds.), Revisiting Keynes, Cambridge, MA–London 2008, S. 135–142; Robert B. Reich, Aftershock, New York 2010; Karl Brenke, Geringe Stundenlöhne, lange Arbeitszeiten, in: DIW Wochenbericht, Nr. 21, 2012, S. 3–12.
14.
R.B. Freeman (Anm. 13), S. 137.
15.
Vgl. R.H. Frank (Anm. 13).
16.
Eine gewisse Einkommensungleichheit ist in kapitalistischen Gesellschaften nicht nur unvermeidbar, sondern sie kann auch als durchaus wünschenswert und entlastend angesehen werden. Wie John Maynard Keynes hervorhob, führen Einkommensvergleiche vielleicht dazu, dass manche beim Anblick des Bankkontos "tyrannische" Züge offenbaren; sie bieten dadurch auch ein verhältnismäßig harmloses Ventil für die – wohl nicht gänzlich zu vermeidenden – konkurrenzorientierten und bisweilen aggressiven Charakterzüge im Menschen.