Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Till van Treeck

"Wohlstand ohne Wachstum“ braucht gleichmäßige Einkommensverteilung

Wohlstandsverluste und Wachstumszwang durch Ungleichheit

Ein wichtiges Argument, das gegen die dauerhafte Verdrängung von Verteilungskonflikten durch Wachstum spricht, besteht darin, dass sich die mit der Ungleichheit einhergehenden konsumistischen Tendenzen in der Gesellschaft mit der Zeit verfestigen können.[17] Zum einen verbringen Menschen ihre Freizeit gerne mit anderen Menschen. Wenn es aber wegen langer und individuell verschiedener Arbeitszeiten nur wenige feste Zeiten gibt, zu denen eine allgemeine Arbeitsniederlegung stattfindet, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Freizeit zusammen mit Freunden und Familienangehörigen verbracht werden kann. Der Wunsch nach mehr Freizeit verliert so seinen Reiz.

Zudem kann eine stark auf Arbeit ausgerichtete, von großer Ungleichheit und ökonomischer Unsicherheit geprägte Gesellschaft nach und nach die Kunst "verlernen", freie Zeit außerhalb des Marktes zu gestalten. Hierzu gehören beispielsweise das Kochen und langsame Essen, das gesellige Beisammensein, das Spiel oder künstlerische Tätigkeiten. Arbeit und standardisierter Konsum kompensieren dann die Einsamkeit der isolierten Arbeitnehmenden. Werbung macht Menschen (von frühester Kindheit an) anfällig für Versprechen kurzfristigen Glücks durch Konsumgüter. Doch ein längerfristig erfüllendes Leben lässt sich nicht käuflich erwerben. "Kultur" muss erlernt werden und kann nur in der Gemeinschaft produziert werden.

Kultur hat den Vorteil, dass sie vielfältige "spielerische" Statusvergleiche bereitstellt, die in ihrer Vielfalt das Bedürfnis aller Individuen nach zumindest teilweise "hohem Status" prinzipiell befriedigen könnten.[18] Solche freizeitorientierten Statusvergleiche (wie in Musik, Sport, anderen Hobbys), bei denen auch Individuen mit weniger gut zu vermarktenden Fähigkeiten vermehrt "oben" stehen können, verlieren aber an Relevanz, wenn das ökonomische Statuskalkül angesichts hoher Einkommensungleichheit für viele Menschen dominant wird.

Ein ähnliches Problem ergibt sich, wenn – zusätzlich verschärft durch den Abbau der öffentlichen Beschäftigung – immer weniger sichere und gut bezahlte Arbeitsverhältnisse eine Selbstverwirklichung jenseits rein ökonomischer Statusziele ermöglichen (wie in Bildung und Wissenschaft, Kunst, sozialen Diensten). Es droht dann eine ideologische Radikalisierung derjenigen Individuen, denen solche Beschäftigungen entgegen ihren Präferenzen verwehrt bleiben.[19]

Die Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett haben umfassend dargelegt,[20] dass es in Ländern mit hoher Ungleichheit – wie etwa den USA und Großbritannien – signifikant häufiger zu psychischen Erkrankungen, Fettleibigkeit, Teenager-Schwangerschaften, Drogenabhängigkeit, Morden und Gefängnisstrafen kommt. Hingegen sind die Lebenserwartung, der Bildungsstandard der Kinder, der Status der Frauen und die soziale Durchlässigkeit in egalitären Gesellschaften – wie etwa den skandinavischen Staaten – höher.

Zudem führt höhere Ungleichheit nicht nur typischerweise zu weniger Freizeit, sondern sie geht unter bestimmten Bedingungen zusätzlich mit einer höheren Verschuldung der privaten Haushalte zu Konsumzwecken einher. Es gibt – auf Grundlage von Forschungsergebnissen insbesondere für die USA – starke Anhaltspunkte dafür, dass diese Reaktionen der privaten Haushalte auf steigende Ungleichheit maßgeblich auf Statusüberlegungen zurückzuführen sind.[21]

Das Problem ist jedoch, dass es sich hierbei weitgehend um ein Nullsummenspiel handelt, das an das Wettrüsten militärischer Kontrahenten erinnert: Wenn alle in ähnlichem Maße mehr arbeiten und mehr Geld für Statusgüter ausgeben (wie Häuser, Autos, Ausbildung der Kinder), steigen zwar die Produktion und die Umweltverschmutzung, doch die relativen Einkommenspositionen bleiben im Wesentlichen erhalten. Gleichzeitig erhöhen sich aber die gesundheitlichen Belastungen durch vermehrten Stress und Konkurrenz, und es bleibt weniger Zeit für Schlaf, Familie und Freunde oder Hobbys.[22]

Wie insbesondere die Beispiele der angelsächsischen Länder zeigen, war der Anstieg der Ungleichheit, der maßgeblich zur Ausweitung der Verschuldung der unteren und mittleren Einkommensgruppen beigetragen hat, zudem eine der Hauptursachen der weltweiten Finanzkrise ab 2008 und der damit verbundenen gesellschaftlichen Wohlstandsverluste.[23]

Alles in allem dürften diese Entwicklungen zu einem großen Teil erklären, warum in den meisten reichen Ländern die allgemeine Lebenszufriedenheit der Menschen sich trotz Wachstums nicht verbessert oder sogar verschlechtert hat, während sich zugleich ein verstärktes Gefühl des Mangels eingestellt und der Wachstumszwang sich somit verfestigt zu haben scheint.

Schrittweise Überwindung des Wachstumszwangs

Natürlich sind in Deutschland und in Kontinentaleuropa insgesamt die sozialen und kulturellen Auswirkungen der ungleichen Einkommensverteilung noch nicht so verheerend wie etwa in den USA. Hierzulande steigt die Ungleichheit erst seit etwas mehr als einem Jahrzehnt,[24] in den USA begann dieser Prozess bereits in den frühen 1980er Jahren. Außerdem verhindern in Deutschland die (bislang noch) verhältnismäßig gute Infrastruktur und die sozialen Sicherungssysteme, dass sich die privaten Haushalte im ständigen Wettkampf um bestmögliche Jobs, medizinische Versorgung, Schulen und Universitäten sehen.

Klar ist aber: Je länger die Umverteilung von unten nach oben anhält, desto größer dürften die Unzufriedenheit bei der Masse der Bevölkerung und die damit verbundenen sozialen Probleme werden. Dies gilt verstärkt für die von der Eurokrise der vergangenen Jahre besonders betroffenen Länder, wo hohe Arbeitslosigkeit und stark steigende Ungleichheit den gesellschaftlichen Zusammenhalt gegenwärtig auf eine schwere Probe stellen.

Hingegen dürfte die Bereitschaft zu umfangreichen Arbeitszeitverkürzungen und (kurzfristig) kostspieligen Umweltschutzmaßnahmen angesichts steigender Ungleichheit eher abnehmen. Das eingangs skizzierte ambivalente Verhältnis zwischen Wachstum, Wohlstand, Umweltschutz und Einkommensverteilung müsste daher folgendermaßen aufgelöst werden:
  • In den nächsten Jahren müsste eine Wirtschaftspolitik verfolgt werden, die rasch zur Überwindung der aktuellen Krise und zu kräftigem Wachstum in Europa beiträgt. Die europaweite Rückkehr zur Vollbeschäftigung, der Ausbau der sozialen Sicherung und geeignete steuerpolitische Maßnahmen wären notwendig, um die ökonomische und soziale Lage der unteren Einkommensgruppen rasch zu verbessern.
  • Auf dieser Grundlage müssten mittelfristig kulturelle Alternativen zum jetzigen konsumistischen Lebens- und Wirtschaftsstil entwickelt werden. Denn das "Erlernen" spielerischer Statusvergleiche und der Abschied von übermäßiger Statusorientierung sind nicht bereits durch eine gleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Macht garantiert. Vielmehr ist hierfür insbesondere auch die politische Bildungsarbeit von Parteien, Gewerkschaften oder Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Voraussetzung.
  • Gleichzeitig sollten die Ausweitung des öffentlichen Raums, ein nicht auf Konkurrenz, sondern Kooperation basierendes Bildungssystem und die Demokratisierung des Arbeitslebens das Erlernen einer weniger materialistischen Kultur unterstützen.
  • Aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit wäre zudem eine flächendeckende Arbeitszeitverkürzung bei hoher Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen wünschenswert.
Der notwendige Kampf gegen den Klimawandel würde so mit einem großen gesellschaftspolitischen Projekt verknüpft, das der Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten mit dem Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form Rechnung trägt. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn dieses gesellschaftliche Umlernen nicht stattfindet, werden zu den sozialen Verwerfungen auch die Verwerfungen der Natur kommen.

Fußnoten

17.
Vgl. Joseph E. Stiglitz, Toward a general theory of consumerism, in: L. Pecchi/G. Piga (Anm. 13), S. 41–86.
18.
Vgl. Tibor Scitovsky, The Joyless Economy, New York–Oxford 1992.
19.
Vgl. David Graeber, Inside Occupy, Frankfurt/M.–New York 2012, S. 97ff.
20.
Vgl. R.G. Wilkinson/K. Pickett (Anm. 3).
21.
Vgl. für einen Überblick: T. v. Treeck/S. Sturn (Anm. 1).
22.
Vgl. R.H. Frank (Anm. 13), S. 78ff.
23.
Vgl. T. v. Treeck (Anm. 1).
24.
Vgl. hierzu den Beitrag von Nicole Rippin in dieser Ausgabe. (Anm. d. Red.)