30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Christian Neuhäuser

Faires Wachstum und die Rolle der Unternehmen

Verantwortungsfähigkeit der Unternehmen

Einem wirkmächtigen Verständnis in der ökonomischen Theorie und Praxis nach besteht die Verantwortung von Unternehmen ausschließlich darin, ihren Profit zu maximieren. Dafür werden mehrere normative und konzeptionelle Gründe angeführt: Erstens folge aus der Steigerung des Profits auch eine Steigerung des BIP und damit des Wohlstandes. Zweitens seien Unternehmen zumeist privates Eigentum und daher auf die Interessen der Eigentümer an Gewinnmaximierung verpflichtet. Drittens könnten Unternehmen aus praktischen Gründen gar nicht anders als gewinnorientiert agieren, weil sie dem Diktat des an Wettbewerb orientierten Marktes folgen müssten. Viertens seien Unternehmen ohnehin nicht fähig, Verantwortung im eigentlichen Sinne zu übernehmen, sondern nur rein funktional auf Profitmaximierung ausgerichtete Organisationen.[9]

Auf den ersten Blick wirken diese Argumente überzeugend und haben entsprechend große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Aber gerade unter einer veränderten Perspektive auf Wachstum, auch im Hinblick auf Fairness und Nachhaltigkeit, verlieren sie schnell einiges von ihrem Glanz. Besonders deutlich wird dies beim ersten Argument, das von einem engen Zusammenhang zwischen Profitmaximierung und gesamtgesellschaftlichem Wohlstand ausgeht. Wenn sich Wohlstand nämlich nicht mehr nur noch am BIP bemisst, sondern Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit und sozialen Fairness mitberücksichtigt, dann erscheint Gewinnsteigerung um jeden Preis plötzlich nicht mehr automatisch als unbedingt wünschenswerte Strategie. Im Gegenteil kann Gewinnsteigerung sogar auf Kosten der Umwelt und Fairness geschehen, beispielsweise durch massive Umweltverschmutzung, Massenentlassungen oder schlechte Arbeitsbedingungen und Bezahlung. Darüber hinaus nutzen Unternehmen möglicherweise ihr bereits vorhandenes Potenzial dazu, sich aktiv für Umwelt und Fairness einzusetzen, gar nicht aus. Immerhin werden sie danach auch nicht bewertet, und es gibt keine entsprechende Anreizstruktur.

Dies alles kann zugestanden und sogar als bedauerlich eingestuft werden, um dann trotzdem mit dem zweiten Argument daran festzuhalten, dass an der rein ökonomischen Profitorientierung von Unternehmen nichts falsch sei. Immerhin seien die meisten Unternehmen in Privatbesitz und agierten in einer freien Marktwirtschaft. Doch Privatbesitz bedeutet nicht, dass man mit seinen Dingen tun kann, was man will; zumindest nicht mehr, sobald andere Menschen negativ davon betroffen sind. Die eigene Freiheit erfährt ihre Grenzen bekanntlich durch die Freiheit der anderen, und das gilt insbesondere, wenn so gewichtige Dinge wie ökologische Nachhaltigkeit und soziale Fairness auf dem Spiel stehen.[10] Außerdem geht es keineswegs darum, die freie Marktwirtschaft abzuschaffen, sondern sie auf kluge Weise zu regulieren. Dies ist ein altbekannter Mechanismus. Inzwischen hat sich die Erkenntnis weit verbreitet, dass Märkte nicht unreguliert bleiben dürfen. Unreguliert können sie zwar nicht intendierte, aber trotzdem extrem negative Nebeneffekte verursachen wie massive Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit und Armut.[11]

Beharrlich auf die grundsätzliche Freiheit der Märkte zu insistieren, ist zugleich äußerst wichtig. Erstens bleibt ökonomisches Wachstum ein wichtiger Bestandteil eines umfassenderen Wachstumsbegriffs. Zweitens sind freie Märkte ein zentraler Bestandteil einer freiheitlichen Gesellschaft. Doch zugleich stellt sich die Frage, wovon beziehungsweise wozu Märkte eigentlich frei sein sollen. Wie schon gesagt, können sie nicht frei von jeglicher Regulierung sein. Die Regulierung muss allerdings transparent und marktneutral stattfinden, und sie darf das freie Agieren am Markt nicht unmöglich machen. Die Idee freier Märkte beinhaltet auch nicht, und das ist ebenso wichtig, dass sie frei von Moral sein müssen. Konsumenten können ihre Kaufentscheidungen durchaus an moralischen Gesichtspunkten ausrichten, immer mehr tun dies auch. Ebenso können Unternehmen ihre Produktion und ihren Handel an fairen und nachhaltigen Kriterien ausrichten, einige tun dies bereits, andere versuchen es zumindest.[12] Freier Handel und freier Wettbewerb sind also sowohl mit staatlicher Regulierung als auch mit einer Moralisierung der Märkte vereinbar. Daher stellt ein fairer Wachstumsbegriff das Privateigentum und die Freiheit der Märkte nicht infrage. Vielmehr ist er geeignet, die allgemeine Freiheit zu befördern, weil zugleich die Freiheit zukünftiger Generationen und massiv benachteiligter Menschen berücksichtigt wird.

An dieser Stelle setzt das dritte Argument gegen die Verpflichtung von Unternehmen auf faires und nachhaltiges Wachstum an. Eine entsprechende Regulierung und moralische Eigenverantwortung mag vielleicht wünschenswert erscheinen, sei aber ganz und gar unrealistisch, so der Einwand. Der globale Konkurrenzkampf an Märkten ließe weder zu, dass einzelne Unternehmen, noch dass einzelne Staaten auf einen anderen Wachstumsbegriff umschwenkten. Eine Selbstverpflichtung oder gesetzliche Regulierung würde die betreffenden Unternehmen so unrentabel machen, dass sie vom Markt gedrängt würden, gar keine Werte mehr generieren und nichts mehr zu irgendeinem Wachstum beitragen könnten.[13] Dies ist ein starkes Argument, denn es konfrontiert das Eintreten für einen neuen Wachstumsbegriff mit dem Einwand, zwar gute Absichten zu verfolgen, aber das Gegenteil zu erreichen, nämlich nur Werte zu zerstören. Zugleich ist dieses Argument jedoch auch zu zögerlich und unterschätzt kreative sowie innovative Wege der Regulierung und Übernahme von Verantwortung.

Tatsächlich besteht die zentrale Herausforderung darin, auf faires Wachstum umzustellen, ohne dadurch jegliche Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Natürlich wäre es blauäugig anzunehmen, dass solch eine Umstellung ohne Einbußen an rein monetär gemessenem Gewinn gelingen kann. Aber Einbußen bedeuten nicht sofort den Verlust jeglicher Konkurrenzfähigkeit, wie die zahlreichen Beispiele krasser Misswirtschaft selbst großer Konzerne zeigen.[14] Es kann also durchaus gelingen, für Unternehmen eine positive Anreizstruktur zu schaffen, sodass sie sich selbst darum bemühen, auf faires Wachstum umzustellen, ohne ihre Konkurrenzfähigkeit einzubüßen. Dies kann durch kluge Regulierungen und durch den Einsatz der Ressource Moral in der Zivilgesellschaft geschehen. Im nächsten Abschnitt soll es daher um die Frage gehen, ob dieser Ansatz wirklich eine Aussicht auf Erfolg besitzt.

Zuvor gilt es jedoch noch, das vierte Argument zu entkräften. Demnach seien Unternehmen einfach keine Akteure, die Verantwortung übernehmen können. Immerhin haben sie keinen Geist, mit dessen Hilfe sie freie und verantwortungsbewusste Entscheidungen fällen können, und besitzen keinen Körper, der sich bestrafen lässt. Beides sei für Verantwortung jedoch notwendig, so die übliche Annahme. Unternehmen seien bloße Organisationsstrukturen, die funktional auf bestimmte Ziele ausgerichtet seien, nämlich die Gewinnmaximierung.[15] Gegen diese so selbstverständlich erscheinende Annahme lässt sich durchaus verteidigen, dass Unternehmen Akteure sind, die zudem auch die Fähigkeit besitzen, verantwortlich zu agieren.

Es sind drei Gründe, die dafür sprechen, dass Unternehmen grundsätzlich verantwortungsfähig sind und ihnen daher auch eine Verantwortung dafür aufgebürdet werden kann, sich für faires Wachstum zu engagieren.[16] Wie die vorherige Argumentation gezeigt hat, ist es erstens wünschenswert, Unternehmen als verantwortungsfähige Akteure aufzufassen. Genau aus dem Grund sind sie beispielsweise auch Personen des Rechts. Ihnen wird die Verantwortung dafür übergeben, Verträge schließen zu können, weil es wünschenswert ist, dass sie es tun. Für sich genommen reicht dieses Argument natürlich nicht aus. Etwas ist nicht einfach schon deswegen der Fall, nur weil es wünschenswert erscheint. Aber es sprechen noch zwei weitere Gründe dafür: Zweitens erweisen sich Unternehmen in der Praxis als verantwortungsfähige Akteure. Sie können beispielsweise jede Verantwortung von sich weisen, wenn es zu einer Umweltkatastrophe gekommen ist. Oder sie können von sich behaupten, ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen, beispielsweise wenn sie Wohltätigkeitsprojekte unterstützen. Dies zeigt schon einmal, dass sie die Sprache der Verantwortung verstehen. Genau das ist auch die zentrale Voraussetzung dafür, das eigene Handeln entsprechend ausrichten zu können. Drittens spricht theoretisch nichts dagegen, Unternehmen als Akteure aufzufassen. Faktisch tun wir das in unserem Umgang mit ihnen auch ständig. Natürlich sind sie nicht genauso Akteure wie Menschen. Aber sie haben alles, was es braucht, um selbstständig handeln zu können: Durch ihre Unternehmensstruktur verfügen sie über die Fähigkeit, reflektierte Entscheidungen zu fällen und Pläne zu machen. Durch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen sie über die Fähigkeit, diese Pläne in die Tat umzusetzen. Es kommt nur darauf an, dass sie ihre bisher an reiner Gewinnmaximierung orientierten Pläne durch andere auf faires Wachstum ausgerichtete Pläne ersetzen. Es ist also sowohl wünschenswert als auch möglich, Unternehmen als verantwortliche Akteure aufzufassen. Deswegen können sie dazu in die Verantwortung genommen werden, sich an fairem Wachstum zu orientieren. Das gilt allerdings nur soweit dies im Bereich ihrer Möglichkeiten liegt, solange sie also ihre Konkurrenzfähigkeit dadurch nicht verlieren. Alles andere wäre eine grobe Überforderung und daher kontraproduktiv.

Fußnoten

9.
Vgl. Milton Friedman, The Social Responsibility of Business is to Increase its Profit, in: The New York Times Magazine vom 13.9.1970; Andrew Crane/Dirk Matten, Business Ethics, Oxford 2007, S. 42ff.
10.
Vgl. John Stuart Mill, Liberalismus, Stuttgart 1986, S. 23; John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1979, S. 274–282; ders., Gerechtigkeit als Fairness, Frankfurt/M. 2001.
11.
Vgl. Joseph Stiglitz, Im freien Fall, München 2010.
12.
Vgl. Ludger Heidbrink/Imke Schmidt/Björn Ahaus (Hrsg.), Die Verantwortung des Konsumenten, Frankfurt/M.–New York 2011.
13.
Vgl. Christian Neuhäuser, Unternehmen als moralische Akteure, Berlin 2011, S. 270–278.
14.
Vgl. David A. Ricks, Blunders in International Business, Oxford 2006; Stewart Hamilton/Alicia Micklethwait, Greed and Corporate Failure, London 2006.
15.
Vgl. Seumas Miller, The Moral Foundation of Social Institutions, Cambridge, MA 2009.
16.
Vgl. zur folgenden Argumentation: C. Neuhäuser (Anm. 13).