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Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.

27.6.2012 | Von:
Christian Neuhäuser

Faires Wachstum und die Rolle der Unternehmen

Leistungsfähigkeit der Unternehmen

Was genau sollen Unternehmen in Bezug auf ein faires Wachstum leisten? Und wie lassen sie sich in eine Bewegung zur Umstellung auf faires Wachstum integrieren? Zur ersten Frage soll hier über einige generelle Bemerkungen hinaus nicht viel gesagt werden. Denn es wird sich erst im Laufe der Zeit praktisch herausstellen, wenn Unternehmen erst einmal damit beginnen, auf faires Wachstum zu setzen, was genau sie leisten können und was von ihnen erwartet werden kann. Allerdings lassen sich zumindest vier Eckpunkte für die Beteiligung von Unternehmen bereits in abstracto festhalten: Sie können sich an einem Reporting für faires Wirtschaften beteiligen, wie es eine Reihe von Unternehmen ja bereits leistet. Fraglos wird dieses Reporting an vielen Stellen einseitig und auch ein wenig geschönt ausfallen. Aber zugleich hilft es dabei, das Thema immer stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Außerdem können Unternehmen aufgrund ihrer spezifischen Expertise dabei helfen, ein faires Konzept von Wachstum aussagekräftiger und besser messbar zu machen. Unternehmen sind immerhin sehr gut darin, Daten zu sammeln, zu verarbeiten und in aussagekräftige Informationen umzuwandeln.

Ferner können Unternehmen schon allein dadurch, dass sie sich einer Umstellung auf faires Wachstum nicht widersetzen, einen wesentlichen Beitrag leisten. Die Lobbyarbeit von Unternehmen und ihr ökonomisches Drohpotenzial sind eine wichtige politische Machtressource. Sie könnten diese Macht einsetzen, um eine Umstellung auf faires Wachstum ernsthaft zu gefährden. Stattdessen können sie ihren Einfluss aber auch dafür nutzen, diese Umstellung auf möglichst wettbewerbsneutrale Weise mitzugestalten.[17] Sie könnten genau dies als besondere Herausforderung begreifen, um ihre Managementkompetenzen dafür zu nutzen, neue und außerordentlich anspruchsvolle Aufgaben zu meistern.[18]

Außerdem können Unternehmen bereits jetzt ihren am Markt bestehenden Spielraum dazu nutzen, um selbst Schritt für Schritt auf faires Wachstum umzustellen. Sie können beispielsweise nachhaltiger wirtschaften oder kontrolliert fair gehandelte Ware beziehen. Oft sind dies nur kleine Schritte, die zusammen aber einen gewaltigen Sprung nach vorn initiieren können, weil sie ein grundsätzliches Umdenken und eine neue Idee von fairem Wirtschaften mit Blick auf ein faires Wachstum einleiten. Alles was es dafür braucht, ist die Bereitschaft und den Mut der Wirtschaftseliten, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Schließlich können Unternehmen durch Marketingkampagnen für ihre Orientierung an fairem Wachstum werben und dadurch neue Marktsegmente erschließen. Wenn sie ihre Produktion, ihre Dienstleistungen und ihren Handel auf faires Wachstum umstellen, dann muss sich die Nachfrage ebenfalls umstellen, sonst versackt die unternehmerische Initiative schnell, weil gar kein Markt zustande kommt. Allerdings dürfen sich Unternehmen auch nicht auf die Behauptung zurückziehen, sie könnten ja nichts tun, weil keine Nachfrage bestünde. Denn tatsächlich verfügen sie selbst über das Potenzial, erheblichen Einfluss auf die Nachfrage am Markt zu nehmen und können dies nutzen, um auch die Nachfrage in Richtung faires Wachstum zu bewegen.[19] Dann ist nicht mehr einfach nur "billiger besser“ und „Geiz geil“, sondern Nachhaltigkeit und soziale Kriterien zählen ebenfalls. Hier zeigt sich bereits, dass es nicht nur um Werbung geht, sondern dies vielmehr nur ein Teil eines gesamtgesellschaftlichen Narrativs ist, das sich in Richtung faires Wachstum verändern muss.[20]

Diese vier Eckpunkte sind nur erste Schritte. Sie zeigen, dass sich Unternehmen an der Umstellung auf faires Wachstum beteiligen können und – was vielleicht noch wichtiger ist – diese Umstellung nicht unbedingt überall dort aufhalten oder verhindern müssen, wo sie es könnten. Dennoch wäre es naiv anzunehmen, dass Unternehmen einfach so alle ihre Kräfte nutzen werden, um Schritt für Schritt auf faires Wachstum umzustellen. Zwar gibt es in vielen und auch in sehr großen Unternehmen zahlreiche Menschen, die solch eine Umstellung persönlich befürworten würden. Aber deren individuelle Fähigkeit, den Kurs insbesondere großer Unternehmen zu verändern, ist häufig sehr begrenzt.[21] Es bedarf also äußerer Anstöße in Form von negativen Sanktionen und positiven Anreizen. Negative Sanktionen können auf ein Problem und einen Handlungsbedarf aufmerksam machen, eine dauerhafte Umstellung können jedoch vor allem positive Anreize leisten. Es ist also durchaus akzeptabel, wenn von Seiten der Zivilgesellschaft ein moderates blaming und shaming betrieben wird, falls Unternehmen sich gegen ein faires Wachstum stellen und beispielsweise in der Nachhaltigkeit oder bei anständigen Arbeitsbedingungen eklatante Mängel aufweisen.[22] Genauso angemessen ist es natürlich, wenn sich der Gesetzgeber entscheidet, durch rechtliche Sanktionen unerwünschtes Verhalten zu verbieten und so gewissermaßen für Unternehmen zu kostspielig zu machen.

Doch derartige Sanktionen wären kaum besonders effektiv, wenn sie nicht durch positive Anreize flankiert würden. Denn immerhin soll es ja darum gehen, dass sich Unternehmen der Umstellung auf faires Wachstum nicht widersetzen und sich sogar innovativ daran beteiligen. Bei bloß negativen Sanktionen gäbe es wohl kaum eine Beteiligung, sondern reichlich Widerstand. Wie also kann es gelingen, für Unternehmen positive Anreize zu schaffen, sich an fairem Wachstum zu beteiligen? Letztendlich müssen zwei gravierende Veränderungen eingeleitet werden: Die Struktur der Märkte und die Struktur der Unternehmen selbst müssen sich ändern. Beide sollten für faires Wachstum zugänglicher werden. Der Einsatz für faires Wachstum muss sich für die Stellung am Markt und für die Stabilität im Unternehmen positiv auswirken, der Verstoß gegen die Kriterien des fairen Wachstums und eine allzu einseitige Orientierung an ökonomischem Wachstum dagegen negativ.[23]

Dies kann nur gelingen, wenn politische Regulierung und zivilgesellschaftliche Steuerung ineinandergreifen. Die Politik kann dafür sorgen, dass durch die Rahmensetzung solche Unternehmen belohnt werden, die auf faires Wachstum setzen. Die Zivilgesellschaft kann durch ihren Einfluss auf das Kaufverhalten der Konsumenten dafür sorgen, dass die Märkte für solche Unternehmen wachsen. Dies kann wiederum durch die Politik gestärkt werden, indem sie solche zivilgesellschaftlichen Prozesse unterstützt. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die Aufgabe der Politik in zunehmend komplexen Gesellschaften nicht nur in direkter Regulierung besteht, sondern indirekte Regulierung durch das politische Management zivilgesellschaftlicher Prozesse immer wichtiger wird.

Ich danke Lisa Herzog und Marc Hübscher für wertvolle Kommentare.

Fußnoten

17.
Vgl. Karl Homann/Andreas Suchanek, Ökonomik, Tübingen 2005.
18.
Das Problem ist hier, dass es gerade unter Topmanagern kaum individuelle Vorbilder gibt, die einen entsprechenden Ansporn liefern. Genau dies müsste durch herausragende soziale Anerkennung gefördert werden.
19.
Vgl. Benjamin Barber, Consumed!, München 2008.
20.
Vgl. Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution, Frankfurt/M. 2011.
21.
Vgl. Günther Ortmann, Organisation und Moral, Weilerswist 2010.
22.
Vgl. Iris M. Young, Inclusion and Democracy, Oxford 2000, S. 157ff.; dies., Responsibility for Justice, Oxford 2010, S. 133ff.
23.
Vgl. Marc Hübscher, Die Firma als Nexus von Rechtfertigungskontexten, Marburg 2010; ders./Christian Neuhäuser, Organisationsökonomik und Gerechtigkeit, in: Olaf J. Schuhmann/Hille Haker/Martin Schröter (Hrsg.), Marktwirtschaft und Menschenrechte, Tübingen 2012; Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, Bern 1997; Bruce Ackerman/Anne Alstott, The Stakeholder Society New Haven 1999.