Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Karl Brenke

Nötige Modernisierung der griechischen Wirtschaft: eine Herkulesaufgabe

Griechenland hat lange Zeit über seine Verhältnisse gelebt – in dem Sinne, dass mehr Güter verbraucht als produziert wurden. Die Güterverwendung einer Volkswirtschaft setzt sich aus drei Komponenten zusammen: dem privaten Konsum, dem Konsum des Staates (zu dem etwa die Gehälter für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst zählen) sowie den Investitionen – seien es Investitionen der privaten Haushalte (Bau eines Eigenheims), der Unternehmen (Fabriken, Maschinen, Bürogebäude) oder des Staates (Straßen, Schulen oder Feuerwehrautos).

In Griechenland überstiegen all diese Ausgaben zusammengenommen das Bruttoinlandsprodukt, also die Wirtschaftsleistung des Landes, deutlich. Wenngleich die Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) im Falle Griechenlands immer noch als "vorläufig" gekennzeichnet sind, so sollten sie doch inzwischen zumindest einigermaßen zuverlässig sein und systematisch nur solche Fehler enthalten, die auch in den Zahlenwerken anderer Länder zu finden sind.[1] Den Daten nach war der Verbrauch in der gesamten vergangenen Dekade immer um mehr als ein Zehntel höher als die Produktion (vgl. Abbildung in der PDF-Version). Im Jahr 2008 wurde mit 15 Prozent der Spitzenwert erreicht.[2] Wenn mehr Güter konsumiert oder für Investitionen verwendet als selbst produziert werden, gibt es ein entsprechendes Defizit im Außenhandel.

Dann kamen die Krisen. Zunächst war es die in der zweiten Jahreshälfte 2008 einsetzende weltweite Finanzkrise. Sie hat sich aber fast nur bei der Investitionsneigung bemerkbar gemacht. Der Konsum der privaten Haushalte wurde indes kaum gedämpft, und der Verbrauch des Staates zog sogar noch an. Es folgte die originär griechische Krise. Nach den Parlamentswahlen im Herbst 2009 wurde das tatsächliche Ausmaß der Staatsverschuldung mehr und mehr offen gelegt – vielleicht auch deshalb, weil die neu gewählte Regierung eine Begründung dafür brauchte, dass die großzügigen Wahlversprechen nun doch nicht eingehalten werden konnten.

Anfang 2010 wurde ob des chaotischen Zustands der Staatsfinanzen von der EU und den Kapitalmärkten ein Umlenken erzwungen. Die Staatsausgaben wurden eingeschränkt; deshalb und angesichts einer wachsenden Verunsicherung der Bevölkerung brach der private Konsum ein. Der scharfe Nachfragerückgang ließ die Produktion stark schrumpfen. Und weil die Nachfrage rapide abnahm, wurden auch weniger Güter importiert, weshalb der Fehlbetrag im Wirtschaftsaustausch mit dem Ausland zurückging: Griechenland lebte nun nicht mehr so sehr über seine Verhältnisse wie zuvor. Gleichwohl blieben privater und staatlicher Konsum sowie die Investitionen zusammengenommen immer noch höher als die Wirtschaftsleistung – im vergangenen Jahr waren es noch 8 Prozent. Nachdem die "rauschende Party" vorbei war, folgte der Katzenjammer. Besonders deutlich ist das an der Entwicklung der Arbeitslosigkeit abzulesen: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich seit 2008 verdreifacht; die Erwerbslosenquote hat inzwischen 22 Prozent erreicht, mit steigender Tendenz.

Vorgeschichte

Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Wenn dauerhaft große Defizite im Außenhandel bestehen, muss das Geld aus dem Ausland kommen: über den Erwerb von Anleihen und anderen Schuldverschreibungen des Staates, über Kredite an die griechischen Banken und an andere Unternehmen sowie durch ausländisches Geld, dass in Bauten oder technische Ausrüstungen investiert wird. Das aus dem Ausland zufließende Geld sickert in den gesamten Wirtschaftskreislauf ein und sorgt somit für eine erhöhte Nachfrage. Durch den angekündigten und im Jahr 2001 erfolgten Beitritt zur Eurozone wurde Griechenland zu einem Land mit harter Währung. Anders als zuvor, als die Drachme gegenüber wichtigen Leitwährungen wie dem US-Dollar oder der D-Mark immer wieder an Wert verlor, wurden nun Kredite und Investitionen für ausländische Geldgeber kalkulierbarer und sicherer. Sie mussten nun nicht mehr Abwertungen der Währung und somit eine Schmälerung ihres eingesetzten Kapitals fürchten. Das Risiko hatten sie sich früher durch hohe Zinsen vergüten lassen; nun war das nicht mehr nötig. Entsprechend näherten sich die Zinssätze in der gesamten Eurozone stark aneinander an, und die Zinssätze früherer Weichwährungsländer wie Griechenland sanken massiv. Es gab also "billiges Geld“ – und zwar viel davon, weil die Geldgeber die Mitgliedschaft in der Eurozone auch als einen Garanten für die Zahlungsfähigkeit ihrer Schuldner ansahen.

Wie man mittlerweile feststellen musste, war das eine Illusion. Sie wurde im Falle Griechenlands allerdings dadurch genährt, dass es die Aufsichtsgremien der EU lange Zeit vermieden hatten, einen genaueren Blick auf die wirtschaftliche Lage und den tatsächlichen Zustand des Staatshaushaltes zu werfen. So verschloss man wohl aus politischem Opportunismus die Augen, als schon 2004 bekannt wurde, dass Griechenland seine Lage viel zu rosig dargestellt hatte.[3] Einen weiteren Geldfluss stellten die diversen Fonds der EU dar; seit seinem Beitritt im Jahr 1981 war Griechenland einer der bedeutendsten Nettoempfänger.[4]

Wie es aber so ist: Wer denkt schon an morgen, wenn die Quellen fließen – zumal aufgrund des Euro plötzlich mehr und billigeres Geld verfügbar ist? Die Nachfrage wächst, und es geht für jeden sichtbar mit der Wirtschaft bergauf. Nach der Einführung des Euro im Jahr 2001 bis zur Finanzkrise im Jahr 2009 stieg die, vor allem konsumgetriebene Wirtschaftleistung um nominal knapp 60 Prozent, die Löhne stiegen um 80 Prozent. Man konnte sich sogar teure Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele leisten.

Wenn einmal Euphorie um sich greift, gibt es kaum noch ein Halten. Man kennt das von den zahlreichen Scheinblüten, die im Laufe der Wirtschaftsgeschichte entstanden sind. Ein überzogener Optimismus lässt den Glauben an einen stetig anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung aufkommen. Aber irgendwann hat jeder Höhenflug ein Ende, und die Rückkehr auf den Boden der Realität ist dann nicht nur ernüchternd, sondern bereitet auch heftige Schmerzen. Das ist aktuell nicht nur in Griechenland so, sondern auch in den USA, in Irland und in Spanien angesichts der dort geplatzten Blasen auf den Immobilienmärkten. In Griechenland ist die Lage aber besonders schlimm, weil die wirtschaftliche Basis wenig an Substanz vorweisen kann.

Auf die Exportbasis kommt es an …

Einzelne Volkswirtschaften können nicht all die Güter herstellen, die im Land benötigt werden. Man sollte es auch gar nicht erst versuchen, weil man sich dadurch die Vorteile der Arbeitsteilung und des internationalen Handels vergeben würde. Je kleiner die Länder sind, desto mehr sind sie im Allgemeinen auf Arbeitsteilung und Wirtschaftsaustausch angewiesen. Dabei ist darauf zu achten, dass Ausfuhren und Einfuhren sich in etwa ausgleichen. Deutschland erzielt seit Jahrzehnten einen Exportüberschuss, lebt also unter seinen Verhältnissen, weil per saldo Geld abfließt. Auf Griechenland trifft das Gegenteil zu. In Deutschland müsste die Binnennachfrage gestärkt werden, in Griechenland indes die Exportbasis.

Denkbar wäre für Griechenland natürlich auch, bisher importierte Güter selbst herzustellen. Der Importsubstitution sind aber Grenzen gesetzt, wie die langjährigen und letztlich vergeblichen Versuche mancher Länder auf der südlichen Erdkugel, insbesondere in Lateinamerika, gezeigt haben.[5] Als ein übergreifendes Entwicklungskonzept bietet sich Importsubstitution nicht an; lediglich auf Teilmärkten ist ein Ersatz von Importen durch verstärkte heimische Produktion möglich.

Zur Exportbasis eines Landes gehört traditionell die Industrie, in den meisten entwickelten Ländern ist sie deren weitaus wichtigster Teil. In einer Reihe von Staaten sind auch Rohstoffe wichtig. Griechenland hat wie viele andere EU-Staaten in dieser Hinsicht aber kaum etwas anzubieten. Zur Exportbasis zählen auch manche landwirtschaftlichen Produkte, oft aber erst nach industrieller Weiterverarbeitung. Auch einige Dienstleistungsgüter sind international handelbar wie Software, Lizenzen oder Ingenieurleistungen. Hinzu kommt schließlich der Tourismus. Wenn Auswärtige im Land Geld für Übernachtung, Verpflegung, Transport oder Unterhaltung ausgeben, ist das faktisch nichts anderes als wenn beispielsweise Maschinen exportiert werden, denn in beiden Fällen werden Einnahmen im Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland erzielt.

Fußnoten

1.
Ein grundlegendes Problem bei der Ermittlung der Wirtschaftsleistung stellt die Schattenwirtschaft dar. Mit den einschlägigen Erhebungsverfahren wie Unternehmens- oder Haushaltsbefragungen, der Auswertung von Register- und Steuerdaten ist sie kaum zu fassen. Dieses generelle Problem dürfte wohl im Falle Griechenlands unter anderem wegen seiner sehr kleinteiligen Wirtschaftsstruktur besonders stark ausgeprägt sein.
2.
Sofern nicht anders vermerkt, wurden alle in diesem Aufsatz angegebenen statistischen Informationen der Eurostat-Datenbank entnommen.
3.
Vgl. Europäische Kommission (Hrsg.), Bericht zu den Statistiken Griechenlands über das öffentliche Defizit und den öffentlichen Schuldenstand, Brüssel 2010, S. 13ff.
4.
Vgl. dies., Haushalt 2010, Finanzbericht, Luxemburg 2011, S. 75.
5.
Vgl. Lutz Hoffmann, Importsubstitution und wirtschaftliches Wachstum in Entwicklungsländern, Tübingen 1970; Dieter Boris, Zur Politischen Ökonomie Lateinamerikas, Hamburg 2001.