Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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Politische Kultur in Griechenland


23.8.2012
Das Griechische ist fast die einzige europäische Sprache, in der es das Wort Republik nicht einmal als Lehnwort gibt. Im modernen Griechischen bedeutet Dimokratia sowohl Demokratie als auch Republik. Bevor in der Antike in Griechenland etwas entstehen konnte, was der römischen res publica gleichgekommen wäre, verlor Griechenland seine politische Unabhängigkeit und die Fremdherrschaft begann: zuerst die der Makedonen, dann die der Römer, Byzantiner und schließlich die der Osmanen. Fast 2000 Jahre lang hatten die Griechen keinen eigenen Staat.

Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert waren Griechenland und die übrigen Länder des Balkans Teile des Osmanischen Reiches. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Herrscher war die Vernichtung der bisherigen Oligarchie, also der Aristokratie, da diese die Führung in potenziellen Aufständen hätte übernehmen können. Übrig blieben die ursprünglich gewählten lokalen Dorfbürgermeister, die sogenannten Muchtare, welche die osmanische Regierung vor Ort vertraten.[1] Sie hatten eine doppelte Funktion: Einerseits wurden sie zu Führern und Beschützern der örtlichen Bevölkerung, andererseits waren sie Objekte osmanischer Repression, wenn in ihrem Verantwortungsbereich etwas schiefging.

Aus ihrer Funktion als Beschützer gewannen sie in den Augen der Beschützten Prestige und Macht. Als Gegenleistung erwarteten sie Loyalität von ihren Hintersassen. Die Osmanen belohnten treue Dienste, und so wurden diese lokalen Notabeln im Laufe der Zeit wohlhabend – und oft zu Geldverleihern und Wucherern. Dieses äußerst profitable Geschäft – 30 Prozent Zinsen waren üblich – führte zu einer wachsenden Abhängigkeit der örtlichen Bauern. Diese Abhängigkeitsbeziehung existierte im ganzen Osmanischen Reich und wird als Muchtarsystem bezeichnet. Es ist der historische Ursprung des heutigen Klientelsystems.[2]

In Teilen Griechenlands währte die osmanische Herrschaft über 400 Jahre. Während in Westeuropa ein selbstbewusstes Bürgertum entstand, das den Staat als das eigene Staatswesen und die eigene bürgerliche Republik empfand, war der Staat für viele Griechen gleichbedeutend mit Fremdherrschaft, gegen die es sich zu wehren galt. Steuervermeidung und Diebstahl von staatlichem Eigentum waren typische Abwehrreaktionen. Diese Einstellung wurde zu einer Tradition, die bis heute fortwirkt.

Anfänge des Klientelismus



Als 1821 der griechische Unabhängigkeitskrieg begann, waren die klientelistischen Strukturen des Muchtarsystems die einzigen Kristallisationskerne für die politische Organisation des Kampfes. Während der Auseinandersetzung vernetzten sich die Muchtare horizontal und bildeten vertikale Strukturen, sodass pyramidenförmige Klientelnetzwerke entstanden. Da sie in der Regel keine militärischen Erfahrungen hatten, griffen sie auf die Anführer der Klephten (Räuber aus den Bergregionen) zurück, die sich der osmanischen Kontrolle entzogen. Als die Unabhängigkeit kam, gab es also eine klientelistisch organisierte Führungselite, welche die Klephtentradition aufrechterhielt, indem sie dieses Metier unter anderen Vorzeichen weiterbetrieb.

Der erste neugriechische Staat war zunächst eine Republik, aber diese passte nicht in die nach-napoleonische politische Landschaft der Restauration, weshalb Griechenland ein Monarch oktroyiert wurde. Der Monarch war ein König von Großmächte Gnaden, und das Land wurde zum Klientelstaat der europäischen Mächte. Die Großmächte übten ihren Einfluss auf das Land aus, indem sie ihre Anhänger kontrollierten. Diese waren in „Parteien“ organisiert, die aber im Grunde reine klientelistische Netzwerke waren. Es gab zunächst drei „Parteien“ – die russische, die englische und die französische. 1862 setzte Großbritannien eine neue Dynastie ein, und von da an waren die griechischen Monarchen britische Vizekönige und Griechenland ein britisches Protektorat.[3]

Als der erste griechische König der Neuzeit, Otto von Wittelsbach (1832–1862), mit einer Handvoll bayerischer Verwaltungsbeamter nach Griechenland kam, zeigte sich rasch, dass er mit diesen das Land nicht regieren konnte. Er musste auf die klientelistischen Netzwerke zurückgreifen und sie in die Verwaltung integrieren. Auf diese Weise gewannen die Patrone Zugang zu staatlichen Geldern. Damit aber änderte sich der Charakter des bis dahin praktizierten Klientelismus. Bis dahin war die traditionelle Beziehung zwischen Patron und Klient von einer gewissen Freiwilligkeit der Unterordnung geprägt gewesen. Nun wurde der Klientelismus zu einem Zwangsmittel, um dem Individuum seinen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Die Patrone begannen, sich in die Politik einzumischen, und entdeckten rasch, dass der Klientelismus auch zu politischen Zwecken genutzt werden konnte. Um ihre Klientel an sich zu binden, verteilten sie Gefälligkeiten (Rousfetia). Dazu verwendeten sie oft gestohlene staatliche Gelder oder vermittelten Posten in der Verwaltung. Als Gegenleistung erwarteten sie, dass die Klientel bei den nächsten Wahlen für sie stimmte.

Als Großbritannien 1862 die alleinige Schutzmacht wurde, änderte sich der Charakter der griechischen "Parteien". Es entstanden "politische" Parteien – eine liberale und eine konservative Partei –, aber an deren klientelistischem Charakter änderte sich wenig. Der Staat wurde zum Ausbeutungsobjekt der jeweiligen Anführer der klientelistischen Pyramide. Postenschacher, Patronage, Korruption und das aus der US-Geschichte bekannte Spoils System (das bedeutet, dass der Gewinner einer Wahl das gesamte administrative Personal auswechselt) durchdrangen die staatliche Verwaltung, das Rechtssystem und das Militär.

Stimmenkauf bei Parlamentswahlen und Wahlfälschungen waren gängige politische Erscheinungen. Ende des 19. Jahrhunderts charakterisierte ein griechischer Abgeordneter dieses System als "politische Zuhälterei".[4] Von 1862 an war Griechenland ein britischer Klientelstaat und der König ein britischer Statthalter. Von nun an folgten die griechischen Könige und Politiker der Maxime ti thelei o xenos paragontas (Was will der ausländische Faktor?). Wenn ein König, wie Konstantin I. (1913–1917 und 1920–1922) im Ersten Weltkrieg, versuchte, sich aus der klientelistischen Abhängigkeit von Großbritannien zu lösen, intervenierte die Schutzmacht, und der König verlor seinen Thron.


Fußnoten

1.
Vgl. Heinz A. Richter, Athener Klientelismus, in: Lettre International, (2012) 96, S. 25ff.; ders., Zwischen Tradition und Moderne, in: Peter Reichel (Hrsg.), Politische Kultur in Westeuropa, Frankfurt/M. 1984, S. 147.
2.
Vgl. Keith Legg, Politics in Modern Greece, Stanford 1969, S. 34.
3.
Vgl. Emanuel Turczynski, Sozial- und Kulturgeschichte Griechenlands im 19. Jahrhundert, Möhnesee 2003.
4.
Zit. nach: Hariton Korisis, Die politischen Parteien Griechenlands, Hersbruck 1966, S. 105.