Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Danae Coulmas

Von der Ungleichzeitigkeit der Kultur oder: das "schwierige Geschäft, Grieche zu sein"

Kultur ist paradox. Dem Geist der jeweiligen Epoche entspringend, aber vom Zeitgeist unabhängig, durchzieht sie unsere Geschichte. Das bedeutet nicht, dass sie nicht aktuell, auf konkrete Ziele hin orientiert und engagiert, ja militant sein kann. Es bedeutet, dass Kultur auch losgelöst vom Zeitgeschehen wie ein Strom in eigenen Rhythmen fließt. In souveräner Ungleichzeitigkeit. Auch in "dürftigen" Zeiten, wie Friedrich Hölderlin es nannte, oder – wie wir heute zu sagen pflegen – in Zeiten der "Krise".

"Wozu Dichter in dürftiger Zeit!" – Hölderlins Werk ist die Antwort auf seinen eigenen, am Zeitgeist verzweifelnden Sinn. Auf ihn, den Deutschen, bezieht sich der griechische Dichter Odysseas Elytis in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahr 1979: "Wie soll ich mich hier nicht auf Friedrich Hölderlin beziehen (…). Es ist eben das Übel, das uns auch heute bedrängt, das ihn aufrufen ließ: Wozu Dichter in dürftiger Zeit! Die Zeiten sind, leider Gottes, seit eh und je für den Menschen dürftig gewesen. Aber auch seit eh und je hat die Dichtung ihre Funktion erfüllt."[1] Die Dichtung hat ihre eigene Zeit. Sie ist "kämpferische Unschuld" und insofern ein Widerstand gegen den Lauf der Dinge in der Welt. Elytis avisierte hiermit einen allgemeingültigen und übergreifenden Anspruch der Kultur, was keineswegs ein rein griechisches Phänomen ist. Auch wenn sie als aufklärerisches Element zu Homer zurückführt: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno lokalisieren die Dialektik zwischen Mythos und Aufklärung bereits in der "Odyssee".

In Griechenland indessen scheint es so zu sein, als hätten es Geschichte und Geschichtsschreibung einerseits und die Kultur andererseits bewusst und besonders häufig gemieden, auf dem selben Weg zu gehen.[2] Dies wird im Bereich der Literatur deutlich: Sie ist Erinnerung, Bewältigung, Korrektur, Prophetie[3] und trägt zur Erhaltung des humanen und zuweilen nationalen Bewusstseins bei – eine Ungleichzeitigkeit der Kultur, die man in diesem Rahmen nur anhand einiger Beispiele aus der Literatur und den "dürftigen" Zeiten streifen kann.

Ein Beispiel betrifft die Kultur in ihrem gesellschaftlichen Sinne in weit zurückliegender Vergangenheit. Sie tritt in geminderter Form zugleich als Garant eigener Identität in einer außerordentlich langen Geschichtsperiode des Landes in Erscheinung: während der osmanischen Herrschaft (1453–1821). Als die Renaissance in Europa, sich an der griechischen Antike orientierend, die Fundamente der Neuzeit setzte, befand sich Griechenland für 400 Jahre unter einer weitestgehend fremden Herrschaft. Kultur reduzierte sich auf ein Minimum, das heißt auf zwei elementare Bereiche: den christlichen Glauben und die kommunale Selbstverwaltung durch gewählte Vertreter. Beides waren Zeichen der, wenn auch punktuellen Toleranz der Besatzer – gewährt in der Hoffnung auf eine geregelte Steuereinziehung durch die Untergebenen selbst.

Die griechische Sprache lebte als genuine Identität weiter und fand ihren höchsten Ausdruck in anonymen, zum Teil revolutionären Volksliedern (die Besonderheit griechischer Volkslieder beeindruckte unter anderem Johann Wolfgang von Goethe, der sich auch als ihr Übersetzer versuchte). In diesen anonymen Liedern werden einige Formen und inhaltliche Elemente der Antike tradiert; in ihnen floss der Strom unabhängig von der "Zeit" weiter, auch wenn mitunter die Gegebenheiten der Zeit besungen oder beklagt wurden.

Näher an unserer Zeit und Erinnerung liegt die "Kleinasiatische Katastrophe" in den 1920er Jahren. Getrieben von der Megali Idea (Große Idee), der Vorstellung einer weiteren Befreiung von Gebieten der heutigen Türkei, die einen hohen griechischen Bevölkerungsanteil hatten[4] – und zunächst mit der politischen und militärischen Unterstützung der Entente Cordiale – unternahmen die Griechen einen Feldzug ans kleinasiatische Ufer und entfachten einen Krieg, der mit einer gewaltigen Vertreibung und einem Bevölkerungsaustausch endete, der für beide Seiten einer ethnischen Säuberung gleichkam.[5] Verloren ging damals neben der Heimat auch ein unwiederbringliches Gut: eine örtliche Lebenskultur, die Griechen und Türken nachweislich verbunden hatte.

Über diese Zeit ist in den folgenden Jahren in Griechenland viel geschrieben worden. Doch das erste Buch, das frei von beiderseitigen aggressiven Vorurteilen war, erschien erst im Jahr 1962: "Blutgetränkte Erde" von Dido Sotiriou.[6] So lange hatte es gebraucht, um Wahrheit und Schmerz auseinanderhalten und auch sich selbst anklagen zu können – es war ein politischer, versöhnlicher Akt von besonderem Belang.

Ähnlich verhält es sich mit der "Bewältigung" der geschichtlichen Ereignisse in den 1940er Jahren. Wobei die Literatur und die Volkslieder während der deutschen Besatzung (1941–1944) – naturgemäß als Widerstand im Untergrund – mit der Geschichte Schritt hielten und sich auch nach der Befreiung als thematische Einheit fortsetzten.

Eine solche "Bewältigung" in Bezug auf die griechischen Bürgerkriege (1943–1944 und 1946–1949) findet hingegen erst ein Lebensalter später statt. Noch in den 1950er Jahren wurde sie von der restaurativen Politik der Regierenden regelrecht verhindert, indem "Linke" – eine gängige Pauschalisierung von Andersdenkenden – verfolgt wurden. Ein Meilenstein hinsichtlich der direkten wie auch indirekten Aufarbeitung der eigenen Geschichte samt autobiografischer Traumata ist das schmale Werk von Thanassis Valtinos "Der Marsch der Neun" (erstmals 1963 mit dem Originaltitel "Der Abstieg der Neun" erschienen). Frei von jeglichen Ideologemen zeigt er die Tragödie des eigenen Volkes.[7]

In der Gegenwart – in der Zeit der sogenannten Krise – scheint sich in Griechenland diese Art der Ungleichzeitigkeit von Kultur in umgekehrter Richtung zu bewähren: Dichter aus längst vergangenen Zeiten werden in Presse und Medien, in Parlamentssitzungen und politischen Pressekonferenzen zitiert. Erstaunliches taucht auf wie etwa das Gedicht "In einer großen griechischen Kolonie, 200 v. Chr.", geschrieben im Jahr 1928 – ein Jahr vor der weltweiten Wirtschaftskrise – von dem international bedeutendsten griechischen Dichter aus Alexandria, Konstantinos Kavafis (1863–1933).[8] Darin ist die Rede vom schlechten Zustand der "Kolonie", von "Reformatoren", die nach allem "fragen und ermitteln", sich "radikale Änderungen in den Kopf" setzen, "einen Hang zu Opfern" haben und, nachdem sie "alles bestimmt und es beschnitten haben", fortziehen, der Dinge harrend – man wird sehen "was noch übrig bleibt nach/solchem Meisterstück der Chirurgie". Welch Parallele! Des Dichters Ironie weist im Voraus auf das Ergebnis der heutigen gutgemeinten Operationen und Meisterstücke der Chirurgie. Sie stürzten das Land in eine zunehmend tiefere Rezession – und Depression.

Fußnoten

1.
Rede am 8.12.1979, online: www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1979/elytis-lecture.html (17.7.2012). Das Hölderlin-Zitat stammt aus "Brot und Wein".
2.
Vgl. Marilisa Mitsou, Literarisches Gedächtnis und Geschichtsschreibung in Griechenland: eine Parallele?, Beitrag zur Tagung "Erinnerungskultur und Geschichtspolitik der Okkupation Griechenlands 1941–1944", München vom 19.–21.7.2012.
3.
So werden angesichts der aktuellen Krise in Griechenland die Romane von Alexandros Kotzias "Erfundenes Abenteuer" (1985) und Maro Douka "In der Tiefe des Bildes" (1990) vermehrt genannt und wieder aufgelegt.
4.
Vgl. zur Zeitgeschichte den Beitrag von Loukas Lymperopoulos in dieser Ausgabe. (Anm. d. Red.)
5.
Etwa 1,2 Millionen Griechen mussten ihre Heimat in der heutigen Türkei verlassen, und etwa 380.000 Türken mussten aus ihren griechischen Heimatorten in die Türkei übersiedeln. Vgl. Richard Clogg, Geschichte Griechenlands im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 1997, S. 130.
6.
Dido Sotiriou, Blutgetränkte Erde (Matoména chómata), Athen 1962. Der deutsche Titel lautet "Grüß mir die Erde, die uns beide geboren hat" (Dido Sotiriu), der türkische "Benden Selam (Ein Gruss von mir)" (Dido Sotiroglu).
7.
Thanassis Valtinos, Der Marsch der Neun, Berlin 1978. Vgl. auch ausführlicher: Danae Coulmas (Hrsg.), Griechische Erzählungen des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 20012, S. 172–185.
8.
Vgl. Konstantinos Kavafis, Brichst du auf gen Ithaka …, Köln 20095.