Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Danae Coulmas

Von der Ungleichzeitigkeit der Kultur oder: das "schwierige Geschäft, Grieche zu sein"

Das "schwierige Geschäft, ein Grieche zu sein"[18]

Bedeutete das einen tieferen Eingriff in das eigene Bewusstsein? Man hatte auch ohnedies schon früher ein "Griechenland ohne Säulen" in den Vordergrund zu stellen versucht, um sich von dem Bild zu emanzipieren, das die anderen von den Griechen hatten und das seit Winkelmann den Blick für die geschichtliche Realität und die Gegenwart trübte. In Wirklichkeit geht es um mehr: um verschiedene Facetten einer schwierigen Selbstfindung. Denn wer kannte schon jene Verletzung von Seferis: "Wohin ich auch reise, Griechenland verletzt mich"? Wer kannte jenes ekstatische Bild Griechenlands, das Elytis als "blendendes Licht" beschrieb? Wer kannte vor allem jene Wahrnehmung des Griechentums als Romiosini bei Jannis Ritsos?

Romiosini, so nennt Ritsos[19] das Volk, dessen Würde er in Gesten eines bescheidenen, humanen Alltags entdeckt und verehrt, wie in seinem Kampf gegen die Unterdrückung. Wegen seines militanten Engagements über Jahrzehnte verfolgt, gefangen und deportiert, setzt Ritsos das Volk vor diesen biografischen Hintergrund: "Beweine sie nicht, die Romiosini, auch wenn sie in die Knie gezwungen wird."[20] Sie richte sich ja wieder auf. Seine Rede sitzt tief im Bewusstsein der Griechinnen und Griechen.

Wie stellt man es an, Grieche zu sein? Die Dichter sprachen es auf ihre Weise aus. Bei Konstantinos Kavafis heißt es in mündlicher Überlieferung: "Ich bin nicht Grieche, ich bin griechisch." Eine Beteuerung, die uns zu einem griechischen Kulturpatriotismus führt, jenseits von geografischen Grenzen.[21]

Das vielfältige Bild Griechenlands im 20. Jahrhundert könnte man vervollständigen mit Zeichen, die von international namhaften Griechen gesetzt wurden, wie Landschaften im Nebel in Filmen von Theo Angelopoulos, marxistische und heraklitische Philosopheme von Kostas Axelos, imaginär Institutionelles von Kornelios Kastoriadis, mathematisch strukturierte, elektronische Kompositionen von Iannis Xenakis. Nicht zu vergessen das Werk von Nikos Kasantzakis und sein Geschöpf Alexis Sorbas, der vor allem durch die filmische Interpretation zu einem missverstandenen Romanhelden wurde und der in Wirklichkeit nicht nur, wenn alles in Trümmern liegt, Sirtaki am Strand tanzt (mit den Schritten von Anthony Quinn), sondern einen Prototyp menschlicher Herzensgröße und Weisheit darstellt.

Das 20. Jahrhundert brachte über das Land, das immer in die Geschicke Europas miteinbezogen war, mehrere Kriege und Diktaturen, Vertreibung, Besatzung und Bürgerkrieg, war aber ein für die Kultur großes Jahrhundert. Es war voller Höhepunkte, die nicht nur in der Schöpferkraft von einzelnen Personen begründet waren, sondern auch aus einer eigenartigen Verschmelzung entstanden: Die griechische Kultur erreichte in den 1960er und 1970er Jahren eine Ebene, in der es keine Trennung mehr gab zwischen der sogenannten höheren und der anderen, der populären Kultur. Der Demos war plötzlich Teilhaber und Rezipient einer Einheit. Manos Hatzidakis und Mikis Theodorakis vertonten in der Tradition des Rebetiko, des Volksliedes der Städte, auch Verse von Dichtern, die Weltgeltung errungen hatten: Seferis, Elytis, Ritsos. Hohe Lyrik und populäre Musik vereinten sich in Liedern, die bis heute von allen gesungen werden wie hierzulande Schlager – ein einzigartiges Phänomen in Europa.

Man hat es eine "massenübergreifende Eigenartigkeit des griechischen Geistes" genannt und ist davon überzeugt, dass jeder Hirte in Arkadien "genau versteht, was diese Dichtung sagen möchte"[22] – von Theokrit und Vergil bis Poussin, Goethe und Schiller. Nicht irgendein Hirte, wohlgemerkt, sondern "Die Hirten von Arkadien", wie die europäische Tradition es verlangt. "Et in Arcadia ego" – Auch ich war in Arkadien: Lange ist es her, dass Goethe dies und auch das andere schrieb: "Das Land der Griechen mit der Seele suchend." Man hat es nicht nur mit der Seele gesucht, sondern auch mit dem Spaten. Und man wurde fündig und nahm mit.

Griechenland und Europa

Die Griechen sind noch in ihrer großen Mehrheit überzeugte Europäer. Giorgos Mangakis, ein prominenter Gefangener der Militärjunta, schrieb in seinem 1972 aus dem Gefängnis herausgeschmuggelten "Brief an die Europäer",[23] dass die "Würde des Menschen unbezwingbar" ist. Sie sei wie "eine hochempfindliche Stahlfeder im Inneren des Individuums". Diese Stahlfeder war damals der Geist Europas, der ihn und sein Land in schwierigen Zeiten stützte. Der europäische Geist, die gemeinsame Kultur als Widerstand an sich. Damals war dies möglich. Heute schwindet der Glaube an ihre Wirksamkeit – zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg. Und umso größer ist die Angst, dass dies langfristig eine größere Gefahr für Europa bedeuten könnte als eine Wirtschaftskrise, denn sie könnte auch die mächtigsten EU-Mitglieder erreichen und dadurch ein vereintes Europa in illusorische Ferne rücken.

Indessen fragt man sich weiter, wie man "Grieche" sein kann. Die Antwort ist nicht verwegen. Sie liegt im Aufblühen der Kultur in der "Krise". Sie setzt heute ihre Zeichen: Übergreifend und von hoher Qualität entfaltet sie sich überall in Griechenland, im Dorf, in den Städten, im verwahrlosten, verletzten Athen und verweist auf die Zukunft. Neben den "gekürzten" Möglichkeiten kulturellen Ausdrucks im offiziellen Gewand brodelt freiwillig und "ohne Geld" in allen Sparten der Kunst ein Leben voller Lust, das ein begeistertes Publikum mitreißt, ein Publikum, um das es hauptsächlich geht: Kultur entsteht jetzt weitgehend in der Gesellschaft und für sie, vielfältig und spontan, politisch oder nicht, in alten Foren, den öffentlichen und privaten, und in den neuen, den elektronischen mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten.

Und die Dichter? Noch unbekannt, werden sie bald die „kämpferische Unschuld“ namentlich weitertragen. In Griechenland. Weiter nach Europa. Vielleicht in die Welt. So war es immer gewesen. "Wie soll ich mich nicht auf Hölderlin beziehen?", wie Elytis einst sagte. Noch früher, im Jahr 1959 im geteilten Deutschland, schrieb der deutsche Dichter Peter Rühmkorf im Stil und Geist Hölderlins, um auf seine Art seinen Zeitgenossen zuzurufen, was heute gehört werden sollte, in Griechenland, aber auch in Europa: "Dass ein künftig Geschlecht euch anständig spreche./Größe von eurer Größe zu nennen weiß/und Nein von Eurem Nein."[24] Das immerwährende Nein der europäischen Kultur.

Fußnoten

18.
Christian Enzensberger in seinem Nachwort zu G. Seferis (Anm. 16), S. 93.
19.
Jannis Ritsos (1909–1990) war 1977 Träger des Lenin-Friedenspreises.
20.
Jannis Ritsos, Achtzehn kleine Lieder der bitteren Heimat (Dekaochtó lianotrágouda tis pikrís patrídas), Athen 1973.
21.
Vgl. Marguerite Yourcenar, Présentation critique de Constantin Cavafy 1863–1933 suivie d’une traduction des Poèms, Paris 1958.
22.
Fatíma Jelówa, Leiterin der Abteilung für Neugriechische und Byzantinische Studien der Universität von Petersburg.
23.
Giorgos Alenxandros Mangakis, Freiheit, meine Geliebte, Baden-Baden 2001, S. 34.
24.
Peter Rühmkorf, Hymne, in: ders., Irdisches Vergnügen in g., Reinbek 1959, S. 51.