Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Alexandra Baronsky
Irene Gerlach
Ann Kristin Schneider

Väter in der Familienpolitik

Diskursanalyse

Zwischenzeitlich wurde in der geschlechtersensiblen Wohlfahrtsstaatsforschung die zuvor so einmütig unterstellte Einflussmöglichkeit staatlicher Politik auf gelebte Geschlechterrollen in Frage gestellt. Stattdessen wurde die Bedeutung kultureller Leitbilder für die Prägung von Geschlechtsidentitäten hervorgehoben.[12] Inzwischen sind beide Größen als Einflussfaktoren anerkannt, ebenso wie zahlreiche andere Variablen wie die Persönlichkeit, die familiäre und soziale Situation, die Arbeitswelt und andere mehr.[13] Als Folge der Beschäftigung mit kulturellen Leitbildern sind jedoch Verfahren erprobt worden, die zurückverfolgen, wie solche Leitbilder entstehen und sich verändern. Dabei werden Diskurse als zentrale Phänomene verstanden.

Den Feststellungen des französischen Sprachphilosophen Michel Foucault zufolge handelt es sich bei einem Diskurs um gängige Vorstellungen und Aussagen zu einem Thema, die dessen Wahrnehmung und weiterführende Gestaltung prägen können.[14] Die Philosophin Judith Butler bezog diese Annahme auf die Herausbildung von Geschlechtsidentitäten. Demnach tragen die verbreiteten Vorstellungen über die Wesensmerkmale von Frauen und Männern dazu bei, dass wir uns in unseren Biografien danach richten und sie erfüllen.[15] Beide betonten bereits, dass Diskurse mit Macht verbunden sind, da sie die Realität beeinflussen können. Der Soziologe Pierre Bourdieu übertrug diesen Zusammenhang explizit auf Politik und verstand diese als Kampf um die Deutungshoheit sozialer Wirklichkeit: Wer bestimmte Entscheidungen hervorrufen und beeinflussen will, muss sie überzeugend rechtfertigen können, greift also dabei auf den gängigen Diskurs zurück und prägt ihn wiederum.[16] Die Methode der Diskursanalyse identifiziert und analysiert solche Prozesse, insbesondere Rechtfertigungen, im Nachhinein, um herauszufinden, in welchem Sinne und warum Entscheidungen getroffen wurden. In unserem Fall soll anhand einer Diskursanalyse nachvollzogen werden, welches die Gründe für den Bedeutungszuwachs der Väter innerhalb der Familienpolitik waren.

Das 1979 eingeführte Mutterschaftsurlaubsgeld wurde im Gesetzentwurf damit begründet, dass Frauen Zeit haben sollten, sich in den ersten Monaten ganz und gar ihrem Kind zu widmen, damit es beste Entwicklungschancen habe. Hier verband sich die Begründung durch das Kindeswohl eng mit dem Mutterschutz. Die Debatte war hauptsächlich auf Mütter zentriert, aktive Vaterschaft war im politischen Diskurs hingegen eher eine abstrakte Idee und galt nicht wirklich als realisierbare Möglichkeit. Zudem wurde das Mutterschaftsurlaubsgeld im Rahmen eines Konjunkturprogramms eingeführt und sollte eigentlich der Entlastung des Arbeitsmarktes dienen, indem die durch die Auszeit der Mütter frei werdenden Arbeitsplätze mit Arbeitssuchenden besetzt werden sollten.[17]

Als Zielsetzung des 1986 eingeführten Erziehungsgeldes wurde hingegen die gesellschaftliche Anerkennung häuslicher Betreuungs- und Erziehungsarbeit betont. Zudem sollte es eine finanzielle Möglichkeit für den Berufsausstieg bieten und auf diese Weise Wahlfreiheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Eine konstante elterliche Betreuung wurde weiterhin als unerlässlich für das Wohl des Kindes erachtet. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sollte durch die geschlechtsneutrale Anspruchsberechtigung gestärkt werden.[18] Elisabeth Beck-Gernsheim entschlüsselte jedoch bereits 1984 in ihrer diskursanalytischen Betrachtung, dass in den vorgelagerten Diskussionen "Berufstätigkeit“ nicht nur als erstrebenswert, sondern auch als Korsett für Frauen verstanden wurde. "Wahlfreiheit“ bezeichnete nicht die Wahlmöglichkeit zwischen Beruf und Familie, sondern die Freiheit vom Erwerbszwang. "Emanzipation“ wurde somit nicht mit Berufstätigkeit assoziiert, sondern mit der Möglichkeit, sich für Familienarbeit entscheiden zu können. Aus dieser Rhetorik sprach ebenso wie aus der Ausgestaltung des Erziehungsgeldes die Vorstellung, dass primär Frauen für die Betreuung und Erziehung von Kindern zuständig seien, dass ihnen dies ermöglicht werden sollte und sie dafür belohnt werden sollten. Vereinbarkeit von Beruf und Familie war demnach nicht nur als Auswirkung des Gesetzes, sondern auch im Diskurs um seine Schaffung ein Frauenproblem. Zudem stand als hintergründige Zielsetzung hinter dem Erziehungsgeld ebenso wie bei dem Mutterschaftsurlaubsgeld die Entlastung des Arbeitsmarktes durch den Abzug der "Reservearmee“ der Frauen.[19] So kann der damalige Arbeitsminister Norbert Blüm mit den Worten zitiert werden „Der Erziehungsurlaub schafft Arbeitsplätze!“[20]

Schon vor der Einführung des Elterngeldes 2007 hatte sich diese Gesinnung unter den Politikerinnen und Politikern grundlegend geändert. Wie in den Sozialwissenschaften in Verbindung mit dem Schlagwort der Adult-worker-Norm festgestellt, hat der Kampf gegen den demografischen Wandel die Prioritäten gravierend verschoben. Im Zuge der "Nachhaltigen Familienpolitik“ unter der rot-grünen Regierung Gerhard Schröders (1998–2005) mit Familienministerin Renate Schmidt (ab 2002) wurde zum einen eine Stärkung der Frauenerwerbstätigkeit als Möglichkeit der Arbeitskräftesicherung in Zeiten des Fachkräftemangels ausdrücklich gewünscht, zum anderen wurde das Elterngeld gerade im Zeitraum seiner Erarbeitung als Mittel zur Geburtensteigerung ersonnen und angepriesen. Dies geht nicht nur aus den volkswirtschaftlichen Gutachten hervor, die es vorgeschlagen haben.[21] Im Koalitionsvertrag der 2005 folgenden Großen Koalition wurde das Elterngeld als Teil der Familienförderung mit der Rechtfertigung angekündigt: "In Deutschland werden zu wenig Kinder geboren. Wir wollen mehr Kinder in den Familien und mehr Kinder in der Gesellschaft“.[22] Hintergrund dieser Begründung war die in den Gutachten formulierte Annahme, dass berufstätige Paare aufgrund der anfallenden Kosten in Bezug auf ihre Karriere und ihren Lebensstandard die Familiengründung meiden würden und ihnen deshalb diese sogenannten Opportunitätskosten erstattet werden müssten, um "generative“ Impulse zu setzen.

Die anfänglich stark auf Geburtenerhöhung zielende Argumentation zur Einführung des Elterngeldes wurde erst im Laufe der parlamentarischen Beratungen abgelöst von der Begründung mit einer partnerschaftlichen Arbeitsteilung und einer Verschiebung der Rollenverständnisse. Innerhalb der Unionsfraktion blieb jedoch die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen auch im Gesetzgebungsprozess die einzige, die einen Ausgleich der Geschlechterrollen als Zielsetzung explizit ansprach. Andere Abgeordnete ihrer Partei unterschlugen diesen Aspekt in ihrer Argumentation entweder oder lehnten die staatliche Unterstützung aktiver Vaterschaft als Eingriff in die Privatsphäre der Familie offen ab.[23] Rückblickend lässt sich folglich festhalten, dass die Unterstützung aktiver Vaterschaft im Rahmen der „Nachhaltigen Familienpolitik“ eher als Nebenprodukt auf die politische Agenda gerückt ist, und zwar ursprünglich, um die Geburtenrate zu steigern, und nicht in erster Linie, um Gerechtigkeit in der Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern herzustellen.

Fußnoten

12.
Vgl. Birgit Pfau-EffingerKultur und Frauenerwerbstätigkeit in Europa. Theorie und Empirie des internationalen Vergleichs, Opladen 2000.
13.
All diese Faktoren werden durch den analytischen Begriff der "Gender Regime“ berücksichtigt. Vgl. Teresa Kulawik,Wohlfahrtsstaaten und Geschlechterregime im internationalen Vergleich, in: gender…politik…online, Januar 2005, online: http://web.fu-berlin.de/gpo/pdf/kulawik/kulawik.pdf (1.9.2012).
14.
Vgl. Michel FoucaultDer Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Band I, Frankfurt/M. 1983 (zuerst 1976).
15.
Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M. 1991.
16.
Vgl. Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse, Frankfurt/M.–New York 2008.
17.
Vgl. Wiebke Kolbe,Elternschaft im Wohlfahrtsstaat. Schweden und die Bundesrepublik im Vergleich 1945–2002, Frankfurt/M. 2002.
18.
Vgl. Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen, Erziehungsgeld, Erziehungsurlaub und Anrechnung von Erziehungszeiten in der Rentenversicherung, Bonn 1989.
19.
Vgl. Elisabeth Beck-GernsheimFrauen zurück in die Familie? Eine Diskussion der Leitlinien aktueller Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, in: WSI-Mitteilungen, (1984) 1, S. 23–32.
20.
Zit. nach: G. Gutschmidt (Anm. 11).
21.
Vgl. z.B. Bert Rürup/Sandra Gruescu, Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung. Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Berlin 2003.
22.
Gemeinsam für Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit. Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, 11.11.2005, S. 17, online: www.cducsu.de/upload/koavertrag0509.pdf (1.9.2012).
23.
Für Details zur Diskursanalyse der politischen und parlamentarischen Debatten um die Einführung des Elterngeldes vgl. Alexandra Baronsky, Väter als Zielgruppe der Familienpolitik – Das Beispiel Vereinbarkeitspolitik, unveröff. Ms., Münster 2011.