E-Book zwischen Büchern
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Social Reading – Lesen im digitalen Zeitalter


2.10.2012
Das Lesen von Büchern ist eine einsame Beschäftigung. Es erfordert Muße, Ruhe und Zeit, was sich auch an den Metaphern zeigt, die gemeinhin mit Lesen in Verbindung gebracht werden: Ich kann in einem Buch versinken, mich darin vertiefen, in die Geschichte eintauchen. Doch der solitäre Lesevorgang wird zunehmend durch Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation aufgebrochen, wie sie das Internet bereitstellt.

Zwei Entwicklungen, die nicht nur die Buchbranche, sondern alle Medienunternehmen erfasst haben, kulminieren bei diesem Vorgang des vernetzten Lesens: die Digitalisierung von Medieninhalten, in diesem Fall Bücher, und die Entstehung des social web, das es allen Internet-Nutzerinnen und -Nutzern ermöglicht, content zu schaffen und diesen mit anderen zu teilen, zusammenzuarbeiten und in Netzwerken zu kommunizieren. Digitale Texte können öffentlich gelesen, kommentiert und diskutiert werden; das Lesen von Büchern wird zu einem sozialen Prozess, für den sich mittlerweile der Begriff social reading durchgesetzt hat. Unter social reading wird im Folgenden verstanden: Ein online geführter, intensiver und dauerhafter Austausch über Texte. Diese knappe Definition ermöglicht es, den Begriff von ähnlich gelagerten Phänomenen abzugrenzen, während er für zukünftige technische Innovationen offen bleibt.[1]

Social reading in seiner heutigen Ausgestaltung hat verschiedene analoge und digitale Verwandte: Die zwei wichtigsten sind book clubs und Online-Communities. Ganz ohne Internet und unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit wird Literatur in Lesekreisen verhandelt – vor allem in den USA haben diese book clubs eine nicht zu unterschätzende Wirkung für die Rezeption von Texten. Hier trifft sich eine bestimmte Gruppe von Menschen, um über ein Buch, das im besten Fall alle Teilnehmer gelesen haben, zu diskutieren.[2] Diese Gespräche werden in den seltensten Fällen dokumentiert und weiterverbreitet, sie werden – ebenso wenig wie die beiläufigen Gespräche über Bücher beim Abendessen, auf einer Zugfahrt und in unzähligen weiteren Alltagssituationen – nicht Teil eines breiteren Diskurses.

Im Internet finden Gespräche über Bücher überall dort statt, wo Menschen miteinander in Kontakt treten: in Foren, Blogs, Sozialen Netzwerken und Ähnlichem. Der Austausch ist hier zumeist unstrukturierter als in Lesekreisen und geht selten über ein bloßes Bewerten des Gelesenen hinaus. Er steht aber im Gegensatz zu diesen meistens einer breiteren Gruppe von Menschen offen, die zudem ohne Rücksicht auf Raum (also lokal ungebunden) und Zeit (es gibt keine konkreten Termine und Treffen) kommunizieren können. Auch bleiben die Äußerungen der Beteiligten erhalten, sie werden sozusagen im Netz gespeichert – wobei die mangelnde Struktur diese theoretische Dauerhaftigkeit beziehungsweise Persistenz wieder weitestgehend negiert.

Lesen in der virtuellen Gemeinschaft



Social reading in der oben genannten Definition findet vielmehr in thematisch fokussierten Foren und Communities statt. Diese eröffnen den Nutzern die Möglichkeit, auch tiefer gehend und über längere Zeit hinweg über einen oder mehrere Texte zu sprechen. Durch die spezifische Foren- beziehungsweise Ordnerstruktur sind diese Einlassungen auch später noch nachzuvollziehen und damit in persistenter Form vorhanden.

In diesen speziellen Leser-Communities können die Nutzer darüber hinaus ihr individuelles Leseverhalten dokumentieren, ihre Markierungen, Annotationen und Zitate teilen und das Gelesene bewerten. Mit zehn Millionen Mitgliedern und 360 Millionen katalogisierten Büchern ist die amerikanische Seite "goodreads.com“ die größte Plattform für social reading. Neben den oben genannten Funktionen wird Goodreads auch intensiv für Gespräche über Bücher genutzt: So finden sich alleine zum siebten Band von "Harry Potter“ knapp 350 verschiedene Themen, die von den Leserinnen und Lesern zur Diskussion gestellt werden, und über 2200 topics, in denen auf besagtes Buch Bezug genommen wird. Die Beteiligung liegt zwischen einem und 500 Kommentaren zu dem jeweiligen Punkt, die Bandbreite der Themen umfasst vom Austausch über den Plot, die Verfilmung, die Autorin Joanne K. Rowling, Songs zu Harry Potter bis hin zur sexuellen Orientierung des Zauberers Dumbledore und dem Online-Portal „pottermore.com“ jedes vorstellbare Detail.

Auch die deutsche Community Lovely Books bietet vergleichbare Funktionen an und bringt Buchliebhaber miteinander ins Gespräch. Diese Services sind für den Nutzer zwar kostenlos, aber dahinter stecken natürlich ausgefeilte Geschäftsmodelle: Verlage können Anzeigen schalten, um für ihre Novitäten zu werben, und darüber hinaus auch Aktionen buchen, die zumeist mit dem gemeinsamen Lesen und Diskutieren eines bestimmten Buches verbunden sind. In sogenannten Testleserunden tauschen sich Mitglieder der Community, die ausgewählt beziehungsweise ausgelost wurden und ein Gratisexemplar des Buches durch den Verlag erhalten haben, über das Werk aus und schreiben abschließend eine Rezension. Der Verlag erhofft sich dadurch ein gewisses mediales Grundrauschen, einen buzz, und bestenfalls die virale Verbreitung möglichst positiver Äußerungen über sein Buch. Die simple Kopierbarkeit von Inhalten ermöglicht es den Lesern, ihre Meinungen auf verschiedenen Portalen zu veröffentlichen und auf Amazon, Facebook, Twitter, in ihren Blogs und anderswo zu posten – diese Netzwerkeffekte macht sich der Verlag zunutze, die Community dient hierbei sozusagen als Katalysator.

Im Idealfall bringt dies für alle Beteiligten Vorteile mit sich, indem der Leser Gleichgesinnte findet und sich mit diesen austauscht, der Verlag einen kommunikativen Raum für das zu bewerbende Buch öffnet und der Betreiber der Community (im Falle von Lovely Books die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, zu der unter anderem der Rowohlt und der S. Fischer Verlag gehören) für das Vermitteln der Leser, die Bereitstellung der Plattform und die Moderation der Testleserunden durch einen Community-Manager entlohnt wird.

Weitere Formen der Monetarisierung sind denkbar: E-Books können mit unterschiedlichen Preismodellen verkauft werden – als ganz normale Textvariante, mit einer eingebauten "Standleitung“ zum Autor, der Fragen beantwortet,[3] oder mit exklusiven Leserunden, bei denen der Autor mittels eines Videostreams zu einem bestimmten Termin sozusagen aus dem E-Book heraus mit dem Leser oder einem book club kommuniziert.

Die beschriebenen Netzwerke übertragen das analoge Phänomen der Lesekreise und book clubs in die digitale Welt mit ihren sämtlichen Möglichkeiten, allen voran die Unabhängigkeit von zeitlichen und räumlichen Begrenzungen. Ein wirklich neuartiges Lesen und Sprechen über das Gelesene stellen sie allerdings nicht dar.


Fußnoten

1.
Vgl. Bob Stein, A Taxonomy of Social Reading: a proposal, online: http://futureofthebook.org/social-reading (6.9.2012).
2.
Ein entfernter Vorläufer dieser Lesekreise waren Lesegesellschaften und -kabinette, die sich im 18. Jahrhundert herausbildeten, um einem rasant gewachsenen Kreis von Lesern Zugang zu günstiger Literatur zu ermöglichen und aufklärerische Ideen zu verbreiten. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts war die Hochzeit der Lesegemeinschaften schon wieder vorüber: günstigere Bücher und Periodika, Leihbüchereien und auch Verbote forderten ihren Tribut.
3.
Siehe etwa die Leser-Autor-Interaktion bei Sascha Lobos "Strohfeuer“; vgl. Marcel Weiss, Knappes Gut bei E-Books. Sascha Lobos Buchfrage, 11.10.2010, online: www.neunetz.com/2010/10/11/knappes-gut-bei-e-books-sascha-lobos-buchfrage/ (6.9.2012).