(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Zur Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland und Europa


16.10.2012
Wenn wir aktuelle Bilder und Schilderungen von Kinderarbeit sehen und hören, fällt uns sofort Kinderarbeit in Europa im 18. und 19. Jahrhundert ein – "Das ist doch wie früher bei uns!" Konflikte um Kinderarbeit in der Industrialisierung, die Aufdeckung ihrer zerstörenden Wirkungen und die sich lang hinziehende Auseinandersetzung um Einschränkungen und Verbote im 19. Jahrhundert sind Teil des populären historischen Gedächtnisses, obwohl Ausmaß und Wandel der Arbeit von Kindern vor, in und nach der Industrialisierung gar nicht genau untersucht und feststellbar sind.[1]

Was unterscheidet die Arbeit von Kindern am Beginn der Industriellen Revolution in Europa von der Kinderarbeit heute? Worin gleichen sich die Entwicklungsprozesse und Konflikte um Erwerbsarbeit in frühen Lebensjahren?

Der Kampf gegen eine Arbeit, welche die Zukunft der Kinder versperrt, ist ein Resultat einer veränderten Wahrnehmung der Entwicklung des Menschen: Was verstehen wir unter "Kind", wie begreifen wir das Aufwachsen von Kindern, und wie verstehen wir uns selbst? Die Aufklärung hat den Menschen vielfach und neu als veränderbar und durch seine Arbeit selbst geworden erfahren. Deshalb verlangte sie auch für die Phase der Kindheit eine Beschränkung der Arbeit, um das Erwachsenwerden des einzelnen Menschen nicht zu behindern.

Die Erfindung der Kindheit



Das Grimmsche Herkunftswörterbuch kannte "Kind" und "Kindheit" in Texten vor dem 19. Jahrhundert nur in der Bedeutung einer Abstammung, im Sinne von "Kind sein von …". Oder das Wort diente der Bezeichnung patriarchalischer Herrschaftsverhältnisse außerhalb der Familie, als "Landeskind", im Sinne eines unmündigen, zu bevormundenden Untertanen. Ein Moment der Veränderung war darin noch nicht enthalten, der gesellschaftliche Status schien für das ganze Leben festgeschrieben.

Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts änderte sich die Gesellschaft radikal und mit ihr die Vorstellung, was Kindheit sei: Sie wird seitdem als eine gesonderte, ausgedehnte Phase aufgefasst, in der Körper und Geist sich wandeln und der mündige Mensch aus dem Kind erst hervorgeht. Entsprechend setzte sich die Ansicht durch, dass in diesen Prozess des Erwachsenwerdens gezielt einzugreifen sei, müssen doch Gelegenheit und Zeit vorhanden sein, damit er gelingt. Lernen wird demnach als etwas Anderes, Offeneres als die bloße Nachahmung einer vorgemachten Arbeit verstanden, als etwas Anderes als das Einfügen in Vorgegebenheiten, für das vermeintlich keine besonderen Anstrengungen notwendig seien. Demzufolge könne Erwerbsarbeit in der Kindheit die Bedingungen für gelungenes Erwachsenwerden zerstören und die körperliche und geistige Entwicklung hemmen, sodass womöglich kein kompetenter Bürger entstehe.

Die Vorstellung, ein Kind brauche eine besondere Phase der Erziehung, eine geschützte Zeit, in der es das lernt, was es für das Leben in der Gesellschaft braucht, ist selbst ein Kind der Aufklärung: Die Zeit des Lernens und Erwachsenwerdens sollte nach Möglichkeit nicht durch körperlich überbeanspruchende, das Lernen verhindernde oder den Spaß an der Arbeit vergällende Tätigkeiten und Bedingungen geprägt sein. Die Idee, dass sich der einzelne Mensch im Laufe seines Lebens verändere, entstand somit in einer Gesellschaft, die selbst auf Veränderung, Neuheiten und Wachstum angelegt war – im Gegensatz zur Feudalgesellschaft, die im Bewusstsein einer unveränderlichen gesellschaftlichen Ordnung ein starres Bild vom Kind als kleinen Erwachsenen hatte.

In der neuen bürgerlichen, kapitalistischen und industrialisierten Gesellschaft waren die alten persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse durch freie Verträge und Vereinbarungen ersetzt worden. Ein Teil des Schutzes, den patriarchalische Bevormundung auch den Kindern bot, ging daher verloren. Die Freiheit von persönlichen Abhängigkeitsbeziehungen, Gewerbefreiheit und Vertragsfreiheit befreiten auch von dem Schutz, den die Herren als Gegenleistung für die Abhängigkeit gewähren sollten. Neue Regeln und Schutzmechanismen mussten erst durchgesetzt und erkämpft werden, nachdem sich die unbeschränkte Freiheit des Gewerbes als gefährdend für die Menschen, die Gesellschaft und den Staat erwiesen hatte. Wer sorgte nun – nach der Ausweitung von schutzloser Kindererwerbsarbeit im 18. und 19. Jahrhundert – für die Durchsetzung von Einschränkungen und Verboten?

Kleine Erwachsene in der Agrargesellschaft



Die Vorstellungen eines fertig auf die Welt kommenden Menschen gehen auf eine agrarisch geprägte Feudalgesellschaft zurück, die im Wesentlichen persönliche Abhängigkeiten kannte, in der jeder Mensch in eine bestimmte Schicht und Aufgabe hineingeboren schien, in der Veränderung und Aufstieg die Ausnahme bildeten und in der soziale Verhaltensweisen und Arbeit in persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen in der Familie gelernt wurden.

Kinder waren in dieser Gesellschaft lebenswichtig für die Eltern, unter anderem als Arbeitskräfte, als eine Absicherung gegen Krankheit und als Versorgung im Alter. Erst viele Kinder boten eine gewisse Sicherheit, weil die Sterblichkeit in den ersten Lebensjahren außerordentlich hoch war und der Nachwuchs die einzige Zukunftssicherung darstellte. Die Beeinträchtigung der Kinder durch überbeanspruchende Arbeit in diesen persönlichen Anleitungsverhältnissen war also wirtschaftlicher und existenzieller Not geschuldet.

Was Kinder in einer mehr oder weniger langen Kindheit lernen sollten, hing von der sozialen Schicht ab, in die sie hineingeboren wurden. Es gab eben auch Kinder, die eine umfangreiche Ausbildung genossen – wenn sie aus der richtigen Familie stammten. "Fürstenspiegel" und andere Anleitungen, wie sich ein guter Herrscher zu verhalten habe, belegen, dass Adlige das Herrschen in einer längeren Phase lernen sollten, also keineswegs alle Menschen als fertig, mit allen Fähigkeiten auf die Welt gekommen, betrachtet wurden.

Die meisten anderen, die nicht zum Herrschen bestimmt waren, lernten sich in die Gesellschaft einzufügen, den Gehorsam gegenüber den Herren und die Arbeit in der Familie, beim Bauern oder Lehrherren durch direkten Kontakt, Zusehen und Nachahmen. Nach allem, was wir wissen, war die Phase der Kindheit relativ kurz – vielleicht bis zum siebten Lebensjahr. Und sie war für Mädchen kürzer als für Jungen, weil die Mütter ihre Töchter sehr früh in die Hausarbeit einführten – als Teil einer Ökonomie des Haushaltes, die auf Verarbeitung, Konservierung und Zubereitung der notwendigen Lebensmittel und Herstellung von Kleidern und übrigen Ausstattung des Hauses gerichtet war.[2]

Weit bis in das 20. Jahrhundert hinein gab es für Kinder Arbeiten in der Familie und für die Familie, die zur Ökonomie des Haushaltes beitrugen und nicht in Geld gerechnet wurden. Sie flossen unmittelbar als Leistung, als Produkt, als fertiges Essen oder Wohnung in Nutzung und Lebensunterhalt der Familie ein. Dass durch Kinderarbeit der Beitrag zur Wirtschaft der Familie eine Überbeanspruchung der eigenen Kinder zustande kam, ist vermutlich äußerst selten der Fall gewesen.


Fußnoten

1.
In der umfassenden Literatur bieten folgende Publikationen einen Überblick: Jürgen Kucynski/Ruth Hoppe, Geschichte der Kinderarbeit in Deutschland, Berlin 1958; Beatrix Saadi-Varchmin/Jochim Varchmin, Kinderarbeit ist verboten!, Wuppertal 1984; Heinrich von der Haar, Kinderarbeit in Deutschland. Dokumentation und Analyse, Berlin 2010; für Österreich: Renate Seebauer, Kein Jahrhundert des Kindes. Kinderarbeit im Spannungsfeld von Schul- und Sozialgesetzgebung, Wien 2010.
2.
Vgl. Georges Duby/Michelle Perrot, Geschichte der Frauen, hrsg. von Arlette Farge und Natalie Zemon Davis, Bd. 3 und 4: Frühe Neuzeit und Das 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2006.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Jürgen Bönig für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.