(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Friedel Hütz-Adams

Maßnahmen gegen ausbeuterische Kinderarbeit

Beispiel afrikanischer Kakao

Maßnahmen gegen ausbeuterische Kinderarbeit versuchen auf unterschiedlichste Weise, die Situation der Kinder zu verbessern. Bei der Frage, was von Deutschland aus unternommen werden kann, spielt unter anderem eine große Rolle, ob die von Kindern produzierten Produkte teilweise oder sogar größtenteils für den Markt von Industrienationen bestimmt sind. Daraus leitet sich nicht nur das Maß der Verantwortung der hiesigen Konsumentinnen und Konsumenten für Missstände ab, sondern auch das der deutschen Politik und der in Deutschland aktiven Unternehmen. Die folgenden Beispiele sollen illustrieren, wie unterschiedlich diese Verantwortung und die sich daraus ableitenden Maßnahmen sein können.

Während in früheren Jahrzehnten Kinder von Kakaobauern häufig unter besseren Bedingungen lebten als die Kinder anderer Bauern, hat sich deren Situation in den vergangenen 30 Jahren verschlechtert. Der Preis für Kakao ist zwischen 1980 und 2000 drastisch gefallen und trotz eines zwischenzeitlichen Anstieges heute immer noch weit niedriger als damals, was eine massive Verschlechterung der Situation der Bauern zur Folge hatte. Dies führte zu einer Zunahme der Kinderarbeit, da die Bauern erwachsene Arbeitskräfte als Erntehelfer nicht mehr bezahlen konnten.[6]

Beim Kakao zeigt sich nicht nur wegen der Preisentwicklung, dass ein Verweis auf althergebrachte Gewohnheiten zu kurz greift. In Ghana beispielsweise dürfen Kinder nach traditionellen Recht ihren Eltern bei der Arbeit helfen, doch dies soll innerhalb gewisser Grenzen geschehen und sich an den körperlichen Fähigkeiten des Kindes orientieren. Werden Kinder von ihren Eltern ausgebeutet oder misshandelt, sollen Nachbarn und Verwandte eingreifen und eine Anhörung veranstalten, bei der das Kind zu Wort kommt. Falls notwendig, wird das Kind bei Verwandten untergebracht. Die moderne Gesetzgebung Ghanas erlaubt leichte Arbeiten für Kinder ab dem 13. Lebensjahr, das Mindestalter für reguläre Arbeit ist 15 Jahre, und gefährliche Arbeiten sind ab einem Alter von 18 Jahren zulässig.[7] Zudem hat Ghana mittlerweile wie alle wichtigen Kakao produzierenden Staaten die ILO-Konventionen 182 und 138 unterzeichnet.

Doch sind die Lebensbedingungen des größten Teils der ghanaischen Bauern weiterhin schlecht. Im Jahr 2006 verfügten die Bauern und ihre Familien durchschnittlich über so wenig Geld, dass sie unterhalb der Armutsgrenze lebten. Neuere Daten sind teilweise widersprüchlich, doch die Situation der Bauern hat sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verbessert.[8] Einer Studie aus dem Jahr 2009 zufolge arbeiten auf den ghanaischen Plantagen fast eine Million Kinder, darunter 270.000 in einem Maße, das gegen die ILO-Konventionen 138 und 182 sowie nationale Gesetze verstößt. Bei der Erhebung klagten 54 Prozent der Kinder über Verletzungen bei der Arbeit innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Dazu gehörten offene Wunden durch Macheten, Insektenbisse, Muskel- und Rückenschmerzen; 68 Prozent klagten, dass sie zu schwere Lasten tragen müssten.[9] Die Kakaoanbauer nennen als ihr Hauptproblem und als Ursache für die Kinderarbeit ihre finanzielle Situation: Der Preis für Kakao sei zu niedrig, um die Ausgaben für Saisonarbeitskräfte, Dünger und Pestizide bestreiten zu können.[10]

Ghana ist kein Einzelfall. In der Elfenbeinküste arbeiten 820.000 Kinder im Kakaoanbau, davon rund 260.000 nicht im Einklang mit den ILO-Konventionen 138 und 182. Die Hälfte der befragten Kinder gab an, sich bei der Arbeit in den vorangegangenen zwölf Monaten verletzt zu haben. Zudem klagten fast 80 Prozent der Kinder über das Tragen zu schwerer Lasten. Weniger als zwei Drittel der Kinder besuchten die Schule. Am schlechtesten ist die Situation für die Kinder, die nicht in der eigenen Familie leben, sondern für Fremde Arbeiten. Von diesen gehen nur 39 Prozent der Jungen und 22 Prozent der Mädchen zur Schule.[11] Immer wieder gibt es zudem Berichte, dass aus den Nachbarländern Mali und Burkina Faso Kinder an Kakaobauern in der Elfenbeinküste verkauft werden. Genaue Zahlen liegen nicht vor, doch vermutlich arbeiten viele Tausend Kinder unter sklavenähnlichen Bedingungen auf den Kakaoplantagen. Armut ist nach Aussage der Bauern auch in der Elfenbeinküste der Hauptgrund, warum Kinder arbeiten.[12]

Als sich ab dem Jahr 2000 Presseberichte über Fälle von Sklaverei häuften und mehrere Studien erschienen, in denen die Kinderarbeit in den Kakaoanbaugebieten angeprangert wurde, versprach die Kakao- und Schokoladenindustrie in einem mit US-amerikanischen Politikern geschlossenen freiwilligen Abkommen, dem sogenannten Harkin-Engel-Protokoll, binnen fünf Jahren die schlimmsten Formen der Kinderarbeit abzuschaffen. Diese Frist wurde mehrfach verlängert, zuletzt auf das Jahr 2020, und Ziel ist inzwischen nur noch eine Reduzierung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit um 70 Prozent. Zugleich forderten mehrere Unternehmen, dass die örtlichen Regierungen die bestehenden Gesetze durchsetzen sollten, und bestritten die eigene Verantwortung für die Missstände. Engmaschige Kontrollen der teilweise entlegenen Plantagen sind jedoch nicht möglich. Zudem würden Kontrollen im Kakaosektor bei den derzeitigen Einkommen der Familien vermutlich lediglich dazu führen, dass ein Teil der betroffenen Kinder in andere Wirtschaftsbereiche abgedrängt wird. Erforderlich ist daher in erster Linie eine Verbesserung der ökonomischen Situation der Bauern, zumal diese ihre Kinder in aller Regel in die Schule schicken wollen. Dies sollte verbunden werden mit einem intensiven Dialog aller Beteiligten, von Kindern über die Eltern bis hin zu den Lehrern, staatlichen Stellen und Unternehmen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Darüber hinaus wäre es notwendig, dass die Regierungen der Anbauländer Infrastruktur und Schulwesen deutlich verbessern.

Eine Reihe von Unternehmen hat dies mittlerweile erkannt und arbeitet an eigenen Projekten oder kooperiert mit Regierungsstellen, Nichtregierungsorganisationen und Durchführungsorganisationen der Entwicklungshilfe, um die Situation der Bauern zu verbessern. Notwendig sind allerdings erhebliche Investitionen, die bislang noch nicht alle Unternehmen bereit sind zu leisten. Viele Unternehmen konzentrieren sich in ihren Programmen zudem auf die Steigerung der Produktivität der Bauern, um über höhere Ernteerträge deren Einnahmen zu erhöhen. Eine Überproduktion von Kakao könnte jedoch zu einem erneuten Preisverfall führen und die Situation verschlimmern. Daher ist dringend eine Debatte darüber erforderlich, wie hoch der Preis für Kakao sein muss, um den Familien in den Anbaugebieten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Diese wird derzeit allerdings noch von der Industrie gescheut.[13]

Beispiel türkische Haselnüsse

Ebenfalls in die Schlagzeilen geriet Kinderarbeit auf türkischen Haselnussplantagen: Die Türkei beherrscht 80 Prozent des Haselnuss-Weltmarktes. Der Anbau konzentriert sich auf die Region im Nordosten des Landes entlang der Küste des Schwarzen Meeres. Ein großer Teil der Ernte wird von Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeitern geleistet.[14]

Es gibt keine verlässlichen Statistiken über die Zahl dieser Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter. Schätzungen zufolge sind es 150.000 bis 200.000.[15] Der größte Teil der Saisonkräfte kommt aus den kurdisch bewohnten Gebieten im Südosten der Türkei. Sie reisen mit ihrer ganzen Familie inklusive der Kinder an und wohnen während der Haselnussernte entweder in Lagern oder auf den Plantagen verstreut in Unterkünften, die ihnen die Bauern zur Verfügung stellen. Vor allem die Situation in großen Zeltlagern, in denen teilweise auf engstem Raum mehr als 1.000 Menschen leben, ist oft sehr schlecht, da die Familien in der Regel nur einen Raum zur Verfügung haben. Darüber hinaus stehen in vielen Lagern weder sauberes Wasser noch sanitäre Anlagen in ausreichendem Umfang zur Verfügung.[16] Über die Situation der verstreut bei den Bauern lebenden Familien gibt es bislang keine Informationen.

Darüber, wie viele Kinder mit ihren Familien auf den Haselnussplantagen arbeiten, gibt es keine belastbaren Zahlen, Schätzungen zufolge könnten es mehrere Zehntausend sein. In der Regel gehen Kinder ab dem zwölften Lebensjahr mit ihren Eltern in die Plantagen und arbeiten mit. Die etwas jüngeren Kinder bleiben in den Lagern und beaufsichtigen die Kleinkinder oder helfen beim Reinigen, Kochen, Wasser holen und anderem mehr.[17]

Bei einer Erhebung in der Erntesaison 2011 wurden 377 Beschäftigte auf Haselnussplantagen interviewt. Von diesen waren 168 unter 16 Jahre alt und von diesen wiederum war rund die Hälfte jünger als 14 Jahre. Der größte Teil der arbeitenden Kinder stammt aus den Kurdengebieten. Allerdings arbeiten auch Kinder der Farmerfamilien sowie der lokalen Arbeitskräfte in den Plantagen.[18] Die Kinder der Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter ziehen oftmals mit ihren Eltern zwischen April und Oktober kreuz und quer durch die Türkei. Sie arbeiten mit bei der Ernte verschiedenster Früchte, darunter Erdbeeren, Tomaten, Melonen, Aprikosen, Haselnüsse, Baumwolle, Tabak und Orangen.[19] Bei Befragungen von Kindern im Alter von 9 bis 13 Jahren zeigte sich, dass diese in die Schule gehen möchten, aber nach eigener Aussage durch die Armut ihrer Familien zum Arbeiten gezwungen sind.[20]

Viele der im Haselnussanbau beschäftigten Erwachsenen geben an, ihre Kinder müssten mitarbeiten, da sonst die Ernährung der Familie nicht sichergestellt werden könne. Die Löhne seien so niedrig, dass sie nicht ausreichten, um allein mit der Arbeit der Erwachsenen die Familie zu ernähren. Darüber hinaus müsse während der Erntezeit der verschiedenen Früchte so viel Geld verdient werden, dass die Familie den Rest des Jahres damit auskomme. Ein weiteres Problem für viele Familien der Wanderarbeiter ist, dass sie nicht wissen, wie sie eine Betreuung ihrer Kinder in der Heimatregion während der Erntezeit gewährleisten sollen. Auch kulturelle Gründe spielen bei der Debatte über die Kinderarbeit eine Rolle, da es in kurdischen Familien traditionell üblich ist, dass Kinder bereits in einem Alter mitarbeiten, in dem dies laut türkischem Gesetz heutzutage verboten ist.[21]

Um die Situation der Kinder und ihrer Eltern bei der Ernte verschiedener Früchte zu verbessern, müsste in vielen Bereichen gleichzeitig angesetzt werden. Notwendig sind zudem eine Verbesserung der Lebensumstände in den kurdischen Gebieten der Türkei und dort vor allem die Schaffung von Arbeitsplätzen, so dass die Menschen nicht mehr gezwungen sind, auf Wanderschaft zu gehen und ihre Kinder mitzunehmen.

Fußnoten

6.
Vgl. Morten Boas/Anne Huser, Child labour and cocoa production in West Africa. The case of Côte d’Ivoire and Ghana, 2006, online: http://www.fafo.no/pub/rapp/522/522.pdf#search=%22Fafo%20cocoa%22« (21.9.2012), S. 26ff.; Frank Bremer, Combat against Child Trafficking and the worst Forms of Child Labour in Côte d’Ivoire, 2007, online: http://www.gtz.de/en/dokumente/en-ci-Project-LTTE-situation-July-07.pdf« (21.9.2012), S. 3.
7.
Vgl. Benzet Yao Vivor, Dimensions of Child Labor Legislation in Ghana. West African Health Organisation (WAHO) and Tulane University, 2007, online: http://childlabor-payson.org/Ghana%20-%20Local%20Laws%20and%20Regulations.pdf« (21.9.2012), S. 8f.
8.
Vgl. Friedel Hütz-Adams, Ghana: Vom bitteren Kakao zur süßen Schokolade. Der lange Weg von der Hand in den Mund, Siegburg 2012, S. 24–27.
9.
Vgl. Payson Center for International Development and Technology Transfer, Tulane University, Oversight of Public and Private Initiatives to Eliminate the Worst Forms of Child Labor in the Cocoa Sector in Côte d’Ivoire. Third Annual Report, September 2009, online: http://www.childlabor-payson.org/Third%20Annual%20Report.pdf« (21.9.2012), S. 56ff.
10.
Vgl. M. Boas/A. Huser, (Anm. 6), S. 43; Republic of Ghana, Cocoa Labour Survey in Ghana – 2007/2008, Juni 2008, S. 57f.
11.
Vgl. Payson Center (Anm. 9), S. 56ff.; Republic of Côte d’Ivoire, Steering Committee for the Child Labour Monitoring System within the Framework of Certification of the Cocoa Production Process – National Initial Diagnostic Survey – Final Report, Juni 2008. S. 41, S. 67.
12.
Vgl. Republic of Côte d’Ivoire (Anm. 11), S. 60, 67f.
13.
Vgl. Friedel Hütz-Adams, Menschenrechte im Anbau von Kakao. Eine Bestandsaufnahme der Initiativen der Kakao- und Schokoladenindustrie, INEF Forschungsreihe Menschenrechte, Unternehmensverantwortung und Nachhaltige Entwicklung 8/2010, online: http://humanrights-business.org/files/menschenrechte_im_anbau_von_kakao_huetz-adams.pdf« (12.9.2012).
14.
Vgl. ders., Haselnüsse aus der Türkei. Ökologische und soziale Probleme beim Anbau, Siegburg 2012, S. 5–19.
15.
Vgl. Veysi Altay, The Pain of Seasonal Workers, 21.9.2011, online: http://bianet.org/english/minorities/132857-the-pain-of-seasonal-workers« (21.9.2012).
16.
Vgl. Deniz Pelek, Seasonal Migrant Workers in Agriculture: The Cases of Ordu and Polatlı, M.A. thesis, Bosphorus University 2010, S. 79–83; Dick de Graaf/Leonie Blokhuis, Child Labour and the Hazelnut harvest in Turkey. Report of a fact finding mission to Turkey 5th–9th September 2011, November 2011, online: http://www.indianet.nl/pdf/ReportFactFindingMissionHazelnuts.pdf« (21.9.2012).
17.
Vgl. D. de Graaf/L. Blokhuis (Anm. 16), S. 3f.
18.
Vgl. FLA (Fair Labor Association), Assessment of the Hazelnut supply Chain and Hazelnut Harvest in Turkey, March 2012, online: http://www.fairlabor.org/sites/default/files/documents/reports/nestle_hazelnut_report.pdf« (21.9.2012), S. 5.
19.
Auskünfte von Kindern und deren Müttern bei Gesprächen mit dem Verfasser anlässlich eines Besuches in einem Zeltlager von Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeitern in Ordu/Türkei im August 2012. Vgl. auch D. de Graaf/L. Blokhuis (Anm. 16), S. 1f.; Eğitim-Sen, Mevsimlik tarım işçiliği nedeni ile eğitimine ara veren ilköğretim öğrenciler araştırması, 14.12.2007, online: http://www.egitimsen.org.tr« (9.1.2011).
20.
Vgl. Eğitim-Sen (Anm. 19).
21.
Vgl. D. de Graaf/L. Blokhuis (Anm. 16), S. 3; FLA (Anm. 18), S. 6, S. 13, S. 21.
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