(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)

16.10.2012 | Von:
Friedel Hütz-Adams

Maßnahmen gegen ausbeuterische Kinderarbeit

Aktivitäten der MV Foundation

Auch in Indien, dem Land, in dem weltweit mit weitem Abstand die meisten Kinder arbeiten, gibt es unterschiedliche Ansätze. Einer wurde im Bundesstaat Andhra Pradesh entwickelt, wo Hunderttausende oder vielleicht sogar Millionen Kinder meist innerhalb der eigenen Familie in der Landwirtschaft oder in Kleinbetrieben arbeiten. Die MVF (Mamidipudi Venkatarangaiya Foundation) wurde 1981 in Andhra Pradesh gegründet und beschäftigt sich seit 1991 intensiv mit der Frage, wie die Arbeit von Kindern beendet und ein umfassendes Bildungssystem für alle Kinder geschaffen werden kann. Ende 2004 wurden auf einer Tagung in Hyderabad von mehr als 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, darunter Vertreterinnen und Vertreter vieler indischer und internationaler Nichtregierungsorganisationen, folgende Prinzipien und Ziele der MVF verabschiedet:
  1. Alle Kinder müssen formelle Ganztagsschulen besuchen.
  2. Jedes Kind, das nicht die Schule besucht, ist ein arbeitendes Kind.
  3. Jede Arbeit ist gefährlich, da sie das Wachstum und die Entwicklung des Kindes gefährdet.
  4. Kinderarbeit muss vollständig abgeschafft werden.
  5. Jede Rechtfertigung von Kinderarbeit verlängert deren Existenz und muss daher verurteilt werden.[22]
Um die Prinzipien durchzusetzen, gehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der MVF in die Dörfer Andhra Pradeshs und führen einen Dialog mit Kindern, Eltern, lokalen Behörden, Lehrern, Lehrerverbänden und den Arbeitgebern der Kinder. Dabei wird über den Zustand des Schulsystems und Gründe für die Kinderarbeit diskutiert, darunter die soziokulturellen Hintergründe der Diskriminierung von Mädchen sowie ethnischer Gruppen, Kasten und sozialer Schichten. Ziel des Dialoges ist nicht die Konfrontation, sondern die gemeinsame Suche nach Wegen, wie Kinder wieder in die Schule gebracht werden können.

Voraussetzung dafür ist ein Bewusstseinswandel: Wenn als soziale Norm im Dorf akzeptiert wird, dass Kinder in die Schule gehören, ist der wichtigste Schritt – so die Erfahrung der Stiftung – geschafft. Für Eltern aus benachteiligten Gruppen ist der Schritt hin zur Schule ein Bruch mit jahrhundertealten Traditionen. Sie wissen genau, wie sie für ihre Kinder eine Arbeitsstelle besorgen können, doch der Schulbesuch erfordert neue Fähigkeiten, darunter das Eintreten für die eigenen Rechte und der Kampf mit der Bürokratie (Beschaffung von Geburtszertifikaten, Anmeldeschreiben und anderen Dokumenten).

Durch Einbeziehung der lokalen Behörden und Schulämter versucht die Stiftung, auch das staatliche Engagement zum Ausbau und zur Verbesserung des Schulsystems zu sichern. Über den Ausbau der bestehenden Schulen hinaus müssen in vielen Dörfern Brückenschulen eingerichtet werden, in denen Kinder, die zuvor jahrelang nicht zur Schule gingen, das nachholen können, was gleichaltrige Kinder bereits gelernt haben. Anschließend werden die Kinder in das reguläre Schulwesen integriert.

Statistische Erhebungen der MVF zeigen, dass aus vielen armen Familien alle Kinder trotz der Armut zu Schule gehen, während andere Familien mit vergleichbaren Einkommen keines ihrer Kinder in die Schule schicken. Armut kann demnach nicht die alleinige Ursache für Kinderarbeit sein. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass Einkommensverluste durch die Einschulung zuvor arbeitender Kinder in vielen Fällen aufgefangen werden können. Teilweise werden Ausgaben eingespart, in anderen Fällen arbeiten Familienangehörige – und hier vor allem die Mütter, die die größte Last tragen – mehr, um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Eltern suchen nach Ersatz für die Einkommen ihrer Kinder, wenn sie davon überzeugt worden sind, dass der Schulbesuch sinnvoll ist. Wichtig ist dabei allerdings, dass die Kinder auch tatsächlich etwas lernen und die Eltern Ergebnisse ihrer Bemühungen sehen. Die MVF ist in mehreren Tausend Dörfern aktiv und hat seit 1991 dazu beigetragen, Hunderttausende Kinder wieder in das staatliche Schulsystem zu integrieren. Ganze Regionen konnten dadurch zu Zonen erklärt werden, in denen es keine ausbeuterische Kinderarbeit mehr gibt. Ähnliche Projekte entstanden in anderen Teilen Indiens und es laufen Versuche, das Muster in abgewandelter Form in weitere Staaten zu exportieren.

Vielfältige Ansätze

Die geschilderten Beispiele aus dem Kakao- und dem Haselnussanbau sowie die Projekte in Indien belegen, dass es genauso wenig wie es die eine Art von Kinderarbeit gibt, eine Standard-Maßnahme gegen sie geben kann. Direkte Einflussmöglichkeiten haben wir in Deutschland als Konsumenten der Produkte, die von Kindern für den deutschen Markt hergestellt werden, da hier die Möglichkeit besteht, Druck auf importierende Unternehmen sowie auf die Regierungen der Produktionsländer aufzubauen.[23] Der indische Ansatz geht dagegen wesentlich weiter, da flächendeckend in ganzen Regionen alle Arten der Kinderarbeit reduziert werden sollen, nicht nur die für Exportprodukte. Letztendlich führen viele Wege zum Ziel, sie müssen nur gegangen werden. Dabei sollten ideologische Scheuklappen abgelegt und nach pragmatischen Lösungen gesucht werden, die das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt stellen.

Fußnoten

22.
Vgl. zum Folgenden online: http://www.mvfindia.in« (21.9.2012); Stop Child Labour, Out of Work and Into School. Working towards Child Labour Free Zones, June 2012, online: http://www.indianet.nl/pdf/WorkingTowardsCLFZ.pdf« (21.9.2012).
23.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Martina Hahn in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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Autor: Friedel Hütz-Adams für bpb.de
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