(130803) -- KABUL, Aug. 3, 2013 () -- Afghan children laborers work at a brick factory in Kabul, Afghanistan on August 3, 2013. The child labor still remains rampant in brick making industry in the war-hit country. (/Ahmad Massoud) (srb)
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Gibt es "gute" Kinderarbeit? Plädoyer für den kinderrechtlichen Ansatz


16.10.2012
Kinderarbeit ist ein komplexes Phänomen: "Die Kinderarbeit" gibt es nicht, denn die etwa 215 Millionen Mädchen und Jungen, die heute laut Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO weltweit arbeiten, tun dies unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Tatsächlich gibt es auch Kinderarbeit, die keine Kinderrechte verletzt. Die öffentliche Wahrnehmung in Deutschland ist allerdings geprägt durch Medienberichte und Kampagnen, die Kinder in Steinbrüchen, Textilfabriken oder auf Kakaoplantagen zeigen. Diese Mädchen und Jungen werden ausgebeutet, sie arbeiten an gefährlichen Orten, laufen Gefahr sich an Geräten und Maschinen zu verletzen oder sind giftigen Pestiziden ausgesetzt. Sie sind der Willkür ihrer Arbeitgeber und der erwachsenen Kollegen ausgeliefert und haben in der Regel die Schule abgebrochen oder nie eine besucht. Die Weltgemeinschaft ist sich weitgehend einig, dass solche Ausbeutung von Kindern unverzüglich beendet werden muss.

Die ILO schätzt, dass etwa 115 Millionen Kinder weltweit solcher Ausbeutung unterliegen, etwa zehn Prozent dieser Kinder arbeiten für den Export: Ihre Arbeit steckt also etwa in Natursteinen, Textilien oder Kakao, Tee und Orangensaft. Ausbeuterische Arbeit verletzt das Recht eines Kindes, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt zu werden (Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, Artikel 32) und immer auch weitere Rechte. Genannt seien hier: das Recht auf Leben (Artikel 6), das Diskriminierungsverbot (Artikel 2), das Recht auf Berücksichtigung des Kindeswillens (Artikel 12), das Recht auf Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung und Verwahrlosung (Artikel 19), das Recht auf Gesundheitsversorgung (Artikel 24), das Recht auf Bildung (Artikel 28), das Recht auf Beteiligung an Freizeit (Artikel 31), das Recht auf Maßnahmen gegen Entführung und Kinderhandel (Artikel 35).

Die ILO-Konvention 182 definiert Ausbeutung von Kindern und bannt Sklaverei, Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit, die kommerzielle sexuelle Ausbeutung, den Einsatz als Soldaten und jegliche Form der Arbeit, welche die seelische und körperliche Gesundheit von Kindern gefährdet. Die Konvention 182 ist die am schnellsten gezeichnete Konvention der ILO, bis heute haben sie 175 Staaten ratifiziert. Auf der normativen Ebene ist die Sache also klar: Ausbeutung – die ILO spricht von "den schlimmsten Formen der Kinderarbeit" muss beendet werden und kein Grund der Welt kann ihre Existenz rechtfertigen: Kinderrechte sind universell und unteilbar.[1]

Ausbeutung verursacht Armut



Auch aus ökonomischer Sicht kommt man schnell zu dem Schluss, dass ausbeuterische Kinderarbeit Armut verursacht und nachhaltige Entwicklung hemmt. Wer hätte je von einem Land gehört, das aufgrund der Ausbeutung der Kinder prosperiert? Wohl häufen einzelne Personen, Gruppen oder Unternehmen Reichtümer an, etwa in der illegalen Ökonomie: Mit Kinderprostitution und Kinderpornografie werden jedes Jahr Milliardenumsätze gemacht. Kinder graben im Kongo nach Coltan, das Geschäft wird von Warlords kontrolliert, die jegliche Regulierung des Bergbaus verhindern. Die internationale IT-Industrie profitiert, denn Coltan wird zu Tantal verarbeitet, einem wichtigen Bestandteil von Laptops und Handys. Mafiöse Strukturen, massive Korruption, Gewalt sowie die Negierung grundlegender gesellschaftlicher Werte verhindern die Entwicklung legaler Ökonomie und Entwicklung insgesamt.

Die ILO hat im Jahr 2003 untersucht, wie Kinderarbeit die Gesamtökonomie schädigt: Der Weltgemeinschaft entgehen demnach volkswirtschaftliche Werte im Umfang von 5,1 Billionen US-Dollar, die durch höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Produktivität erwirtschaftet werden könnten, wenn bis zum Jahr 2020 Kinderarbeit beendet würde. Die Kosten für diese Maßnahmen – zumeist Investitionen in Bildungssysteme – sind bereits in die Schätzung eingerechnet.[2]

Die Geschichte vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, entpuppt sich als simple Durchhaltepropaganda: In der Realität schuften sich Kinder durch ausbeuterische Arbeit kaputt, und die Liste ihrer Berufskrankheiten ist lang: von der Staublunge über schwere Haltungsschäden, chronische Haut-, Augen- und Atemwegserkrankungen, Traumatisierung, Vergiftungen, Unter- und Mangelernährung aufgrund zu harter Arbeit, Wachstums- und Reifungsverzögerungen. Ungezählt sind die Folgen von Arbeitsunfällen, wie der Verlust von Gliedmaßen und bleibende Behinderungen.

Die ILO schätzt, dass jedes Jahr 22.000 Kinder bei Arbeitsunfällen sterben. Wer von klein auf schuftet und niemals eine Schule besucht, wer ausgebeutet wird und dadurch gesundheitliche und seelische Schäden davonträgt, der hat kaum Chancen, seinem Leben als Tagelöhner zu entkommen.

Ausbeutung beenden: Einfache Verbote reichen nicht aus



Die Bekämpfung ausbeuterischer Kinderarbeit steht seit Mitte der 1990er Jahre im Mittelpunkt verschiedener Bemühungen internationaler Organisationen wie der ILO und von Unternehmen, die durch Kampagnen mit Kinderarbeit in ihren Lieferketten konfrontiert wurden. Einfache Verbote reichen jedoch nicht aus, vielmehr bedarf es eines umfassenden Ansatzes. Denn die Ausbeutung von Kindern hat viele Ursachen und die Situation der Kinder kann sich durch gut gemeinte, aber eindimensionale Maßnahmen sogar verschlechtern.

Klären wir zunächst die Frage, ob Armut die hauptsächliche Ursache für die Ausbeutung von Kindern ist: Es ist keine Überraschung, dass in Staaten mit weit verbreiteter extremer Armut sehr viele Kinder arbeiten: In Liberia sind 89 Prozent der Menschen extrem arm, 35 Prozent der Kinder arbeiten. Allerdings lässt sich daraus kein Automatismus ableiten: Denn bei geringerer extremer Armut kann es dennoch mehr Kinderarbeit geben, wie etwa in der Elfenbeinküste, wo 25 Prozent der Menschen extrem arm sind, aber mehr Kinder arbeiten, als in Liberia, nämlich 45 Prozent aller Mädchen und Jungen.[3] Weiterhin zeigt das sogenannte Wohlstandsparadox, dass ausbeuterische Kinderarbeit sogar zunehmen kann, wenn Einkommen oder Wirtschaft wachsen.

Als zum Beispiel Anfang der 1990er Jahre die Textilindustrie in der indischen Stadt Tirupur einen ungeheuren Aufschwung nahm, stieg die Anzahl der Kinderarbeiter in der Stadt und lag mit etwa 20 Prozent weit über dem Durchschnitt des Bundesstaates Tamil Nadu mit etwa zwölf Prozent Kinderarbeitern. In Tirupur gab es damals etwa 200.000 Arbeitsplätze in der Textilindustrie, 40.000 davon waren mit Kindern unter 14 Jahren besetzt. Zu dieser Zeit traf Angebot auf Nachfrage: Die Stadt verzeichnete aufgrund des Wirtschaftsbooms hohe Zuwanderungsraten.

Die Kinder der Migrantenfamilien arbeiteten mit, denn die Hoffnung der ganzen Familie ruhte darauf, gemeinsam ein besseres Einkommen zu erzielen. Die Kinder – Mädchen, ebenso wie Jungen – hatten nie eine Schule besucht und in ihrer Heimat mit den Eltern als Tagelöhner auf den Feldern gearbeitet. Oder sie hatten die Schule verlassen, als die Familie umzog. Die Industrie fragte billige und vor allem willige Arbeitskräfte nach, die am besten klaglos stundenlang und ohne Pause monotonste Arbeit ausführten. So verzeichnete eine Region, die boomte, eine höhere Anzahl ausgebeuteter Kinder als die weitaus ärmeren ländlichen Nachbardistrikte.

Das Wohlstandsparadox kann auch auf dem Land beobachtet werden: Das Verhältnis zwischen den Ressourcen eines Haushaltes und dem Ausmaß der Kinderarbeit (Anzahl der Kinder, die arbeiten, und Arbeitszeit) steigt auch hier zunächst an: Haushalte, die extremer Armut entkommen, verzeichnen mehr Kinderarbeit. Erst ab einer bestimmten Wohlstandsschwelle nimmt die Kinderarbeit wieder ab.

Die Ökonomen Sonia Bhalotra und Christopher Heady berichten über Äthiopien: Erwerben dort Familien Land, schicken sie ihre Kinder eher in die Schule als zur Arbeit auf dem Hof und dem Feld. Doch wenn sie ihren Viehbestand vermehren, tendieren sie dazu, ihre Kinder zum Hüten der Herde einzusetzen und womöglich aus der Schule zu nehmen – denn sie können sich keine bezahlten Hirten leisten. Wird der Zugang zu Krediten erleichtert, kaufen Familien eher Vieh als Land, was die Situation der Kinder verschlechtert. Erst wenn die Familien ihre Lage deutlich verbessern können, sehen sie sich in der Lage, alle Kinder zur Schule gehen zu lassen. [4]

Hätte nun ein gesetzliches Verbot und seine Durchsetzung, im Falle der Exportindustrie eventuell befördert durch Boykotte von Verbrauchern, oder die Beschränkung des Marktzuganges die Situation der Kinder verbessert? Eine vergleichbare Situation, wie in der indischen Textilstadt Tirupur gab es in Bangladesch, und sie ist bis heute das meist zitierte Beispiel für die fatale Wirkung einseitiger Verbote, die nur die "Nachfrageseite" im Blick haben: 1992 hatte der US-amerikanische Senator Tom Harkin einen Entwurf vorgelegt, der den Bann von Produkten aus Kinderarbeit vorsah. Die Textilindustrie von Bangladesch war eines seiner Beispiele. Daraufhin entließen Arbeitgeber in Bangladesch in kurzer Zeit etwa 50.000 Mädchen und Jungen. Ein großer Teil der Kinder landete in der Prostitution und in ausbeuterischen Arbeiten im informellen Sektor (zum Beispiel Zerkleinern von Steinen).[5]


Fußnoten

1.
Siehe hierzu auch die Beiträge von Nicola Liebert und von Anna Würth/Uta Simon in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Vgl. ILO, Investing in every Child. An Economic Study of the costs and benefits of eliminating child labour, Geneva 2003.
3.
Vgl. Deutsches Forum Kinderarbeit, Kinderarbeit – Kinderrechte. Beiträge zur Qualifizierung des Umgangs mit Kinderarbeit in kinderrechtlicher Perspektive, Heidelberg 2009.
4.
Vgl. Sonia Bhalotra/Christopher Heady, Child Farm Labour: The Wealth Paradox, University of Bristol, Department of Economics, Discussion Paper No. 03/553, 2003.
5.
Vgl. Save the Children, Big Business, Small Hands: Responsible Approaches to Child Labour, London 2000.
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Autor: Barbara Küppers für bpb.de
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