Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.
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Expansion und Herrschaft: Geschichte des europäischen und deutschen Kolonialismus

23.10.2012

Erstes deutsches Kolonialreich



Deutsche waren von Anfang an an diesen Prozessen – der "europäischen Expansion" – beteiligt.[6] Sie segelten mit Portugiesen und Spaniern nach Indien und Amerika (wie etwa Ulrich Schmidl und Hans von Staden) und versuchten sich selbst an Kolonialgründungen (wie die Welser in Venezuela oder der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm mit seiner Kolonie Groß Friedrichsburg an der westafrikanischen Küste). Der Große Kurfürst war damit ebenso in den Sklavenhandel verstrickt wie etwa der Gründer des heutigen Hamburger Stadtteils Wandsbek, Heinrich Carl von Schimmelmann. Unzählige siedelten in der "Neuen Welt", gingen als Missionare nach Afrika oder Asien oder beteiligten sich als "Lehnstuhl-Entdecker" an der wissenschaftlichen Erschließung der Welt. Kolonialismus war ein gesamteuropäisches Phänomen und als solches waren immer auch Deutsche beteiligt.

Als formale Kolonialmacht trat Deutschland allerdings erst spät auf die weltgeschichtliche Bühne, sieht man vom kurzen "Intermezzo" der Brandenburger in Westafrika ab. Der Grund war offensichtlich: Erst seit 1871 gab es ein Deutsches Reich, das die Rolle einer Kolonialmacht tatsächlich wahrnehmen konnte. Die Reichsgründung gab nun auch der Kolonialbewegung einen entscheidenden Schub, die aus ökonomischen, politischen und sozialdarwinistischen Motiven für den formalen Erwerb von Kolonien warb. Ihre Vertreterinnen und Vertreter erhofften sich nicht nur ein Ventil für die angeblich drohende Überbevölkerung und einen Absatzmarkt für die industrielle Überproduktion, sondern auch ein sichtbares Symbol für die gewünschte Weltmachtrolle. Ein gewisser Minderwertigkeitskomplex gegenüber Großbritannien spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Angst vor Krisen und (sozialen) Verwerfungen im Kaiserreich.

Kolonien schienen eine heile Welt zu bieten ohne die Schattenseiten der Industrialisierung mit dem Anwachsen des Proletariats und seinen Forderungen nach politischer Teilhabe. Kolonialbesitz schien auch im Licht der sozialdarwinistischen Interpretation der Konkurrenz zwischen den sich entwickelnden imperialistischen Industriestaaten eine Notwendigkeit und eine Verpflichtung gegenüber den nachfolgenden Generationen zu sein. Für diese wollte man sicherstellen, dass sie zu den Gewinnern in diesem Wettkampf – in dem es nur den survival of the fittest geben würde – gehören würden. War das nationale Bürgertum in weiten Teilen schon davon überzeugt, innerhalb der europäischen Nationen zu einer überlegenen zu gehören, so galt dies umso mehr im Vergleich zu außereuropäischen Kulturen. Aufgrund der eigenen, überlegenen Stellung glaubte man zur Kultivierung der vermeintlich zurückgebliebenen und primitiven Bewohnerinnen und Bewohner der außereuropäischen Welt berufen zu sein und besaß damit eine positive Rechtfertigung jeglichen kolonialen Strebens.

Da die Regierung unter Otto von Bismarck (1871–1890) dem Kolonialerwerb zunächst skeptisch gegenüberstand, weil der Reichskanzler im kolonialen Engagement nur die Quelle von Konflikten mit anderen Kolonialmächten sah, erfolgte die Kolonialreichsgründung nach dem veralteten Modell der Chartered Company, das heißt als staatlich garantiertes Privatunternehmen. In rascher Folge erwarben "Kolonialpioniere" in den Jahren 1884 und 1885 Territorien in West-, Ost- und Südafrika, die bald darauf unter den offiziellen Schutz des Deutschen Kaiserreiches gestellt wurden. Kamerun, Togo, Deutsch-Südwestafrika (Namibia) und Deutsch-Ostafrika (Tansania) waren geboren. Dazu kamen noch einige Inseln im Pazifik (Deutsch-Samoa und Deutsch-Neuguinea) sowie 1897 das chinesische Kiautschou – Teil der bereits genannten informellen Durchdringung Chinas, an dem nun auch Deutschland seinen Anteil forderte. Da diese privaten Kolonisierungsgesellschaften allesamt binnen kurzer Zeit scheiterten, musste der Staat an deren Stelle treten. Das Deutsche Reich war damit Kolonialmacht.

Im Grunde ist es unmöglich, die koloniale Erfahrung derart disparater Kolonien zusammenzufassen. Schon die Verwaltung war unterschiedlich: Während Kiautschou von der Marine verwaltet wurde, unterstanden die anderen der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt und später dem Reichskolonialamt. Während es sich bei Togo, Kamerun und Ostafrika ebenso wie bei den pazifischen Besitzungen um Beherrschungskolonien handelte, war Südwestafrika als Siedlungskolonie geplant und angelegt. Auch wenn sich die erträumten Ansiedlungszahlen nicht verwirklichen ließen, besitzt Namibia als Folge daraus bis heute eine kleine deutschsprachige Minderheit.

Generell lässt sich sagen, dass sich die mit den Kolonialerwerbungen verbundenen Hoffnungen nicht erfüllten. Außer der "Musterkolonie" Togo waren alle Kolonien finanzielle "Zuschussgeschäfte", was auch an den enormen Kosten für die Eroberung, Befriedung und Verwaltung lag. Dies lag nicht zuletzt an der Vehemenz des Widerstandes gegen die deutschen Kolonialherren in nahezu allen Schutzgebieten und die Brutalität, mit der die Kolonialmacht diese niederschlug. Die Probleme in den Kolonien machten wiederum den erhofften Prestigegewinn zunichte.

Der heftige Widerstand und die teilweise katastrophalen Konsequenzen für die ursprünglichen Bevölkerungen ergaben sich auch aus dem späten Beginn des deutschen kolonialen Engagements. Man glaubte in der Vergangenheit Versäumtes aufholen und den Kolonialismus besonders effizient machen zu müssen. Musterkolonien sollten es werden, nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern auch, um den anderen Kolonialmächten zu zeigen, wie es richtig gemacht würde. Zeit für eine allmähliche Veränderung der Lebens- und Wirtschaftsbedingungen gerade der afrikanischen "Untertanen" Deutschlands blieb dabei ebenso wenig wie eine Anpassung kolonialer Herrschaftspraktiken im Lichte gemachter Erfahrungen.

In Deutsch-Südwestafrika umfasste die koloniale Utopie sogar die Errichtung einer regelrechten rassischen Privilegiengesellschaft.[7] Deutsche sollten die Oberschicht bilden, Afrikanerinnen und Afrikaner in eine homogene Schwarze Arbeiterschicht umgeformt werden. Rudimentäre Ausbildung sollte vor allem ihre Arbeitsleistung steigern. Jegliche "Vermischung" der "Rassen" sollte unterbunden werden. Existierende Ehen zwischen Deutschen und Afrikanerinnen wurden 1907 nachträglich annulliert, jegliche sexuelle Beziehungen stigmatisiert und der Begriff des "Eingeborenen" endgültig biologisch definiert: "Eingeborene" waren demnach "sämtliche Blutsangehörigen eines Naturvolkes, auch die Abkömmlinge von eingeborenen Frauen, die sie von Männern der weissen Rasse empfangen haben, selbst wenn mehrere Geschlechter hindurch eine Mischung mit weissen Männern stattgefunden haben sollte. Solange sich noch die Abstammung von einem Zugehörigen eines Naturvolks nachweisen lässt, ist der Abkömmling infolge seines Blutes ein Eingeborener."[8] Damit hatte das biologistische Abstammungsprinzip jegliche zivilisationsmissionarische Deutung, wonach Afrikanerinnen und Afrikaner zu "Europäern" "erzogen" werden müssten, beiseite gedrängt.

Die zwei langwierigsten und verlustreichsten Kolonialkriege wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den beiden größten Kolonien Südwest- und Ostafrika geführt. In Letzterem kam es von deutscher Seite zu einem Vernichtungskrieg mit schätzungsweise bis zu 250.000 afrikanischen Opfern sowohl durch Kämpfe als auch durch die durch kriegerische Handlungen ausgelösten Versorgungsnöte,[9] in Ersterem sogar zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, dem schätzungsweise bis zu 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama zum Opfer fielen.[10] In Südwestafrika war dabei die deutlich höhere Zahl deutscher Soldaten eingesetzt (schätzungsweise 19.000, von denen etwa 1.500 ums Leben kamen), während in Ostafrika der Krieg von deutscher Seite vor allem durch afrikanische Söldnereinheiten geführt wurde, den "Askari". Es scheint vor allem die Zahl der deutschen Opfer und die Zahl der betroffenen deutschen Soldaten zu sein, neben der unterschiedlichen Perzeption Deutsch-Südwestafrikas als deutsche Siedlungskolonie, welche dem Krieg im Südlichen Afrika eine herausgehobene Position im deutschen kollektiven Gedächtnis zugewiesen hat.

Entgegen weit verbreiteter Ansichten kam es jedoch nicht nur in diesen beiden Kriegen zu deutschen Gewaltexzessen. Schon vorher war es etwa 1897 in Deutsch-Ostafrika gegen die Wahehe zu einem Feldzug gekommen, den man als Vernichtungskrieg bezeichnen kann.[11] Auch in der angeblich so friedlichen Südsee reagierte die deutsche koloniale Obrigkeit auf jeden Form des Widerstandes mit bedingungsloser Härte, wie die Niederschlagung des "Aufstandes" auf Ponape (1910/1911) belegt.[12] Das Verhalten des deutschen Expeditionskorps zur Niederschlagung des "Boxeraufstandes" in China, zur Brutalität noch ermuntert durch die "Hunnenrede" Kaiser Wilhelms vom 27. Juli 1900, erscheint in diesem Zusammenhang nicht mehr als Ausrutscher: "Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor 1.000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1.000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!"[13]

Auch das menschenverachtende Vorgehen Paul von Lettow-Vorbecks bei der "Verteidigung" Ostafrikas im Ersten Weltkrieg gehört in diesen Kontext. Gegen den Befehl seines zivilen Vorgesetzten und ohne jegliche strategische Relevanz oder Chance auf einen Sieg führte er vier Jahre einen Abnutzungskrieg, in dessen Folge allein in Ostafrika 700.000 Menschen, zum allergrößten Teil Zivilisten, ums Leben kamen.

Der Erste Weltkrieg markierte dort wie in den anderen deutschen Kolonien das Ende des ersten deutschen Kolonialreiches. Im Frieden von Versailles wurden Deutschland wegen erwiesener "Kolonialunfähigkeit" alle "Schutzgebiete" aberkannt, die als Mandate dem neu gegründeten Völkerbund zur Treuhänderschaft übergeben wurden.


Fußnoten

6.
In jüngster Zeit erschienen hierzu drei moderne Gesamtdarstellungen: Dirk van Laak, Über alles in der Welt. Deutscher Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert, München 2005; Winfried Speitkamp, Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005; Sebastian Conrad, Deutsche Kolonialgeschichte, München 2008. Aufgrund der minutiösen Faktendarstellung immer noch hilfreich: Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 20126.
7.
Vgl. hierzu und zu den Konsequenzen dieser Herrschaftsutopie: Jürgen Zimmerer, Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Münster u.a. 20043.
8.
Urteil des Bezirksgerichts Windhuk vom 26.9.1907. National Archives of Namibia, Windhoek, GWI 530 [R 1/07], Bl. 23a-26a.
9.
Vgl. Felicitas Becker/Jigal Beez (Hrsg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905–1907, Berlin 2005; James Leonard Giblin/Jamie Monson (eds.), Maji Maji. Lifting the fog of war, Leiden 2010.
10.
Vgl. Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (Hrsg.), Der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der deutsche Kolonialkrieg in Namibia (1904–1908) und seine Folgen, Berlin 20042. Der Deutsche Bundestag lehnte im März 2012 Anträge der Linkspartei sowie der SPD und der Grünen ab, in denen die Ereignisse 1904 als Völkermord bezeichnet wurden; die herrschende Meinung in der Forschung dagegen geht von einem Völkermord aus; vgl. u.a. die Berichterstattung von n-tv vom 22.3.2012, online: http://www.n-tv.de/politik/Voelkermord-darf-nicht-so-heissen-article5833601.html« (4.10.2012) (Anm. d. Red.).
11.
Vgl. Martin Baer/Olaf Schröter, Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika: Spuren kolonialer Herrschaft, Berlin 2001.
12.
Vgl. Alexander Krug, "Der Hauptzweck ist die Tötung von Kanaken". Die deutschen Strafexpeditionen in den Kolonien der Südsee 1872–1914, Tönning u.a. 2005; Thomas Morlang, Rebellion in der Südsee. Der Aufstand auf Ponape gegen die deutschen Kolonialherren 1910/11, Berlin 2010.
13.
Zit. nach: http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/wilhelm00/index.html« (2.10.2012). Vgl. allgemein zu den Kolonialkriegen: Susanne Kuß, Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin 2010.
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Autor: Jürgen Zimmerer für bpb.de
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