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6.11.2012 | Von:
Benedikt Widmaier

Außerschulische politische Bildung nach 1945 – Eine Erfolgsgeschichte?

Was ist politische Bildung wert?

"Was ist politische Bildung wert?" fragte 2004 die Zeitschrift des Bundesausschusses Politische Bildung ("Praxis Politische Bildung", seit 2011 "Journal für politische Bildung"). Politische Bildung war wieder einmal unter hohen Legitimationsdruck geraten, und die beiden wichtigsten Förderprogramme – für den Bereich der Jugendbildung das Programm "Politische Bildung" im Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) sowie für den Bereich der Erwachsenenbildung das Förderprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung – wurden im Auftrag der beiden zuständigen Bundesministerien wissenschaftlich evaluiert.

Da der Untersuchungsgegenstand der von Achim Schröder (Hochschule Darmstadt) geleiteten Evaluation auf das KJP-Förderprogramm festgelegt war, liefert der Abschlussbericht[40] nur einen Ausschnitt der politischen Jugendbildung, deren Feld im Grunde nicht genau zu definieren ist. Seit Anfang der 2000er Jahre treten auch die Jugendverbände wieder selbstbewusster als Institutionen der Jugendbildung auf, insbesondere angestoßen durch europäische bildungspolitische Debatten, in denen der Stellenwert und die Anerkennung der non-formalen (Weiter-)Bildung neu thematisiert wurde. Das führt(e) nicht selten zur Gleichung "Jugendarbeit ist außerschulische Bildung" und mündete – unter Bezug auf den in Paragraf 11 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) formulierten Bildungsauftrag – dann allzu rasch in die Aussage: "Bildung wird damit auch als politische Bildung verstanden."[41]

Ähnlich schwierig gestalteten sich die notwendigen Abgrenzungen in der Evaluation der politischen Erwachsenenbildung, die von Lothar Böhnisch (TU Dresden) geleitet wurde.[42] Auch hier ist die Frage des Gegenstands nicht eindeutig, denn das (Richtlinien-)Förderprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung hat die Altersgrenze der förderfähigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf 16 Jahre gesetzt – bezieht also eine Altersgruppe ein, die traditionell der Jugendbildung zuzuordnen ist. Darüber hinaus hat das Evaluationsteam selbstständig seinen Gegenstand erweitert und eine Sommerakademie von Attac mit in die Untersuchung aufgenommen, obwohl die politische Bildung durch soziale Bewegungen als eigenes Feld zu verstehen ist, in dem vor allem das Verhältnis von reflektierender Bildung einerseits und politischer Aktion andererseits (und damit die Gültigkeit des Beutelsbacher Konsenses[43]) eigens zu betrachten ist. Auch in der Erwachsenenbildung spielt – wie in der Jugendbildung – die Abgrenzung zur Sozialpädagogik eine wichtige Rolle. Aus der politischen Bildung wurde die mangelnde Grenzziehung stark kritisiert, weil die – aus der Sozialpädagogik kommenden – "fachfremde(n) Evaluierer" einmal mehr einer "undifferenzierten Darstellung des (Selbst-)Verständnisses politischer Bildung (Vorschub leisten)".[44]

Es zeigt sich also sowohl für die politische Jugend- als auch die politische Erwachsenenbildung, dass beide Felder nicht genau bestimmt werden können. Damit wird auch eine Antwort auf die Frage nach dem Umfang und dem (ökonomischen) Wert der politischen Bildung ausgesprochen schwierig. Tatsächlich findet sich in der gesamten Fachliteratur keine zufriedenstellende empirische Darstellung zu diesen Fragen. Für die Jugendbildung wird als Behelf häufig und teilweise mit enorm verfälschenden Ergebnissen – weil etwa alle Sozialpädagogen zu politischen Bildnern gemacht werden[45] – die Jugendhilfestatistik genutzt. Für die Erwachsenenbildung werden die Daten von Statistischen Landesämtern oder die von Trägern selbst gelieferten, zum Teil unvollständigen Daten genutzt.[46]

Exemplarisch soll hier ein Blick auf die Entwicklung von Lernformaten und -orten geworfen werden. Für die non-formale politische Bildung ist das Format der mehrtägigen Veranstaltung in (Jugend-)Bildungsstätten ein wichtiger Teil des eigenen Selbstverständnisses.[47] Dass 2010 etwa 40 Prozent weniger Jugendbildungsstätten existierten als 1998[48] oder in der Weiterbildung die mehrtägigen Maßnahmen mit sogenannter internatsmäßiger Unterbringung zwischen 2002 und 2010 um etwa 43,5 Prozent zurückgegangen sind,[49] weist deutlich auf Entwicklungen und Herausforderungen für non-formale politische Bildung hin.

Vor dem Hintergrund zunehmenden ökonomischen Drucks und nachlassender öffentlicher Förderung stellt sich hier durchaus die Frage nach der gemeinsamen politischen Verantwortung für eine demokratische politische Grundbildung von Bürgerinnen und Bürgern und eine damit korrespondierende Zukunftssicherung der Demokratie.

Resümee und Perspektiven

Selbst wenn Theorie im pädagogischen Alltag der non-formalen politischen Bildung "eine höchst nebensächliche Rolle" spielt,[50] konnte aufgezeigt werden, dass sie im Hinblick auf eigene Traditionen und theoretische Verortungen nicht "lost in space"[51] ist. In Anbetracht der Bedeutung von Kategorien wie Demokratie, Aufklärung, Kritik oder mündiger (Welt-)Bürgerschaft, die das Selbstverständnis der non-formalen politischen Bildung geprägt haben, scheint die Profession im Gegenteil gut und nachhaltig theoretisch verwurzelt zu sein.

Die größte Herausforderung für non-formale politische Bildung – und existenzielle Frage für eine Demokratie – ist meines Erachtens die Frage der politischen Partizipation der Bürgerinnen und Bürger. Bei der Verfolgung dieses "Königsziels" der politischen Bildung hält sich schulische Politikdidaktik traditionell und aus unterschiedlichen (guten wie auch weniger nachvollziehbaren) Gründen zurück und verweist gerne auf die ergänzende Funktion der außerschulischen politischen Bildung.[52]

In diesem Kontext erscheint es mir unumgänglich, weiter über eine zeitgemäße Interpretation des Beutelsbacher Konsenses zu diskutieren, der eine stärker handlungsorientierte politische Bildung möglicherweise behindert hat.[53] Wahrscheinlich ist "Partizipation als Bildungsziel"[54] nur zu erreichen, wenn schulische Politikdidaktik und außerschulische Jugendbildung dieses Ziel im Rahmen von theoretischen und wissenschaftlichen sowie praktischen und methodischen Kooperationsprojekten gemeinsam verfolgen und weiterentwickeln. Dass der Bundeskongress Politische Bildung 2012 das Thema Partizipation aufgriff, unterstreicht diese Herausforderung ebenso wie die Renaissance des Themas Demokratie in den Sozialwissenschaften.

Die Politikwissenschaft knüpft damit an ihre Traditionen nach 1945 an und versteht sich wieder stärker als "Demokratiewissenschaft". Damit verbinden sich auch Chancen für die non-formale politische Bildung: Wenn sie ihre eigenen Traditionen und engen Verbindungen zur Politikwissenschaft, die sich als pädagogische Demokratiewissenschaft verstand,[55] als wichtigen Teil ihrer Erfolgsgeschichte und Identität wieder intensiver pflegt, kann das ihr Selbstverständnis und ihre Innovationskraft stärken.

Fußnoten

40.
Vgl. A. Schröder et al. (Anm 3); ders./Nadine Balzter, Wirkung und Erfolg von Maßnahmen der außerschulischen politischen Bildung, in: Hessische Jugend, (2009) 3, S. 4ff.
41.
Benedikt Sturzenhecker, Jugendarbeit ist außerschulische Bildung, in: Deutsche Jugend, (2003) 7–8, S. 300–306, hier: S. 302.
42.
Vgl. Lothar Böhnisch/Karsten Fritz/Katharina Maier, Politische Erwachsenenbildung, Weinheim–München 2006. Im Rahmen der Evaluation entstand auch eine lesenswerte Dissertation: Karsten Fritz, Selbstverständnis und Wirklichkeit Politischer Erwachsenenbildung, Dresden 2005.
43.
Vgl. B. Widmaier (Anm. 25).
44.
Klaus-Peter Hufer, Ist das wirklich "politische Bildung"?, in: Außerschulische Bildung, (2005) 1, S. 63–66.
45.
Vgl. exemplarisch: Michael Galuske/Thomas Rauschenbach, Politische Jugendbildung in Ausbildung und Beruf, in: B. Hafeneger (Anm. 10), S. 57–77.
46.
Vgl. Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz, Statistische Berichte. Weiterbildung 2010 (bzw. 2002ff.), Erhebung nach dem Weiterbildungsgesetz, Mainz 2011; Heike Horn/Ingrid Ambros, Weiterbildungsstatistik im Verbund 2010, Bonn 2012.
47.
Vgl. Paul Ciupke, Orte der politischen Bildung, in: Hessische Blätter für Volksbildung, (2010) 4, S. 315–324.
48.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Statistik der Kinder- und Jugendhilfe. Einrichtungen und tätige Personen, Wiesbaden 2010, S. 121.
49.
Vgl. Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz (Anm. 46), S. 5.
50.
Klaus-Peter Hufer, Wo steht die Wissenschaft von der politischen Bildung?, in: GPJE (Anm. 5), S. 45–52, hier: S. 47.
51.
Für eine Reaktion auf diese Metapher von Wolfgang Sander vgl. Benedikt Widmaier, Politische Jugend- und Erwachsenenbildung – lost in space?, in: Praxis Politische Bildung, (2007) 2, S. 176–183.
52.
Vgl. exemplarisch: Ingo Juchler, Demokratie und politische Urteilskraft, Schwalbach/Ts. 2005, insbes. S. 108f.
53.
Vgl. Benedikt Widmaier, Beutelsbacher Konsens 2.0, in: Politische Bildung, (2013) 1 (i.E.).
54.
B. Widmaier/F. Nonnenmacher (Anm. 27).
55.
Vgl. Wilhelm Bleek, Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland, München 2001, S. 265ff.
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