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6.11.2012 | Von:
Peter Massing

Die vier Dimensionen der Politikkompetenz

Politische Einstellung und Motivation

In der Kognitionspsychologie wird unter Einstellung eine beliebige vorbereitende kognitive Aktivität verstanden, die dem Denken oder der Wahrnehmung vorausgeht. Eine Einstellung kann die Qualität der Wahrnehmung verbessern oder hemmen.[12] Einstellungen sind demnach individuelle Besonderheiten in der Bewertung konkreter Objekte der Wahrnehmung oder des Denkens.[13] In diesem Sinne ist eine Einstellung gleichsam als kognitives Schema anzusehen, welches das Wissen über einen Gegenstand repräsentiert und die Verarbeitung von Informationen erleichtern, aber auch erschweren kann. Einstellungen beeinflussen Denken, Fühlen, Urteilen und Handeln.

Einstellungen bezeichnen in der Politikwissenschaft Orientierungen von Menschen gegenüber politischen Objekten, die kognitive (Wahrnehmungen und Kenntnisse), affektiv/evaluative (Gefühle, Bewertungen) und konative (Handeln) Komponenten umfassen. Unter Motivation versteht man in der Kognitionspsychologie das erstrebenswerte Ergebnis einer Interaktion von Person und Situation. Das heißt: "Die aktuell vorhandene Motivation einer Person, ein bestimmtes Ziel anzustreben, wird von personenbezogenen und von situationsbezogenen Einflüssen geprägt. Dazu gehören auch die antizipierten Handlungsergebnisse und deren Folgen."[14] Zu den personenbezogenen Einflüssen gehören vor allem implizite Motive, die einzelne Individuen von anderen unterscheiden, und explizite Motive, das heißt Zielsetzungen, die eine Person gefasst hat und verfolgt, sowie Bedürfnisse, zum Beispiel das Streben nach Wirksamkeit. Implizite Motive in der Politik sind unter anderem politisches Interesse, politisches Selbstbewusstsein, Systemvertrauen und Bürgertugenden. Damit sind gleichzeitig die Facetten der Kompetenzdimension Einstellung und Motivation genannt.

Bei der Beschreibung des politischen Interesses werden folgende Aspekte unterschieden: Politisches Interesse bedeutet eine selektive Aufmerksamkeit gegenüber politischen Objekten und Ereignissen. Zum politischen Interesse gehört die Einstellung, dass im Vergleich zu anderen Lebensbereichen Politik für einen persönlich von Bedeutung ist. Politisches Interesse bewirkt ein Streben, die Merkmale des Gegenstandsbereichs Politik zu verstehen. Politisches Selbstbewusstsein umfasst zwei theoretische Dimensionen. Zum einen interne politische Effektivität oder subjektives politisches Kompetenzgefühl, zum anderen externe politische Effektivität oder politisches Responsivitätsgefühl.[15] Politisches Selbstbewusstsein kann definiert werden als Einschätzung der eigenen Fähigkeit, Politik zu verstehen, angemessen zu beurteilen und Einfluss auf Politik nehmen zu können. Systemvertrauen (beziehungsweise politisches Responsivitätsgefühl) meint die Einschätzung, dass die politischen Akteure verantwortlich und politischen Einflüssen zugänglich sind. Unter Systemvertrauen versteht man die Zustimmung zum politischen System um seiner selbst willen sowie seine diffuse Unterstützung. Bürgertugenden sind gemeinsinnorientiert, affektiv verankert und handlungsmotivierend. Sie überführen Wissen und Handlungsbereitschaft in tatsächliches politisches Handeln. Welche Tugenden Bürger in der Demokratie tatsächlich benötigen, ist strittig. In der Politikwissenschaft findet sich eine Vielzahl von engeren und weiteren Tugendkatalogen mit unterschiedlichen "Sorten" von Tugenden.[16]

Subjektives Interesse an Politik korreliert positiv mit dem Interesse am Schulfach Politik. Interesse an den Gegenständen des Politikunterrichts führt zu Ausdauer, Freude und besserer kognitiver Verarbeitung. Lernerfolge unterstützen die eigenen Fähigkeiten und können Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung, Kompetenz und Selbstbestimmung befriedigen. Das Interesse der Lernenden an Politik kann durch Aufgabenstellungen und Einbettung der Inhalte in Kontexte, welche die Lernenden besonders interessieren, gefördert werden. Setzt der Politikunterricht an der Lebenswelt der Lernenden an und verdeutlicht, wie Politik das Leben jedes Einzelnen beeinflusst, entwickelt er Verständnis für die Wichtigkeit der Politik für das eigene Leben und stimuliert das Streben, die Merkmale des Gegenstandsbereichs Politik möglichst vollständig zu erschließen. Dabei wird ein Unterricht, in dessen Mittelpunkt zum Beispiel Fallanalysen, Problemorientierung und Aktualität stehen, das fachliche Interesse besonders anregen.

Politisches Kompetenzgefühl lässt sich durchaus auch im Unterricht fördern. Allein schon intensive Gespräche über Politik im Unterricht können dazu beitragen, das eigene Kompetenzgefühl zu stärken. Darüber hinaus leistet die Förderung von politischer Handlungsfähigkeit und politischer Urteilsfähigkeit ebenfalls einen Beitrag zur Erhöhung des subjektiven politischen Kompetenzgefühls, während dieses umgekehrt wieder motivierend auf politische Urteils- und Handlungsfähigkeit einwirken kann.

Zwischen Systemvertrauen beziehungsweise dem Responsivitätsgefühl und dem Politikunterricht besteht kein unmittelbarer Zusammenhang. Durch die Vermittlung von Fachwissen und Urteilsfähigkeit hilft der Politikunterricht den Lernenden, das politische System zu beurteilen und politisches Systemvertrauen zu entwickeln. Positive oder kritische Einstellungen zum aktuellen demokratischen System, zu den politischen Akteuren, den demokratischen Institutionen und den inhaltlichen Handlungsergebnissen der Politik können im Politikunterricht eher durch indirekte Strategien erreicht werden. Systemvertrauen ist bestenfalls ein by-product der Schule als gesellschaftlicher Institution und der Ausgestaltung des Politikunterrichts.

Hinsichtlich der Bürgertugenden kann der Beitrag des Politikunterrichts nur darin bestehen, sich auf der kognitiven Ebene mit Fragen auseinanderzusetzen, was Grundwerte in einer freiheitlichen politischen Ordnung sein können oder welche Bedeutung Bürgertugenden für die Demokratie haben, um dadurch das politische Fachwissen der Schülerinnen und Schüler zu fördern.

Modell Politikkompetenz im Unterricht

Das Modell Politikkompetenz nutzt Lehrerinnen und Lehrern ebenso wie Schülerinnen und Schülern. Es ist ein Vorschlag, der theoriegeleitet den Kompetenzbegriff definiert und für die Praxis handhabbar macht. Den Lehrkräften soll das Modell vor Augen führen, dass es im Politikunterricht in erster Linie auf die Förderung der vier Kompetenzdimensionen ankommt. Sie sollten sie in der Unterrichtsgestaltung, bei der Materialauswahl, der Methodenentscheidung und der Formulierung der Lernaufgaben berücksichtigen und den Lernenden zugänglich machen. Darüber hinaus hilft ihnen das Modell bei der kriteriengeleiteten Diagnose des Lernstandes und führt bei den Lernenden zu einem nachvollziehbaren Kompetenzaufbau.

Fußnoten

12.
Vgl. Robert L. Solso, Kognitive Psychologie, Heidelberg 2005, S. 412.
13.
Vgl. Jens B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Heidelberg 20074, S. 254.
14.
Vgl. J. Heckhausen/H. Heckhausen (Anm. 10), S. 3ff.
15.
Vgl. Oskar Niedermayer, Bürger und Politik. Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen, Wiesbaden 20052, S. 30.
16.
Vgl. Hubertus Buchstein, Die Zumutungen der Demokratie. Von der normativen Theorie des Bürgers zur institutionell vermittelten Präferenzkompetenz, in: Klaus von Beyme/Claus Offe (Hrsg.), Politische Theorien in der Ära der Transformation, Opladen 1995, S. 295–324.
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Autor: Peter Massing für bpb.de
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