Piraterie

22.11.2012 | Von:
Constanze Müller

Produkt- und Markenpiraterie in der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit

China ist für die deutsche Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Für Unternehmen aller Größen und Branchen ist das Land sowohl Produktionsstandort als auch Absatzmarkt. Auch als Eckpfeiler für die gesamte Asienstrategie spielt der chinesische Markt eine immer größere Rolle. Doch die allgegenwärtige Produkt- und Markenpiraterie beeinträchtigt das Geschäft. Knapp 65 Prozent aller in Deutschland aufgegriffenen Waren, die geistige Eigentumsrechte verletzen, stammen aus China.[1] Seit fast einem Jahrzehnt führt China die diesbezüglichen deutschen Zollstatistiken an und festigt seinen Titel als "Kopierweltmeister" jedes Jahr aufs Neue.

Produktpiraten fälschen oder ahmen Produkte nach und verwenden bereits etablierte Marken. Ihr Ziel ist das Erreichen hoher Gewinne vor allem durch Einsparung von Kosten. In der Regel wird von Produkt- und Markenpiraterie gesprochen, sobald geistige Eigentumsrechte des Originalherstellers verletzt werden. Konsum- und Investitionsgüter, komplette Fertigungslinien, einfache Massenware und Hochtechnologie sind gleichermaßen betroffen. Kopiert wird alles, was absatzfähig und Gewinn versprechend erscheint.

Über die Hälfte aller deutschen Unternehmen mit Engagement in China dürfte schon einmal von Piraterie betroffen gewesen sein. Volkswagen sieht sich mit dem Nachbau von Motor und Getriebe konfrontiert,[2] und auch Mittelständler resümieren: "In China wird ja eh alles nachgebaut", "wer klauen will, der klaut" und "es gibt keine Geheimnisse in China".[3] Trotz regelmäßiger Thematisierung auf höchster politischer Ebene lassen juristische Mittel gegen Produktpiraterie zu wünschen übrig. Mehr als zwei Drittel aller europäischen Unternehmen bezeichnen die Durchsetzung von geistigen Eigentumsrechten in China als inadäquat oder sehr inadäquat.[4]

Die oft billigeren und qualitativ minderwertigen Piraterieprodukte führen zu Umsatzeinbußen und Rufschädigung für Unternehmen. Die volkswirtschaftlichen Kosten sind immens. Arbeitsplätze gehen verloren und Steuereinnahmen sinken. Verbraucher haben – wie unlängst bei Milchprodukten und Spielzeug – gesundheitliche Konsequenzen zu befürchten.

Für Unternehmen geht es um weit mehr als den kurzfristig entstehenden materiellen Schaden. Im Zeitalter von Wissensökonomie, starker Arbeitsteilung und enger Kooperation wirkt sich das Piraterie-Phänomen langfristig auf die Zusammenarbeit mit chinesischen Geschäftspartnern, Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern aus. Eine Investition in China erfordert mehr denn je die Einbindung lokaler Partner und Mitarbeiter sowie den Aufbau von Netzwerken. Doch Produktpiraterie entsteht in den allermeisten Fällen im direkten Umfeld des Unternehmens. Unter diesen Bedingungen kann Vertrauen nur schwer aufgebaut werden. Oft findet Wissensaustausch nur unzureichend statt. Der durch die potenzielle Piraterie-Bedrohung verursachte immaterielle Schaden für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit ist nicht zu unterschätzen.

Wirtschaftlicher Aufholprozess

Warum ist Produktpiraterie gerade in China derart verbreitet? Handelt es sich um ein chinaspezifisches Phänomen? Aus ökonomischer Sicht spricht der Vergleich mit Aufholprozessen anderer wirtschaftlich wenig entwickelter Länder dagegen. Denn ungeachtet räumlicher und zeitlicher Besonderheiten verläuft der wirtschaftliche Entwicklungspfad in etwa gleich. Zu Beginn erfolgen Lernprozesse von bereits entwickelten Ökonomien. Techniken, Geschäftsmodelle oder Marken, die sich dort bewährt haben, werden übernommen, um in einem späteren Stadium mit eigenen Innovationen aufzuwarten. Japanische und südkoreanische Kopien aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren sind noch im kollektiven Gedächtnis. Doch auch bereits entwickelte Länder haben früher in großem Stil kopiert. So bauten deutsche Maschinenbauer Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts amerikanische Maschinen nach, die oft unter dem Namen des Originalherstellers vertrieben wurden.[5] Die Herkunftsbezeichnung "Made in Germany" hat Deutschland den Briten zu verdanken, die damit vor den qualitativ minderwertigen deutschen Nachahmerprodukten – zum Beispiel Messer aus Solingen mit Sheffielder Warenzeichen – warnen wollten. Sobald die Waren aus Deutschland qualitativ höhere Standards erreichten, verkehrte sich die Warnung ins Gegenteil – "Made in Germany" wurde zum Qualitätssiegel.

Trotz dieses allgemein gültigen Entwicklungspfades von Imitation zu Innovation bestimmt der zeitliche und räumliche Kontext Produktpiraterie entscheidend mit. Das erhebliche Ausmaß und die vielschichtigen Ausprägungen der Piraterie in China sind durchaus einzigartig. Globalisierung und Liberalisierung des Welthandels fielen mit der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik ab 1978 zusammen, was das Lernen von zahlreichen ausländischen Investoren einerseits und den weltweiten Absatz von Piraterieprodukten andererseits begünstigt hat. Immer längere Wertschöpfungsketten, eine höhere Arbeitsteilung und geringere Fertigungstiefen bewirken, dass heutzutage in den seltensten Fällen das gesamte Produkt von einer Person hergestellt wird. Ganze Dörfer haben sich in China auf eine Produktkategorie spezialisiert. Ein Betrieb kopiert das Design, ein anderer die Verpackung ein nächster etwas anderes, so dass kaum ein Einzelner als "Pirat" identifiziert werden kann. Zudem bietet der chinesische Markt sowohl günstige Arbeitskräfte als auch gute Absatzmöglichkeiten in verschiedenen Landesteilen und Marktsegmenten.

Die Phasen von Imitation und Innovation überlappen naturgemäß. Auch in Deutschland – dem "Land der Ideen" – klagt der Maschinenbau über einheimische Piraten. Doch im Transformationsland China geschieht die Entwicklung im Zeitraffer und bewirkt eine Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten. Mitten im Prozess der Industrialisierung setzt bereits die Wissensökonomie ein: Während Produkt- und Markenpiraterie weiterhin floriert, entstehen zunehmend Innovationen, die vor allem an der überaus rasch wachsenden Anzahl erteilter Patente an chinesische Unternehmen erkennbar sind. Doch was jenseits dieser messbaren Extreme auf der lokalen, informellen Mikroebene geschieht, wird weniger wahrgenommen. Dort nimmt Piraterie oft nicht mehr die Form von billigen, möglichst originalgetreuen Nachahmungen an. Geleitet von den lokalen Bedürfnissen einer bestimmten Region werden nachgeahmte Produkte angepasst, kombiniert, erweitert. Der Begriff shanzhai, der im Gegensatz zu Kopie oder Fälschung häufig mit Innovation und Kreativität konnotiert ist, ist in China in aller Munde.[6] Auch Ökonomen weisen auf die Bedeutung von lokalisierten, inkrementellen Imitationen und Innovation in China hin.[7] Mittlerweile fordern chinesische (Piraterie-)Unternehmen etablierte Unternehmen durch Schnelligkeit, Flexibilität und genaue Kenntnis der lokalen Absatzmärkte heraus.

Deutsche Unternehmer in China reagieren, indem sie der Konkurrenz kontinuierlich technische Neuerungen entgegensetzen. Einmal kopiert zu werden, bedeute noch längst nicht den Rückzug aus China. Eine reale Bedrohung sei dagegen weniger die günstigere Herstellung der Produkte von Piraten, sondern das günstigere Produzieren derselben Qualität. Das Credo, nachdem China sich mit Piraterie selbst im Weg stehe und damit technologisch nicht zum Westen aufschließen könne, wird von deutschen Managern in China nicht bestätigt. Im Gegenteil: Zusammen mit ihren chinesischen Kollegen prüfen sie lieber genau, was auf dem Markt passiert, während Kollegen im deutschen Mutterhaus "das Rad zweimal erfinden". Chinesische Mitarbeiter stehen in engem Kontakt mit Partnern und auch Wettbewerbern. Auf diesem Weg bekommen sie "überlebenswichtige" Informationen und gehen grundsätzlich davon aus, dass der Wettbewerber ähnlich gut über das eigene Unternehmen informiert ist. Informationen wie beispielsweise über zukünftige Entwicklungen des Kunden werden aktiv auch von deutschen Managern in China genutzt. Nur so können Unternehmen ihre Strategie umsetzen und "dem Wettbewerber immer ein Stück voraus sein".

Fußnoten

1.
Vgl. Bundesfinanzdirektion Südost, Gewerblicher Rechtsschutz. Statistik für das Jahr 2011, Nürnberg 2011.
2.
Vgl. Mark Christian Schneider, VW-Chef will Patentklau stoppen. 30.8.2012, http://www.handelsblatt.com/handelsblatt-exklusiv-vw-chef-will-patentklau-stoppen/7074820.html« (29.10.2012).
3.
Interviews mit deutschen und chinesischen Managern in Beijing, Shanghai, Guangzhou, geführt 2009 und 2010 von der Autorin und ihren Kollegen im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts "Geistiges Eigentum in der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit" an der Hochschule Bremen. Soweit nicht anders vermerkt, entstammen nachfolgende Zitate ebenfalls diesen Quellen.
4.
Vgl. European Union Chamber of Commerce in China, European Business in China. Business Confidence Survey, Beijing 2012, S. 27.
5.
Vgl. Ralf Richter/Jochen Streb, Catching up and falling behind. Knowledge spillover from American to German machine tool makers, Hohenheim 2009.
6.
Vgl. Minyan Luo/Constanze Müller, Imitation oder Innovation? Das shanzhai-Phänomen in der Debatte um Geistiges Eigentum in China, in: Joachim Freimuth et al. (Hrsg.), Geistiges Eigentum in China. Neuere Entwicklungen und praktische Ansätze für den Schutz und Austausch von Wissen, Wiesbaden 2011, S. 47–68.
7.
Vgl. etwa Albert G.Z. Hu/Gary H. Jefferson, Science and Technology in China, in: Loren Brandt/Thomas G. Rawski (eds.), China’s Great Transformation, New York 2008.
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Autor: Constanze Müller für bpb.de
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