2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Rudolf Leiprecht

Sozialisation in der Migrationsgesellschaft und die Frage nach der Kultur

Der Erziehungswissenschaftler und Sozialisationsforscher Dieter Geulen beschrieb noch im Jahr 2005 migrationsbezogene Themen der Sozialisationsforschung als "Gastarbeiter- und Migrantenproblematik".[1] Dies scheint mir kein Einzelfall zu sein und sich auch nicht nur auf die Sozialisationsforschung zu beschränken. Migrationsbezogene Themen werden in Wissenschaft, Politik, Bildung und Massenmedien, aber auch in alltäglichen Situationen häufig in Form einer spezifischen Besonderung wahrgenommen: Eingewanderte und deren Kinder und Kindeskinder werden dabei von vornherein als Problem gesehen und darauf reduziert.[2] Gleichzeitig wird diese spezifische Besonderung in aller Regel von Verweisen auf kulturelle Zusammenhänge begleitet. Das "Problematische" wird mit kulturellen Besonderheiten – also anderen Werten, Normen, Traditionen oder Lebensweisen – erklärt und zugleich in unzulässiger Weise für eine konstruierte "Großgruppe" behauptet und verallgemeinert.

Menschen ohne Migrationshintergrund und deren Vorstellungen und Handlungsweisen gegenüber Migration und Eingewanderten geraten bei dieser spezifischen Besonderung aus dem Blick, genauso wie Diskurse, Politiken, Institutionen, Organisationen und Einrichtungen, die sich als Instanzen und Kontexte der Sozialisation beschreiben lassen (wie etwa Bildungs- und Sozialpolitik, Massenmedien, Kindertagesstätte, Schule oder Jugendhilfe). Die Aufmerksamkeit wird einseitig auf Menschen mit Migrationshintergrund und deren Verhalten gerichtet, und es fehlt dann zum Beispiel ein kritischer Blick auf Kindertagesstätte, Schule und Bildungspolitik, wo man auf die Herausforderung, mit unterschiedlichen (Lern-)Voraussetzungen umgehen zu müssen, in vielen Fällen nicht so reagiert hat, dass sich daraus günstige Möglichkeiten für eine umfassende Bildungsgerechtigkeit entwickeln konnten.

Besonderung als Reduktion auf Probleme und Defizite

Nun ist es zweifellos völlig unangemessen, Probleme, denen Menschen in ihren Sozialisationskontexten begegnen und die sie sich auch gegenseitig machen, nicht zu thematisieren. Allerdings bekommen wir – wie der Erziehungswissenschaftler Franz Hamburger bereits vor 15 Jahren kritisierte – nur beschränkte Einsichten, wenn nach dem Muster des Belastungs-Bewältigungs-Paradigmas vorgegangen wird, wobei für Menschen mit Migrationshintergrund grundsätzlich ein Plus an Belastung und ein Minus an Bewältigungsmöglichkeiten behauptet wird.[3] Positive Entwicklungsherausforderungen, vorhandene und entstehende Resilienzen und "gelingendere" Bewältigungsstrategien geraten so nicht in den Blick, und es wird selten die Frage gestellt, ob und in welcher Weise Migrationserfahrung, Mehrsprachigkeit, Mehrfachidentität oder Multiperspektivität wichtige Ressourcen sein könnten. Zudem liefert die fortwährende Reduktion auf Probleme ein Negativbild, welches – verbreitet über Massenmedien und Mund-zu-Mund-Erzählung in der Alltagskommunikation – von vielen Menschen als Begründung und zugleich Rechtfertigung für Ablehnung und Ausgrenzung genutzt wird, während es durch diejenigen, auf die sich dieses Negativbild richtet, als eine sich kontinuierlich wiederholende Bedrohung (stereotype threat) und eine Behinderung bei der Entwicklung des Selbstwertgefühls erfahren werden kann.

Besonderung als Verweis auf Kultur

In den Diskursen von Politik, Wissenschaft und Massenmedien haben Worte wie beispielsweise "Türkin", "Araber", "Albaner", "Serbe" oder auch "Russin" oft einen expliziten oder impliziten Bezug zu Vorstellungen über Kultur. Und allein eine Assoziation zu "Kultur" oder "kulturell" scheint meist schon zu genügen, um eine Art Freigabe in Gang zu setzen: Hier kann verallgemeinert werden. Wenn über einen türkischen Jugendlichen geredet wird, der kriminell oder gewalttätig geworden ist, dann liegt die Tendenz nahe, eine Aussage über die türkischen Jugendlichen zu machen, oder aber – was nicht dasselbe ist – die Rede von einem türkischen Jugendlichen als Aussage über die türkischen Jugendlichen zu hören.

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie problematisch Verweise auf Kultur im Alltag von Menschen sein können, möchte ich im Folgenden zwei Beispiele aus den vielen Interviews zitieren, die wir im Kontext mehrerer Forschungsprojekte mit Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden durchgeführt haben. Zunächst Duygu aus Deutschland:[4] "Wenn man sagt, 'Wie ist es denn bei Dir?', mit der Frage anfängt, weil man im Fernsehen so etwas sieht wie Ehrenmord, oder man darf das und das nicht, oder Türkinnen müssen sich verschleiern oder werden von den Männern unterdrückt. Wenn man fragt 'Wie ist es denn bei Dir?', dann ist es ja so, dass man denkt, dass der Mensch gegenüber Interesse hat und wissen möchte, wie das bei mir in der Familie abläuft. Dann erzähl ich ihm das gerne. Aber wenn dann einer kommt, und sagt 'Ach, bei Euch Türken, Ihr werdet doch sowieso zwangsverheiratet. Oder nicht?' Wenn man schon so ankommt, dann ist das für mich keine Frage mehr." Und Selma aus den Niederlanden betont: "Ich fühle mich schon als Ausländer. (…) Weil ich so viele Bemerkungen von Leuten höre, von Leuten, die hier wohnen, wie Ausländer sind. Ich merke einfach, dass sie Dich doch nicht als Niederländer akzeptieren können. (…) Sie sagen es nicht direkt, aber man merkt es schon. Sie sagen zum Beispiel: 'Ja, Du passt Dich ganz gut an und so, und es gibt Ausländer, die schon seit zehn Jahren hier wohnen und noch nichts wissen. Und, ja, wie ist es mit Euch eigentlich, seid Ihr auch sehr streng zu Hause und so?' Sie sagen: 'Musst Du zu Hause auch ein Kopftuch tragen?' Weil bei uns in der Schule tragen zwei oder drei Mädchen ein Kopftuch. Und dann sagen sie, dann gucken sie auf die Mädchen und sagen: 'Na, wenn Du zu Hause bist, trägst Du dann auch ein Kopftuch?'"

Duygu weist zunächst auf die mächtigen Diskurse in den Massenmedien hin, wo bestimmte Themen – sogenannte Ehrenmorde, Verschleierung, Unterdrückung von Frauen – als Problematiken auf der Seite einer eingewanderten Gruppe dargestellt werden. Ihr ist deutlich, dass sie dieser Gruppe ("Türkinnen") zugeordnet wird, und sie möchte anhand ihrer eigenen Familie richtigstellen und aufklären. Allerdings bemerkt sie, dass die Fragen nicht unbedingt Interesse zum Ausdruck bringen, sondern vielmehr der Distanzierung und Abwertung dienen. Die Fragenden scheinen deutlich machen zu wollen: "Du bist anders" oder auch "Du gehörst zu denen, die problematisch sind".

Beide Frauen formulieren ihr deutliches Unbehagen angesichts von solchen Fragen. Für Selma führen diese mit dazu, dass sie sich immer noch als "Ausländerin" fühlt, obwohl sie den niederländischen Wohnort als ihren selbstverständlichen Lebensmittelpunkt sieht und obwohl sie einen niederländischen Pass hat. Ihre Kleidung (sie trägt kein Kopftuch), ihre Sprache (sie spricht perfekt niederländisch) und ihre Handlungskompetenz (sie kennt sich sehr gut in den Niederlanden aus) werden zum einen als Ergebnis von Anpassung wahrgenommen – dies kann offenbar nur etwas Niederländisches, auf keinen Fall etwas Türkisches, aber eben auch nichts Eigenständiges sein, etwas, was außerhalb von Anpassung an "uns" Niederländerinnen und Niederländern geschehen sein könnte. Zum anderen wird all dies aber wieder mit "offenen Augen übersehen", wenn mit der Frage nach der Kultur gleichzeitig unterstellt wird, dass es auch bei ihr zu Hause "streng" zugeht und sie dort "ein Kopftuch" tragen muss – wobei diese beiden Merkmale zusätzlich zu einer Einheit (Kopftuch = streng) zusammengefügt werden. Es wird ein Verdachtsmoment initiiert: Kann sie wirklich so sein wie wir? Verstellt sie sich womöglich, wenn sie mit uns zusammen ist? Zugleich wird Selma mehr oder weniger explizit deutlich gemacht, dass sie sich zu rechtfertigen hat, und zwar für Verhaltensweisen, die – so würde es Selma sehen – wenig mit ihr zu tun haben, welche die Fragenden jedoch der Kultur, der sie zugeordnet wird, anlasten.

Es sind solche alltäglichen Situationen kontinuierlicher Unterscheidung, eng verbunden mit Zuschreibung, Negativbewertung und Rechtfertigungsdruck, die als ein Prozess des "Zum-Anderen-Machens" (othering) beschrieben werden können. Und wenn wir in einer weiteren Untersuchung feststellen, dass von den befragten jungen Männern mit türkischem Migrationshintergrund, welche die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sich eine Mehrheit als "Ausländer" sieht (51,4 Prozent) und bei befragten jungen Männern mit russischem oder polnischem Migrationshintergrund und deutscher Staatsangehörigkeit dies immer noch deutlich mehr als ein Drittel (38,6 Prozent) sind, dann lassen sich diese Resultate als ein Ergebnis von Prozessen des othering interpretieren:[5] Sie werden häufig nicht selbstverständlich als zugehörig wahrgenommen und anerkannt, und sie fühlen sich vielfach auch so.

Fußnoten

1.
Dieter Geulen, Subjektorientierte Sozialisationstheorie. Sozialisation als Epigenese des Subjekts in Interaktion mit der gesellschaftlichen Umwelt, Weinheim–München 2005, S. 66 (Hervorhebung R.L.).
2.
Abgesehen davon kann der Begriff "Gastarbeiter" zu ausgrenzenden Assoziationen beitragen, etwa nach dem Muster: Gute Gäste sollen dankbar sein, keine Ansprüche stellen und nach einiger Zeit doch bitte wieder gehen.
3.
Vgl. Franz Hamburger, Kulturelle Produktivität durch komparative Kompetenz, Mainz 1997.
4.
Zit. nach: Rudolf Leiprecht, Alltagsrassismus. Eine Untersuchung bei Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden, Münster 2001. Vgl. auch: Wiebke Scharathow/ders., "Wenn die mir gar nicht zuhören wollen" – Ein eigener Dokumentarfilm als Medium von Forschung und Bildungsarbeit zu Rassismus und Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen, in: ders. (Hrsg.), Diversitätsbewusste Soziale Arbeit, Schwalbach/Ts. 2011, S. 109–134.
5.
Vgl. Erol Karayaz/Rudolf Leiprecht/Alexander Langerfeldt/Kiyoshi Ozawa/Kristina Benten, Männliche Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Interner Forschungsbericht zu einer quantitativen Befragung, Oldenburg 2012.
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Autor: Rudolf Leiprecht für bpb.de
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