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29.11.2012 | Von:
Rudolf Leiprecht

Sozialisation in der Migrationsgesellschaft und die Frage nach der Kultur

Der Erziehungswissenschaftler und Sozialisationsforscher Dieter Geulen beschrieb noch im Jahr 2005 migrationsbezogene Themen der Sozialisationsforschung als "Gastarbeiter- und Migrantenproblematik".[1] Dies scheint mir kein Einzelfall zu sein und sich auch nicht nur auf die Sozialisationsforschung zu beschränken. Migrationsbezogene Themen werden in Wissenschaft, Politik, Bildung und Massenmedien, aber auch in alltäglichen Situationen häufig in Form einer spezifischen Besonderung wahrgenommen: Eingewanderte und deren Kinder und Kindeskinder werden dabei von vornherein als Problem gesehen und darauf reduziert.[2] Gleichzeitig wird diese spezifische Besonderung in aller Regel von Verweisen auf kulturelle Zusammenhänge begleitet. Das "Problematische" wird mit kulturellen Besonderheiten – also anderen Werten, Normen, Traditionen oder Lebensweisen – erklärt und zugleich in unzulässiger Weise für eine konstruierte "Großgruppe" behauptet und verallgemeinert.

Menschen ohne Migrationshintergrund und deren Vorstellungen und Handlungsweisen gegenüber Migration und Eingewanderten geraten bei dieser spezifischen Besonderung aus dem Blick, genauso wie Diskurse, Politiken, Institutionen, Organisationen und Einrichtungen, die sich als Instanzen und Kontexte der Sozialisation beschreiben lassen (wie etwa Bildungs- und Sozialpolitik, Massenmedien, Kindertagesstätte, Schule oder Jugendhilfe). Die Aufmerksamkeit wird einseitig auf Menschen mit Migrationshintergrund und deren Verhalten gerichtet, und es fehlt dann zum Beispiel ein kritischer Blick auf Kindertagesstätte, Schule und Bildungspolitik, wo man auf die Herausforderung, mit unterschiedlichen (Lern-)Voraussetzungen umgehen zu müssen, in vielen Fällen nicht so reagiert hat, dass sich daraus günstige Möglichkeiten für eine umfassende Bildungsgerechtigkeit entwickeln konnten.

Besonderung als Reduktion auf Probleme und Defizite

Nun ist es zweifellos völlig unangemessen, Probleme, denen Menschen in ihren Sozialisationskontexten begegnen und die sie sich auch gegenseitig machen, nicht zu thematisieren. Allerdings bekommen wir – wie der Erziehungswissenschaftler Franz Hamburger bereits vor 15 Jahren kritisierte – nur beschränkte Einsichten, wenn nach dem Muster des Belastungs-Bewältigungs-Paradigmas vorgegangen wird, wobei für Menschen mit Migrationshintergrund grundsätzlich ein Plus an Belastung und ein Minus an Bewältigungsmöglichkeiten behauptet wird.[3] Positive Entwicklungsherausforderungen, vorhandene und entstehende Resilienzen und "gelingendere" Bewältigungsstrategien geraten so nicht in den Blick, und es wird selten die Frage gestellt, ob und in welcher Weise Migrationserfahrung, Mehrsprachigkeit, Mehrfachidentität oder Multiperspektivität wichtige Ressourcen sein könnten. Zudem liefert die fortwährende Reduktion auf Probleme ein Negativbild, welches – verbreitet über Massenmedien und Mund-zu-Mund-Erzählung in der Alltagskommunikation – von vielen Menschen als Begründung und zugleich Rechtfertigung für Ablehnung und Ausgrenzung genutzt wird, während es durch diejenigen, auf die sich dieses Negativbild richtet, als eine sich kontinuierlich wiederholende Bedrohung (stereotype threat) und eine Behinderung bei der Entwicklung des Selbstwertgefühls erfahren werden kann.

Besonderung als Verweis auf Kultur

In den Diskursen von Politik, Wissenschaft und Massenmedien haben Worte wie beispielsweise "Türkin", "Araber", "Albaner", "Serbe" oder auch "Russin" oft einen expliziten oder impliziten Bezug zu Vorstellungen über Kultur. Und allein eine Assoziation zu "Kultur" oder "kulturell" scheint meist schon zu genügen, um eine Art Freigabe in Gang zu setzen: Hier kann verallgemeinert werden. Wenn über einen türkischen Jugendlichen geredet wird, der kriminell oder gewalttätig geworden ist, dann liegt die Tendenz nahe, eine Aussage über die türkischen Jugendlichen zu machen, oder aber – was nicht dasselbe ist – die Rede von einem türkischen Jugendlichen als Aussage über die türkischen Jugendlichen zu hören.

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie problematisch Verweise auf Kultur im Alltag von Menschen sein können, möchte ich im Folgenden zwei Beispiele aus den vielen Interviews zitieren, die wir im Kontext mehrerer Forschungsprojekte mit Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden durchgeführt haben. Zunächst Duygu aus Deutschland:[4] "Wenn man sagt, 'Wie ist es denn bei Dir?', mit der Frage anfängt, weil man im Fernsehen so etwas sieht wie Ehrenmord, oder man darf das und das nicht, oder Türkinnen müssen sich verschleiern oder werden von den Männern unterdrückt. Wenn man fragt 'Wie ist es denn bei Dir?', dann ist es ja so, dass man denkt, dass der Mensch gegenüber Interesse hat und wissen möchte, wie das bei mir in der Familie abläuft. Dann erzähl ich ihm das gerne. Aber wenn dann einer kommt, und sagt 'Ach, bei Euch Türken, Ihr werdet doch sowieso zwangsverheiratet. Oder nicht?' Wenn man schon so ankommt, dann ist das für mich keine Frage mehr." Und Selma aus den Niederlanden betont: "Ich fühle mich schon als Ausländer. (…) Weil ich so viele Bemerkungen von Leuten höre, von Leuten, die hier wohnen, wie Ausländer sind. Ich merke einfach, dass sie Dich doch nicht als Niederländer akzeptieren können. (…) Sie sagen es nicht direkt, aber man merkt es schon. Sie sagen zum Beispiel: 'Ja, Du passt Dich ganz gut an und so, und es gibt Ausländer, die schon seit zehn Jahren hier wohnen und noch nichts wissen. Und, ja, wie ist es mit Euch eigentlich, seid Ihr auch sehr streng zu Hause und so?' Sie sagen: 'Musst Du zu Hause auch ein Kopftuch tragen?' Weil bei uns in der Schule tragen zwei oder drei Mädchen ein Kopftuch. Und dann sagen sie, dann gucken sie auf die Mädchen und sagen: 'Na, wenn Du zu Hause bist, trägst Du dann auch ein Kopftuch?'"

Duygu weist zunächst auf die mächtigen Diskurse in den Massenmedien hin, wo bestimmte Themen – sogenannte Ehrenmorde, Verschleierung, Unterdrückung von Frauen – als Problematiken auf der Seite einer eingewanderten Gruppe dargestellt werden. Ihr ist deutlich, dass sie dieser Gruppe ("Türkinnen") zugeordnet wird, und sie möchte anhand ihrer eigenen Familie richtigstellen und aufklären. Allerdings bemerkt sie, dass die Fragen nicht unbedingt Interesse zum Ausdruck bringen, sondern vielmehr der Distanzierung und Abwertung dienen. Die Fragenden scheinen deutlich machen zu wollen: "Du bist anders" oder auch "Du gehörst zu denen, die problematisch sind".

Beide Frauen formulieren ihr deutliches Unbehagen angesichts von solchen Fragen. Für Selma führen diese mit dazu, dass sie sich immer noch als "Ausländerin" fühlt, obwohl sie den niederländischen Wohnort als ihren selbstverständlichen Lebensmittelpunkt sieht und obwohl sie einen niederländischen Pass hat. Ihre Kleidung (sie trägt kein Kopftuch), ihre Sprache (sie spricht perfekt niederländisch) und ihre Handlungskompetenz (sie kennt sich sehr gut in den Niederlanden aus) werden zum einen als Ergebnis von Anpassung wahrgenommen – dies kann offenbar nur etwas Niederländisches, auf keinen Fall etwas Türkisches, aber eben auch nichts Eigenständiges sein, etwas, was außerhalb von Anpassung an "uns" Niederländerinnen und Niederländern geschehen sein könnte. Zum anderen wird all dies aber wieder mit "offenen Augen übersehen", wenn mit der Frage nach der Kultur gleichzeitig unterstellt wird, dass es auch bei ihr zu Hause "streng" zugeht und sie dort "ein Kopftuch" tragen muss – wobei diese beiden Merkmale zusätzlich zu einer Einheit (Kopftuch = streng) zusammengefügt werden. Es wird ein Verdachtsmoment initiiert: Kann sie wirklich so sein wie wir? Verstellt sie sich womöglich, wenn sie mit uns zusammen ist? Zugleich wird Selma mehr oder weniger explizit deutlich gemacht, dass sie sich zu rechtfertigen hat, und zwar für Verhaltensweisen, die – so würde es Selma sehen – wenig mit ihr zu tun haben, welche die Fragenden jedoch der Kultur, der sie zugeordnet wird, anlasten.

Es sind solche alltäglichen Situationen kontinuierlicher Unterscheidung, eng verbunden mit Zuschreibung, Negativbewertung und Rechtfertigungsdruck, die als ein Prozess des "Zum-Anderen-Machens" (othering) beschrieben werden können. Und wenn wir in einer weiteren Untersuchung feststellen, dass von den befragten jungen Männern mit türkischem Migrationshintergrund, welche die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sich eine Mehrheit als "Ausländer" sieht (51,4 Prozent) und bei befragten jungen Männern mit russischem oder polnischem Migrationshintergrund und deutscher Staatsangehörigkeit dies immer noch deutlich mehr als ein Drittel (38,6 Prozent) sind, dann lassen sich diese Resultate als ein Ergebnis von Prozessen des othering interpretieren:[5] Sie werden häufig nicht selbstverständlich als zugehörig wahrgenommen und anerkannt, und sie fühlen sich vielfach auch so.

Zum Kulturbegriff

In der Sozialgeschichte wurde Kultur, sofern der Begriff auf menschliche Aktivitäten bezogen war, lange Zeit als das Ergebnis eines Bemühens oder Schaffens beschrieben, das zur "Veredlung", "Verfeinerung" und/oder "Vervollkommnung" der Menschheit führte.[6] Daher wurde der Begriff oft auf künstlerische Ausdrucksformen bezogen, also auf Literatur, Theater, Musik, Architektur oder Malerei. Zugleich wurde Kultur auch als Gegensatz zur Natur verstanden, also im Sinne von Gesellschaft oder Zivilisation. In den Gesellschaftswissenschaften werden solche Begriffsfassungen heute entweder als zu beschränkt – Kultur lediglich als Ergebnis künstlerischen Schaffens[7] – oder als zu umfassend – Kultur als synonym zu Zivilisation[8] – eingeschätzt.

Allerdings gab es in der Sozialgeschichte zum Kulturbegriff auch eine Wendung, bei der dieses Bemühen oder Schaffen mit – je nach Konzeptualisierung – Stamm, "Rasse", Volk, Ethnie und/oder Nation verbunden wurde. Unterschiedliche Stämme, "Rassen", Völker, Ethnien oder Nationen brachten dann – in dieser Vorstellung – unterschiedliche "Kulturen" hervor, weshalb man schließlich das Wort Kultur auch zur Konstruktion einer – wie wir heute sagen würden – entsprechenden "Großgruppe" benutzen konnte. Da es zusätzlich die problematische Tendenz gab, Länder, Staaten und Gesellschaften als geformt durch eine einzige "Rasse" oder eine einzige Ethnie zu betrachten, lässt sich heute im Alltag beobachten, dass Kulturen vielfach als homogene "Großgruppen" gesehen werden, deren Synonyme eben Länder, Gesellschaften, Staaten, Völker oder Nationen zu sein scheinen. Daran gekoppelt sind in aller Regel Essenzialisierungstendenzen, also wenn behauptet wird, dass eine Kultur eine ursprüngliche Essenz, Wesenhaftigkeit oder Eigentlichkeit in sich trägt, deren Wirkung sich in unveränderbarer Weise stets aufs Neue zeigt und die bewahrt werden muss, da es sonst – etwa bei vernachlässigter "Pflege" oder einem Verlust an "Reinheit" durch kulturelle Mischung – zu Degeneration und Niedergang kommt.

Mittlerweile setzen sich auch im deutschsprachigen Raum (zumindest in der Wissenschaft) nach und nach neuere Kulturbegriffe durch, die solchen Vorstellungen nicht mehr entsprechen. Damit werden auch ältere Konzeptualisierungen von Kulturen als geschlossene "Kreise", "Kugeln" oder "Inseln", die sich abstoßen, nicht verbinden können oder isoliert entwickelt haben, überwunden.

Es bilden sich Kulturbegriffe heraus, die – im Gegenteil – Momente der Dynamik, Überschneidung, Vermischung und Unabgeschlossenheit betonen. Kultur wird hier definiert als ein Phänomen auf einer Makro- oder Mesoebene, und der Begriff kennzeichnet ein System von Zeichen, Symbolen und Bedeutungsmustern (wie Werte, Normen, Rituale, Routinen, Gebräuche, Traditionen, Mythen), die sich auch in Strukturen und Gegenständen gleichsam "materialisieren" können. Dabei geht es stets um Prozesse und Resultate von "Aktivitäten", die in der Menschenwelt stattgefunden haben und stattfinden.[9] Innerhalb eines "Sozialraums" lassen sich mit diesem Kulturbegriff dann Bewegungen von und Austauschprozesse zwischen kulturellen Elementen beschreiben, wobei dominierende und dominierte "Gebilde" (wie Sub- und Teilkulturen, Dominanzkulturen) entstehen, die unter anderem auf der Grundlage von "Kräfteverhältnissen" benutzt werden können, um innerhalb von und mit kulturellen Elementen Auseinandersetzungen zu führen.

Für eine im Alltagsdiskurs immer noch zu beobachtende Reduktion auf "Nationalkultur" und damit einhergehende Homogenisierungen und Essenzialisierungen eignet sich dieser Kulturbegriff jedenfalls nicht. Auch wird deutlich, dass der gängige vereinfachende Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund, für die eine Zugehörigkeit allein zu "zwei sozialen Welten, nämlich zur Herkunftskultur und zur Aufnahmegesellschaft"[10] wahrgenommen wird, in jedem Fall zu kurz greift: Erstens sind weder die "Herkunftskultur" noch die Kultur der "Aufnahmegesellschaft" homogen, zweitens muss auf beiden Seiten von Kulturen im Plural (wie beispielsweise städtische und ländliche Kulturen, Jugendkulturen, Organisationskulturen, Lernkulturen) gesprochen werden, drittens ist stets auf Überschneidungen zwischen den verschiedenen Kulturen zu achten, und viertens müssen den einzelnen Individuen Mehrfachzugehörigkeiten zugestanden werden, die über eine binäre Denkweise hinausgehen.

Kultur und Individuum

Damit kommen wir zu einem sehr wichtigen Zusammenhang, der meist vernachlässigt wird. Es geht hier um die Vorstellungen, die über das Verhältnis von Kulturen und den individuellen Menschen, die jeweils damit zu tun haben, existieren. So ist zum Beispiel die Vorstellung einer kulturellen Prägung weit verbreitet. Dies ist überaus missverständlich, da damit oft (implizit oder explizit) auf die biologische Verhaltensforschung Bezug genommen wird, und dort wird unter Prägung eine biologische Festlegung verstanden: Es sind hier weder Entscheidungen noch Veränderungen denkbar, die mit der Interpretation, der Sichtweise, der Reflexionsfähigkeit oder dem Willen eines Individuums verbunden sind.

Der Begriff Prägung hat allerdings eine große Nähe zu einem weit verbreiteten Alltagsbewusstsein, demzufolge die einzelnen Menschen, die als Angehörige einer Kultur wahrgenommen werden, durch diese Zugehörigkeit bestimmte psychosoziale Eigenschaften und Fähigkeiten aufweisen und in ihrem Denken, Fühlen und Handeln determiniert sind. Die Anderen werden so gleichsam als Marionetten, die an den Fäden ihrer Kultur hängen, gesehen.[11] Tatsächlich ist der Blick in dieser Vorstellung stark auf die Anderen gerichtet: Denjenigen, die als Angehörige einer anderen Kultur wahrgenommen werden – und damit bestätigt sich eine Erkenntnis des Sozialpsychologen Henri Tajfel – wird eher ein für eine Kultur typisches und durch eine Kultur determiniertes Verhalten unterstellt, während – und hier erweisen sich auch festlegende Denkweisen erstaunlich flexibel und inkonsistent – Angehörige der eigenen Kultur eher als Individuen gelten.[12]

Neuere Konzeptualisierungen in den Gesellschaftswissenschaften hingegen gehen weder von einer völligen Festlegung durch Kultur noch von einer Eins-zu-Eins-Entsprechung beim Zusammenhang zwischen dem Makro- und Mesophänomen Kultur und den einzelnen Individuen aus. Zudem werden Kulturen als eine Art Reservoir betrachtet, das die Menschen aufgreifen, transformieren und weiterentwickeln, aber auch verdrängen, ignorieren oder uminterpretieren können. Menschen werden also nicht nur beeinflusst durch Kulturen, sie beeinflussen diese auch selbst, tragen durch ihre Handlungsweisen zu Veränderung und Erneuerung bei (doing culture), und sie können sich (potenziell) auch reflexiv und bewusst zu ihren Kulturen verhalten.[13]

Dies fügt sich sehr gut zu aktuelleren Entwicklungen in der Sozialisationsforschung: Das Individuum und die Gesellschaft werden hier zunehmend in einer eher interaktiven Konstellation gesehen, wobei die Individuen nicht nur als passive und empfangende Wesen erscheinen, sondern auch als aktiv und gestaltend: als "auf sich und ihre Umwelt immer auch selber" einwirkend.[14]

Um dies nun so fassen zu können, dass weder eine "völlige Determination" noch eine "völlige Freiheit" behauptet wird (beides wäre nicht nur illusorisch, sondern auch ideologisch), erweist sich der analytische Begriff Möglichkeitsraum als überaus nützlich: Es ist nicht alles möglich, aber eben auch nicht alles bestimmt.[15] Dabei sind diese "Räume" insofern spezifisch, als dass der historische, geografische und soziale Ort in der Welt, in den ein Mensch hineingeboren wurde, genauso darin eingeht wie die jeweils eigene Geschichte des Umgehens mit und Verhaltens zu den vorhandenen Möglichkeiten, Behinderungen, Zumutungen oder Bedrohlichkeiten. Und die Menschen haben in ihren Möglichkeitsräumen nicht nur mit dominierenden und dominierten kulturellen Mustern zu tun, sondern gleichzeitig auch mit politischen Verhältnissen, Geschlechterverhältnissen, Klassen- und Schichtungsverhältnissen oder Generationsverhältnissen.

Fallstrick Kulturalisierung

Es ist also überaus komplex und kompliziert, Kulturelles im Kontext einer Sozialisation in Migrationsgesellschaften zu thematisieren. Und obwohl auf den Kulturbegriff nicht verzichtet werden kann, gilt es gleichzeitig, auf der Hut zu sein vor Reduktionismen, die allerdings nicht nur "vereinfachend" sind, sondern aus bestimmten Gründen in einer bestimmten Weise vereinfachen. Dies lässt sich als Kulturalisierung beschreiben. Dabei wird aus einem dynamischen und heterogenen Phänomen etwas Festes und Statisches konstruiert und die Vorstellung einer einheitlichen "Großgruppe" erzeugt und reproduziert, und nicht zufällig geraten dann situative Faktoren, strukturelle Voraussetzungen oder individuelle Verantwortlichkeiten aus dem Blick. Die Rede von Kultur, Kulturkonflikt und kultureller Identität kann so der Ausblendung einer "sozialstrukturellen Benachteiligung" und der Rechtfertigung "mangelhafter Bildungsprogramme" dienen,[16] genauso wie sie zur Distanzierung, Ausgrenzung und Abwertung beitragen kann.
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Fußnoten

1.
Dieter Geulen, Subjektorientierte Sozialisationstheorie. Sozialisation als Epigenese des Subjekts in Interaktion mit der gesellschaftlichen Umwelt, Weinheim–München 2005, S. 66 (Hervorhebung R.L.).
2.
Abgesehen davon kann der Begriff "Gastarbeiter" zu ausgrenzenden Assoziationen beitragen, etwa nach dem Muster: Gute Gäste sollen dankbar sein, keine Ansprüche stellen und nach einiger Zeit doch bitte wieder gehen.
3.
Vgl. Franz Hamburger, Kulturelle Produktivität durch komparative Kompetenz, Mainz 1997.
4.
Zit. nach: Rudolf Leiprecht, Alltagsrassismus. Eine Untersuchung bei Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden, Münster 2001. Vgl. auch: Wiebke Scharathow/ders., "Wenn die mir gar nicht zuhören wollen" – Ein eigener Dokumentarfilm als Medium von Forschung und Bildungsarbeit zu Rassismus und Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen, in: ders. (Hrsg.), Diversitätsbewusste Soziale Arbeit, Schwalbach/Ts. 2011, S. 109–134.
5.
Vgl. Erol Karayaz/Rudolf Leiprecht/Alexander Langerfeldt/Kiyoshi Ozawa/Kristina Benten, Männliche Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Interner Forschungsbericht zu einer quantitativen Befragung, Oldenburg 2012.
6.
Brockhaus Konversationslexikon, Bd. 10, Leipzig–Berlin–Wien 189814, S. 792.
7.
Vgl. Georg Auernheimer, Einführung in die interkulturelle Pädagogik, Darmstadt 20033, S. 75.
8.
Vgl. Klaus P. Hansen, Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung, Tübingen–Basel 20033, S. 19ff.
9.
Vgl. G. Auernheimer (Anm. 7). Ähnlich: Wolfgang Welsch, Transkulturalität. Zur veränderten Verfassung heutiger Kulturen, in: Irmela Schneider/Christian W. Thomsen (Hrsg.), Hybridkultur. Medien – Netze – Künste, Köln 1997, S. 67ff. Deutlich früher bereits: John Clarke/Stuart Hall/Tony Jefferson/Brian Roberts, Subkulturen, Kulturen und Klasse, in: John Clarke et al. (Hrsg.), Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen, Frankfurt/M. 1979, S. 39ff.
10.
Vgl. in kritischer Perspektive hierzu: G. Auernheimer (Anm. 7), S. 74.
11.
Vgl. Rudolf Leiprecht, "Pech, dass Ausländer mehr auffallen …" Zum Reden über die Kultur der "Anderen" und auf der Suche nach angemessenen Begriffen und Ansätzen für eine antirassistische Praxis (nicht nur) mit Jugendlichen, in: ders. (Hrsg.), Unter Anderen – Rassismus und Jugendarbeit, Duisburg 1992, S. 93ff.
12.
Vgl. Henri Tajfel, Gruppenkonflikt und Vorurteil – Entstehung und Funktion sozialer Stereotypen, Bern 1982.
13.
Vgl. J. Clarke et al. (Anm. 9), S. 41ff.
14.
Klaus-Jürgen Tillmann, Sozialisationstheorien. Eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung, Reinbek 200715. Ähnlich: D. Geulen (Anm. 1), S. 165ff.
15.
Vgl. Rudolf Leiprecht, "Subjekt" und "Diversität" in der Sozialen Arbeit, in: Sabine Wagenblass/Christian Spatscheck (Hrsg.), Bildung, Teilhabe und Gerechtigkeit – Gesellschaftliche Herausforderungen und Zugänge Sozialer Arbeit, 2013 (i.E.).
16.
Hierauf machte bereits recht früh im deutschsprachigen Fachdiskurs der Pädagoge Georg Auernheimer aufmerksam: ders., Der sogenannte Kulturkonflikt. Orientierungsprobleme ausländischer Jugendlicher, Frankfurt/M. 1988, S. 9.
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Autor: Rudolf Leiprecht für bpb.de
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