30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Désirée Waterstradt

Sozialisierung oder Zivilisierung der Eltern?

Sozialisierung oder Zivilisierung?

Obwohl der theoretische Ansatz des Habitus heute zu den Sozialisationstheorien gezählt wird, hielten die Begründer des soziologischen Habitusbegriffs Norbert Elias und Pierre Bourdieu davon nicht viel. Bourdieu war der Auffassung, dass eine Soziologie, die Sozialisation als Ausbildung des Habitus sieht, keine Sozialisationstheorie im engeren Sinne braucht.[9] Elias ging weiter: Auf der Basis sozialhistorischer Verhaltensstudien beschrieb er 1939 den Zusammenhang von Psychogenese und Soziogenese als Metaprozess menschlicher Zivilisation.[10] Wie die Sozialisationstheorie wies er darin zwar einerseits auf den lebenslangen psychischen Vergesellschaftungsprozess von Menschen hin. Jedoch zeigte er darüber hinaus den unauflösbaren Zusammenhang mit den historischen Entwicklungsprozessen von Gesellschaften auf. In der Verknüpfung von beidem meinte er, einen Metaprozess zu erkennen: den Zivilisationsprozess – weswegen er den lebenslangen psychischen Vergesellschaftungsprozess von Menschen als Zivilisierung bezeichnete und nicht als Sozialisierung.

Nicht nur die Entwicklungsprozesse von Menschen, sondern auch die ihrer Gesellschaften weisen jeweils eigene, quasi "individuelle" Pfade auf. Dennoch weisen diese unterschiedlichen Entwicklungspfade nach Elias’ Überzeugung in allen menschlichen Gesellschaften langfristig in die gleiche Entwicklungsrichtung: Die Verflechtung nimmt zu, lässt Beziehungsgeflechte komplexer werden und führt zu einer Verringerung von Machtungleichheiten, die in ehemals hierarchischen Beziehungen Spannungen und Konflikte zunehmen lassen – wie etwa zwischen Herrschenden und Beherrschten, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aber auch zwischen Nationen sowie nicht zuletzt auch zwischen Eltern und Kindern. Die Spannungen und Konflikte eskalieren nur dort nicht, wo das Nebeneinander ungezügelter Impulse und starker Selbstzwänge einer ebenmäßigeren, allseitigeren und stabileren Selbstregulierung von Menschen und ihren Gesellschaften weicht.

Mit seinen wissenschaftlichen Ansätzen eilte Elias dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Mainstream voraus: Während Deutschland, Europa und die Welt im barbarischen Dezivilisierungsschub des deutschen Nationalsozialismus versanken, entwickelte er als exilierter deutscher Jude seine Zivilisationstheorie. Es ist wenig erstaunlich, dass sein Werk damals kaum Beachtung fand. Doch nach einer Neuauflage 30 Jahre später erhielt Elias für dieses Werk breite Anerkennung und 1977 schließlich den Adorno-Preis. Auf der Basis seiner grundlegenden Ansätze menschlich-gesellschaftlicher Entwicklung wurde er quasi ex post zum Klassiker der Soziologie in Theorie und Forschung – von der Wirtschafts-, Musik-, Umwelt-, Sport- und Zeitsoziologie über die Ungleichheits- und Migrationsforschung bis zur Psychologie. Im Bereich der Familien- und Elternschaftsforschung werden Elias’ Ansätze bislang jedoch eher selten verwendet.

Auf der Grundlage seiner Zivilisationstheorie waren Eltern für Elias nicht nur "die – oft unzulänglichen – Instrumente, die primären Exekutoren der Konditionierung" im Zivilisationsprozess.[11] Denn auch an den Eltern-Kind-Beziehungen ließ sich nach seiner Überzeugung die Entwicklungsrichtung des Zivilisationsprozesses beobachten. Auf beide Aspekte von Elternschaft kam Elias in seinen Schriften immer wieder zurück.

Während die Kindzentrierung westlicher Familien voranschritt und das Kindeswohl wachsende Bedeutung erlangte, beschrieb Elias in einer Publikation zum "Internationalen Jahr des Kindes" 1979 seine Sichtweise auf Familie als "Zivilisierung der Eltern".[12] Er wies darauf hin, dass viele Probleme der heutigen Eltern-Kind-Beziehung Zivilisationsprobleme seien: der schwindende Machtunterschied zwischen Eltern und Kindern, die wachsende Bedeutung des Staates in der Eltern-Kind-Beziehung, das anachronistische Beharren auf einer idealisierenden Eltern-Kind-Beziehung, der wachsende Druck auf Eltern in Richtung einer ebenmäßigeren, allseitigeren und stabileren Selbstregulierung in der Beziehung zu ihren Kindern.

Seine wissenschaftlichen Ansätze hielt Elias keineswegs für unumstößlich oder abgeschlossen, sondern war an deren Verbesserung interessiert, damit Menschen sich in der sozialen Welt besser orientieren können. Gerade deshalb betonte er, dass die sozialhistorisch beobachtbaren, gesellschaftlichen und psychischen Entwicklungsprozesse ohne eine Metaprozesstheorie unverständlich und unerklärbar bleiben müssten – auch die sozialhistorische Veränderung der Eltern-Kinder-Beziehung.

Von der Kinderbeschämung zur Elternbeschämung

Im heutigen Elternschaftshabitus werden Beziehungen zu Kindern mit zweierlei Maß gemessen. Die "Balance zwischen Kindzentrierung und Kinddezentrierung"[13] spreizt sich immer weiter: Die zunehmende gesellschaftliche Kinddezentrierung führt für Eltern komplementär zu einer zunehmenden Kindzentrierung. Die Entwicklung lässt sich unter anderem an der Veränderung der emotionalen Selbststeuerung innerhalb der Habitusentwicklung ablesen: an Scham, Peinlichkeit, Moralvorstellungen, Geschmack, Stolz oder Ekel. Diese weichen Indikatoren machen deutlich, wofür sich wann und wer in einer Gesellschaft schämen muss. Auch für Elternschaft zeigen sie, welche Scham- und Peinlichkeitsstandards Eltern ihren Kindern beizubringen haben und welche für Eltern in ihrer Elternrolle gegenüber Dritten gelten. Mit anderen Worten: Wurde früher ein brüllendes Kind beim Einkauf beschämend zurechtgewiesen, so ist es heute an den Eltern, sich für die Szene zu schämen.

Gesellschaftliche Beschämungsbalancen laufen entlang der jeweiligen Stärkeverhältnisse: Durch Beschämungen entwaffnen Etablierte die Außenseiter, wodurch deren Gegenstigmatisierungen umgekehrt kraftlos bleiben und keinen Stachel besitzen.[14] Indem sich Außenseiter schämen, verurteilen sie die eigenen Erwartungen und verbieten sich, solche Erwartungen überhaupt noch erheben zu dürfen.[15] Fremdbeschämungen werden mit der Zeit verinnerlicht, wodurch sie sich als Selbstbeschämungen verselbstständigen können. Mit der Verankerung einer zunehmenden Kindzentrierung im Elternschaftshabitus gilt die Beschämung von Kindern als psychisch problematisch sowie folgenschwer. Sie soll im Rahmen der Sozialisation einer freundlich-warmen, emotional zugewandt-akzeptierenden Anerkennung, positiv rückkoppelnder Anregung und entwicklungsgemäßen Anleitung weichen, welche die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes berücksichtigen.[16]

Sozialhistorisch fiel die Beschämungsbalance lange Zeit zuungunsten der Kinder (und meist auch der Frauen) aus: in patriarchalen Beziehungsgeflechten gesichert durch die "väterliche Gewalt", in ehegattenzentrierten Beziehungsgeflechten durch "elterliche Gewalt". Eine kinddezentrierte Gesellschaft, die von Eltern zunehmende Kindzentrierung fordert, verschiebt die Beschämungsbalance nicht nur familial zwischen Eltern und Kindern, sondern auch gesamtgesellschaftlich zuungunsten der Elternposition – ohne dadurch die Kinderposition gesamtgesellschaftlich unbedingt zu stärken. Mehr noch: Elternschaft selbst scheint zu einem Platz der Beschämung geworden zu sein.

Die Ursachen der Beschämungen reichen von direkten Äußerungen über Eigeninteressen bis zu strukturellen Blockaden – etwa die Einstufung von Familienaufgaben als "Gedöns", der Allzweckverweis auf Verantwortung von Eltern oder die strukturelle Rücksichtslosigkeit von Wirtschaft und Staat gegenüber Eltern als Verantwortungsträgern der Familie. Unternehmen, staatliche Institutionen, Lebenspartner, pflegebedürftige eigene Eltern und Kinder stehen im Wettbewerb um die Humanressourcen von Elternindividuen. Lange Zeit führte dies vor allem Frauen in die "beschämende" Lage, ihren wachsenden Aufgaben und Verantwortungen nicht gerecht werden zu können. Doch mit dem Wandel des männlichen Elternschaftsideals empfinden auch immer mehr Männer die distanzierte Beziehung zu ihren Kindern als unzeitgemäß und beschämend; so beginnen sie, in ehemals weibliche Beschämungssituationen hineinzuwachsen.

Allein das gesellschaftliche Kindheitsideal hält für Eltern eine fatale Beschämungszwickmühle bereit: Entweder sie gelten wahlweise als überfordernd und überehrgeizig oder als überbehütend oder vernachlässigend – für eine Frau liegt ein schmaler Grat zwischen "Super-Mutti", "Glucke" und "Rabenmutter". Zudem sollen Eltern die zahllosen Beschämungen der eigenen Kinder in einer kinddezentrierten Gesellschaft wie eine Art Beschämungsschutz abfangen, abfedern und auf sich nehmen – klaglos, diskret und wirksam. Das macht die elterliche Beschämungszwickmühle nur noch unentrinnbarer, beispielsweise bei Beschwerden über Kinderlärm, schlechten Schulnoten, sexuellem Missbrauch oder Kriminalität der eigenen Kinder.

Doch auch ohne persönliche Elternschaft hält der Elternschaftshabitus mögliche Beschämungen bereit: Für Kinderlosigkeit sollten sich Menschen gegenüber einer Gesellschaft schämen, die darin Egoismus vermutet. Den unerfüllten Kinderwunsch sollten Menschen beschämt vor einer Gesellschaft verbergen, die darin tiefliegende psychische Störungen, mangelnde Weiblichkeit oder Männlichkeit oder gar den heimlichen medizinischen Weg zum Designerbaby sieht. Die Reihe weiterer Beschämungen ließe sich problemlos fortsetzen.

Entdeckung der Elternschaft ist notwendig

Noch weit über das Mittelalter hinaus war der Übergang zur Elternschaft in Verbindung mit der Ehe der Übergang zum selbstständigen Erwachsenenleben, während er heute vorhandene Selbstständigkeit eher einschränkt. Insgesamt ist er heute zu einem unterschätzten, nicht leicht zu bewältigenden Lebensereignis geworden, nicht zuletzt deshalb, weil es in unserer Gesellschaft ein enormer Unterschied ist, "Eltern zu haben" oder "Eltern zu sein". Elternschaftsideale und reale Bedingungen der Elternschaft klaffen erheblich auseinander. Deutlich wird Menschen dies erst, wenn sie selbst Eltern und von nun an zu Gefangenen und Dienern der beschämend überfordernden Ideale werden. Eltern stehen dann unter einem enormen Zeit-, Organisations-, Leistungs- und Erfolgsdruck, doch bei der Suche nach Lösungen heißt es in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik bislang noch eher selten: "Fragt die Eltern!"[17]

Von der früheren Kindererziehung wissen wir, dass Beschämung eine wirksame Methode ist, um Menschen fügsam zu machen. Bei Eltern ist dies nicht anders. Allerdings scheint es kein vielversprechender Weg zu sein, da Elternschaft erheblich an Attraktivität einbüßt. Die Beschämungsbalance könnte ein wichtiger Indikator sein, um Wandlungsphänomene der Elternschaft zu erklären – vielleicht auch das jahrhundertelange, hartnäckige Delegieren von (potenziell beschämenden) kindbezogenen Aufgaben an (oft weibliche) Außenseiter wie Sklaven, Bedienstete oder statusniedere Berufsgruppen.

Nach der "Entdeckung der Kindheit" vor gut 200 Jahren brauchen wir dringend eine "Entdeckung der Eltern"[18] und der Elternschaft in ihrem gesamten sozialhistorischen, psycho- und soziogenetischen Zusammenhang. Wir benötigen mehr Wissen über die zugrunde liegende Entwicklung von Elternschaftshabitus und die damit in Verbindung stehenden Beziehungs- und Identitätsideale. Auch in Bezug auf Kinder war zunehmendes Interesse und Wissen die Basis, um von deren Beschämung und Instrumentalisierung zur Anerkennung als Individuen zu kommen und sich für ihre Wünsche und Bedürfnisse zu interessieren. Ohne weiteres Wissen über Elternschaft wird es uns nicht gelingen, den noch immer anhaltenden Schub der familialen Kindzentrierung sowie der gesellschaftlichen Kinddezentrierung zu bremsen und Elternschaft wieder attraktiver zu machen sowie zu stärken. "Das anachronistische Beharren auf einer idealisierten Vorstellung von der Eltern-Kind-Beziehung, wie von den Familienbeziehungen überhaupt, ist eines der großen Hindernisse, das einer sachgerechteren Bewältigung zeitgenössischer Familienprobleme im Wege steht."[19]

Fußnoten

9.
Vgl. Beate Krais/Gunter Gebauer, Habitus, Bielefeld 2002, S. 61.
10.
Vgl. Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt/M. 1997.
11.
Ebd., S. 282f.
12.
Norbert Elias, Zivilisierung der Eltern, in: ders., Aufsätze und andere Schriften II, Frankfurt/M. 2006, S. 7–44.
13.
Trutz von Trotha, Eltern-Kind-Beziehung: Frankreich und Deutschland, Januar 2008, online: http://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungsdynamik/faktoren/eltern-kind-beziehung.html« (4.10.2012).
14.
Vgl. N. Elias (Anm. 7).
15.
Vgl. Sighard Neckel, Status und Scham, Frankfurt/M. 1991, S. 230.
16.
Vgl. K. Hurrelmann (Anm. 1), S. 164ff.
17.
Vgl. Tanja Merkle/Carsten Wippermann, Eltern unter Druck, Stuttgart 2008, S. 6; Hans Bertram/Katharina Spieß, Fragt die Eltern!, Baden-Baden 2011.
18.
Haim Omer/Arist von Schlippe, Autorität ohne Gewalt, Göttingen 2010, S. 76.
19.
N. Elias (Anm. 12), S. 42f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Désirée Waterstradt für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.