2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Käthe Schneider

Bildung zur Selbstbestimmung im Erwachsenenalter

Entwicklung von Selbstbestimmung

Nun möchte ich systematisch Bezug nehmen auf die beiden Teilfragen, nämlich inwiefern (1) der Prozess (das Selbst als Subjekt) und (2) das Produkt (das Selbst als Objekt) im Sinne einer Weiterentwicklung bestimmt werden können.

Ich beginne meine Ausführungen mit der ersten Teilfrage. Zur Grundlegung der Entwicklung bedeutungsbildender Prozesse nehme ich Bezug auf die von dem Psychologen Robert Kegan entwickelte "Theorie zur Ontogenese des Selbst".[20] Er nimmt eine entwicklungspsychologische Perspektive auf das Selbst ein: Die Entwicklung erfolgt nach der Art zu wissen (ways of knowing), die bestimmt, wie eine Person Bedeutungen bildet. Eine spezifische Subjekt-Objekt-Beziehung kennzeichnet jede Entwicklungsstufe der Bedeutungsbildung und zwar in Bezug auf das Verhältnis der Person zu sich selbst, zu anderen und zur Welt.[21] Das Subjekt ist dasjenige, in das die Person involviert ist, mit dem sie sich identifiziert, sodass sie es als einen Teil von sich erfährt. Das Objekt hingegen stellt dasjenige dar, das die Person betrachten, reflektieren und ändern kann. Wenn sich die Bedeutungsbildung verändert, kommt es zu einer Transformation, das heißt zu einer Veränderung der Form zu wissen: Das Subjekt wird zum Objekt; die Person schafft Objekte. Die Entwicklung des Selbst führt nicht nur dazu, dass die Person mehr reflektieren und verändern kann, sondern durch einen Komplexitätsgewinn gelangt die Person auch zu einer neuen Perspektive auf sich, die anderen und die Welt.[22]

Ein Beispiel für eine Komplexitätszunahme zeigt sich darin, dass eine Person in ihren Beziehungen zu anderen nicht mehr nur unterschiedliche Rollen, die sie und andere Personen in einer Interaktion einnehmen, erkennen kann, sondern sie ist auch dazu in der Lage, zu verstehen, welche Strukturen und Formen die Beziehung zwischen zwei Personen steuern. Bewusstwerdungsprozesse tragen zu einer größeren Selbstbestimmung bei, weil die Person mehr von sich betrachten, reflektieren und verändern kann. Im Zuge dessen kann das Verhalten in Handeln überführt werden – ein Handeln, das sich durch eine Absicht auszeichnet. Die Bewusstwerdung stellt den Kern der Entwicklung des Geistes dar. Das, wozu gebildet wird, ist mit Richard Peters die Entwicklung des Geistes, development of the mind.[23]

Die Weiterentwicklung der Struktur der Bedeutungsbildung ist jedoch durch die Komplexitätszunahme nicht hinreichend abgebildet. Denn verschiedene Bedeutungssysteme einer Person können komplex sein und nebeneinander bestehen, sie müssen jedoch nicht über einen allgemeinen Zweck aufeinander bezogen sein.[24] Aus diesem Grund wird die Integration der Bedeutungen in das Wertesystem der Person als ein weiteres Kriterium für die Entwicklung des Prozesses vom Selbst als Subjekt begriffen, die den Significance-making-Prozess konstituiert.[25] Kennon Sheldon und Tim Kasser begreifen diese Integration als eine Kohärenz von Zielen auf vertikaler und horizontaler Zielebene (das heißt, dass Ziele sowohl auf unterschiedlichen Ebenen als auch auf derselben Ebene, jedoch von verschiedener Art, einander dienlich sind).[26] Der Sinn für Kontinuität wird dadurch erfahrbar, dass sich Personen dauerhaft für übergeordnete allgemeine Lebensziele einsetzen. Das Handeln sollte sich an übergeordneten Zwecken und Bedeutungen orientieren, wodurch eine vertikale Kohärenz gewährleistet wird. Des Weiteren sollte es Beziehungen zwischen Zielen auf derselben Konkretisierungsebene, also eine horizontale Kohärenz geben, um das Handeln insgesamt als sinnhaft einheitlich und nicht als fragmentarisch zu erleben. Mit anderen Worten: Damit Ziele oder Gründe in zusammenhängende Systeme einer Person eingebettet werden können, bedarf es allgemeiner Lebenszwecke. Allgemeine Lebenszwecke befähigen den Menschen dazu, die Gegenwart mit Bezug auf die Zukunft zu deuten und gegenwärtige Ziele mit möglichen Bildern von dem Selbst zu verknüpfen.[27] Bildung impliziert solche allgemeinen Zwecke, die es ermöglichen, Gründe und Ziele zu bewerten. Dabei stehen die Entscheidungen für allgemeine Lebenszwecke in einem steten Bezug zu den konkreten Zielen.

Die Ausführungen zeigen, dass sich Selbstbestimmung formal in einer zunehmenden Komplexität von Objekten und einer zunehmenden Integration von Objekten in ein übergeordnetes System von Werten und Lebenszwecken manifestiert. Nun gehe ich einen Schritt weiter und postuliere aus normativer Sicht, dass Bildung auch impliziert, dass das, was ich betrachten kann und was integriert wurde, eine bestimmte Qualität haben sollte. Deren Bestimmung kann sicherlich nur normativ erfolgen. In Anlehnung an Krassimir Stojanov sei die folgende relevante Frage gestellt: Bezeichnen wir eine Person mit einem komplexen und integrierten Bedeutungssystem, die sich dem Terrorismus verschrieben hat, als eine gebildete Person?[28] Personen, deren Bildentwürfe sich wie in diesem Fall durch Normen fragwürdigen moralischen Gehalts auszeichnen, würden sicher nicht als gebildet gelten. Dies wäre konterintuitiv zu Bildung,[29] wenn auch formal diese Personen im Sinne des geführten Gedankengangs sich durch ein komplexes und integriertes Bedeutungssystem auszeichnen und als gebildet bezeichnet werden könnten. Wenn Bildung die Bestimmung zu einem intrinsisch wertvollen Selbst bedeutet, ist zu fragen, aufgrund welcher Kriterien ein Selbst als wertvoll gelten kann. Mit Bezug auf das Personkonzept von Charles Taylor kann ein Kriterium im intersubjektiv geteilten Guten gesehen werden.[30] Das intersubjektiv geteilte Gute zeigt sich darin, dass Einstellungen als grundlegende Einstellungen von vielen Menschen als wertvoll beurteilt werden. Das können Einstellungen sein, die den herrschenden Common Sense in Bezug auf das Gute abbilden.

Die Frage, inwiefern das Selbst als Subjekt des Erwachsenen im Sinne einer Weiterentwicklung bestimmt werden kann, sei in diesem Zugang so beantwortet: Die Entwicklung mit Blick auf den Erwachsenen zeigt sich in komplexeren Bedeutungssystemen, die miteinander verknüpft werden und von der Person als wertvoll erfahren werden. Die Intentionalität habe nicht nur allgemeingültigen Einstellungen zu gelten, sondern, wenn es solche gäbe, auch universalistischen.[31] Universalistische Einstellungen bewegen sich auf einem allgemeinen Niveau und können von allen Menschen als wertvoll erachten werden.

Fußnoten

20.
Vgl. Robert Kegan, In Over Our Heads, Cambridge, MA 1994.
21.
Vgl. ebd., S. 32ff.
22.
Vgl. ebd., S. 34.
23.
Vgl. Richard, S. Peters, Ethics and Education, London 19685, S. 34.
24.
Vgl. Gisela Labouvie-Vief/Manfred Diehl, The role of ego level in the adult self, in: P.M. Westenberg/A. Blasi/L. D. Cohn (Anm. 3), S. 222.
25.
Vgl. Gil G. Noam, The self, adult development, and the theory of biography and transformation, in: Daniel K. Lapsley/F. Clark Power (eds.), Self, ego, and identity, New York 1988, S. 3ff.
26.
Vgl. Kennon M. Sheldon/Tim Kasser, Pursuing personal goals, in: Personality and Social Psychology Bulletin, 24 (1998) 12, S. 1319–1331.
27.
Vgl. ebd.
28.
Vgl. Krassimir Stojanov, The Concept of Bildung and its Moral Implications, in: K. Schneider (Anm. 1), S. 76ff.
29.
Vgl. ebd.
30.
Vgl. Charles Taylor, Sources of the Self, Cambridge, MA 1989, S. 94.
31.
Vgl. ebd.; K. Stojanov (Anm. 28).
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