2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012

Auszug: Politische Sozialisation

Politische Sozialisation (PS) ist in engem Zusammenhang mit politischer Kultur, politischer Meinungs- und Werteforschung und mit politischer Bildung zu sehen. Nimmt man die klassische Definition politischer Kultur als die "jeweilige Verteilung von Orientierungsmustern gegenüber politischen Gegenständen“[1] in einer Gesellschaft, dann bezeichnet PS den Erwerb dieser Orientierungsmuster durch das Individuum. Der Begriff ist sehr komplex, da "Sozialisation“ die gesamte – bewusste und unbewusste – Aneignung gesellschaftsbezogener Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen und Werte bezeichnet und dabei sowohl die Prozesse und Inhalte als auch die Handelnden betrachtet werden können. Bezieht sich PS im engeren Sinne zu-nächst auf die prozeduralen Aspekte, die Aneignung und Entwicklung der Orientierungen durch Gruppen oder Individuen, so lassen sich in einem weiteren Sinne auch die Ergebnisse bzw. Inhalte in den Vordergrund stellen – allerdings dann mit geringerer Trennschärfe zu den Kategorien der Werte- und Meinungsforschung.

In Deutschland wurden seit Beginn der 1970er Jahre die etwa eine Dekade früher begonnenen US-amerikanischen Forschungsansätze aufgenommen. Nach einem Boom weit angelegter Untersuchungen in den 1970er Jahren widmete sich die Forschung zur PS danach zunächst zahlreichen Einzelaspekten, um erst in den 1990er Jahren – unter dem Eindruck von Um-brüchen und neuen Entwicklungen – wieder größere Breite zu gewinnen.[2] Viele ältere Untersuchungsansätze, die in behavioristischer oder strukturfunktionaler Forschungstradition stehen, sind zu eindimensional. So läuft die abstrahierende Vorstellung einer nationalen politischen Kultur Gefahr, die Existenz regionaler, sozialer, religiöser usw. Teilkulturen zu übersehen. Auch ist PS nicht als bloße Übertragung eines fertigen Systems von Orientierungen auf eine neue Generation zu verstehen. Damit wäre Wandel im politischen Verhalten oder individuelle Abweichung nicht zu erklären. PS ist dagegen als aktiver Lernprozess zu untersuchen, der die politischen Denk- und Handlungsmöglichkeiten der Individuen konstituiert. (…)

Analytisch läßt sich der Blick auf die PS unterfächern in die Teilaspekte: Instanzen, Prozesse und Inhalte. Bei den Instanzen kann nach Handlungsräumen, Institutionen und Akteuren gefragt werden. Weitgehend eingebürgert hat sich die Unterscheidung in primäre Sozialisationsinstanzen (Familie oder z. B. informelle Freundschaftsgruppe, Peergroup), sekundäre Instanzen (Schule, Vorschule, Jugendarbeit, Jugendverbände) und tertiäre (politische und gesellschaftliche Institutionen: z. B. Parteien, Verbände und Kirchen). Sie ist allerdings dann als problematisch anzusehen, wenn damit eine klare zeitliche oder hierarchische Reihenfolge behauptet wird, die sich angesichts der gegenseitigen Beeinflussung und Verflechtung der Instanzen empirisch nicht belegen lässt. So sind etwa die Wirkungen der Familie auf die (frühe) PS kaum trennbar von deren sozialer Situation und vom Umfeld der Massenmedien. Auch der Effekt von Großereignissen, wie Kriegen, Systemumbrüchen oder Naturkatastrophen, auf die PS muss in Betracht gezogen werden.[3]

Prozesse bezeichnen den intermediären Bereich der Vermittlung in ihrer kausalen und zeitlichen Struktur. Auf die Frage nach unterscheidbaren Phasen der PS gibt es keine eindeutigen Antworten. Die Kristallisationsthese geht davon aus, dass die frühkindlich im familiären Kontext erworbenen allgemeinen Orientierungen ("Primat der frühkindlichen Sozialisation“) dauerhaft wirksam bleiben ("Per sistenz“) und die späteren Orientierungen politischen Meinens und Handelns prägen ("Strukturierung“). Als entscheidend für die Ergebnisse des Prozesses der PS wird nicht nur die Frage angesehen, wann und von wem, sondern auch wie gelernt wird. Unterschiedliche Kommunikations- und Erziehungsstile etwa in der Familie spielen dabei offensichtlich eine wichtige Rolle.[4] Neuere Untersuchungen scheinen die Persistenz früh erworbener Dispositionen zu belegen – allerdings nur für sehr allgemeine Faktoren, vor allem für die generelle Bereitschaft zu politischer Partizipation. Hier scheint die Ausprägung im frühen Jugendalter in hohem Maße vorentscheidend für spätere Lebensphasen zu sein.[5]

Auszug aus: Uwe Andersen/Wichard Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 20035; Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003, online: www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/ 40358/politische-sozialisation (12. 11. 2012).

Fußnoten

1.
Vgl. Gabriel A. Almond/Sidney Verba, The Civic Culture, Princeton 1963.
2.
Vgl. Bernhard Claußen/Rainer Geißler (Hrsg.), Die Politisierung des Menschen, Opladen 1996; Christel Hopf/Wulf Hopf, Familie, Persönlichkeit, Politik, Weinheim–München 1997; Heinz Reinders, Politische Sozialisation Jugendlicher in der Nachwendezeit, Opladen 2001.
3.
Vgl. Klaus Tenfelde, Milieus, politische Sozialisation und Generationenkonflikte im 20. Jahrhundert, Bonn 1998.
4.
Vgl. Ch. Hopf/W. Hopf (Anm. 2).
5.
Vgl. H. Reinders (Anm. 2).