Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Christian Hoffstadt

Über die Aktualität des Weltuntergangs

Medienbilder der Apokalypse: Fiktionen

Apokalypse wird heute meist gleichbedeutend mit "Weltuntergang" gesetzt. Wie der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung gezeigt hat, sind moderne apokalyptische Erzählungen, Filme und andere mediale Inszenierungen meist "kupiert", lassen also einen Teil der klassischen Apokalypse – nämlich den Neuanfang beziehungsweise das "Happy End" – weg.[8]

Nun kann man sich die berechtigte Frage stellen, warum in vielen aktuellen Filmen, Serien, Comics, Büchern, Videospielen – man könnte hier die gesamte Bandbreite medialer Darstellungsformen aufzählen – immer öfter der Weltuntergang in verschiedenen Formen dargestellt wird: Ob Zombie-Epidemie, riesige Naturkatastrophen, drohender Dritter Weltkrieg – die ganze Welt droht fiktiv überrannt zu werden. Hintergrund ist hier die Kehrseite der globalisierten Welt, die negative Seite der globalen Vernetzung: Was auf der Welt passiert, ist nicht lokal begrenzt; reale Epidemien (wie beispielsweise im aktuellen Film "Contagion" dargestellt) bedeuten tatsächlich die Möglichkeit der Auslöschung eines Großteils der Menschheit. Es gibt keine abgelegenen Schutzräume mehr, jeder kann betroffen sein – und damit auch die Stabilität bestehender Staats- und Sozialsysteme als Ganzes. Die Zeiten, in denen ein japanischer "Godzilla" lokal begrenzt als Metapher für die Atombombe über die Leinwand flimmerte, sind demnach vorbei. Moderne Filme wie "Cloverfield" spielen vielmehr mit der Angst des Zuschauers, dass eine räumliche Begrenzung einer Katastrophe kaum mehr möglich ist – dies wird erzählerisch jedoch häufig offengelassen.

Im Realitätsgrad der Darstellung unterscheiden sich mediale Darstellungen des Weltuntergangs sehr – und sind trotzdem häufig eine sehr plastische und greifbare Darstellungsform für unsere Zukunfts- und Untergangsängste. Viele Filme spiegeln eine durchaus in der Realität verankerbare Angst davor, dass die Welt, wie wir sie kannten, endet. Wo heutzutage häufig die letzten Menschen im Film gegen sich viral ausbreitende Zombieepidemien kämpfen, lassen sich auch für frühere Zeiten bestimmte verarbeitete Ängste wiederfinden: In den 1980er Jahren gab es beispielsweise viele Filme, die einen beginnenden Atomkrieg ("The Day After", "Threads") oder die Zeit danach behandeln ("Mad Max"-Reihe, "Letters from a Dead Man", "A boy and his dog"). Neben vielen Filmen, die die eigentliche Apokalypse zeigen, greifen andere auch die Folgen einer Apokalypse auf (man könnte hier von "Endzeitfilmen"[9] sprechen): Filme wie "The Road" oder "Wolfzeit" lassen die eigentliche Ursache der Apokalypse beiseite und widmen sich der Frage: Kann man in einer Katastrophensituation sozial bleiben? Und: Wie strukturiert sich Gesellschaft neu?

Realitätsbilder

Der Untergang Pompejis, das Erdbeben von Lissabon, der Zweite Weltkrieg, der 11. September 2001 – all diese historischen Ereignisse waren nicht im wörtlichen Sinne "Weltuntergänge", sondern markieren Einschnitte in kulturelle Selbstverständlichkeiten, die sich sowohl in zahllosen Reflexionen über die Ereignisse als auch in zeitgenössischen Kommentaren zeigen. Sie symbolisieren, egal wie weitreichend sie sind, die Apokalypse, den Untergang der Welt, wie wir sie kannten, und im Zeitalter der neuen Medien sprengen sie zusätzlich noch die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion. Solche Ereignisse schaffen einen neuen Denkraum, der das reale Ereignis hinter die symbolische Bedeutung zurücktreten lässt.

So war das reale Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 Anlass für die philosophische Frage, ob Gott so etwas in der besten aller möglichen Welten zulassen könne, der Zweite Weltkrieg Grund zur Diskussion, ob man nach Auschwitz noch Literatur verfassen könne, oder auch, wie man "danach" mit der Zuweisung von "Andersartigkeit" und "Fremdartigkeit" umzugehen habe.

Der Zusammenbruch der Twin Towers des World Trade Centers (WTC) am 11. September 2001 war, schenkt man dem Philosophen Jean Baudrillard Glauben, nicht nur die Zerstörung zweier Hochhäuser in Manhattan durch einen terroristischen Anschlag; vielmehr wurden zwei der größten architektonischen Symbole des Kapitalismus, der Finanzen und der Börse, des "globalen Liberalismus" zerstört. Allerdings scheint die "Realität", das "wahre Ausmaß des Schreckens", bei der Sinnbeimessung durch den Zuschauer keine Rolle zu spielen: Die mediale Inszenierung der 3.000 Toten des Angriffs auf das WTC war wesentlich erschütternder und nachhaltiger als die Darstellung der mehr als 100.000 Toten des Tsunamis von 2004.

Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Kriegs zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion hatten einige, wie beispielsweise der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, das "Ende der Geschichte" ausgerufen. Der 11. September 2001 machte der Weltöffentlichkeit auf schockierende Weise klar, dass man die lang sichtbaren Anzeichen eines schwelenden religiösen und politischen Konflikts zwischen dem Westen und radikal-islamistischen Kräften aus dem Nahen und Mittleren Osten aus dem Bewusstsein verdrängt hatte.[10] "Nine-eleven" wurde zum apokalyptischen Symbol des möglichen "Clash of Civilizations" – so der Titel eines weit vor den Anschlägen erschienenen Buches von Samuel P. Huntington, das danach zu einiger Berühmtheit gelangte.[11]

Sichtbarkeit des unsichtbaren Todes

Am 6. August 1945 warf der amerikanische Bomber Enola Gay um 8:15 Uhr morgens eine unter dem Decknamen "Manhattan Project" entwickelte Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima. Drei Tage später, am 9. August 1945, um 11:02 Uhr morgens, wiederholte sich das gleiche über Nagasaki. Die amerikanische Regierung hatte beschlossen, zwei japanische Städte, wenn auch nicht die Hauptstadt Japans, mit der Atombombe auszulöschen, um Japan zur Kapitulation im Zweiten Weltkrieg zu zwingen. Nicht nur die enorme Druckwelle und die Hitzestrahlen (sowie die anschließende Feuerentwicklung) lösten enorme Schäden aus, auch die Strahlung der Atombomben erzeugte im ersten Moment unsichtbare Folgeschäden. Die Menschen im betroffenen Areal, "Ground Zero", erlitten atombombenbedingte Verbrennungen, Verletzungen und Strahlenschäden.[12] Die für die Menschen unsichtbare Strahlung drang in die Körperzellen ein, die langfristigen Folgeschäden leicht bis mittel verstrahlter Opfer sind etwa ein stark erhöhtes Krebsrisiko oder Veränderungen des Erbguts – einmal abgesehen von den psychischen Schäden durch den Atombombenangriff.

Die beiden ersten real und nicht zu Testzwecken abgeworfenen Atombomben eröffneten die Jahrzehnte der atomaren Bedrohung, des Wettrüstens, der Abschreckung, des Nachdenkens über das "Undenkbare".[13] Die atomare Apokalypse zeigt sich nicht nur anhand der Bedrohung durch Atomwaffen, wie wir sie auch nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" immer noch beobachten können, sondern auch in der Bedrohung durch die Kerntechnik selbst, von denen der Reaktorunfall von Tschernobyl sicherlich das bekannteste Beispiel ist. So liefert selbst eine "unsichtbare" Bedrohung immer wieder Stoff für mediale Inszenierungen und Reflexionen. "Die atomare Apokalypse kann nicht Ereignis werden, weil, so Derrida, kein Publikum mehr da wäre, um es zu einem solchen zu machen. Die Apokalypse kann nur in der Kunst und nirgends mit so simulatorischer Überzeugungskraft wie im Film stattfinden."[14] Erst die mediale Darstellung beziehungsweise Simulation einer atomaren Apokalypse macht diese beobachtbar und "erlebbar" – dies erklärt die zuvor angesprochenen häufigen filmischen Darstellungsversuche.

Die atomare Bedrohung (ob nun durch offensive Waffentechnik oder insuffiziente beziehungsweise risikoreiche "Friedenstechnik") hat verschiedene Ansätze der Reflexion befördert. Im Verlauf des Kalten Kriegs haben sich beide Seiten darum bemüht, Zukunftsszenarien eines Atomkriegs durchzuspielen und damit greifbar zu machen. Herman Kahn, der lange Jahre Militärberater der US-Regierung war und zum Thema Atomkrieg einige nachhaltige Bücher geschrieben hat, galt als Visionär des Dritten Weltkriegs, das heißt der atomaren Apokalypse.[15] Ihn beschäftigte, vor allem im Hinblick auf eine militärische Strategie zur Friedensbewahrung, welche Umstände und Wahrscheinlichkeiten zu einem Atomkrieg führen könnten. Der Gedanke der ausgeglichenen Machtverhältnisse und der Abschreckung waren für ihn die Garanten des Friedens. Die paradoxe Logik des beidseitigen Aufrüstens zur Friedensbewahrung kulminiert in der Figur des Nullsummenspiels: Der Sinn des gleich hohen Waffenverhältnisses auf beiden Seiten war es demnach, die Unsinnigkeit eines Erstschlags, die Unmöglichkeit eines Sieges, die Zerstörung der Menschheit als Folge eines Atomkrieges im Gedächtnis beider Seiten zu erhalten.

Der Philosoph Günther Anders sah eine "prometheische Kluft" zwischen dem, was der Mensch herzustellen vermag, und dem, was er "vorstellen und mitfühlen" kann.[16] Die Bombe ist für Anders nicht mehr nur Waffe, sondern die Überschreitung des Physischen zum Metaphysischen. Sie ist pure Ver-Nichtung. Er hat die kritische Hinterfragung der "Off Limits des Gewissens", mit denen die moderne (Atom-)Technik uns konfrontiert, in mehreren Werken vollzogen, darunter das "Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki".[17]

Fußnoten

8.
Vgl. Klaus Vondung, Die Apokalypse in Deutschland, München 1988.
9.
Zum Thema Postapokalypse vgl. Christian Hoffstadt/Stefan Höltgen (Hrsg.), This is the end … Mediale Visionen vom Untergang der Menschheit, Bochum–Freiburg 2011.
10.
Vgl. Walter Sparn, Chiliastische Hoffnungen und apokalyptische Ängste, in: B.U. Schipper/G. Plasger (Anm. 6), S. 207–228, hier: S. 209.
11.
Vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1998.
12.
Vgl. Komitee zur Dokumentation der Schäden der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki (Hrsg.), Leben nach der Atombombe. Hiroshima und Nagasaki 1945–1985, Frankfurt/M.–New York 1988, S. 95ff., S. 113.
13.
Vgl. Herman Kahn, Nachdenken über den Atomkrieg, Frankfurt/M.–Berlin 1987, S. 17 ff.
14.
Detlef Kremer, Ohne Ende – Virtuelle Apokalypse im zeitgenössischen Film: Godard, Greenaway, Kubrik, Lynch, in: Maria Moog-Grünewald/Verena Olejniczak Lobsien (Hrsg.), Apokalypse. Der Anfang im Ende, Heidelberg 2003, S. 245–258, hier: S. 251. Vgl. Jacques Derrida, No Apocalypse, not now, in: ders., Apokalypse, hrsg. von Peter Engelmann, Wien 20002, S. 81–118.
15.
Vgl. H. Kahn (Anm. 13); Karl-Heinz Steinmüller, Der Mann, der das Undenkbare dachte, in: Kursbuch, 164 (2006), S. 99–103.
16.
Zit. nach: Ludger Lütkehaus, Schwarze Ontologie. Über Günther Anders, Lüneburg 2002 (Originaltitel: Philosophieren nach Hiroshima, Frankfurt/M. 1992).
17.
Alle drei Texte sind versammelt in: Günther Anders, Hiroshima ist überall, München 1995.
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Autor: Christian Hoffstadt für bpb.de
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