Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Christian Hoffstadt

Über die Aktualität des Weltuntergangs

Mensch, Natur und Technik

Als am 11. März 2011 eine Verkettung verschiedener Umstände zum Reaktorunglück im japanischen Fukushima führte, dachten viele an den Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 zurück. Bei letzterem war keine Naturkatastrophe vorausgegangen, nach heutigen Erkenntnissen war menschliches Versagen in einer heiklen Testsituation des Reaktorblocks 4 des Atomkraftwerks der Grund für eine Explosion des Reaktors. In der Folge wurden große Teile des radioaktiven Inventars des Reaktors nach außen geschleudert und die Zone rund um Tschernobyl und der nahe gelegenen Arbeiterstadt Pripyat hochgradig verstrahlt. Durch Wind- und Wetterverhältnisse wurde Radioaktivität auch weit über die ehemals sowjetische Grenze getragen und die Katastrophe war nicht zuletzt deshalb auch in europäischen Medien ein Dauerbrenner.

Was im Falle Fukushimas, das heißt in Zeiten scheinbarer informationstechnischer Transparenz vielleicht erstaunt,[18] passierte im Falle Tschernobyls ebenfalls: Informationen über das Reaktorunglück wurden von den Verantwortlichen verzögert weitergegeben und viele Details kamen erst Jahre später ans Tageslicht, teilweise erst lang nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs".

Gerade das Beispiel Fukushima steht für eine tragische Verknüpfung einer großen Naturkatastrophe – eines Tsunami – und eines dadurch ausgelösten Reaktorunfall, der durch unzureichende Vorsichtsmaßnahmen der Betreiber befördert wurde. Es zeigt also die Unberechenbarkeit und Kraft, letztlich die Dominanz der Natur über den Menschen – und zugleich sieht man das Risiko, das moderne Technik mit sich bringt. Selbst ohne den Effekt der medialen Verstärkung und dauernden Berichterstattung über solche Katastrophen wird dem modernen Menschen zunehmend bewusst, wie abhängig sein Leben von technischen Hilfsmitteln geworden ist. Dabei kann nicht nur die Technik zur Gefahr werden, sondern ihr Ausfall ebenfalls lebensbedrohlich sein – wie beispielsweise der Ausfall von Strom und Wasser sowie ein Abriss der Versorgungskette für Lebensmittel nach einem Wirbelsturm. Risiko, so scheint es, ist zu einem unberechenbaren globalen Phäomen geworden, das der Einzelne nicht mehr einschätzen oder kontrollieren kann.

Wie aktuell ist die Apokalypse?

Wie zu Beginn angesprochen, scheint das Jahr 2012 mit dem Auslaufen des Maya-Kalenders, dauernden Natur- und Technikkatastrophen, die die Medien uns 24 Stunden am Tag präsentieren, und mit der Unsicherheit der Finanzmärkte, ja Insolvenzgefahr ganzer Staaten besonders geeignet zu sein, um Weltuntergangsängste zu schüren. Mit Rückblick auf die besprochenen Medienbilder, historischen Ereignisse und realen Gefahren kann man sich nun tatsächlich fragen: Sind wir heutzutage nur besonders oft mit Medienbildern konfrontiert, die solche Weltuntergangsszenarien realistisch wirken lassen – oder ist die Bedrohung heute tatsächlich höher als in früheren Zeiten? Gerade religiöse Deutungsmuster scheinen heute wieder einleuchtend zu sein und Erklärungen zu bieten: Der moderne Mensch, der sich von Gott abgewendet und sich der Gier nach Geld und Besitz hingegeben hat, wird nun hart bestraft durch alle Arten von Katastrophen, die annehmen lassen, dass bald das "große Ende" folgen könnte.

Die Frage, ob die Weltuntergangsangst der heute lebenden Menschen größer oder kleiner ist als die früherer Generationen, wird sich wissenschaftlich nicht messen lassen. Der aufgeklärte Blick auf frühere Zeiten und ein eindrückliches Verständnis für frühere Geschehnisse, historische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen kann helfen, hier ein besseres Verständnis zu erlangen.

So scheinen heute gerade reale Medienbilder (beispielsweise Nachrichten) wie auch fiktive mediale Darstellungen (beispielsweise Kinofilme) sehr häufig das Thema Weltuntergang im weiten Sinne aufzugreifen. Dies spricht in einer von Medien geprägten Gesellschaft sehr dafür, dass Menschen sich in irgendeiner Form mit dem Thema auseinandersetzen wollen – von ernsthaften Dokumentationen zum Thema "Gefahr durch Atomkraft" über pseudo-reale Dokumentationen wie "Life after People" bis hin zu rein fiktionalen Darstellungen, die häufig wenig realistisch, dafür unterhaltsam sind (man vergleiche hierzu beispielsweise die beiden Filme "The Road" und "2012").

Die Frage, die wir zu Beginn nach der Aktualität der Apokalypse gestellt haben, ist damit nicht beantwortet. Hatte man in den 1980er Jahren stärkere Angst vor einem Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion als eine heutige Generation vor einem Dritten Weltkrieg oder vor einer unheilbaren Epidemie, dem Ausgehen der Ölvorräte der Erde und das damit verbundene Zusammenbrechen der globalen Güterversorgung, auf die wir uns mittlerweile so verlassen? Wie wir es drehen und wenden, die Antwort wäre subjektiv eingefärbt und eher eine Schätzung. Was sich sicher sagen lässt, ist, dass sich das Themenspektrum der Zukunftsängste klar verändert hat und Weltuntergangsszenarien uns heute beschäftigen, die deutlich mit modernen gesellschaftlichen Entwicklungen wie der Globalisierung und Beschleunigung zu tun haben. Wie an den angesprochenen Themenbereichen deutlich geworden sein sollte, ist das Thema Weltuntergang aber ebenso wie das Thema des (individuellen) Todes auch ein Tabu und kann verdrängt werden. Aber, wie wir gesehen haben, gehört auch dies zum apokalyptischen Denken: den Untergang zu vergessen und neu anzufangen.

Fußnoten

18.
Zur zunehmenden Rolle des Internets bei der Berichterstattung, der Verfügbarkeit von Informationen sowie der Beteiligung von Laien an der Berichterstattung siehe Sharon M. Friedman, Three Mile Island, Chernobyl, and Fukushima: An analysis of traditional and new media coverage of nuclear accidents and radiation, in: Bulletin of the Atomic Scientists, 67 (2011) 5, S. 55–65.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Christian Hoffstadt für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.