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Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Wolf-Detlef Rost

Die Apokalypse aus psychologischer Sicht – Angst und Faszination

Schuldgefühle, Bestrafungswünsche, Zerstörungsfantasien

Man könnte dies als harmlose Versuche zur Bindung von Ängsten und zur Erzeugung einer erregenden Angstlust wie in Emmerichs Katastrophenfilmen abtun. Doch aus psychoanalytischer Sicht verbirgt sich hinter der Angst meist auch ein abgewehrter Wunsch. In seinem destruktiven Kern ist der Apokalyptiker keineswegs nur von seinen Ängsten vor dem Untergang geplagt, sondern sucht diese auch in den Wunsch nach und die Bereitschaft zur Zerstörung zu transformieren. Man kann sagen, je besser es einer Gesellschaft geht, desto stärker werden deren apokalyptische Ängste. Zum einen gibt es dann mehr zu verlieren, zum anderen wächst das Schuldgefühl angesichts des eigenen guten Lebens – wie umgekehrt auch der Neid derer, die sich als zu kurz gekommen erleben. Deutschland etwa blickt auf eine in historischer Zeit nie gekannte Friedensepoche von 65 Jahren zurück; erstmals in unserer Geschichte ist es fern der realistischen Vorstellung, gegen welchen unserer Nachbarn wir in naher Zukunft Krieg führen könnten. Und trotz einer zweifellos sehr ungleichen Wohlstandsverteilung leidet niemand Hunger. Dennoch ist der Zukunftspessimismus bei uns viel verbreiteter als etwa im Irak oder in Afghanistan, wo Krieg, Terror und Not herrschen, aber die Menschen optimistischer in die Zukunft sehen als bei uns, vielleicht, weil es nach so viel "Strafe" und Zerstörung nur noch besser werden kann.

Gerhard Hentschel führt die Apokalypseängste beziehungsweise Bestrafungswünsche auf das ungehemmte Ausleben sexuell-triebhafter Impulse zurück.[10] Je – scheinbar – sexuell verwahrloster eine Gesellschaft ist, desto stärker wird der Drang nach der Apokalypse. Das lässt sich heute übertragen auf Gesellschaften, die in Frieden und Wohlstand leben, was Schuldgefühle und Zerstörungsängste weckt. Schon im Alten Testament sind apokalyptische Ereignisse stets Strafen für "Sünde", für gutes Leben und Völlerei: Die Sintflut, die Vernichtung der reichen Städte Sodom und Gomorrha, die Bestrafung für menschliche Höhenflüge im Turmbau zu Babel und dessen Zerstörung durch den zornigen Gott sind die bekanntesten Beispiele.

Alle Zerstörungsfantasie ist danach die antizipierte Strafe für Triebhaftigkeit und deren Transformation in "Genusssucht", Besitz und materiellen Konsum, auf der anderen Seite auch der Wunsch nach der Bestrafung all derer, die es sich gut gehen lassen. Heute ist es besonders der Konsum, der unsere Schuldgefühle und Bestrafungswünsche weckt. So schrieb der Philosoph Ortega y Gasset schon 1930: "Die Welt, die den neuen Menschen von Geburt an umgibt, zwingt ihn zu keinem Verzicht in irgendeiner Beziehung; sie stellt ihm kein Verbot, keine Hemmung entgegen; im Gegenteil, sie reizt seine Gelüste, die prinzipiell ins Unangemessene wachsen könne. (…) Das wahrhaft schöpferische Leben verlange eine streng hygienische Lebensweise und eine hohe Zucht, und es wäre ein Fehler, wenn Europa in der brütenden Erniedrigung der letzten Jahre verharre, die Nerven schlaff aus Mangel an Disziplin."[11]

Und der Historiker Eugen Weber konstatierte: "Wir leben in einem größeren Wohlstand als der Mensch je zuvor. Aber unser moralisches Unbehagen gibt dem Wohlstand dessen ungeachtet einen apokalyptischen Anschein. Also fallen wir zurück in unseren alten, bekannten Krampf. Wir klammern uns fest an unsere alten Heilsgeschichten, unsere Apokalypsen. Aber dieses mal suchen wir unsere Chaosprophezeiungen nicht nur in religiösen Schriften, sondern auch in der Wissenschaft. Und verdammt noch mal, unsere Wissenschaftler erzählen uns aber auch allzu gern von dem, was sie in den vergangenen Jahrzehnten über Klimakatastrophen, Meteoriteneinschläge, Gammablitze und die Gefahren der Technik gelernt haben."[12]

Ängste und Schuldgefühle jedoch sind dem Menschen ein sehr schlechter Ratgeber. Sie führen nicht nur zu Neurosen und anderen psychischen Erkrankungen, sondern können auch in zerstörerischen Impulsen enden. Bekannt ist der "Verbrecher aus Schuldgefühl". Letztlich kann es zu der wahnhaften Vorstellung kommen, man müsse die Welt reinigen von Schmutz und Sünde. "Der Gedanke von der Notwendigkeit der ‚Säuberung‘ ergibt sich mit Konsequenz aus dem apokalyptischen Weltbild, das nur Licht oder Finsternis, Reinheit oder Schmutz kennt. Solange es noch Widersacher gibt, ist das Erlösungswerk gefährdet. In der nationalsozialistischen Apokalypse hatte die Vorstellung von der ‚Reinheit‘ des Bluts und der Notwendigkeit, die Welt vom Judentum zu ‚reinigen‘ analogen Stellenwert (der Vergleich bezieht sich auf den Kommunismus, W.-D. R.). Wenn sich die innerweltliche Apokalypse politisch verwirklichen will, mündet sie zwangsläufig in Mord."[13] Und auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe der Überdruss an "Sattheit" und Wohlergehen zur beinahe apokalyptischen Zerstörungsorgie des Ersten Weltkrieges beigetragen, wie Hentschel analysiert.[14]

Sich-selbst-erfüllende Prophezeiung

Der Apokalyptiker ist also keineswegs nur das bedauernswerte Opfer seiner eigenen Ängste, er trägt den Keim zur Zerstörung in sich, ihn drängt danach, sich und den anderen seine Untergangstheorie zu beweisen, im Extremfall aufgrund seiner neurotischen Schuldgefühle oder seiner Lebensunfähigkeit anderen nach ihrem Leben zu trachten. Hinlänglich bekannt ist das schon oben erwähnte Beispiel Adolf Hitlers, der danach strebte, sein Volk, das sich "seiner unwürdig" erwiesen habe, mit in den eigenen Untergang zu ziehen. Aus den vergangenen 30 Jahren sind zehn Massenselbstmorde von Weltuntergangssekten bekannt, die skrupellos ihre eigenen Kinder töteten, um nicht die Fiktion der bevorstehenden Apokalypse aufgeben zu müssen, die Spektakulärsten 1978 die Volkstempler in Guyana mit 923 Toten und 1993 die Davidianer in Texas mit 81 Toten.

Die Angst vor der Apokalypse droht im Extremfall gerade diese herbeizuführen, zur "Sich-selbst-erfüllenden Prophezeiung" zu werden.[15] Der Psychotherapeut Paul Watzlawick hat diesen Mechanismus folgendermaßen beschrieben: "Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung. Voraussetzung ist nur, dass man sich selbst etwas prophezeit oder prophezeien lässt, und dass man es für eine unabhängig von einem selbst bestehende oder unmittelbar bevorstehende Tatsache hält. Auf diese Weise kommt man genau dort an, wo man nicht ankommen wollte."[16]

Fußnoten

10.
Vgl. G. Hentschel (Anm. 8), S. 294 ff.
11.
Josè Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, Reinbek 1956, S. 40, S. 138.
12.
Eugen Weber, zit. nach: M. Keulemans (Anm. 7), S. 277f.
13.
Klaus Vondung, Die Apokalypse am Ende des zweiten Jahrtausends, in: Universitas, 54 (1999) 642, S. 1132.
14.
Vgl. G. Hentschel (Anm. 8), S. 294 ff.
15.
Vgl. beispielsweise Eugen Mahler. Christliche Botschaft und Apokalypse – Ein psychohistorischer Prozeß ohne Zukunft?, in: Peter Passett/Emilio Modena (Hrsg.), Krieg und Frieden aus psychoanalytischer Sicht, Basel–Frankfurt/M. 1983, S. 259–289.
16.
Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, München–Zürich 1983, S. 61.
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