Ein Schild mit der Aufschrift: "Morgen letzter Tag".

11.12.2012 | Von:
Wolf-Detlef Rost

Die Apokalypse aus psychologischer Sicht – Angst und Faszination

Apokalyptiker als Amoktäter

Der überzeugte Apokalyptiker ist ein Mensch, der die Generativität nicht akzeptieren kann und die unvermeidbare Realität des eigenen Todes als so unvorstellbar und vernichtend erlebt, dass er möglichst viele, am besten alle anderen mit sich sterben sehen möchte, weil er sich nicht vorstellen und akzeptieren kann, dass nach dem eigenen Tod das Leben an sich weitergeht, den Weiterlebenden zumindest kein Glück gönnen möchte. Der Apokalyptiker ist damit das Spiegelbild einer anderen, in jüngerer Zeit häufig diskutierten Persönlichkeit, nämlich der des Amokläufers.

Nicht wenige Amokläufer kündigten ihre Tat unter der Parole: "Apokalypse today" an. Es geht hier um einen erweiterten Suizid. Das Scheitern am eigenen Leben und der beim Amoklauf immer antizipierte eigene Tod sollen so zelebriert werden, dass zugleich so viele Menschen wie möglich ihr Leben lassen müssen. Der Apokalyptiker möchte im Sterben nicht alleine sein. Nach dem Motto: wenn ich, manchmal auch: wenn mein Kind, meine Liebe sterben muss, sollen das alle anderen auch, und zwar baldmöglichst, sofort. Der Autor Günter Steffens etwa wünschte sich angesichts des Sterbens der geliebten Partnerin die "tellurische Katastrophe". Mit ihrem Tod schien ihm "die Zeit gekommen für’s Ende aller Zeiten, weil die Zeit für ihr Ende gekommen schien. Jedes Leben sollte erlöschen mit dem ihren. Man braucht kein gescheiterter Tyrann zu sein, um – dennoch triumphierend in einem Sieg über allen Siegen – die ganze Welt mitreißen zu wollen in den Untergang der eigenen".[17] Seine Zerstörungswünsche kaschiert der Apokalyptiker oft unter dem Deckmantel von Moralismus oder der scheinbaren Besorgnis um das Allgemeinwohl.

Der für seine hervorragenden Psychogramme – beispielsweise der "alexithyme"[18] Mörder in "Der Fremde" – bekannte Autor und Literaturnobelpreisträger Albert Camus hat in seinem Klassiker "Die Pest" bereits 1947 einen Apokalyptiker und seine Transformation zum Amoktäter beeindruckend charakterisiert.

Zunächst begegnet dem Berichterstatter aus Camus’ Roman die Figur des Cottard als ein depressiver Rentner, der gerade versucht hat, sich aufzuhängen, ein zurückgezogener, offenbar misanthropischer Einzelgänger und Sonderling. Die ausgebrochene Pest beginnt ihn zu interessieren:

"Die Leute reden von einer Seuche. Stimmt das, Herr Doktor?"

"Die Leute reden immer. Das ist so ihre Art", antwortete Rieux.

"Da haben Sie recht. Und wenn wir ein Dutzend Tote haben, wird das als das Weltende betrachtet. Nein, das ist nicht, was wir brauchen." (…)

"Was brauchen wir denn?", fragt der Arzt und lächelte zurück.

Da umklammerte Cottard auf einmal den Wagenschlag, und er schrie mit tränenerstickter, wuterfüllter Stimm: "Ein Erdbeben. Ein richtiges!"[19]

Mit dem Fortschreiten der Pestepidemie blüht er auf, wird freundlich und sucht Kontakte. Alle sitzen in einem Boot. Er glaubt, da er bereits mit seiner psychischen Krankheit hinreichend belastet ist, könne ihn die Pest nicht ereilen, da man Krankheiten nicht anhäufen könne. "Alles in allem bekommt die Pest ihm gut. Aus einem Menschen, der wider willen einsam war, macht sie einen Spießgesellen. Denn er ist offensichtlich ein Spießgeselle, und zwar ein Spießgeselle, der sich ergötzt."[20] Mit dem Abklingen der Pestepidemie holen Niedergeschlagenheit und schlechte Laune Cottard wieder ein. Er kehrt zurück in seine Einsamkeit, seine Isolation, bricht seine sozialen Kontakte ab. Als die Quarantäne aufgehoben wird und die befreiten Menschen auf den Straßen feiern, verschanzt er sich in seinem Zimmer und schießt aus dem Fenster auf alles, was sich bewegt, wird, als die von ihm erhoffte Apokalypse nicht eingetreten ist, zum Amoktäter. Er besaß, so beendet Camus Cottards Charakterisierung, "ein unwissendes, das heißt einsames Herz".[21]

Wie lassen sich aber Zerstörungsängste und -wünsche des Apokalyptikers binden? Traditionell erfolgte dies durch Projektion: Es gibt einen äußeren Feind, der uns bedroht und vernichtet werden muss, mit dessen angestrebter Vernichtung in der Fantasie die Bedrohung aufhören soll. Oder wir hatten die Religion, die die Apokalypseängste auf der einen Seite ebenfalls schürt wie im Alten Testament und in der Apokalypse des Johannes, zugleich aber die Hoffnung aufrechterhält auf ein besseres Leben wenigstens im Jenseits oder auf eine Wiedergeburt, dem menschlichen Leiden und dem Tod einen Sinn verleihen und Trost zu spenden sucht. Seit nachweislich 3000 Jahren hatte bisher jede Generation die Vorstellung, sie werde die letzte auf Erden sein, oder zumindest ihre Kinder die Apokalypse erleben, eine Mischung aus Schuldgefühl und Grandiositätsfantasien, die letzte menschliche Generation zu sein, damit zum Vollstrecker der Geschichte zu werden.

Die Apokalypse ist heute nicht näher oder ferner als jemals zuvor. Die Apokalypse ist sicher weiter weggerückt als zu den Zeiten der atomaren Bedrohung, andererseits niemals ganz auszuschließen, etwa durch einen irgendwann einmal eintretenden verheerenden Meteoriteneinschlag. Was sich jedoch in den letzten Jahrzehnten erkennbar verändert hat, ist unsere Fähigkeit zum Umgang mit der Angst vor der Apokalypse. Wir haben keinen "Feind" mehr, den wir für unsere Bedrohung verantwortlich machen können, und, zumindest in unserer Kultur, keine Religion, die der Apokalypse einen Sinn verleiht oder uns davor retten könnte, wenn auch erst im Jenseits. Dies schafft eine Art von Leere, die Ängste wachsen und frei flottieren lässt, und nach einer neuen Sinnstiftung, einem Religionsersatz suchen lässt, wofür sich heute nach Meinung einiger Kritiker am ehesten der dramatisch stilisierte Klimawandel anbietet.

Wie beim "Cottard" von Camus verbirgt sich hinter der Sehnsucht nach der Apokalypse oft eine tiefsitzende Misanthropie, eine Menschenverachtung, wie Michael Schneider schon 1984 analysierte, weil manche "Leute geradezu süchtig nach Katastrophen aller Art sind, in denen sie eine Bestätigung ihres moribunden Lebensgefühls erblicken", weil sie der Überzeugung sind, "dass wir ein Ende machen müssen mit uns und unseresgleichen",[22] den Menschen nur für eine Fehlentwicklung der Natur halten, der baldmöglichst von diesem Globus verschwinden soll.

Es geht in der Gesellschaft wie in der Psychotherapie heute darum, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu stärken, aber nicht als Egozentrismus verstanden. Denn es bedarf auch des Erlebens von Solidarität und Gemeinschaft – familiär wie gesellschaftlich – um in die Generativität vertrauen zu können und Vereinsamung und Vereinzelung mit ihren pessimistischen bis misanthropen Folgen entgegenwirken zu können.

Resümee

Man kann also resümierend dem heiter-ironisch geschriebenen Buch "Exit Mundi" von Maarten Keulemans folgen: Irgendwann einmal wird der Weltuntergang, das Ende der Menschheit kommen – genauso unvermeidlich wie unser individueller Tod. Nur: wann das sein wird und auf welche Art und Weise – dies wird niemand vorhersagen können. Wer dies behauptet, unterliegt entweder menschlichen Grandiositätsfantasien – oder er sucht in einem destruktiven Omnipotenzstreben dieses Ende herbeizuführen, so wie der Selbstmörder seinen eigenen Tod herbeiführt, auch, weil er die Ungewissheit über sein weiteres Leben und vor allem sein Ende nicht ertragen kann. Aber so, wie auch der 21. Dezember 2012 verstreichen wird, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass das Datum dieses Untergangs in naher Zukunft liegt. Und daher sollten Psychotherapie und Psychoanalyse, die sich selbst sehr gerne als "kritische Mahner" sehen, auch das "Prinzip Hoffnung" pflegen (Ernst Bloch), frei nach dem Motto: "Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen".

Fußnoten

17.
Günter Steffens, Die Annäherung an das Glück, München 1976, S. 80.
18.
Alexithymie ist die Unfähigkeit zu fühlen.
19.
Albert Camus, Die Pest, Reinbek 1950, S. 37f.
20.
Ebd., S. 115f.
21.
Ebd., S. 178.
22.
Michael Schneider, Apokalypse, Politik als Psychose und die Lebemänner des Untergangs, in: ders., Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, Köln 1984, S. 58f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Wolf-Detlef Rost für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.