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11.12.2012 | Von:
Wolf-Detlef Rost

Die Apokalypse aus psychologischer Sicht – Angst und Faszination

Die in der Psychotherapie sonst eigentlich recht fröhlich wirkende 25-jährige Studentin erzählt von ihrer zweijährigen Tochter und ihren Zukunftsplänen. Plötzlich wird die Stimme leiser, ihre Miene verdunkelt sich; sie wechselt das Thema. "Meine Mutter glaubt an den 21. Dezember 2012 – und die Schwiegereltern auch", fährt sie dann mit gedrückter Stimme fort. Die plötzlich eingetretene Stille lastet schwer im Raum. Die Mutter der Patientin ist nicht etwa eine abgedriftete Esoterikerin, sondern die Pflegedienstleiterin eines großen Klinikums, mitten im Leben stehend. Der aus dem Maya-Kalender erschlossene Apokalypsetermin beschäftigt aber nicht nur die Patienten des Psychotherapeuten. Im Internet fanden sich zu diesem Thema Tausende von Seiten und Foren mit Millionen von Nutzern, und der auf Katastrophenszenarien spezialisierte Filmemacher Roland Emmerich machte "2012" zum Titel seines jüngsten Untergangspektakels.

Apokalypseängste – soziologisch und psychologisch gesehen

Die Auslegung des Maya-Kalenders wird sich, ebenso wie unzählige frühere Prophezeiungen unseres unmittelbar bevorstehenden Untergangs, als hinfällig erweisen. Auf neuerliche Ankündigungen der Apokalypse werden wir indes nicht lange warten müssen. Wenn eine Vorhersage mit Sicherheit zutreffen wird, dann diese: Auch künftig werden wir durch die Medien mit immer neuen Untergangsszenarien überschwemmt werden. Der Soziologe Frank Furedi spricht in diesem Zusammenhang von einer "Kultur der Angst".[1] Er schreibt, es habe "noch nie eine so massive Anhäufung von Angstkampagnen wie in den letzten 25 Jahren (gegeben). Ständig scheint irgendwo das Überleben des Planeten auf dem Spiel zu stehen." Angstmache sei zu einer kulturellen Ressource geworden, "aus der sich verschiedene Leute und Interessengruppen nähren, um daraus Anerkennung für ihre Botschaften oder Argumente zu ziehen. Deshalb wird ein Akt der Panikmache auch so häufig durch ein widerstreitendes Schreckensszenario konterkariert."[2]

Apokalypseängste haben aber, wie wir in der Folge noch sehen werden, seit Jahrtausenden die Menschen beherrscht, wenn wohl auch nicht in einer solchen Anzahl unterschiedlicher Inhalte wie heute. Für Furedi sind die inszenierten und künstlich hoch gepuschten Zukunftsängste ein Instrument der politischen Meinungsmache und Steuerung, wo sich unterschiedliche Interessengruppen im Kampf um das Geld und das Meinungsmonopol gegenseitig mit immer dramatischeren Szenarien zu überbieten suchen. Auf der Strecke blieben dabei der "Glaube an die Menschen und an die Zukunft".[3] Für manche Soziologen ist Angst ein gesellschaftlich induziertes Phänomen: "Angst geschieht nicht einfach. Sie ist sozial konstruiert und wird dann von denen manipuliert, die sich davon Vorteile versprechen."[4]

Aus psychologischer Sicht ist dem entgegen zu halten, dass Angst zur Grundausstattung der menschlichen Existenz gehört, unsere Flucht- und Überlebensimpulse steuert, wobei wir uns an dieser Stelle aus Platzgründen nicht weiter mit der Unterscheidung zwischen der ursprünglichen Furcht und der unspezifischeren Angst befassen können.[5] Das Bewusstsein von der eigenen Sterblichkeit und die Unfassbarkeit unseres unvermeidlichen Todes führt zur Todesangst als Kern aller menschlichen Ängste. Der eigene Tod oder auch der eines geliebten Menschen bei gleichzeitiger Weiterexistenz der Menschheit, des Lebens an sich, sind so schwer vorstellbar, dass sie an Fantasien von wie auch dem Wunsch nach einem allgemeinen Untergang und dem Verschwinden der menschlichen Spezies überhaupt gekoppelt werden. Der eigene Tod ist die unvermeidliche persönliche Apokalypse, bedarf des Trostes und der Erklärung. Das Bewusstsein der Begrenztheit des eigenen Daseins zwischen Geburt und Sterben, die Fragen nach Warum und Wohin, was war zuvor und was wird danach sein, sind die Quellen aller Religionen.

Die Angst vor dem Weltuntergang ist Bestandteil von Mythen und Religionen in fast jeder Kultur, besonders aber unserer westlichen, deren Wertvorstellungen und Moral ganz entscheidend von christlich-alttestamentarischen Darstellungen geprägt sind. Prägend für die christliche Sicht der Apokalypse ist allerdings die Hoffnung auf das Danach.[6] Gewünscht wird letztendlich nicht der Weltuntergang, sondern die Reinigung, die Wiederauferstehung, in der das eigene Überleben in einer nun besseren Welt erhofft wird. Die biblische Apokalypse verkündet also immer auch Hoffnung, nicht nur das Ende, sondern auch einen Neuanfang. "Hungern nach der Apokalypse heißt eigentlich Verlangen nach der Zeit nach der Apokalypse."[7] Diese positive Perspektive jedoch ist in der Unzahl moderner Apokalypsefantasien verloren gegangen, hat sich reduziert auf die bloße Zerstörung, was diese so verhängnisvoll macht.

Untergangsängste im Wandel der Zeit

Gerhard Henschel beschreibt in seinem Buch "Menetekel: 3000 Jahre Untergang des Abendlandes", dass in historischer Zeit bisher jede Generation davon überzeugt gewesen sei, die Apokalypse stehe unmittelbar bevor.[8] In der Verbreitung beziehungsweise Gewichtung dieser globalen Angstfantasie gibt es dennoch erkennbare historische Schwankungen. So war das 20. Jahrhundert geprägt durch kriegerische Auseinandersetzungen von beinahe apokalyptischen Ausmaßen, Deutschland und Europa erlebten die weitgehende Zerstörung durch den Nationalsozialismus unter Adolf Hitler, der sich selber als einen Vollstrecker der Apokalypse sah. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren schließlich durch den Ost-West-Konflikt und ein massives atomares Aufrüsten bestimmt. Das Atomwaffenpotenzial der beiden Supermächte hätte ausgereicht, die Weltbevölkerung mehrfach auszulöschen, und es sah so aus, als bedürfe es nur eines kleinen Auslösers, um diese Apokalypse einzuleiten. Die Nachkriegsgeneration wuchs in dem Bewusstsein auf, dass die "Zeiger der Menschheitsuhr auf fünf vor zwölf" standen, stets das Damoklesschwert des Atomkrieges über ihr schwebte. Rückblickend kann man heute konstatieren, dass die Ängste vor der Apokalypse in dieser Zeit in der nuklearen Bedrohung gebunden waren, da die atomare Vernichtung nur eine Frage der Zeit zu sein schien.

Um 1989 trat eine von niemandem erwartete Wende ein, als sich der Ost-West-Konflikt buchstäblich in Wohlgefallen auflöste, es zur Abrüstung kam und die Bedrohung der atomaren Vernichtung fast über Nacht verschwand, zumindest verglichen mit den vorausgegangenen Jahrzehnten. Freudenfeiern beschränkten sich dennoch weitgehend auf jene über den Fall der Berliner Mauer. Wir sehen eher Gefahren und Negatives als das Positive, und wer nun gar glaubte, damit würden auch apokalyptische Ängste verschwinden, sah sich rasch getäuscht. Der Wegfall der atomaren Bedrohung schuf vielmehr eine Art kollektiven psychischen Ungleichgewichts, wie man es vom Neurotiker kennt, der es sich nicht gut gehen lassen darf und nur darauf wartet, dass auf seine Momente des Glücks die Strafe auf dem Fuße folgen muss. Die zuvor in der nuklearen Bedrohung gebundenen Vernichtungsängste wurden frei flottierend und suchten sich neue Objekte.

Waren es in der Nachkriegszeit die Kommunisten und aus der Sicht des Ostens die Kapitalisten und Imperialisten gewesen, die uns angeblich zu vernichten drohten und daher prophylaktisch vernichtet werden sollten, war nun das Feindbild abhanden gekommen.

Wir wissen nicht mehr, wer uns bedroht, aber dass wir bedroht sind, eben weil wir vergänglich sind, das wissen wir, und daher müssen sich die Angst und die Wut über diese Realität neue Objekte suchen. So bekommen wir seit etwa 20 Jahren alljährlich neue apokalyptische Bedrohungen präsentiert, meist, wenn auch nicht immer, sehr vorübergehender Natur. Da sind zunächst einmal die neuen Seuchen, Ängste stimulierend, von denen sich kaum jemand frei machen kann. Noch in den Zeiten des Kalten Krieges machte AIDS den Auftakt in der Reihe der als apokalyptisch apostrophierten Krankheiten; es folgten BSE, Vogelgrippe, Schweinegrippe und zuletzt EHEC. Katastrophenszenarien folgten, die mögliche Auswirkungen der Gentechnik, von Umweltzerstörung und Klimawandel, von Computerabstürzen, insbesondere im Übergang zum neuen Jahrtausend, thematisierten. Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 trat der global agierende Terrorismus als Bedrohung hinzu.

Positive Nachrichten stoßen im Gegensatz zu Katastrophen selten auf Interesse. Wir sind so programmiert, dass negative Informationen im Alarmareal unseres Gehirns aufgenommen und verarbeitet werden. Sie haben einen höheren Aufmerksamkeitswert als positive Meldungen, da sie archaische Fluchtimpulse steuern. Dies nutzte schon die Bibel, die jüdisch-christliche Religion, wie auch der Apostel Paulus. Als er in Athen über Sündenvermeidung und ein frommes Leben predigte, wurde er ausgelacht. Er kam auf die Idee, nicht positiv über Liebe und Hoffnung zu reden, sondern negativ über Strafe und Vergeltung, und verkündete: "Das Ende ist nahe!". Jetzt hörten ihm die Menschen zu, er füllte den Circus Maximus und das Amphitheater in Ephesos.[9]

Schuldgefühle, Bestrafungswünsche, Zerstörungsfantasien

Man könnte dies als harmlose Versuche zur Bindung von Ängsten und zur Erzeugung einer erregenden Angstlust wie in Emmerichs Katastrophenfilmen abtun. Doch aus psychoanalytischer Sicht verbirgt sich hinter der Angst meist auch ein abgewehrter Wunsch. In seinem destruktiven Kern ist der Apokalyptiker keineswegs nur von seinen Ängsten vor dem Untergang geplagt, sondern sucht diese auch in den Wunsch nach und die Bereitschaft zur Zerstörung zu transformieren. Man kann sagen, je besser es einer Gesellschaft geht, desto stärker werden deren apokalyptische Ängste. Zum einen gibt es dann mehr zu verlieren, zum anderen wächst das Schuldgefühl angesichts des eigenen guten Lebens – wie umgekehrt auch der Neid derer, die sich als zu kurz gekommen erleben. Deutschland etwa blickt auf eine in historischer Zeit nie gekannte Friedensepoche von 65 Jahren zurück; erstmals in unserer Geschichte ist es fern der realistischen Vorstellung, gegen welchen unserer Nachbarn wir in naher Zukunft Krieg führen könnten. Und trotz einer zweifellos sehr ungleichen Wohlstandsverteilung leidet niemand Hunger. Dennoch ist der Zukunftspessimismus bei uns viel verbreiteter als etwa im Irak oder in Afghanistan, wo Krieg, Terror und Not herrschen, aber die Menschen optimistischer in die Zukunft sehen als bei uns, vielleicht, weil es nach so viel "Strafe" und Zerstörung nur noch besser werden kann.

Gerhard Hentschel führt die Apokalypseängste beziehungsweise Bestrafungswünsche auf das ungehemmte Ausleben sexuell-triebhafter Impulse zurück.[10] Je – scheinbar – sexuell verwahrloster eine Gesellschaft ist, desto stärker wird der Drang nach der Apokalypse. Das lässt sich heute übertragen auf Gesellschaften, die in Frieden und Wohlstand leben, was Schuldgefühle und Zerstörungsängste weckt. Schon im Alten Testament sind apokalyptische Ereignisse stets Strafen für "Sünde", für gutes Leben und Völlerei: Die Sintflut, die Vernichtung der reichen Städte Sodom und Gomorrha, die Bestrafung für menschliche Höhenflüge im Turmbau zu Babel und dessen Zerstörung durch den zornigen Gott sind die bekanntesten Beispiele.

Alle Zerstörungsfantasie ist danach die antizipierte Strafe für Triebhaftigkeit und deren Transformation in "Genusssucht", Besitz und materiellen Konsum, auf der anderen Seite auch der Wunsch nach der Bestrafung all derer, die es sich gut gehen lassen. Heute ist es besonders der Konsum, der unsere Schuldgefühle und Bestrafungswünsche weckt. So schrieb der Philosoph Ortega y Gasset schon 1930: "Die Welt, die den neuen Menschen von Geburt an umgibt, zwingt ihn zu keinem Verzicht in irgendeiner Beziehung; sie stellt ihm kein Verbot, keine Hemmung entgegen; im Gegenteil, sie reizt seine Gelüste, die prinzipiell ins Unangemessene wachsen könne. (…) Das wahrhaft schöpferische Leben verlange eine streng hygienische Lebensweise und eine hohe Zucht, und es wäre ein Fehler, wenn Europa in der brütenden Erniedrigung der letzten Jahre verharre, die Nerven schlaff aus Mangel an Disziplin."[11]

Und der Historiker Eugen Weber konstatierte: "Wir leben in einem größeren Wohlstand als der Mensch je zuvor. Aber unser moralisches Unbehagen gibt dem Wohlstand dessen ungeachtet einen apokalyptischen Anschein. Also fallen wir zurück in unseren alten, bekannten Krampf. Wir klammern uns fest an unsere alten Heilsgeschichten, unsere Apokalypsen. Aber dieses mal suchen wir unsere Chaosprophezeiungen nicht nur in religiösen Schriften, sondern auch in der Wissenschaft. Und verdammt noch mal, unsere Wissenschaftler erzählen uns aber auch allzu gern von dem, was sie in den vergangenen Jahrzehnten über Klimakatastrophen, Meteoriteneinschläge, Gammablitze und die Gefahren der Technik gelernt haben."[12]

Ängste und Schuldgefühle jedoch sind dem Menschen ein sehr schlechter Ratgeber. Sie führen nicht nur zu Neurosen und anderen psychischen Erkrankungen, sondern können auch in zerstörerischen Impulsen enden. Bekannt ist der "Verbrecher aus Schuldgefühl". Letztlich kann es zu der wahnhaften Vorstellung kommen, man müsse die Welt reinigen von Schmutz und Sünde. "Der Gedanke von der Notwendigkeit der ‚Säuberung‘ ergibt sich mit Konsequenz aus dem apokalyptischen Weltbild, das nur Licht oder Finsternis, Reinheit oder Schmutz kennt. Solange es noch Widersacher gibt, ist das Erlösungswerk gefährdet. In der nationalsozialistischen Apokalypse hatte die Vorstellung von der ‚Reinheit‘ des Bluts und der Notwendigkeit, die Welt vom Judentum zu ‚reinigen‘ analogen Stellenwert (der Vergleich bezieht sich auf den Kommunismus, W.-D. R.). Wenn sich die innerweltliche Apokalypse politisch verwirklichen will, mündet sie zwangsläufig in Mord."[13] Und auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe der Überdruss an "Sattheit" und Wohlergehen zur beinahe apokalyptischen Zerstörungsorgie des Ersten Weltkrieges beigetragen, wie Hentschel analysiert.[14]

Sich-selbst-erfüllende Prophezeiung

Der Apokalyptiker ist also keineswegs nur das bedauernswerte Opfer seiner eigenen Ängste, er trägt den Keim zur Zerstörung in sich, ihn drängt danach, sich und den anderen seine Untergangstheorie zu beweisen, im Extremfall aufgrund seiner neurotischen Schuldgefühle oder seiner Lebensunfähigkeit anderen nach ihrem Leben zu trachten. Hinlänglich bekannt ist das schon oben erwähnte Beispiel Adolf Hitlers, der danach strebte, sein Volk, das sich "seiner unwürdig" erwiesen habe, mit in den eigenen Untergang zu ziehen. Aus den vergangenen 30 Jahren sind zehn Massenselbstmorde von Weltuntergangssekten bekannt, die skrupellos ihre eigenen Kinder töteten, um nicht die Fiktion der bevorstehenden Apokalypse aufgeben zu müssen, die Spektakulärsten 1978 die Volkstempler in Guyana mit 923 Toten und 1993 die Davidianer in Texas mit 81 Toten.

Die Angst vor der Apokalypse droht im Extremfall gerade diese herbeizuführen, zur "Sich-selbst-erfüllenden Prophezeiung" zu werden.[15] Der Psychotherapeut Paul Watzlawick hat diesen Mechanismus folgendermaßen beschrieben: "Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung. Voraussetzung ist nur, dass man sich selbst etwas prophezeit oder prophezeien lässt, und dass man es für eine unabhängig von einem selbst bestehende oder unmittelbar bevorstehende Tatsache hält. Auf diese Weise kommt man genau dort an, wo man nicht ankommen wollte."[16]

Apokalyptiker als Amoktäter

Der überzeugte Apokalyptiker ist ein Mensch, der die Generativität nicht akzeptieren kann und die unvermeidbare Realität des eigenen Todes als so unvorstellbar und vernichtend erlebt, dass er möglichst viele, am besten alle anderen mit sich sterben sehen möchte, weil er sich nicht vorstellen und akzeptieren kann, dass nach dem eigenen Tod das Leben an sich weitergeht, den Weiterlebenden zumindest kein Glück gönnen möchte. Der Apokalyptiker ist damit das Spiegelbild einer anderen, in jüngerer Zeit häufig diskutierten Persönlichkeit, nämlich der des Amokläufers.

Nicht wenige Amokläufer kündigten ihre Tat unter der Parole: "Apokalypse today" an. Es geht hier um einen erweiterten Suizid. Das Scheitern am eigenen Leben und der beim Amoklauf immer antizipierte eigene Tod sollen so zelebriert werden, dass zugleich so viele Menschen wie möglich ihr Leben lassen müssen. Der Apokalyptiker möchte im Sterben nicht alleine sein. Nach dem Motto: wenn ich, manchmal auch: wenn mein Kind, meine Liebe sterben muss, sollen das alle anderen auch, und zwar baldmöglichst, sofort. Der Autor Günter Steffens etwa wünschte sich angesichts des Sterbens der geliebten Partnerin die "tellurische Katastrophe". Mit ihrem Tod schien ihm "die Zeit gekommen für’s Ende aller Zeiten, weil die Zeit für ihr Ende gekommen schien. Jedes Leben sollte erlöschen mit dem ihren. Man braucht kein gescheiterter Tyrann zu sein, um – dennoch triumphierend in einem Sieg über allen Siegen – die ganze Welt mitreißen zu wollen in den Untergang der eigenen".[17] Seine Zerstörungswünsche kaschiert der Apokalyptiker oft unter dem Deckmantel von Moralismus oder der scheinbaren Besorgnis um das Allgemeinwohl.

Der für seine hervorragenden Psychogramme – beispielsweise der "alexithyme"[18] Mörder in "Der Fremde" – bekannte Autor und Literaturnobelpreisträger Albert Camus hat in seinem Klassiker "Die Pest" bereits 1947 einen Apokalyptiker und seine Transformation zum Amoktäter beeindruckend charakterisiert.

Zunächst begegnet dem Berichterstatter aus Camus’ Roman die Figur des Cottard als ein depressiver Rentner, der gerade versucht hat, sich aufzuhängen, ein zurückgezogener, offenbar misanthropischer Einzelgänger und Sonderling. Die ausgebrochene Pest beginnt ihn zu interessieren:

"Die Leute reden von einer Seuche. Stimmt das, Herr Doktor?"

"Die Leute reden immer. Das ist so ihre Art", antwortete Rieux.

"Da haben Sie recht. Und wenn wir ein Dutzend Tote haben, wird das als das Weltende betrachtet. Nein, das ist nicht, was wir brauchen." (…)

"Was brauchen wir denn?", fragt der Arzt und lächelte zurück.

Da umklammerte Cottard auf einmal den Wagenschlag, und er schrie mit tränenerstickter, wuterfüllter Stimm: "Ein Erdbeben. Ein richtiges!"[19]

Mit dem Fortschreiten der Pestepidemie blüht er auf, wird freundlich und sucht Kontakte. Alle sitzen in einem Boot. Er glaubt, da er bereits mit seiner psychischen Krankheit hinreichend belastet ist, könne ihn die Pest nicht ereilen, da man Krankheiten nicht anhäufen könne. "Alles in allem bekommt die Pest ihm gut. Aus einem Menschen, der wider willen einsam war, macht sie einen Spießgesellen. Denn er ist offensichtlich ein Spießgeselle, und zwar ein Spießgeselle, der sich ergötzt."[20] Mit dem Abklingen der Pestepidemie holen Niedergeschlagenheit und schlechte Laune Cottard wieder ein. Er kehrt zurück in seine Einsamkeit, seine Isolation, bricht seine sozialen Kontakte ab. Als die Quarantäne aufgehoben wird und die befreiten Menschen auf den Straßen feiern, verschanzt er sich in seinem Zimmer und schießt aus dem Fenster auf alles, was sich bewegt, wird, als die von ihm erhoffte Apokalypse nicht eingetreten ist, zum Amoktäter. Er besaß, so beendet Camus Cottards Charakterisierung, "ein unwissendes, das heißt einsames Herz".[21]

Wie lassen sich aber Zerstörungsängste und -wünsche des Apokalyptikers binden? Traditionell erfolgte dies durch Projektion: Es gibt einen äußeren Feind, der uns bedroht und vernichtet werden muss, mit dessen angestrebter Vernichtung in der Fantasie die Bedrohung aufhören soll. Oder wir hatten die Religion, die die Apokalypseängste auf der einen Seite ebenfalls schürt wie im Alten Testament und in der Apokalypse des Johannes, zugleich aber die Hoffnung aufrechterhält auf ein besseres Leben wenigstens im Jenseits oder auf eine Wiedergeburt, dem menschlichen Leiden und dem Tod einen Sinn verleihen und Trost zu spenden sucht. Seit nachweislich 3000 Jahren hatte bisher jede Generation die Vorstellung, sie werde die letzte auf Erden sein, oder zumindest ihre Kinder die Apokalypse erleben, eine Mischung aus Schuldgefühl und Grandiositätsfantasien, die letzte menschliche Generation zu sein, damit zum Vollstrecker der Geschichte zu werden.

Die Apokalypse ist heute nicht näher oder ferner als jemals zuvor. Die Apokalypse ist sicher weiter weggerückt als zu den Zeiten der atomaren Bedrohung, andererseits niemals ganz auszuschließen, etwa durch einen irgendwann einmal eintretenden verheerenden Meteoriteneinschlag. Was sich jedoch in den letzten Jahrzehnten erkennbar verändert hat, ist unsere Fähigkeit zum Umgang mit der Angst vor der Apokalypse. Wir haben keinen "Feind" mehr, den wir für unsere Bedrohung verantwortlich machen können, und, zumindest in unserer Kultur, keine Religion, die der Apokalypse einen Sinn verleiht oder uns davor retten könnte, wenn auch erst im Jenseits. Dies schafft eine Art von Leere, die Ängste wachsen und frei flottieren lässt, und nach einer neuen Sinnstiftung, einem Religionsersatz suchen lässt, wofür sich heute nach Meinung einiger Kritiker am ehesten der dramatisch stilisierte Klimawandel anbietet.

Wie beim "Cottard" von Camus verbirgt sich hinter der Sehnsucht nach der Apokalypse oft eine tiefsitzende Misanthropie, eine Menschenverachtung, wie Michael Schneider schon 1984 analysierte, weil manche "Leute geradezu süchtig nach Katastrophen aller Art sind, in denen sie eine Bestätigung ihres moribunden Lebensgefühls erblicken", weil sie der Überzeugung sind, "dass wir ein Ende machen müssen mit uns und unseresgleichen",[22] den Menschen nur für eine Fehlentwicklung der Natur halten, der baldmöglichst von diesem Globus verschwinden soll.

Es geht in der Gesellschaft wie in der Psychotherapie heute darum, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu stärken, aber nicht als Egozentrismus verstanden. Denn es bedarf auch des Erlebens von Solidarität und Gemeinschaft – familiär wie gesellschaftlich – um in die Generativität vertrauen zu können und Vereinsamung und Vereinzelung mit ihren pessimistischen bis misanthropen Folgen entgegenwirken zu können.

Resümee

Man kann also resümierend dem heiter-ironisch geschriebenen Buch "Exit Mundi" von Maarten Keulemans folgen: Irgendwann einmal wird der Weltuntergang, das Ende der Menschheit kommen – genauso unvermeidlich wie unser individueller Tod. Nur: wann das sein wird und auf welche Art und Weise – dies wird niemand vorhersagen können. Wer dies behauptet, unterliegt entweder menschlichen Grandiositätsfantasien – oder er sucht in einem destruktiven Omnipotenzstreben dieses Ende herbeizuführen, so wie der Selbstmörder seinen eigenen Tod herbeiführt, auch, weil er die Ungewissheit über sein weiteres Leben und vor allem sein Ende nicht ertragen kann. Aber so, wie auch der 21. Dezember 2012 verstreichen wird, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass das Datum dieses Untergangs in naher Zukunft liegt. Und daher sollten Psychotherapie und Psychoanalyse, die sich selbst sehr gerne als "kritische Mahner" sehen, auch das "Prinzip Hoffnung" pflegen (Ernst Bloch), frei nach dem Motto: "Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen".
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Fußnoten

1.
Vgl. Frank Furedi, The Politics of Fear. Beyond Left and Right, London 2005.
2.
Frank Furedi, Panikmacherwettbewerb. Atomenergie trifft auf Klimawandel, 15.6.2011, http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/000868« (15.11.2012).
3.
Ebd.
4.
David Altheide, zit. nach: Frank Furedi, Das Einzige, vor dem wir uns fürchten sollten, ist die Kultur der Angst selbst, Juli/August 2007, http://www.novo-magazin.de/89/novo8942.htm« (15.11.2012).
5.
Vgl. Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie, München 2011.
6.
Siehe dazu auch den Beitrag von Michael Tilly in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Maarten Keulemans, Exit Mundi. Die besten Weltuntergänge, München 2010, S. 276.
8.
Vgl. Gerhard Hentschel, Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes, Frankfurt/M. 2010.
9.
Vgl. Gerhard Schwarz, Das Ende ist nahe!, in: Psychologie heute, (2010) 7, S. 84–85.
10.
Vgl. G. Hentschel (Anm. 8), S. 294 ff.
11.
Josè Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, Reinbek 1956, S. 40, S. 138.
12.
Eugen Weber, zit. nach: M. Keulemans (Anm. 7), S. 277f.
13.
Klaus Vondung, Die Apokalypse am Ende des zweiten Jahrtausends, in: Universitas, 54 (1999) 642, S. 1132.
14.
Vgl. G. Hentschel (Anm. 8), S. 294 ff.
15.
Vgl. beispielsweise Eugen Mahler. Christliche Botschaft und Apokalypse – Ein psychohistorischer Prozeß ohne Zukunft?, in: Peter Passett/Emilio Modena (Hrsg.), Krieg und Frieden aus psychoanalytischer Sicht, Basel–Frankfurt/M. 1983, S. 259–289.
16.
Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, München–Zürich 1983, S. 61.
17.
Günter Steffens, Die Annäherung an das Glück, München 1976, S. 80.
18.
Alexithymie ist die Unfähigkeit zu fühlen.
19.
Albert Camus, Die Pest, Reinbek 1950, S. 37f.
20.
Ebd., S. 115f.
21.
Ebd., S. 178.
22.
Michael Schneider, Apokalypse, Politik als Psychose und die Lebemänner des Untergangs, in: ders., Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, Köln 1984, S. 58f.
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