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Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Kinan Jaeger
Rolf Tophoven

Der Syrien-Konflikt: Internationale Akteure, Interessen, Konfliktlinien

Neues Feld für Islamisten und al-Qaida-Aktivisten

Der Beginn des "Arabischen Frühlings" traf Aktivisten von al-Qaida sowie militante Dschihadisten weitgehend unvorbereitet. Im Falle Syriens hingegen werden jetzt "Versäumnisse" nachgeholt, sodass US-Behörden von einer "Wiederauferstehung" al-Qaidas im Nahen Osten sprechen. US-Geheimdienstkoordinator James Clapper warnte bereits im Februar 2012 vor einer Unterwanderung der syrischen Rebellen durch al-Qaida.[10] Ziel scheint nun, durch dschihadistische Ideologie und Kampfführung eine neue Operationsbasis in Syrien aufzubauen, das Assad-Regime zu stürzen, einen Schutzraum für den sunnitischen Islam zu entwickeln und neue Rekruten für sich zu gewinnen.

Als "Galionsfigur" steht der Chef-Ideologe und benannte Nachfolger bin Ladens, Ayman al-Zawahiri, im Vordergrund. Er rief bereits Anfang 2012 Muslime in aller Welt in einem emotionalen Propaganda-Video zur Teilnahme am Kampf des syrischen Volkes gegen den Diktator Assad auf. Dem folgten weitere Videoclips, so am 13. September 2012, in dem Zawahiri sich besonders an die Muslime im Irak wandte und die Umwandlung Syriens in einen islamischen Staat nach der Befreiung vom Assad-Regime forderte. Zudem bezeichnete er Syrien als Sprungbrett und Brücke zur Eroberung Jerusalems.[11] Es ist davon auszugehen, dass die Aufrufe Zawahiris unter Radikalen auf gewisse Resonanz gestoßen sind. Seit Mitte 2012 scheint Syrien "zum Magneten für selbst ernannte Gotteskrieger geworden zu sein – ein neuer Hotspot auf der Weltkarte des Terrorismus".[12] Dschihadistische Webseiten präsentieren regelmäßig die Namen der in Syrien gestorbenen Kämpfer oder Selbstmordattentäter. Diese "Märtyrer" kommen nicht nur aus Syrien, sondern auch aus Libyen, Ägypten, Jordanien und dem Irak sowie Europa; darunter sollen sich auch Deutsche befinden.[13]

Unter den syrischen Aufständischen sind somit tatsächlich zahlreiche ausländische Dschihadisten präsent. Der Regierung Assads gibt dies die Chance, die Opposition unter anderem als "Terroristen" zu bezeichnen, die vom Ausland gesteuert seien und die es zu bekämpfen gelte.[14] Was viele zunächst als billige Propaganda der syrischen Regierung bewerteten, scheint sich in manchen Punkten in zynischer Weise zu bestätigen. Die genaue Zahl der in Syrien eingesickerten "ausländischen Religionskämpfer" ist allerdings umstritten.[15] Manche Fachleute befürchten, Syrien würde mittlerweile geradezu "überflutet" von islamistischen Kämpfern mit Kontakten zu al-Qaida.[16] Die meisten gelangten über die Türkei und den Grenzübergang Bab al-Hawa ins Land, an dem syrische Rebellen die Kontrolle ausüben. Al-Qaida sei somit dabei, "einen irakisch-syrischen Ableger" aufzubauen.[17]

Andere Experten halten dagegen. Al-Qaidas direkte Involvierung in den Syrien-Konflikt würde von den Medien weit übertrieben. Die Gefahr einer Unterwanderung der syrischen Opposition durch islamistische Kommandos sei zwar höher als in Libyen, Ägypten oder Tunesien. Der Anteil von al-Qaida-Kadern sowie anderer Dschihadisten aus dem Ausland sei im Falle Syriens jedoch vergleichsweise gering. Für die bewaffnete Opposition in Syrien nennen sie Zahlen von etwa 50.000 Mann, darunter vermutete tausend ausländische Kämpfer.[18]

Auch wenn genaue Zahlen spekulativ sind, fest steht, dass der Modus Operandi von al-Qaida-Aktivisten auf dem syrischen Schlachtfeld höchst effektiv ist. Ein ganzes Bündel islamistischer Kampfverbände, so die Vermutung, formiere sich zu einem gemeinsamen Netzwerk – darunter Teile der al-Qaida aus dem Irak, syrische Aufständische wie die Abdullah Azzam Brigaden und Fatah al-Islam sowie salafistische Dschihadisten aus dem angrenzenden Jordanien. Diese Widerstandszirkel operieren weniger durch das Einschleusen größerer Kontingente an Kämpfern, als vielmehr durch logistische Unterstützung des Aufstands. Sie geben Einsatzhilfen, schicken "Ausbilder" und Personen mit Erfahrungen im Bau von Sprengbomben, die sich unter anderem für Selbstmordattentate eignen. US-Geheimdienstkreise bestätigten Anfang 2012 diese Vorgehensweise in Form geheim operierender Zellen. Diese seien in organisierte Netzwerke eingebunden – die Kommunikation und Kooperation auf der Kommandoebene sei von weit höherer Effektivität als früher im Irak und Afghanistan.[19]

Eine Gruppe religiöser Radikaler sticht in Syrien heraus – Dschabhat al-Nusra. Diese Dschihadistengruppierung gilt als erheblich gefährlicher als die ausländischen Kämpfer der al-Qaida. Al-Nusra ist in Syrien selbst beheimatet und kann sich daher auf weit größere Akzeptanz und Unterstützung aus breiten Kreisen der Bevölkerung verlassen als andere. Der vollständige Name bedeutet soviel wie "Unterstützungsfront für das syrische Volk". Erstmals trat die Formation im Januar 2012 militärisch in Erscheinung. Seither zieht die Gruppe fast täglich Berichte über eine Beteiligung an Attentaten nach sich. Ihr Kampf gegen das säkulare Assad-Regime ist gekennzeichnet von Suizidaktionen und Bombenanschlägen. Taktisch und operativ sind eindeutige Parallelen zu al-Qaida zu erkennen. Dies gilt auch für die ideologische Ebene, denn auch Dschabhat al-Nusra propagiert die Errichtung eines Kalifats.

Ob eine Beziehung tatsächlich besteht und in welchem Maße, muss hinterfragt werden.[20] Bisher hat sich keine der beiden Organisationen in ihren Erklärungen jeweils auf die andere bezogen oder diese erwähnt. Auffällig ist zudem, dass al-Nusra – im Vergleich zu al-Qaida – versucht, bei inszenierten Anschlägen die Anzahl ziviler Opfer in Grenzen zu halten. Auf diesem Sektor scheint die syrische Gruppierung offensichtlich aus den "Fehlern" al-Qaidas im Irakkrieg gelernt zu haben. Auch Videos mit Geiseln oder brutalen Enthauptungsszenen, wie sie phasenweise unter dem Logo al-Qaidas im Irak die Weltöffentlichkeit schockten, werden vermieden. Dies bringt der Gruppe Kredit bei Teilen der syrischen Bevölkerung ein und wird von anderen Widerstandskommandos "honoriert". Auch die "Professionalität" der al-Nusra-Kader auf dem Gefechtsfeld ist zu beachten. Spätestens mit dem "erfolgreichen" Attentat Mitte 2012, bei dem ein großer Teil des inneren syrischen Regierungszirkels den Tod fand, machen Spekulationen die Runde, wonach Teile der Organisation auch den Regierungsapparat von Assad unterwandert haben könnten. Ihre Verfolgung dürfte syrischen Geheimdienstkreisen aufgrund der dezentralen Operationsweise und intransingenten Strukturen erhebliches Kopfzerbrechen bereiten.[21]

Zukunftsszenarien

Je stärker sich extremistische, vom Dschihad motivierte Zellen und Kader in Syrien fortpflanzen und das Einsickern ausländischer Kämpfer anwächst, umso leichter wird es für al-Qaida und verwandte Gruppen sein, über ihre Ableger im Irak und auf der arabischen Halbinsel logistisches Know-how und finanzielle Hilfe nach Syrien zu transferieren.[22] Der Ausgang dieser Entwicklung ist noch offen, allerdings besteht die Gefahr, dass die eigentlichen Anliegen des syrischen Aufstands, der als Volkserhebung gegen das diktatorische Assad-Regime begann, am Ende nur noch eine Nebenrolle spielen und das Land nach einem Sturz des Diktators in noch größere Zerrissenheit zerfällt.

Ein weiteres Schreckensszenario könnte der ungeklärte Verbleib der syrischen C-Waffen werden. Al-Qaida-Aktivisten, religiöse Fundamentalisten und radikale Organisationen wie die Hisbollah werden ihre Möglichkeiten sorgfältig ausloten, dieser Systeme habhaft zu werden. Im Falle Libyens soll es Dschihadisten gelungen sein, größere Bestände von Gaddafis Boden-Luft-Raketen in den Gazastreifen zu transferieren und der radikalen Hamas zugänglich zu machen.[23] In Syrien ist ähnliches – nur in weitaus größeren Dimensionen – zu befürchten, sollte der UN-Sicherheitsrat sich weiter unentschlossen zeigen. Eine Proliferation vorhandener chemischer Waffen könnte zu militärischen Kettenreaktionen führen und die gesamte Region in Mitleidenschaft ziehen. Es bleibt zu hoffen, dass eine mögliche zukünftige "Rebellenregierung" in Syrien bereit ist, die gefährlichen Waffensysteme kontrolliert zu übergeben – vielleicht im Gegenzug für ihre endgültige Anerkennung. Die UN wäre gut beraten, bereits jetzt Pläne hierfür auszuarbeiten. Vielleicht könnte dies der Startschuss sein für vertrauensbildende Maßnahmen im Nahen Osten, dem zu wünschen ist, eines Tages eine massenvernichtungswaffenfreie Zone zu werden.

Fußnoten

10.
Vgl. Reymer Klüver, Unheilige Allianzen, in: Süddeutsche Zeitung vom 15.10.2012, S. 8.
11.
Vgl. ICT-IDC Herzliya, ICT’s Jihad Websites Monitoring Group, 28.11.2012, http://www.ict.org.il/ResearchPublications/JihadiWebsitesMonitoring/JWMGInsights/tabid/320/Articlsid/1132/currentpage/1/Default.aspx« (17.1.2013).
12.
Yassin Musharbash/Andrea Böhm, Filialen des Schreckens, in: Die Zeit, Nr. 45 vom 31.10.2012, online: http://www.zeit.de/2012/45/Al-Kaida« (17.1.2013).
13.
Vgl. Bilal Saab, Al Qaeda enters the fray in Syria, in: Jane’s Islamic Affairs Analyst, Oktober 2012, S. 12ff.
14.
Vgl. Assad: Oppositionelle sind Killer, 6.1.2013, http://www.dw.de/assad-oppositionelle-sind-killer/a-16501194« (17.1.2013).
15.
Die syrische Tageszeitung "al-Watan" (27.11.2012, S. 4) nennt eine Liste von 142 Namen islamistischer "terroristischer" Kämpfer aus 18 Ländern, inklusiv ihres Todestages und des Ortes, wo sie starben. Die meisten seien al-Qaida-Aktivisten.
16.
So Bilal Saab vom Monterey Institute of International Studies, zit. nach: R. Klüver (Anm. 10).
17.
Ebd.
18.
Vgl. Elizabeth O’Bagy, Jihad in Syria, Middle East Security Report 6/2012, S. 38, online: http://www.understandingwar.org/report/jihad-syria« (17.1.2013).
19.
Vgl. ebd., S. 29.
20.
Aufgrund nur einiger Gemeinsamkeiten, aber wohl doch fundamentaler Unterschiede zwischen al-Qaida und al-Nusra, kommt der Islamwissenschafter Aaron Zelin vom Washingtoner Institute for Near East Policy zu dem Schluss: "Es gibt keine bekannte Beziehung. Nur weil sie dieselben Taktiken benutzen, muss es nicht auch eine Verbindung geben." Zit. nach: R. Klüver (Anm. 10).
21.
Vgl. Khaled Yacoub Oweis, Al Qaeda grows powerful in Syria as endgames nears, 20.12.2012, http://uk.reuters.com/article/2012/12/20/uk-syria-crisis-qaeda-idUKBRE8BJ06Q20121220« (17.1.2013).
22.
Vgl. die Aussagen von Bilal Saab in R. Klüver (Anm. 10).
23.
Vgl. u.a. Libysche Waffen in Gaza, 30.8.2011, http://www.theisraelproject.org/site/apps/nlnet/content2.aspx?c=hsJPK0PIJpH&b=3757539&ct=11202239« (30.1.2013).
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