Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Katharina Lange

Syrien: Ein historischer Überblick

Mandatszeit

Die Jahre des französischen Mandats waren mit allen Widersprüchlichkeiten in vieler Hinsicht prägend für die Herausbildung des späteren syrischen Nationalstaats. Viele der Transformationsprozesse, die in der späten Osmanenzeit begonnen hatten, wurden in der Mandatszeit fortgesetzt beziehungsweise konsolidiert. Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Raymond Hinnebusch erbte das unabhängige Syrien mit dem Ende des Mandats eine patrimoniale politische Kultur, eine fragmentierte Gesellschaft und eine abhängige Ökonomie.[5] Im historischen Rückblick hat die kollektive Erfahrung der französischen "Kolonialisierung" (so wurde die Mandatsherrschaft empfunden) identitätsstiftende und legitimatorische Wirkung entfaltet und wurde in unterschiedlichen Facetten zu einem zentralen Topos syrisch-nationalistischer Diskurse.

Frankreich war seit dem 19. Jahrhundert wirtschaftlich eng mit dem Gebiet verflochten. Noch aus der Osmanenzeit stammende Privilegien französischer Unternehmen wurden nun teilweise verlängert, andere neu vergeben. Die Investitionen konzentrierten sich vor allem auf das Bankwesen, Handel, Infrastruktur und die Ausbeutung natürlicher Rohstoffe; in die Modernisierung von Industrie und Landwirtschaft wurde hingegen kaum investiert.[6] In dem Bemühen, die traditionellen Eliten an sich zu binden, konsolidierte die Mandatsverwaltung die Macht der Notabeln, indem sie die Privatisierung und Katastrierung von Landbesitz weiter vorantrieb. Nach wie vor überließen die meist in der Stadt ansässigen Großgrundbesitzer die Bewirtschaftung lokalen Pächtern und Lohnarbeitern. Mehr als zwei Drittel der Bauernschaft waren landlose Pächter, während die Hälfte des Grundbesitzes in den Händen von dreitausend Familien konzentriert war.[7]
Arabische Welt um 1922Arabische Welt um 1922 (© Kämmer-Kartographie, Berlin 2013)

Die administrative Betonung ethnisch-konfessioneller Partikularismen gemäß einer Politik des divide et impera war ein weiteres Kennzeichen der Mandatsjahre; so wurden Angehörige der alawitischen, drusischen und anderer Minderheiten überproportional zu den einheimischen Militäreinheiten rekrutiert. 1920 unterteilte die französische Verwaltung das syrische Territorium (der Libanon wurde von Beginn an separat verwaltet) in die "Staaten" Damaskus, Aleppo und einen "Alawitenstaat" an der Mittelmeerküste mit der Hauptstadt Latakia. Hinzu kamen als separate Verwaltungsbezirke das Drusenbergland und der Bezirk Alexandretta (Iskenderun). 1924 wurden Damaskus, Aleppo und Alexandretta zum Staat Syrien verbunden, an den von 1936 bis 1939 auch der Alawitenstaat und das Drusenbergland angeschlossen wurden (sie kamen nach einer Phase stärkerer Autonomie 1942 wieder hinzu). Eine Besonderheit war der Bezirk Alexandretta, der 1937 autonomen Status bekam und den Frankreich entgegen syrischer Proteste 1939 endgültig an die Türkei abtrat (die heutige Provinz Hatay).

Die politische Landschaft der Mandatszeit war durch die Auseinandersetzung mit der europäischen Fremdherrschaft geprägt.[8] Seit den späten 1920er Jahren organisierte sich die nationalistische Elite im Nationalen Block (andere Parteien waren bereits vorher gegründet und wieder verboten worden). Ein syrischer Verfassungsentwurf von 1928 sah eine parlamentarische Republik mit Religionsfreiheit für alle Bürger (unter einem muslimischen Präsidenten) vor; aufgrund von sechs Artikeln, die unter anderem die untrennbare Einheit der "syrischen Territorien" (einschließlich Libanon, Transjordanien und Palästina) beschworen und souveräne Befugnisse für den Präsidenten vorsahen, wurde der Entwurf vom französischen Hochkommissariat jedoch abgelehnt. Neben den Notabeln, deren Dominanz sich auch nach der Einführung politischer Parteien und Wahlen fortsetzte, traten als politische Akteure nun auch Angehörige einer wachsenden städtischen Mittelschicht sowie städtische und ländliche Unterschichten in Erscheinung, die mit Generalstreiks, Wahlboykotten, Demonstrationen, Petitionen, Flugblättern und Ähnlichem gegen soziale Bedingungen (Verlust von Arbeitsplätzen oder Boden, steigende Preise und Hunger, Verschuldung) und gegen die französische Herrschaft protestierten. Ab 1919 kam es zu einer Reihe bewaffneter Aufstände, darunter von 1925 bis 1927 der sogenannte Große Syrische Aufstand, die mit großer militärischer Härte niedergeschlagen wurden.[9]

Nach der Kapitulation Frankreichs 1940 stand Syrien zunächst unter Verwaltung der Vichy-Regierung; im Sommer 1941 erfolgte der Einmarsch britischer Truppen und Einheiten des Freien Frankreichs. Trotz alliierter Unabhängigkeitsversprechen blieb die Mandatsverwaltung weiter bestehen; alliierte Truppen standen für die Dauer des Krieges im Land. Im Mai 1945 kam es zu erneuten erbitterten Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Damaskus durch französische Flugzeuge bombardiert wurde. Nach britischem Druck, dem sich die USA und die UN (Syrien gehörte zu den Gründungsmitgliedern) anschlossen, verließen am 15. April 1946 die letzten französischen Truppen Damaskus. Zwei Tage später wurde die unabhängige Syrische Republik ausgerufen.

Fußnoten

5.
Vgl. Raymond Hinnebusch, Syria: Revolution from above, Milton Park–New York 2001, S. 18.
6.
Vgl. Volker Perthes, Staat und Gesellschaft in Syrien (1970–1989), Hamburg 1990, S. 45.
7.
Vgl. R. Hinnebusch (Anm. 5), S. 21.
8.
Vgl. Philip S. Khoury, Syria and the French Mandate: The Politics of Arab Nationalism, 1920–1945, Princeton 1987.
9.
Vgl. Michael Provence, The Great Syrian Revolt and the Rise of Arab Nationalism, Austin 2005; Birgit Schäbler, Aufstände im Drusenbergland, Gotha 1996.
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Autor: Katharina Lange für bpb.de
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